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Full text of "Die Familie Mendelssohn, 1729-1847 : nach Briefen und Tagebüchern"

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I. Band ii 







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Women's Committee 




Die Familie Mendelssohn, 



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Die 



Familie Mendelssohn, 



1729-1847. 



Nach Briefen und Tagebüchern. 



Von 

S. HENSEL. 



Mit 8 Portraits, gezeichnet von Wilhelm Hensel. 



I. 

Dreizehnte Auflage 

vermehrt um ein Geleitwort von Paul Hensel und ein Portrait S. Hensels. 




BEHLIN. 

B. Behr's Verlag* 

Steglitzer Strasse 4. 

1906. 






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Geleitwort zur zelinten Auflage. 



Diese neue Auflage der Familie Mendelssohn darf nicht ohne 
einleitende Worte in die Welt gehn. Der Verfasser des Buches 
weilt nicht mehr unter den Lebenden, und mir, seinem ältesten Sohne, 
fällt es zu, dieselbe Pflicht zu erfüllen, die der Dahingeschiedene 
seinen Voreltern gegenüber in treuer Pietät übernommen hat. Das 
dieser Auflage beigegebene Bild meines Vaters zeigt ihn, wie er 
gegen Ende seines Lebens war, und wird, wie ich hoffe, Vielen eine 
willkommene Zugabe sein. 

Die „Familie Mendelssohn" bricht bei dem Tode meiner Gross- 
mutter ab, und dies Ereignis bildete auch in dem Leben meines 
Vaters einen wichtigen und folgenschweren Einschnitt. Wohl hatte 
er in den Geschwistern seiner Mutter, Paul Mendelssohn-Bartholdy 
und Rebecka Lejeune-Dirichlet, treue und zuverlässige Berater, die 
dem Sohn ihrer früh entrissenen Schwester liebevoll zur Seite standen, 
aber sein Elternhaus hatte mit dem Tode der Mutter die Bedeutung 
eines Heims für ihn verloren. Sein Vater, Wilhelm Hensel, durch 
den Tod der geliebten Frau innerlich gebrochen, durch tiefgehende 
Verschiedenheit, namentlich in seinen politischen Ansichten, die sich 
von dem jugendlichen Radicalismus des Sohnes weit entfernten, von 



II 

ihm getrennt, vermocbte bei aller innigen Zuneigung nicht den Einfluss 
auf den Sohn zu gewinnen, den die Mutter so segensreich ausgeübt hatte. 
Der selbsterwählte Beruf meines Vaters, die Landwirtschaft, 
führte ihn bald aus den geistig angeregten Kreisen Berlins, in denen 
sein Leben sich bewegt hatte, hinaus, und es folgten lange Jahre 
voll harter Arbeit und ruhiger der eigenen Ausbildung gewidmeten 
Stunden, in denen weniger das augenblickliche Leben als die Er- 
innerung an die Vergangenheit seine Gedanken beschäftigten. Als 
er dann einen eigenen Hausstand gegründet, fern von der früheren 
Heimat in dem damals noch in provinzieller Abgeschiedenheit ver- 
harrenden Ostpreussen, war es ihm ein Bedürfnis, dass seine Kinder 
an diesen Erinnerungen teil haben sollten, und so entstand das vor- 
liegende Buch. Erst lange Zeit später, als er wieder nach Berlin 
zurückgekehrt war, entschloss er sich, das Buch der Oeffentlichkeit 
zu übergeben, und der Wunsch, den Felix Mendelssohn-Bar tholdy 
seiner geliebten Schwester Fanny aussprach: »es möge ihr die Drucker- 
schwärze nie schwarz und nie drückend sein", hat sich an meinem 
Vater in vollstem Masse erfüllt. Er hat viel Freude an diesem 
Buch gehabt, sich viele bekannte und unbekannte Freunde dadurch 
erworben, und es ist mir ein Bedürfnis, an dieser Steile den 
Freunden zu sagen, wie wertvoll der Gedanke, ihnen durch sein 
Buch nahe getreten zu sein, für meinen Vater bis in die letzten Tage 
seines Lebens gewesen ist. 

In das stille Westend, in dem Sebastian Hensel die letzten 
Jahre seines Lebens bis zu seinem Tode am 13. Januar 1898 ver- 
brachte, kamen immer auf's Neue Zeichen dafür, dass sein Buch für 
viele ein wertvolles geistiges Besitztum geworden sei, dass die Saat, 
die er einst, nur seiner Kinder gedenkend, ausgestreut hatte, auch 
für Fremde zum Segen geworden war. 



III 

Die „Familie Mendelssohn^ hat, wie schon ihr Titel andeutet, in 
der deutschen Memoirenlitteratur eine ganz eigentümliche Stellung. 
Nicht ein einzelner Mensch steht im Mittelpunkt, sondern es ist die 
geistige Entwickelung einer Reihe von Menschen, die uns hier vor- 
geführt wird, und hei aller individuellen Verschiedenheit sind es 
eben die gemeinsamen Züge, zu denen mit Vorliebe das Auge des 
Beschauers immer wieder zurückkehrt; denn es ist eine köstliche 
Familiengeschichte, die sich hier offenbart. Wir sind heute nur 
allzu leicht geneigt, bei dem Gedanken der Vererbung die trostlosen 
und düstern Seiten hervortreten zu lassen und nicht daran zu 
denken, dass in den Kindern in der geistigen Atmosphäre des Eltern- 
hauses auch die guten und tüchtigen Eigenschaften der Eltern sich 
immer wieder aufs Neue hervorbringen. Diese Wahrheit sollte vor 
allen die Familie Mendelssohn eindringlich predigen, und diese 
Predigt hat willige Ohren gefunden. 

Noch ein Anderes ist zu berücksichtigen: Es sind zum Teil 
Töne wie aus einer vergessenen Welt, die aus diesem Buch zu uns 
hinüberklingen; fast alle Interessen, die unser modernes Leben be- 
wegen, sind den Menschen, von denen dieses Buch handelt, fremd 
geblieben ihr Leben hindurch. Es sind unmoderne Menschen von 
Grund aus, mit denen wir hier in Berührung kommen, und der dies 
Buch schrieb, konnte es nur deshalb schreibeu, weil er selber ein 
unmoderner Mensch war, weil sein Herz den Idealen seiner Jugend 
treu blieb, so klar auch sein scharfer Verstand ihm das Einseitige 
dieser Ideale zeigte. Aber er war des festen Glaubens, dass nichts 
von dem, was einmal ein menschliches Herz zu grossen und reinen 
Gefühlen bewegt hatte, jemals veralten könne; dass das allgemein 
Menschliche, so wenig es auch in den Interessenkämpfen unserer 
Zeit vernehmbar wird, doch immer wieder die letzten Zielpunkte der 



VI 

menschlichen Lebensrichtung abgeben muss. Er lebte des Glaubens, 
dass eine Zeit kommen werde, die mehr Verständnis für eine 
Lebensführung in diesem Sinne haben werde, als es der unsrigen 
möglich ist. Und er fühlte sich wie einer jener Wettläufer, von 
denen uns Plato erzählt, welche die Fackel des Lebens weiter geben 
an den sie Ablösenden. Er dachte dabei zunächst an seine Kinder, 
er freute sich, dass seine Hoffnung übertroffen wurde, möge sein 
Werk noch lange in diesem Sinne Frucht tragen. 

Westend, im September 1900. 

Paul HenseL 



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Vorrede zur zweiten Auflage. 



Die Emleitung, mit welclier das Bucli bei seinem ersten 
Erscheinen begann, lautete folgendermassen: 

„Ursprünglich wurde die Arbeit, welche ich jetzt der 
Oeffentlichkeit übergebe, zu ganz anderem Zweck und nach 
ganz anderen Gesichtspunkten hin unternommen: Eine Bio- 
graphie nicht bloss der Familie, sondern für die Familie sollte 
es sein; ich wünschte, dass meine Kinder etwas mehr von 
ihren Vorfahren erführen, als, namentlich in bürgerlichen 
Kreisen, üblich ist. 

Einzelne Freunde sahen diese, vor etwa 15 Jaliren ent- 
standene „Familien - Biographie" und der Wunsch derselben 
bewog mich zur Herausgabe. Soviel als möglich habe ich die 
ursprüngliche Form bewahrt, und in diesem Sinne, als Chro- 
nik einer guten deutschen Bürgerfamiiie, möchte ich das Buch 
betrachtet und gelesen wissen. 

Allerdings musste eine tief eingreifende Umarbeitung vor- 
genommen werden. Nicht dass irgend etwas zu verheimlichen 
gewesen wäre: was ich fortgelassen habe, war entweder für 
das grössere Publikum nicht interessant genug, oder so Intimes 
und Heiliges (wie z. B. die Brautbriefe meiner Mutter, von 



VI 

denen an der betreffenden SteUe die Rede sein wird), dass ich 
es nicht veröffentlichen woUte und durfte. Dagegen habe ich 
in den Tausenden von Briefen, die mir vorlagen, nicht die 
kleinste Stelle gefunden, von der man hätte sagen müssen, sie 
könne Anstoss erregen. Vor allen Felix Mendelssohn: wo Zu- 
stimmung, lobendes Urtheü ihm nicht möglich war, da schwieg 
er lieber als dass er getadelt hätte ; aber wie gern, wie rück- 
haltlos lobend bewunderte er, wie freute er sich, wenn unter 
den Mitlebenden und Jüngeren sich ein Talent, eine ihm sym- 
pathische Natur zeigte. 

Von der ursprünglichen Form ist etwas übrig geblieben, 
wofür ich vielleicht Nachsicht in Anspruch nehmen muss: die 
Benennungen „Vater" und „Mutter", „Grossvater" und „Gross- 
mntter", die ich mich nicht entschliessen konnte, mit den 
Namen der mir so nahe Verwandten zu vertauschen; es wäre 
mir unnatürlich vorgekommen, z. B. meine Mutter im Laufe 
der Erzählung „Fanny" zu benennen. Dagegen habe ich in 
den Briefüberschriften diese Eigennamen stets gebraucht. 

Da von den Briefen Felix Mendelssohns vieles schon ver- 
öffentlicht ist, so ist es natürlich, dass dessen Eltern und Ge- 
schwister mit ihren Briefen mehi' in den Vordergrund treten. 
Indessen blieb mir selbst aus den Felix'schen Briefen, nament- 
lich aus der Zeit vor 1830, noch eine reiche Nachlese übrig, 
und gewiss wird für das Verständniss seiner Entwickelung die 
Kenntniss des Bodens und der Umgebungen, in denen er lebte, 
von Wichtigkeit erscheinen. 

Als Quellen standen mir hauptsächlich ein sehr reiches 
Briefmaterial und die Tagebücher meiner Mutter zu Gebote; 
für die letzten Jahrzehnte auch viele mündliche Ueberlieferungen 
und Selbsterlebtes. Es war stellenweise unvermeidlich, bereits 



Vli 

Gedi'ucktes noch einmal aufzunehmen, der Zusammenhang litt 
eine strenge Ausscheidung solchen Materials, namentlich in 
Bezug auf die FeUx'schen Briefe , nicht. Eine reiche Samm- 
lung von Familienbriefen an Felix, welche eine Fülle schöner 
und interessanter Mittheilungen enthält und zur Ahrundung 
des Bildes mir sehr erwünscht gewesen wäre, war mir leider 
nicht gestattet zu verwerthen ; es ist so eine beklagenswerthe 
Lücke entstanden. 

Die beigegebenen Portraits sind sämmtlich nach Zeich- 
nungen meines Vaters auf phototypischem Wege vortrefflich 
vervielfältigt.*) Von den anderen Familienmitgliedern besitze 
ich keine, oder wenigstens nicht vollkommen ähnliche Zeich- 
nungen von der Hand meines Vaters. 

Meine Mittheilungen schliessen mit dem Jahre 1847 ab, 
in welchem Felix und seine älteste Schwester Fanny, meine 
Mutter, aus dem Leben schieden. Sie waren die für das 
grössere Publikum interessantesten des ganzen Kreises, sie waren 
aber auch der zusammenhaltende Mittelpunkt der Familie, die 
sich seitdem weit zerstreut hat." — 



Schneller als es liegend einer der Betheiligten erwarten 
konnte, ist eine neue Auflage nöthig geworden. Es stand bei 
mir von Anfang an fest, dass dieselbe eine in manchen Punkten 
veränderte sein müsste. Die wenigen Ausstellungen, welche di(- 
Kritik gemacht hat, hatte ich mir schon selbst, schon während 
des Druckes gemacht. 

Die Indemnität, die ich mir für die Familienbezeichnungeii 
meiner Eltern und Grosseltern erbeten hatte, ist mir nicht zu 



*) Durch das Berliner phototypische Institut von R. Prager. 



VIII 

Theil geworden, — und mit Recht. Es ist ein eigenes Ding 
am das gedruckte Wort : sobald ich die Briefe, welche ich bis 
dahin nui' in den wohlbekannten Handschriften gelesen hatte, 
in Drucktypen vor mir sah, stand ich denselben viel objektiver, 
gewissermassen selbst als Publikum gegenüber und empfand 
sofort die UnStatthaftigkeit, den Leser beständig an meinen 
Verwandtschaftsgrad mit den Personen des Buchs zu erinnern. 

Und noch ein zweites: ich glaubte zwar schon ziemlich 
streng in der Kritik des Aufzunehmenden und Wegzulassenden 
gewesen zu sein; indess auch hierin merkte ich bald, dass noch 
mehr geschehn müsse, dass manches intime Geplauder zwar Reiz 
für den Nächststehenden, aber nicht für die Leserwelt haben 
könne, und dass namentlich in den beiden schnell aufeinanderfol- 
genden italienischen Reisen des Guten etwas zu viel gethan sei. 

So waren denn die beiden Hauptarbeiten zur zweiten Auf- 
lage: strengste Aussonderung alles dessen, was füglich ent- 
behrt werden konnte, ohne charakteristische Züge zu opfern 
und alles dessen, was sich auf meine Stellung zu den handeln- 
den Personen bezog. 

Auch die schon veröffentlichten und von mir wieder aufzu- 
nehmenden Briefe von Felix wurden einer noch strengeren 
Sichtung unterworfen. Dagegen war ich in der Lage, ausser 
kleineren Vermehrungen, eine Reihe schöner Briefe von Abraham 
und Lea Mendelssohn neu hinzufügen zu können. 

Endlich empfand man es von vielen Seiten als einen Man- 
gel, dass das Buch mit dem Jahre 1847 kurz abschloss. Es 
wurde mir der Wunsch ausgesprochen, wenigstens andeutend 
die weiteren Schicksale der anderen Hauptpersonen zu erwäh- 
nen. Diese Aufgabe war nicht leicht, ich habe versucht, ihr 
am Schluss zu genügen. 



IX 

Allen denen, die sich freundlichst um die Abstellung der 
in der ersten Aiiflag-e vorhanden gewesenen Mängel bemülit 
haben, vor Allen Herrn Walter Robert - Tornow , der die nie 
müde werdende Sorgfalt, welche er schon von Anfang an dem Buche 
gewidmet hat, auch jetzt bewährt und mii- mit Rath und That 
beigestanden hat, sage ich meinen allerherzlichsten Dank. 

Die gute Aufnahme, welche ich dem Buch bei seinem ersten 
Erscheinen gewünscht hatte, ist demselben im reichsten Masse 
geworden. Möge es sich auch in seiner veränderten, wie ich 
hoffe, wesentlich verbesserten Gestalt neue Freunde erwerben. 

Berlin, den 24. Mai 1880. 

S. Hensei. 



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I. TJHBIL. 

1729—1835. 



Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt, 
Der froh von ihren Thaten, ihrer Grösse 
Den Hörer unterhält, und still sich freuend 
An's Ende dieser schönen Reihe sich 
Geschlossen sieht. 

CGöthe, „Iphigenie".) 



Inlialt. 



Seit« 

Moses Meudelssohu 1 

Joseph und Nathan Mendelssohn 36 

Die Töchter Moses Mendelssohns 42 

Abraham Mendelssohn-Bartholdy 72 

Wilhelm Hensel 111 

Die Schweizer Reise 124 

Leipzigerstrasse No. 3 135 

Felix in England 1829 200 

1830—1834 272 

Gustav Peter Lejeune Dirichlet 349 

Das Jahr 1835 358 



Moses Mendelssohn. 



Wenn wir einen Blick in die Jugendgescliichte grosser 
Männer thun, so wird es uns in der Eegel nicht schwer, die 
günstigen Momente, denen sie ihr Gedeihen verdankten, heraus- 
zufinden. Bald kennen wir ihre Eltern selbst als bedeutende 
Naturen, bald sind es einzelne Lehrer, die den Funken, der 
in der Kindesseele schlief, anfachten ; fast immer aber wurzeln 
sie wenigstens in dem fruchtbaren Boden einer gebildeten und 
mit reichen Bildungsmitteln ausgestatteten Gesellschaft. Nicht 
so Moses Mendelssohn; schwer erklärbar aus den Vorbedin- 
gungen, in denen er aufgewachsen, erfüllte er eine gewaltige 
Aufgabe unter den denkbar ungünstigsten Umständen. 

In der Mitte des vorigen Jahrhunderts befanden sich die 
Juden in Deutschland in der gedrücktesten Lage: durften sie 
auch nicht mehr in majorem dei gloriam gemartert und ge- 
plündert werden, so wurden sie dagegen „von Staats- und 
Rechtswegen " allen nui* erdenklichen Beschränkungen unter- 
worfen; fast jeder Lebensberuf war ihnen abgeschnitten; in 
vielen Städten dui-ften Juden garnicht, in andern nur in gewisser 
Anzahl wobjien; die Judenviertel sind noch heut nicht überall 
überwundene Standpunkte ! — Hier war ihnen das Wohnen in 
Eckhäusern verboten, dort wurde ihnen nur eine bestimmte 
Anzahl Heirathen erlaubt, überall aber belastete man sie ausser 
den allgemeinen Staatssteuern noch mit den verschiedenartigsten 
Abgaben, theilweise ausgesucht beleidigender Art. So z. B. 

Die FamiKe Mendelssohn. I. 1 



2 Moses Mendelssohn. 

wurde unter Friedrich Wilhelm I. die Berliner Judenschaft 
genöthigt, die auf den grossen Hofjagden erlegten Wildschweine 
zu kaufen*), und unter Friedrich dem Grossen musste jeder 
Jude bei seiner Verheirathung für eine bestimmte Summe Por- 
zellan aus der neugegründeten K. Porzellanmanufaktur in Berlin 
entnehmen, und zwar nicht nach eigener Wahl, sondern nach 
dem Belieben der Manufaktur, die sich auf diese Weise natür- 
lich ihre Ladenhüter vom Halse schaffte. So bekam Moses 
Mendelssohn, der damals schon allgemein bekannte und ge- 
achtete Mann, 20 lebensgrosse, massiv porzellanene Affen, von 
denen sich noch einige in der Familie erhalten haben. 

Als fast einzigen Nahrungszweig besassen die Juden den 
Kleinhandel, und auch diesen nur mit Ausnahmen. So durften 
sie nicht mit Materialwaaren handeln, weil dies ein zünftiges 
Gewerbe war; es blieb der Handel mit alten Kleidern, mit 
Schnittwaaren und mit Geld, d. h. der sogenannte Wucher. 

Unter so ungünstigen Verhältnissen blieb die jüdische 
Nation ungebrochen, keine Verfolgung vermochte ihre Anhäng- 
lichkeit an die Religion und die Sitten ihrer Väter zu erschüttern; 
auf der einen Seite stand alles, was den Menschen locken kann: 
Aufnahme in die Gesellschaft, Theilnahme am Staat, Einfluss, — 
auf der andern nur die Aussicht, ein geplagtes und verachtetes 
Dasein auch ferner zu führen, und die Kinder bis ans Ende 
der Welt führen zu sehn; aber jenes musste erkauft werden 
mit einer Verleugnung der innersten üeberzeugung, — und 
das Judenthum blieb durch Jahi^tausende standhaft. Die Zahl 
derjenigen, die unüberz engt zum Chiistenthum übergegangen 
sind, ist eine unendlich geringe. — 

Ungebrochen blieb die Nation; aber es wäre unnatürlich 
gewesen, wenn nicht die lange Zurückdrängung aller edleren 
Eigenschaften, die künstliche Beschränkung auf den niedrigsten 
und in jeder Beziehung schmutzigsten Theil des Handels, die 
Absperrung von dem grossen Strom der Civilisation Früchte 
hätte tragen sollen, gute und böse. Einzelne edle Eigenschaften 
blühten um so reicher durch die gezwungene Beschränkung 



*) Streckfuss; Berlin seit 500 Jahren. 



AUgememe Lage des Judenthums. 3 

des Stammes auf sich selbst: Familienliebe, die unbe- 
dingteste Ehrfurcht der Kinder gegen die Eltern, Stammes- 
anhänglichkeit, rege Betriebsamkeit auf den wenigen ihnen 
offen gelassenen Feldern menschlicher Thätigkeit, grossartige 
Wohlthätigkeit und strenge Religiosität. Das waren die Licht- 
seiten des jüdischen Characters, wie er sich im Lauf der Jahr- 
hunderte entwickelt hatte. Aber ihnen standen tiefe Schatten 
gegenüber: die Nation verknöcherte, sie verlor jeden weiteren 
Blick, aller Fortschiitt stockte ; sie hatte ihre besondere Sprache, 
ein krasses Gemisch von Hebräisch und Deutsch, ihre besondere 
Art, Haar, Bart und Kleidung zu tragen ; das einzige Studium, 
ausser der Medicin, war das ihTcr religiösen Bücher, Und wie 
es immer geschieht, wenn sich die Religion der Verbindung 
mit dem übrigen geistigen Leben entzieht, so auch hier: sie 
wurde starr, jede Frische entwich ihren Formen, die dogma- 
tischen Spitzfindigkeiten "ond Haarspaltereien wurden immer 
mehr ausgesponnen, und wer hierin Meister war, galt für 
fromm. Ihre Schriftsprache war das Hebräische. Dieses liegt 
aber in seinen Wurzeln und seinem ganzen Charakter der 
modernen Entwickelung ferner als irgend eine andere alte 
Litteratursprache , und so war das einzige Studium der da- 
maligen Juden auch noch dazu angethan, sie der modernen 
Bildung immer mehr zu entfremden. Dazu kam die Persön- 
lichkeit der Lehrer: es waren fast durchgängig polnische 
Juden, weil man sie für schriftgelehrter als die deutschen 
hielt. Natürlich standen diese den deutschen Christen noch 
femer als ihre deutschen Glaubensgenossen, und erweiterten 
die schon bestehende Kluft immer mehr. Eine Priesterkaste 
neigt immer zur Intoleranz, wenn sie sich auch aus dem 
edelsten, gebildetsten Theil einer Nation rekrutirt, wieviel mehr 
hier, wo sie aus Mitgliedern eines fremden, unwissenden und 
kulturlosen Volks bestand. Verfolgung der Aufgeklärteren, 
Verbot jeder Spur von Bildung, beharrliches Zurückhalten auf 
»dem einmal eingenommenen Standpunkt war die Lebensaufgabe, 
die sich diese polnischen Rabbiner gestellt hatten. Sie ahnten, 
dass bei allgemeiner Bildmig es um ilire Herrschaft geschehen 
sein würde, und so stempelten sie jede Abweichimg von der 

1* 



4 Moses Mendelssohn. 

gewohnten Sitte oder Unsitte zum Sacrilegium: richtig Deutsch 
sprechen, Lesen eines deutschen Buches war Ketzerei. 

So lagen die Verhältnisse, als Moses Mendelssohn am 
6. September 1729 geboren wurde. Sein Vater Mendel Dessau 
war bei der jüdischen Gemeinde in Dessau als Schreiber und 
Lehrer an der Primärschule angestellt, d. h. er war ein armer, 
in untergeordneter Stellung lebender Jude in einer kleinen 
Stadt eines mitteldeutschen Kleinstaats. Es ging sehr küm- 
merlich im Hause zu ; aber der alte Mendel gehörte wenigstens, 
soweit es im damaligen Juden thum möglich war, zu den Ge- 
bildeten und hielt den Sohn mit eiserner Strenge zum Lernen 
an. Kaum fünf Jahr alt, war er dem Unterricht des Vaters 
schon entwachsen, und dieser übergab ihn einer Art höherer 
Lehranstalt. Hierhin trug er im harten Winter, Morgens schon 
vor Tagesanbruch, den kleinen Jungen, den vor der bitteren 
Kälte nur ein alter, abgeschabter Mantel schützte. Sein dor- 
tiger Lehrer, Eabbi Fränkel, war für damalige Begriffe ein 
gelehrter, vorurtheilsfreier Jude; der Kleine hing mit ab- 
göttischer Liebe an ihm, er war sein eifrigster Schüler. Bald 
aber erhielt Fränkel einen Ruf als Ober-Rabbiner nach Berlin 
— und der kritische Wendepunkt im Leben Moses' trat ein. 
Die Mittel des Vaters schienen ein weiteres Studiren nicht 
gestatten zu wollen, und Mendelssohn sollte Handelsjude 
werden, mit dem Pack auf dem Rücken die Dörfer durch- 
wandern und sich sein Brod verdienen. Indess zum Glück 
schreckten die fast unüberwindlichen Schwierigkeiten, die auf 
dem Wege zu den Wissenschaften lagen, die drohenden Jahre 
des Mangels, der Gedanke, in eine wildfremde, feindliche Um- 
gebung gestossen zu werden, den Knaben nicht ab, und mit 
14 Jahren wanderte der kleine, missgestaltete und schüchterne 
Mensch allein und mittellos nach Berlin, zum Rosenthaler Thor 
ein, dem einzigen, durch das damals fremde Juden einpassiren 
durften, um wieder in der Nähe seines geliebten Lehrers Rabbi 
Fränkel zu weilen; denn dieser, das fühlte er dunkel, konnte- 
ihm den Weg zu höherer Bildung zeigen. 

Jahre des bittersten Elends folgten ; seine Ai-muth war so 
gross, dass er an dem Brode, welches er sich wöchentlich als 



Jugend. Uebersiedelung nach Berlin. 5 

Nahrung: kaufte, mit Strichen die täglichen Rationen bezeiclinete; 
weiter durfte er nicht essen, sonst hatte er am Ende der Woche 
garnichts! — Er bewohnte ein Daclikämmerchen und hatte 
einige Freitische im Hause des Heimann Bamberger, an 
Sabbathen und Festtagen ass er bei Rabbi Fränkel, der ihm 
auch wöchentlich einige Groschen durch Abschreiben zu ver- 
dienen gab ; wenige Zeit blieb für eigene Arbeiten, den Meisten 
wäre noch weniger Lust geblieben. Das waren die materiellen 
Hindernisse; aber viel grössere, unübersteiglichere thürmten 
sich in anderer Art ihm entgegen: die Cliristen betrachteten 
damaliger Zeit die Juden ebensowenig als gleich hoch organisirte 
bildungsfähige Menschen, me dies noch heutigen Tages in 
Amerika mit den Negern geschieht. Ein Umgang von Juden 
mit Christen, ein geselliger Verkehr war etwas Unerhörtes. 
So blieben alle christlichen Bildungsquellen den Juden voll- 
ständig verschlossen, und selbst wenn die Chi^isten nicht den 
Juden deren Gebrauch unmöglich gemacht hätten, so würde 
dafür schon die Intoleranz der jüdischen Gemeindevorsteher 
und Rabbiner gesorgt haben. Jüdische Bildungsquellen aber 
gab es ausser dem Umgang mit den wenigen gebildeteren 
Glaubensgenossen, den auch Mendelssohn eifrig kultivirte, 
garnicht. Er musste also vollständig Autodidakt werden, ohne 
jede systematische Anleitung von Anderen; ja, er musste seine 
Studien vor den Juden sorgfältig verheimlichen, um nicht seine 
Ausweisung aus Berlin zu gewärtigen. Selbst noch lange 
nachher verketzerten sie den auf der Höhe seines Ruhmes 
stehenden, reifen Mann; Lessing schreibt in dieser Beziehung 
von ihm: „Ich sehe ihn im Voraus als die Ehi^e seiner Nation 
an, wenn ihn anders seine eigenen Glaubensgenossen zur Reife 
kommen lassen, die allezeit ein unglücklicher Verfolgungsgeist 
gegen Leute seines Gleichen getrieben hat." Mt einem Wort, 
er hatte Alles, was in der ganzen Welt an Bornirtheit, Sek- 
tirerei und Glaubenshass sowohl bei Christen als bei Juden 
lebte, gegen sich. 

Anfänglich lag Mendelssohn nichts am Herzen, als sich 
selbst Bildung zu erwerben; aber eine grosse, reformatorische 
Mission war ihm vorbehalten und sollte bald an ilin herantreten. 



6 Moses Mendelssohn. 

Aehnlicli wie der erste Moses fand er ein entartetes, ver- 
wahrlostes und geknechtetes Volk, freilich in einer anderen 
Zeit und unter wesentlich anderen Bedingungen. Sein klarer 
Blick sagte ihm, dass demzufolge auch andere Mittel ange- 
wendet werden müssten. Damals war die ganze Nation in 
dem kleinen Nildelta Egyptens koncentrirt gewesen, die Lebens- 
und Besitzverhältnisse waren einfachere, das Nomadenleben, 
das Umherziehen ganzer Völker gewöhnlich. So konnte Moses 
sein Volk fortführen aus Egypten nach Palästina und es durch 
eine neue Gesetzgebung verjüngen. Jetzt waren die Juden in 
der ganzen Welt zerstreut, innig verwachsen in ihrem Verkehr 
mit den fest angesiedelten Nationen ; es war nicht mehr thun- 
lich, eine Massenauswanderung zu organisiren, und es verdient 
gelesen zu werden, mit welcher Entschiedenheit Mendelssohn 
einen solchen ihm von einem „Mann von Stande" vorgelegten 
Plan zur Gründung eines jüdischen Eeiches in Palästina als 
unpraktisch zurückwies, obgleich es zu seinen Glaubensartikeln 
gehörte, dass die Juden nicht immer zerstreut leben, sondern 
„dereinst" vom Messias wieder zu einer freien Nation im Lande 
ihrer Väter gemacht werden würden. Er wusste eben, dass 
dieses „dereinst" noch nicht an der Zeit war. Ebenso fand 
Mendelssohn keinen Grund, an der Mosaischen Gesetzgebung 
zu rütteln, sie hatte sich bewährt, und er hielt sie noch für 
zeitgemäss genug, um beibehalten zu werden. Die Juden 
mussten also Juden bleiben und mussten im Lande bleiben; 
und doch fand Mendelssohn ein Palästina, in das er sie ein- 
führte: die gebildete Gesellschaft. Er stellte zuerst in sich 
das Musterbild eines gebildeten Juden auf ; er machte dies den 
Christen anziehend genug, um ihm alle Kreise zu eröffnen,* 
er befähigte dann die Juden zur Nachfolge, zum Eindringen 
in die gemachte Bresche; und wie Moses ging es auch diesem 
Reformator: er sah den Einzug seines Volkes in das Land, 
wohin er es führte, nicht vollendet ; noch heut dauert derselbe 
fort, immer mehr erringen sich die Juden eine geachtete Stelle 
in der Gesellschaft, den Künsten und Wissenschaften, und es 
ist nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, dass jeder deutsche 



Lernt Deutsch. Wird Hauslehrer. 7 

Jude, der sich irgendwo jetzt auszeichnet, dies mittelbar und 
oft unmittelbar Moses Mendelssohn verdankt. 

Um 1744 that er den ersten, wichtigen Schritt auf der 
Bahn der Bildung— er lernte Deutsch; dies war mit den grössten 
Gefahren verknüpft und musste ganz geheim geschehen. Ein 
Glaubensgenosse, den Mendelssohn unterrichtete, wurde ertappt, 
als er für ihn ein deutsches Buch holte, und sofort von dem 
jüdischen Gemeindevorsteher aus Berlin verwiesen. Keine Vor- 
stellung fruchtete, aber Mendelssohn verschaffte ihm später eine 
Stelle in Halberstadt. Verbindungen mit einigen gebildeten 
jüdischen Aerzten halfen Mendelssohn weiter; Dr. Kisch z. B. 
gab ihm etwa ein halbes Jahr lang täglich eine Viertelstunde 
lateinischen Unterricht; aber das Meiste verdankte er dem 
eigenen eisernen Willen und Fleiss. „Ich bin nie auf einer 
Universität gewesen," schreibt er einmal, „habe auch in meinem 
Leben kein Kollegium gehört; dieses war eine der grössten 
Schwierigkeiten, die ich übernommen hatte, indem ich alles 
durch Anstrengung und eigenen Fleiss erzwingen musste." — 

Dies Leben währte bis zum Jahre 1750, wo er als Haus- 
lehrer zum Seidenwaarenfabrikanten Bernhard kam — die 
schwerste Zeit der Prüfung war vorüber, er hatte jetzt 
wenigstens nicht mehr mit Nahrungssorgen zu kämpfen, stand 
unter dem Schutz eines reichen, in der Gemeinde angesehenen 
Berliner Juden und konnte ungestörter den Studien obliegen. 
Mit wahrem Heisshunger verschlang er Alles, beschäftigte er 
sich mit Allem, was ihm vorkam. Alte und neue Sprachen, 
Mathematik, namentlich aber alles, was mit Philosophie zu- 
sammenhing, bemeisterte er in wunderbar kurzer Zeit. Aus 
seiner sich ganz selbst überlassenen Art zu arbeiten ergaben 
sich aber auch grosse Lücken seiner Kenntnisse. Er beschäftigte 
sich immer allein mit dem, was ihm gerade zusagte, oder wozu 
ihm durch gelegentliche Bekanntschaften Anlass wurde. So 
beklagte er selbst später schmerzlich seine sehr unbedeutende 
Kenntniss der Geschichte. „Was weiss ich von Geschichte?" 
schreibt er 1765 an Abbt, „was nur den Namen von Geschichte 
hat, Naturgeschichte, Erdgeschichte, Staatsgeschichte, gelehrte 
Geschichte hat mir niemals in den Kopf kommen woUen, und 



8 Moses Mendelssohn. 

ich gähne allezeit, wenn icli etwas Historisches lesen muss, e«3 
müsste mich denn die Sclireibart aufmuntern: ich glaube, die 
Geschichte ist eine der Studien, die nicht ohne Unterricht er- 
lernt werden kann." Und an einer anderen Stelle: „Sagen Sie 
mir doch, liebster Freund! wie fange ich es an, wenn ich mir 
von der Geschichte der alten und neueren Zeiten nur 
einigen Begriff machen will? Ich habe bisher die Gescliichte 
mehr füi' die Wissenschaft des Bürgers f Citoyen J als des 
Menschen gehalten, und geglaubt, ein Mensch, der kein Vater- 
land hat, könne sich von der Geschichte keinen Nutzen ver- 
sprechen. Ich merke aber, dass die Geschichte der bürgerlichen 
Verfassung mit der Geschichte der Menschheit ineinander fliesst, 
und dass es unanständig ist, ia jener ganz unwissend zu sein. 
Aber wo fange ich an? Gehe ich zur Quelle, oder begnüge 
ich mich an den allgemeinen "Welthistorien, die seit einiger 
Zeit so sehr im Schwange sind? Und zu welcher rathen Sie 
mir? Vergessen Sie nicht, mir auf diesen Punkt zu antworten." 
— Freüich war die Kost, welche damals in den „allgemeinen 
Welthistorien" geboten wurde, nicht sehr schmackhaft für einen 
solchen Geist, und man kann ihm das „Gähnen" nicht verdenken. 
Aber der Hauptgrund, warum Mendelssohn seine Studien 
auf andere Gebiete richtete, war folgender: Die Geschichte 
war ihm „die Wissenschaft des Bürgers" und der Jude des 
18. Jahrhunderts war kein Bürger. Jede Seite der Geschichte 
hielt ihm die Unterdrückung seüier Nation vor, nirgends zeigte 
sich in jener Zeit ein Lichtblick, eine Anbahnung besserer 
Zustände. Nur auf dem Gebiete des Gedankens, im Eeich der 
Philosophie , im Idealismus war für ihn zu wirken. Hierhin 
zog ihn ausserdem der angeborene Scharfsinn der Juden, die 
Liebe zu den oft abstrusen talmudischen Spekulationen, in 
denen Mendelssohn in der Dessauer und ersten Berliner Zeit 
sich geübt hatte. Eme gefähi^liche Klippe war hier zu ver- 
meiden: dem schaalsten Kosmopolitismus konnte Mendelssohn 
verfallen; als Bürger fühlte er sich nicht, im Staat war keine 
Wirksamkeit für ihn, jüdische Anknüpfungspunkte dagegen 
waren in allen Staaten der Welt vorhanden; was wäre natür- 
licher gewesen, als ein Ueberspringen aller staatlichen und 



Bildungsgang. Litteraturbriefe. 9 

nationalen Scliranken, ein Aufgehn in einem luftigen, jeder realen 
Basis entbehrenden Weltbürgerthum: wie viele ideal angelegte 
Natui'en sind vor und nach ihm hieran zu Grunde gegangen! 
— Zwischen diesem Extrem und dem andern, gleich gefährlichen, 
eines gänzlichen Ignorirens aller höheren, idealen Zwecke, eines 
Verspinnens in die gewöhnlichste Alltäglichkeit, eines Herab- 
sinkens zum blossen Gemeinde-Indi\aduum hat sich Mendelssohn's 
taktvolle, harmonische Natur einen ebenso glücklichen, als 
grossartigen Standpunkt gewählt, einen Standpunkt, der weit 
über die Anschauungen seiner Zeit hinaus war, den deutschen. 
Unbeirrt durch das glänzende, aber hohle Phantom des Kos- 
mopolitismus , nicht bestochen durch die konkrete Kraft des 
jungen, damals das abgestorbene Deutschland in Stücke schlagen- 
den Preussen, ging er bis zur äussersten, mit praktischer Wirk- 
samkeit zu vereinbarenden Grenze vor, zum Deutschthum; er 
stellte sich als deutscher Jude öffentlich hin, somit als 
Vorbild dessen, was seine Glaubensgenossen zu erstreben hätten. 
Als Deutschen durch Arbeiten an der „Bibliothek der schönen 
Wissenschaften und der freien Künste" und namentlich an den 
„Litteraturbriefen", als Jude durch den berühmten „Lavater- 
streit". 

Die Litteraturbriefe wurden angeregt durch Nikolai; die 
Seele derselben aber waren Lessing und Mendelssohn ; sie gaben 
ihnen den klassischen, ausgeprägten Charakter der rücksichts- 
losen, nur die Sache im Auge behaltenden Kritik. Die damals 
grassirende Anbetung und Nachäfferei des Französischen wurde 
ohne Schonung angegriffen und die Grundsteine einer d eut sehen 
nationalen Litteratur gelegt. Die Litteraturbriefe waren die 
Vorboten der hamburgischen Dramaturgie, der Wii'ksamkeit 
Schiller's und Goethe's. Von der Unerschrockenheit , mit der 
Mendelssohn in den „Briefen" auftrat, giebt den besten Beweis 
die RecensJon der Paedes diverses Friedrich's des Grossen, in 
denen der kaum in Berlin geduldete Jude den grossen König 
tadelt, unter Aufstellung des Grundsatzes, wer als Autor auf- 
trete, müsse sich auch der Kritik unterwerfen. Er hält dem 
König die Verachtung der deutschen Sprache und den Gebrauch 
der französischen tadelnd vor. Diese Angelegenheit hätte 



10 Moses Mendelssohn. 

Mendelssolin beinahe empfindliche Unannehmlichkeiten bereitet, 
die aber an dem grossen Sinn Friedrich's scheiterten. Die 
„ Litter aturbriefe" machten verdientes Aufsehen und Mendelssohn 
war von da ab anerkannter Verfechter der deutsch-nationalen 
litterarischen Bestrebungen. 

Durch die Bekehi^ungswuth eines christlichen Geistlichen 
wurde ihm bald Gelegenheit, sich ebenso entschieden als Juden 
aller Welt zu zeigen. Es war Lavater, der auf einer Reise 
1763 Mendelssohn flüchtig hatte kennen lernen und der, wie 
Alle, vom Zauber seiner Persönlichkeit aufs Mächtigste berührt 
worden war. In seinem berühmten Werk der „Physiognomik'* 
giebt er folgende Schilderung von Mendelssohn: „Vermuthlich 
kennst Du diese Silhouette? Ich kann Dir's kaum verhehlen, 
sie ist mir gar zu Heb, gar zu sprechend! Kannst Du sagen 

— kannst Du einen Augenblick anstehen, ob Du sagen wolltest: 
„Vielleicht ein Dummkopf! Eine rohe geschmacklose Seele!" 
Der so was sagen könnte, ertragen könnte, dass ein Anderer 
es sagte, der schliesse mein Buch zu, werfe es von sich — 
nnd erlaube mir, meinen Gedanken zu verwehren, dass ich 
nicht über ihn urtheile! Ich weide mich an diesen Umrissen! 
Mein Blick wälzt sich von diesem herrlichen Bogen der Stilen 
auf den scharfen Ejiochen des Auges herab. — In dieser Tiefe 
des Auges sitzt eine sokratische Seele! Die Bestimmtheit der 
Nase, der herrUche Uebergang von der Nase zur Oberlippe — 
die Höhe beider Lippen, ohne dass eine über die andere hervor- 
ragt! wie alles dies zusammenstimmt, um die göttliche Wahr- 
heit der Physiognomik fühlbar und anschaulich zu machen." — 

Die „göttUche Wahrheit der Physiognomik" hinderte aber 
ihren begeisterten Propheten nicht, sich in Mendelssohn ganz 
gründlich zu täuschen. Er gab im Jahre 1769 eine Ueber- 
setzung von Bonnet's „Beweisen für das Clmstenthum" heraus, 
eignete sie Mendelssohn zu und forderte ihn öffentlich auf, das 
Buch zu widerlegen oder — zum Clmstenthum überzutreten. 

— Die Lage Mendelssohn's war eine sehr üble. Er hatte nicht 
Lessing's Athletennatur, dem ein solcher Kampf mit einem ein- 
gebildeten Pfaffen gerade recht gewesen wäre, um ihn neben 
Götze an den Pranger zu stellen, ihn vor den Augen der ganzen 



Lavaterstreit. 11 

Welt zu zermalmen. Mendelssohn hatte immer Streitigkeiten 
religiöser Art vermieden, und nun wurde ihm eine solche öffent- 
lich aufgedrungen, in der er nicht schweigen konnte und durfte 
und wenn er sprach, noth wendig das Christenthum angreifen 
musste. Welche unangenehmen, für seine Lage wirklich ge- 
fährlichen Streitigkeiten waren zu befürchten, wenn er offen 
sprach. Wie durfte er aber anders als offen sprechen, wenn 
er nicht seine heiligsten TJeberzeugungen verläugnen wollte? 

— Der Lavater'sche Schritt ist nur aus religiösem Dünkel er- 
klärlich: Lavater liebte Mendelssohn wirklich, er hatte die 
grösste Achtung vor ihm, dem bedeutenden Schriftsteller, dem 
vortrefflichen Menschen, glaubte aber steif und fest, ein solcher 
Mann müsse ganz gewiss schon heimlich und innerlich Christ, 
wenigstens den Heilswahrheiten der „allein selig machenden 
Eeligion" zugänglich sein und es fehle ihm nur eine passende 
Gelegenheit, dies auszusprechen. Nach dem Euhme, solche 
Gelegenheit zur öffentlichen Erklärung ihm gegeben zu haben, 
die Mendelssohn'sche Bekehrung sich zuschreiben zu können, 
eine solche Seele dem Himmel zugefülirt zu haben, geizte er 

— es kam anders, als es sich Lavater und die Lavater'schen 
Christen gedacht hatten ! Mendelssohn antwortete — antwortete, 
dass er ein Jude aus innerster üeberzeugung sei, dass die 
Bonnet'schen Lehrsätze ihn durchaus nicht irre gemacht, ja, 
dass er sich getraue, mit solchen Beweisen jede geoffenbarte 
Religion zu vertheidigen ; er stürmte nicht vernichtend, wie 
Lessing gethan haben würde, aber er liess so siegreich, so 
milde, so überzeugend die Sonne seiner klaren Vernunft strahlen, 
dass seinem Gegner der Mantel der christlichen Liebe von den 
Schultern sank, — der Triumph der Mendelssohn'schen Sache 
war entschieden. Lavater sah zu seinem Schrecken, welches 
Unrecht er begangen, und bat auf das Reumüthigste ab; die 
Gegner blieben fortan gute Freunde. Aber eine Anzahl klein- 
licher Geister, die sich theils in der Erwartung pikanter Ent- 
hüllungen gefreut, theils auf die sichere Demüthigung des 
gehassten Juden gehofft hatten, nahm jetzt unberufen an dem 
Streit Theil und fiel über Mendelssohn her. Indessen sahen 
sie sich in ihren Hoffnungen getäuscht: Mendelssohn hatte 



12 Moses Mendelssohn. 

einmal, dem einig-ermassen würdigen Gegner gegenüber, ent- 
scheidend geantwortet; die kleinen Kläffer liess er billig un- 
beachtet und schrieb: „In dieser Angelegenheit mögen Auf- 
forderungen, Zumuthungen, Angriffe, Widerlegungen heraus- 
kommen, von wem man will, so viel man will, so höflich oder 
unhöflich man will, ich werde nicht eher antworten, als bis 
ich glauben werde, meine Zeit nicht nützlicher anwenden zu 
können." Und an einer anderen Stelle: „Wer die Absicht, 
mich zu reizen, so deutlich merken lässt, der soll Mühe haben, 
sie zu erreichen." 

So peinlich diese Angelegenheit für ihn war, so erspriesslich 
wurde sie für die Bildung des Judenthums : noch nie war dessen 
Sache von einem solchen Vorkämpfer so glänzend verfochten 
worden: „Mendelssohn war von üeberzeugung ein Jude", das 
stand jetzt fest und fortan waren solche Zweifel, wie sie Lavater 
gehegt, unzulässig, und die Christen mnssten sich mit dem un- 
bequemen Faktum eines so ausgezeichneten Juden wohl oder 
übel abfinden. Wie Mendelssohn einmal in einem anderen Zu- 
sammenhange schreibt: ,,Trescho, Ziegra und Bahrdt ärgern 
sich fast zu Tode, dass ünchiisten auch Vernunft haben sollen. 
wohl uns, dass der liebe Gott gütiger ist, als Trescho, Ziegra 
und Bahi'dt." 

Es war mittlerweile an Mendelssohn die Frage der Wahl 
eines eigentlichen Lebensberufes herangetreten. Eine Zeit lang 
schwankte er, ob er nicht seine tiefen talmudischen und sonstigen 
Kenntnisse in der damals gewöhnlichen Art verwenden und 
Eabbiner werden sollte. Indessen es mag ihn wohl die Er- 
wägung zurückgehalten haben, dass er in dieser Stellung durch 
manche Rücksichten gehindert werden möchte, sich seinem refor- 
matorischen Werke zu widmen, dessen Grundplan in jener Zeit 
schon vollständig bei ihm feststand. So wollte er sich denn 
lieber hierin vollkommen freie Hand bewahren und trat, um 
sich seinen Lebensunterhalt zu erwerben, bei demselben Bern- 
hard, dessen Kinder er erzogen hatte, als Buchhalter in der 
Seidenfabrik ein. Es blieb ihm dabei Müsse zu seiner sich 
immer mehr und mehr ausdehnenden litterarischeu Thätigkeit, 
und doch war er nicht auf seine Feder zum Broderwerb ange- 



Wird Buchhalter. Der Phädou. 13 

wiesen; seine Unabliängigkeit, auf die er schon von früh an 
den grössten Werth gelegt hatte, war gesichert ; selbst in den 
sieben Leidensjahren der ersten berliner Zeit hatte er sich nicht 
entschliessen können, Unterstützungen reicher Glaubensgenossen 
zu erbitten: „Ich kann meinen Anspruch auf Unterstützung 
auf nichts begründen, als etwa darauf, dass ich gern etwas 
lernen möchte, und was geht das Andere an", sagte er. — 
Diese Stellung zur Bernhard'schen Fabrik behielt er bis an 
sein Lebensende und benutzte seine Müsse zu rastloser littera- 
rischer Thätigkeit. 

Gleich eins seiner ersten Werke ist für seine Beziehungen 
zu den christlichen Zeitgenossen epochemachend: Der Phädon. 
Es ist theils eine Uebersetzung, theils eine moderne und dem 
damaligen Stande der Philosophie angepasste Bearbeitung des 
gleichnamigen platonischen Gesprächs und handelt von den Be- 
weisen für die Unsterblichkeit der Seele. Kaum hat zu jener 
Zeit irgend ein Buch solches Aufsehen gemacht: es wui'de in 
fast alle lebenden Sprachen übersetzt und sein Verfasser hatte 
sich mit diesem einen Schriftchen einen Platz unter den deut- 
schen Klassikern erworben. Eine gewisse Verwandtschaft zwi- 
schen dem Sokrates, wie Mendelssohn ihn im Phädon darstellt, 
und ihm selbst ist unverkennbar; man lese z. B. folgende Stelle: 
„Er hatte von der eiuen Seite seine eigenen Vorurtheile der 
Erziehung zu besiegen, die Unwissenheit Anderer zu beleuchten, 
Sophisterei zu bestreiten, Bosheit, Neid, Verläumdung und Be- 
schimpfung von Seiten seiner Gegner auszuhalten, Armuth zu 
ertragen, festgesetzte Macht zu bekämpfen und, was das Schwerste 
war, die finsteren Schrecknisse des Aberglaubens zu vereiteln. 
Von der anderen Seite waren die schwachen Gemüther seiner 
Mitbürger zu schonen, Aergernisse zu vermeiden und der gute 
Einfluss, den selbst die albernste Religion auf die Sitten der 
Einfältigen hat, nicht zu verscherzen. Alle diese Schwierig- 
keiten überstand er mit der Weisheit eines wahren Philosophen, 
mit der Geduld eines Heiligen, mit der uneigennützigen Tugend 
eines Menschenfreundes, mit der Entschlossenheit eines Helden, 
auf Unkosten und mit Verlust aller weltlichen Güter und Ver- 
gnügungen. — Diese höheren Aussichten des Weltbürgers hielten 



14 Moses Mendelssohn. 

ihn indessen nicht ab, auch die gemeinen Pflichten gegen sein 
Vaterland zu erfüllen etc. etc." — Wahrlich, diese Schilderung 
passt besser auf Moses Mendelssohn, als auf Sokrates. 

Mendelssohn's persönliche Beziehungen nahmen jetzt aus- 
gedehnte Dimensionen an; wollten wir seine Freunde nennen, 
wir müssten fast alle bedeutenden Männer jener Zeit aufzählen: 
d'Ai'gens, Maupertuis, Nikolai, Herder, Kant, F. H. Jakobi, der 
Herzog von Braimschweig, Campe, Dalberg, Hamann, Michaelis, 
Lavater, — das sind einige der Namen, die uns in Mendels- 
sohn's Correspondenz begegnen. Jeder, der mit ihjn in persön- 
liche Berührung kam, \\Tirde duixh den Zauber seines Wesens 
hingerissen, so dass er alle Vorurtheile vergass, wenn sie auch 
später, sobald seine Gegenwart nicht mehr wii'kte, um desto 
stärker wieder auftraten: nur so ist das ungleiche Benehmen 
Einiger, z. B. Herder's und Hamann's, gegen ihn zu erklären. 
Aber in erster Stelle, sowohl was die Grösse des Mannes, als 
die Innigkeit und Dauer der Freundschaft und die Wichtigkeit 
der dadurch hervorgerufenen Resultate betrifft, ist Lessing 
zu nennen! — 

Durch das Schachspiel sollen sie zusammengefühi't sein: 
aber bald erkannten sie sich als gleichartige Geister und ihr 
ganzes Wirken wurde gegenseitig durch einander bedingt. Von 
ihrer gemeinsamen Thätigkeit an den Litteratui^briefen ist schon 
die Rede gewesen; ihr Briefwechsel giebt Zeugniss von der 
Art, wie sie ihre Freundschaft auffassten ; namentlich Mendels- 
sohn nimmt öfter Anlass, Lessing auf Fehler aufmerksam zu 
machen; beide sprechen es gerne aus, wie der Andere jedem 
als immer gegenwärtiger Richter der innersten Gedanken vor- 
schwebt. Es sei nur erwähnt der rührende Schluss des letzten 
Lessing'schen Briefes an Mendelssohn, wenige Wochen vor 
Lessing's Tode geschrieben: „An dem Briefchen, das mir Dr. Flies 
damals von Urnen mitbrachte, kaue und nutsche ich noch; 
das saftige Wort ist hier das edelste. Und wahrlich, lieber 
Freund, ich brauche so ein Briefchen von Zeit zu Zeit sehr 
nöthig, wenn ich nicht ganz missmüthig werden soll. Ich glaube 
nicht, dass Sie mich als einen Menschen kennen, der nach Lobe 
heisshungrig ist. Aber die Kälte, mit der die Welt gewissen 



Lessing. 

Leuten zu bezeugen pflegt, dass sie ihr auch garnichts recht 
machen, ist, wenn nicht tödtend, doch erstarrend. Dass Ihnen 
nicht alles gefallen, was ich seit einiger Zeit geschrieben, das 
wundert mich gamicht. Ihnen hätte garnichts gefallen müssen, 
denn für Sie war nichts geschrieben. Höchstens hat Sie die 
Zurückerinnerung an unsere besseren Tage noch etwa bei der 
und jener Stelle täuschen können. Auch ich war damals ein 
gesundes, schlankes Bäumchen und bin jetzt ein so fauler, 
knorrichter Stamm! Ach lieber Freund! Diese Scene ist aus! 
Gern möchte ich Sie freilich noch einmal sprechen!" 

Das schönste Denkmal aber hat Lessing dem Freunde in 
seinem Nathan dem Weisen gesetzt. Theilweis hervorgerufen 
mag es sein durch die Lavater'sche Zumuthung an Mendelssohn, 
Christ zu werden. Die meisten Figuren im Nathan sind aus 
dem Mendelssohn'schen Kreise unverkennbar entnommen, vor 
allen Dingen ist die edle, massvolle, milde und ruhige Person 
des Nathan selbst das getreue Bild Moses Mendelssohn's. Der 
Derwisch ist einem jüdischen Lehrer, Wolf, der oft in's Mendels- 
sohn'sche Haus kam und die Kinder unterrichtete, nachgebildet; 
und Joseph, der älteste Sohn Moses', meint, die Parallele Hesse 
sich noch viel weiter fortsetzen. 

Auch Mendelssohn hatte vor, nach Lessing's Tode dem 
Freunde ein seiner würdiges ütterarisches Denkmal zu setzen; es 
wurde leider nicht vollendet, und der schöne Plan, zu dem er be- 
rufen gewesen wäre me Keiner, blieb liegen. Nui' eine kurze 
Charakteristik Lessing's haben wir in einem Briefe an Hennings : 
„Mich beschäftigt jetzt der einzige Gedanke: Lessing's Tod. 
Er macht mich nicht trauiig, nicht tiefsinnig; aber er ist mir 
immer gegenwärtig, wie das Bild einer GeKebten. Ich schlafe 
mit ihm ein, träume von ihm, wache mit ihm auf, und danke 
der Vorsehung für die Wohlthat, die sie mir erzeigt hat, dass 
ich diesen Mann so frühzeitig habe kennen lernen, und dass 
ich seinen freundschaftlichen Umgang so lange genossen habe. 
Die Welt kennt seinen schriftstellerischen Werth, "Wenige aber 
kennen seinen freundschaftlichen Werth, ja ich finde, dass sein 
moralischer Werth überhaupt von Vielen sogar misskannt wird. 
Auch die Begriffe von Tugend und Sittlichkeit sind der Mode 



18 Moses Mendelssohn. 

unterworfen, und wer sich nicht nach den Modebegriffen seines 
Jahrhunderts schmiegen kann, der wird von seinen Zeitgenossen 
verkannt und verschrieen. So viel scheint mir indessen ausser 
allem Zweifel zu sein: Wenn irgend ein Mensch besser war, 
als er sich in seinen Schriften zu erkennen gab, so war es 
Lessing. Die am meisten wider ihn eingenommen waren, 
wusste er in einer Stunde persönlichen Umgangs zu gewinnen, 
und gleichwohl ist ihm meines Wissens nie eine geflissentliche 
Schmeichelei aus dem Munde gegangen; ja er hatte sogar die 
— wie soll ich es nennen? — Bizarrerie, ein abgesagter Feind 
von der äusseren Höflichkeit zu sein. Seine gesellschaftlichen 
Tugenden bestanden vielmehr in ächter Theilnehmung , auf- 
richtiger Dienstbeflissenheit, in der äussersten Entfernung von 
Eigennutz und Eigendünkel, und in der milden Bereitwilligkeit, 
eiD.em Jeden mit seinem Reichthum an Begriffen so zuvorzu- 
kojnmen, dass man sich in einer Unterredung mit ihm allezeit 
scharfsinniger glaubte, als man wirklich war, ob man gleich 
nicht unterlassen konnte, dessen üeberlegenheit innerlich recht 
sehr zu fühlen. Sarkastisch und bitter gegen jeden Geck, 
der sich die Wahrheit allein gefunden zu haben einbildete, 
war er liebreich und bescheiden gegen Jeden, der Wahrheit 
«uchte, und zu allen Zeiten bereit, ihm mit seinem Vorrathe 
zu dienen." — 

Zum Abschluss des schönen Freundschaftsbündnisses der 
beiden Männer finde hier noch der Brief einen Platz, den 
Mendelssohn bald nach Lessing's Tode an dessen Bruder schrieb: 
„Nicht ein Wort, mein Bester, von unserm Verluste, von der 
grossen Niederlage, die unser Herz erlitten ! das Andenken des 
Mannes, den wir verloren, ist mir jetzt zu heilig, um es durch 
Klagen zu entweihen. Es erscheint mir nunmehr in einem 
Lichte, das Euhe und erquickende Heiterkeit auf die Gegen- 
stände verbreitet. Nein! ich rechne nicht mehr, was ich durch 
seinen Hintritt verloren. Mt gerührtem Herzen danke ich 
der Vorsehung für die Wohlthat, dass sie mich so früh, in 
der Blüthe meiner Jugend hat einen Mann kennen lassen, der 
meine Seele gebildet hat, den ich bei jeder Handlung, bei jeder 
Zeile, welche ich hinschreiben wollte, mir als Freund und 



Lessing. 17 

Ricliter vorstellte, imd den ich mir zu allen Zeiten noch als 
Freund und Richter vorstellen werde, so oft ich einen Schritt 
von Wichtigkeit zu thun habe. Wenn sich in diese Betrachtung 
noch etwas Melancholisches mit hineinmischt, so ist es vielleicht 
die Reue, dass ich seine Führung nicht gehörig benutzt habe, 
dass ich nicht geizig genug war nach seinem lehrreichen Um- 
gange, dass ich manche Stunde vernachlässigte, in der ich 
mich mit ihm hätte unterhalten können. Ach! Seine Unter- 
haltung war eine ergiebige Quelle, aus welcher man unauf- 
hörlich neue Ideen des Guten und Schönen schöpfen konnte, 
die er Avie gemeines Wasser von sich sprudelte, zu Jedermanns 
Gebrauch. Die Milde, mit welcher er seine Einsichten mit- 
theilte, setzte mich zuweilen in Gefahr, das Verdienst zu ver- 
kennen: denn sie schienen ihn in keine Unkosten zu setzen : 
und zuweilen schob er sie den Meinigen so mit unter, dass ich 
sie nicht mehr unterscheiden konnte. Ueberhaupt war seine 
Mildthätigkeit hierin nicht von der engherzigen Art mancher 
Reichen, die es fühlen lassen, dass sie Almosen ausspenden, 
sondern er spornte den Fleiss an, und Hess verdienen, was 
er gab. 

„Alles wohl überlegt, mein Liebster, ist Ihr Bruder grade 
zur rechten Zeit abgegangen; nicht nur in dem Plane des 
Weltalls zur rechten Zeit ; denn da geschieht eigentlich nichts 
zur Unzeit; sondern auch in unsrer engen Sphäre, die kaum 
eine Spanne zum Durchmesser hat, zur rechten Zeit. Fontenelle 
sagt von Copernicus: Er machte sein neues System bekannt 
und starb. Der Biograph Ihres Bruders wird mit eben dem 
Anstände sagen können: Er schrieb Nathan den Weisen und 
starb. Von einem Werke des Geistes, das ebenso sehr über 
Nathan hervorragte, als dieses Stück in meinen Augen über 
AUes, was er bis dahin geschrieben, kann ich mir keinen 
Begriff machen. Er konnte nicht höher steigen, ohne in eine 
Region zu kommen, die sich unseren sinnlichen Augen völlig 
entzieht. Nun stehen wir da, wie die Jünger des Propheten, 
und staunen den Ort an, wo er in die Höhe fuhr und ver- 
schwand. Noch einige Wochen vor seinem Hintritte hatte ich 
Gelegenheit, ilim zu schreiben: er solle sich nicht wundern, 

Die Familie Mendessahn. I. ^ 



18 Moses Mendelssohn. 

dass der grosse Haufe seiner Zeitgenossen das Verdienst dieses 
Werks verkenne; eine bessere Nachwelt werde noch fünfzig 
Jahr nach seinem Tode daran lange Zeit zu kauen und zu ver- 
dauen finden. Er ist in der That mehr als ein Menschenalter 
seinem Jahi^hunderte zuvorgeeilt." 

Kehren wir aber zurück zu Mendelssohn's Wirksamkeit. 
Wenn er sich auch durch den Lavaterstreit offen als Vor- 
kämpfer des Judenthums bekannt hatte, so war damit etwas 
Positives für die Juden doch noch nicht geschehen. Nun aber 
begann Mendelssolin seine reformatorische Thätigkeit und nahm 
dabei seinen eigenen Bildungsgang, der sich bewährt hatte, 
zum Muster. Zuerst musste Deutsch gelernt werden. Die 
vortrefflichen Bemerkungen über das Wesen der Sprache im 
„Jerusalem" zeigen, wie viel Mendelssohn darüber nachdachte. 
Um den Juden nun gerade als Juden das Deutsche zugänglich 
zu machen, übersetzte er die heiligen Schriften derselben, die 
fünf Bücher Mosis, die Psalmen, das Hohelied Salomonis ins 
Deutsche. Andere sollten folgen; es lag im Plan, das ganze 
alte Testament in gleicher Weise zu bearbeiten, aber der Tod 
ereilte ihn über dem Werke. Diese Bücher wui'den deutsch 
theils mit hebräischen, theils mit deutschen Lettern gedruckt, 
um die Bekanntschaft mit dem Deutschen stufenweise herbei- 
zuführen und zugleich den Christen Gelegenheit zum Lesen 
einer im Sinne des Originals, nicht theologisch und mit christ- 
lichen Deuteleien gehaltenen Uebersetzung zu geben. Für seine 
Auffassung der Schriften ist bezeichnend, w^as er in einem 
Briefe an Michaelis sagt: „Ich habe selbst etwa 20 Psalmen 
ins Deutsche übersetzt und war nicht ungeneigt, sie als Proben 
der lyrischen Poesie der Hebräer bekannt zu machen. 
Ich muss gestehen, dass ich mit allen Uebersetzungen der 
Psalmen, die mir zu Gesicht gekommen sind, sehr wenig zu- 
frieden bin, mit den poetischen noch weniger, als mit den 
prosaischen. Wo sie auch zufälligerweise den Sinn treffen, da 
verderben sie doch durch das occidentalische Reimgebäude das 
Eigenthümliche der hebräischen Dichtkunst. — Ich bin ver- 
sichert, dass Sie die Psalmen als Poesie behandeln werden, 
ohne auf das Prophetische und Mystische zu sehen, das sowohl 



Litterarische Arbeiten. 19 

christliclie als jüdische Ausleger nur darum in den Psalmen 
gefunden, weü sie es darin gesucht haben; und nur darum 
gesucht haben, weil sie weder Weltweise noch Kunstrichter 
gewesen sind. — Es ist vielleicht gefährlich, diese einge- 
wurzelten Vorurtheile öffentlich zu bestreiten; allein diesen 
Weg müssen wir doch endlich gehen, wenn die Psalmen mit 
vernünftiger Erbauung gelesen v/erden sollen. Man hat uns 
lange genug durch mj^stische Deuteleien den klaren Sinn der 
Schrift verdunkelt." 

Diese Uebersetzungen waren ein schmeriges Werk. Die 
Orthodoxen beider Religionen waren natürlich mit Mendelssohn's 
grossartiger und vorurtheilsfreier Auffassung nicht zufrieden und 
es war zu erwarten, dass namentlich die jüdischen Eabbiner 
und Talmudisten Himmel und Erde gegen Uebersetzung und 
Uebersetzer in Bewegung setzen würden. Aber sie fanden in 
Mendelssohn einen ihnen vollkommen gewachsenen Kämpfer, 
dem seine frühere talmudische Ausbildung hier zu Statten kam. 
Die Uebersetzungen gewannen sich ein immer grösseres Publikum 
und bilden noch heute die Grundlage aller jüdischen Jugend- 
Erziehung. 

Andere epochemachende Werke folgten. Er liess eine 
Uebersetzung eines im Jahre 1656 für Cromwell geschriebenen 
Werkes „Rabbi Manasseh Ben Israel, Rettung der Juden" an- 
fertigen und schrieb dazu eine Vorrede. Es sind nur 22 Seiten, 
aber die reifsten, weit dem Standpunkt der damaligen Zeit 
vorauseilenden Ansichten sind in so vollendetem Stil darin aus- 
gesprochen, dass diese Vorrede wohl für die Perle unter Men- 
delssohn's Werken gelten kann. Es folgte „Jerusalem, oder 
über religiöse Macht und Judenthum", eine grosse Allheit, die 
sich jener „Vorrede" würdig anreiht, die dort angedeuteten 
Fragen weiter begründet, gewissermassen Mendelssohn's politisch- 
religiöses Testament. Er hat es dem 19. Jahrhundert zur 
Vollstreckung hinterlassen; „Trennung der Kirche vom Staat" 
ist die kurz ausgedrückte Hauptforderung. Seiner plülosophischen 
Natur gemäss knüpft er bei jedem Schritt an spekulative Grund- 
sätze an und entzieht so seine ganze Beweisführung dem poli- 
tischen Partheiliader. Speciell politisch hat sich Mendelssohn, 

2* 



20 Moses Mendelssohn. 

friedliebend wie er war, nie ausgesprochen, wenigstens nicht 
öffentlich. Seine Ansichten waren indess, wie es hei seiner 
sonstigen Denkungsweise auch natiirlich ist, entschieden frei- 
sinnige. 

Die letzten Jahre seines Lehens wurden dmxh einen für 
ihn selir unerquicklichen Streit über Lessing's philosophische 
Ansichten ausgefüllt. Aber selbst aus solchen Giftblumen ^\Tisste 
er Honig zu ziehen; die „Morgenstunden" verdanken dieser 
Controverse ihre Entstehung. Wie „Jerusalem" das politisch- 
religiöse, so sind sie das philosopliische Testament Mendels- 
sohn's. Sie hatten zugleich einen liebenswürdigen Nebenzweck: 
sie waren zur Belehrung seiner Kinder, namentlich Joseph's, 
des Aeltesten, und einer Eeihe junger Leute „von schätzbaren 
Geistesgaben und noch besseren Herzen" bestimmt, die sich 
täglich um ilin versammelten.*) 

Was Mendelssohn's specielle philosophische Thätigkeit be- 
trifft, so ist unläugbar, dass er zu den bahnbrechenden, grossen 
Philosophen nicht gehört hat. Erdmann in seinem „Grundriss 
der Geschichte der Philosophie" bestimmt seine Stellung folgen- 
dermassen, indem er im § 293 von ihm und einem Kreise 

gleichstehender Männer sagt: „schliesst dieser Mangel 

an Selbstverständniss sie freilich aus der Zahl der grossen 
Philosophen aus, so verhindert er sie doch nicht, eine be- 
deutende Wirkung zu zeigen. Ja, wenn sie die Energie und 
Zeit, die zu einer solchen Vertiefung in sich selbst nöthig 
gewesen wäre, dazu anwenden, den Grundgedanken, der als 
ein Gefühl und als Instinkt sie beseelt, in allen Gebieten des 
Lebens herrschend zu machen, so kann der Erfolg ihres Wirkens, 
weil er in die Breite geht, grösser erscheinen, als wenn sie 
Philosophen ersten Ranges gewesen wären. Die Sophisten, 
der römische Synkretismus und die Philosophie der Renaissance 
haben gezeigt, dass es Zeiten giebt, wo es füi' die Philosophie 
nicht sowohl auf einen neuen bedeutenden Schritt ankommt, 



*) In der ersten Auflage waren hier die beiden Humboldts 
genannt. Es beruhte diese Angabe auf einer wohl ungenauen, 
mündlichen Tradition. 



Philosophische Bedeutung. 21 

als vielmelir darauf, dass ein bereits geltend gemachter Ge- 
dankenkreis sich ganz auslebe. Einen solchen Punkt hat die 
Plülosophie des achtzehnten Jahi^hunderts dort erreicht, wo 
sie in den Dienst der deutschen Aufklärung tritt und zu 
einem sprechenden Zuge in deren Physiognomie wird. Nur zu 
einem Zuge; denn wenn die den Begrifi' der Aufklärung gewiss 
zu enge fassen, welche, wie das sehr oft geschieht, nur an 
gewisse Erscheinungen im religiösen Gebiete denken, so 
darf dem nicht eine eben so enge Auffassung entgegengestellt 
werden, indem man unter Aufklärung nur Popularphilosophie 
versteht. Vielmehr ist die Aufklärung eine alle Lebensgebiete 
durchdringende weit- und kultm-geschichtliche Ki'isis und Revo- 
lution, die im 18. Jalirhundert begann imd insofern noch jetzt 
dauert, als heut zu Tage die Masse sich in einem Zustande 
befindet, der damals der der Elite war. Es handelt sich hier 
zuerst darum, das Wesen dieser gewaltigen Erscheiuung m 
einer Weise zu formuliren, woduixh es möglich wir-d, die 
grosse Zahl von Begriffsbestimmungen, die gegeben worden 

sind, richtig zu würdigen. Die Formel, dass in der 

Aufklärung der Versuch gemacht wurde, den Menschen, sofern 
er verständiges Einzelwesen, zur Herrschaft über Alles zu 
bringen, scheint dieser Forderung zu entsprechen. Indem daria 
zuerst das menschliche Subjekt in den Vordergrund gestellt 
wird. Alles aber, was wir mit dem Worte „Bildung" bezeich- 
nen, darin besteht, dass das Subjekt der Dinge Herr wird, 
theoretisch, indem sie ihm als Objekt der Erkenntniss oder 
Unterhaltimg, praktisch, indem sie ihm zur Erreichung seiner 
Zwecke dienen, — in beiden Fällen dienen sie, es also herrscht 
über sie oder spielt mit ümen — ist es zu begreifen, wie 
Mendelssohn dazu kam, Aufklärung und Kiütui' als die Er- 
scheinungsformen der Büdimg zu bestimmen." 

lieber die Stellung Mendelssohn's zu Lessing und Nikolai 
sagt derselbe a. a. 0. : „Was die Zeitgenossen nie bezweifelten, 
dass diese drei als Freunde und Genossen eines W^erkes zu- 
sammen zu stellen seien, wird, wo es heute geschieht, von 
vielen Verehrern Lessing's als eine Versündigimg an diesem 
angesehen. Zum Theil haben sie Recht, denn es wird sich 



22 Moses Mendelssohn. 

zeigen, dass Lessing subjektiv und objektiv auch eine andere 
Stellung einnimmt, als die beiden Anderen. Aber nur zum 
Tbeil; denn erstlicli verkennen sie die Stellung jener drei 
Männer, wenn sie sich Lessing stets als den Gebenden, die 
anderen Beiden bloss als empfangend denken. Von manchem 
Gedanken, dessen Dui'chführung Lessing berühmt gemacht hat, 
ist nachzuweisen, dass Mendelssohn ihn zuerst ausgesprochen 
hat. (Selbst in sprachlicher Hinsicht, hat Lachmann behauptet, 
habe Lessing dui'ch den Umgang mit Einem gewinnen müssen, 
der sich das reine Hochdeutsch nicht als Kind, sondern mit 
vollem Bewusstsein angeeignet hatte.) Sie übersehen aber 
zweitens, dass Lessing in dem Jahre starb, wo Kant's Kritik 
der reinen Vernunft erschien und dass darum die Kämpfe, in 
welchen sein Leben bestand, nur gegen absterbende Principien 
gefühi't wurden, ja, dass ihn ein günstiges Geschick verhindert 
hat, zu thun, was er wollte: über Göthe's Werther herzufallen 
(was schwerlich, wie Nikolai meint, Göthe bei der Nachwelt 
geradeso diskreditirt hätte, wie Klotz), wälu-end Mendelssohn 
gleich nach Lessing's Tode veranlasst wird, sich über Kant, 
über Spinoza gegen Jakoby auszusprechen, also über Männer, 
die theils ausser, theils über dem Ideenkreise des 18. Jahi*- 
hunderts stehen, in dem Mendelssohn wui'zelt." 

Li Bezug auf Mendelssohn's Verhältniss zu Kant ist es 
ein eigenthümliches Zusammentreffen, dass Beide im Jahre 1763 
um den akademischen Preis konkurrirten, und Mendelssohn mit 
seiner Schrift „lieber die Evidenz" den Preis davontrug. Später 
freüich überholte ihn Kant bei Weitem und als im Jahre 
1782 — 1783 die Kritik der reinen Vernunft erschien, gestand 
Mendelssohn in Briefen und Schi-iften freimüthig, dass er, an 
das sanfte Licht der Wolf - Baumgarten -Leibnitzischen Philo- 
sophie gewöhnt, sich unfähig fühle, dem grossen Königsberger 
Philosophen zu folgen. Die beiden Männer blieben in fort- 
dauerndem freundlichen Verkehr, und Kant war ein aufrich- 
tiger Bewunderer der Feinheit, des fiu'chtlosen Eintretens für 
religiöse Freiheit und des schönen Stüs seines einstmaligen 
Konkurrenten. 

lieber Mendelssohn im Vergleich zu Baumgarten sagt 



Philosophische Bedeutung. 23 

Erdmann: „Der Hauptunterschied zwischen Mendelssohn und 
Baumgarten oder jedem anderen Metaphysiker alten Schlages 
betrifft die Art des Philosophirens. Nicht nur Deutsch, son- 
dern ein gebildetes, schönes Deutsch will er angewandt haben ; 
Plato ist ihm ein so grosser Philosoph, viel weniger des In- 
halts seiner Lehre wegen, als wegen seiner glänzenden Dar- 
stellung. Nicht streng philosophisches Verfahren, sondern die 
Form der gebildeten Conversation ist sein Ideal. Darum die 
Brief- oder Gesprächsform, in welche er auch dort gern ver- 
fällt, wo ursprünglich eine andere gewählt war. So sehr er 
darum auf bestimmte Begriffe dringt, und so sehr er es be- 
dauert, dass die Nachahmung der Franzosen es dahin gebracht 
habe, dass man nur für Damen schreibe und die solide Wissen- 
schaft vernachlässige, so lässt er doch gern merken, dass er 
kein auf Universitäten gebildeter, gelehrter Magister sei, weist 
sich eine Mittelstellung zwischen Metaphysiker und schönem 
Geiste an, und schreibt weder für eüie bestimmte, noch über- 
haupt für eine Schule, sondern für die Welt. Worüber? Kein 
einziger der Gegenstände, von denen oben gesagt war, dass 
sie allein flu* diese Philosophen Interesse haben, ist von ihm 
vernachlässigt worden, und schon wegen dieser Vollständig- 
keit nimmt er unter diesen Philosophen der feinen Welt eiae 
so hohe Stelle ein, ganz abgesehen davon, dass er es vor allen 
gewesen ist, der (wie Protagoras unter den Sophisten) stets 
in Erinnerung gebracht hat, worum sich's eigentlich handelt: 
den Menschen." — 

Mendelssohn's äusseres Lebensgeschick haben wir zu be- 
trachten aufgehört, als er in die Bernhard'sche Seidenfabrik als 
Buchhalter eingetreten war. Diese kaufmännische Beschäfti- 
gung — er leitete später die Fabrik ganz selbstständig und 
wurde nach Bernhard's Tode Mittheilhaber des Geschäfts — 
war ihm oft unangenehm und störend, wenn er irgend einen 
wissenschaftlichen Gegenstand im Kopf hatte, und seine Briefe 
sind voller Klagen darüber: „Ich höre den langen Tag soviel 
unnützes Geschwätz, ich sehe und thue soviel gedankenlose, er- 
müdende, dummmachende Dinge, dass es keine geringe Wohl- 
that für mich ist, wenn ich mich des Abends mit einem ver- 



24 Moses Mendelssohn. 

nunftliebenden Geschöpf unterhalten kann", schreibt er an einen 
Freund. Aber am meisten schüttet er in dieser Beziehung, 
wie in jeder andern. Lessing sein Herz aus: „die Geschäfte! 
die lästig-en Geschäfte ! Sie drücken mich zu Boden und ver- 
zehren die Kräfte meiner besten Jahi^e. Wie ein Lastesel 
schleiche ich mit beschwertem Rücken meine Lebenszeit hin- 
durch; und zum Unglück sagt mir die Eigenliebe oft ins Ohr, 
dass mich die Natur vielleicht zum Paradepferd erschaffen hat." 
Und an einer anderen Stelle: „Ein guter Buchhalter ist gewiss 
ein seltenes Geschöpf. Er verdient die grösste Belohnung ; denn 
er muss Verstand, Witz und Empfindung ablegen, und ein Klotz 
werden, um richtig Buch zu führen. Verdient ein solches Opfer 
zum Besten der Finanzen nicht die grösste Belohnung ? — Wie 
ich heut auf diesen Einfall komme, fragen Sie? Sie können 
es wohl unmöglich errathen, dass mir des H. v. Kleist neue 
Gedichte dazu Anlass gegeben haben. Ich liess sie mir des 
Morgens um 8 Uhr kommen. Ich wollte unserm lieben Nikolai 
eine unvermuthete Freude damit machen und sie mit ihm durch- 
lesen. AUein ich ward verhindert — die imgestümen Leute! 
Was bringt er mein Freund? Und Sie Gevattern? Und Er 
Geselle? Lassen Sie mich heut', ich kann nicht! „Sie halben 
ja nicht irgend Feiertage ?" — Das wohl eigentlich nicht, aber 
ich bin krank. Es verschlägt Ihnen ja nichts. Kommen Sie 
morgen wieder. — Diese Leute waren gefällig, aber mein Principal 
war es nicht. Ich bekam Arbeit bis gegen Mittag. Ich las 
indessen unter der Arbeit hier und da ein Fleckchen; und da 
merkte ich, wie schwer es ist, Empfindungen zu haben und 
Buchhalter zu sein. Ich fing an, in Handlungssachen schön 
zu denken, und machte in meinen Büchern eine von den Schön- 
heiten, die man an einer Ode zu rühmen pflegt. Ich ver- 
wünschte meinen Stand, schickte die Gedichte unserm Esquire, 
der von seinen Geldern lebt, ha, nicht ohne Neid, und ward 
verdriesslich." — 

So hatte Mendelssohn von dem Geschäft wohl manche Plage ; 
indessen war es einestheils gemss seiner Gesundheit zuträglich, 
und namentlich während einer mehrjährigen Krankheit, wo ihm 
alle geistige Anstrengung, bis auf das Briefschreiben sogar. 



Praktische Thätigkeit. 25 

verboten war, hielt es ihn alleüi aufrecht, dass er wenigstens 
im Geschäft arbeiten diu-fte: absoluter Müssiggang wäre für 
ihn der Tod gewesen. Ausserdem aber darf man wohl diesem 
harten Untergründe seiner geistigen Thätigkeit das Praktische 
der Letzteren, die Rücksicht auf das erreichbar Mögliche, die 
Anwendung der zweckdienlichsten Mittel zuschreiben, Eigen- 
schaften, die Mendelssohn so charakteristisch sind. Die kauf- 
männische Thätigkeit ist allem Verschwimmen in phantastische, 
luftige Gebiete feindlich; sie gab ilim Kenntniss der Menschen, 
wie sie wirklich sind, und der Mittel, mit denen man auf die 
Menschen wirkt. Es ist sehr fraglich, ob Mendelssohn, wäre 
er nicht als Kaufmann mit dem Leben in Verbindung geblieben, 
dem „Mann von Stande" mit seinem palästinensischen Projekt 
eine so praktische, abweisende Antwort gegeben, oder einen 
Satz, wie den folgenden, geschrieben haben würde: „Ich bin 
mir nur garzusehr bewusst, wie wenig Einfluss meine Worte 
und Vorstellungen auf den grossen Haufen haben. Mein Wirkungs- 
kreis ist von jeher auf wenige Freunde eingeschränkt gewesen 
und hat sich, seitdem ich Kinder zu bilden und zu erziehen 
habe, noch enger zusammengezogen. Ausserhalb dieser Sphäre 
habe ich und suche ich keinen Einfluss. Ich fühle die Schranken 
meiner Kräfte und halte mich innerhalb derselben ruhig und 
stille, weil ich meinem Maass doch nichts zusetzen kann." — 
Mendelssohn war klein, stark verwachsen, er hatte einen 
Höcker auf dem Eücken und stotterte ; aber der geistvolle 
kluge Kopf, von dem Lavater jene lebendige Schilderung ent- 
worfen, entschädigte dafür, wie so oft bei Verwachsenen. 
Körperliche Schönheit ist em vortrefflicher Empfehlungsbrief 
im Umgang mit Menschen, aber mehr nicht, und es sind schliess- 
lich andere Eigenschaften, die dauernd fesseln, wie uns Mendels- 
sohn mit seiner grossen Beliebtheit in den weitesten Kreisen, 
mit der unwandelbaren Freundschaft, die ein Lessing für ihn 
gehabt, beweist. Aber er erfreute sich nicht nur der Zuneigung 
aller mit ihm in Berührung kommenden Männer, sondern war 
auch sehr glücklich verheirathet: Auf einer Reise nach Hamburg 
lernte er im Jahre 1762 Fromet, die Tochter des Abraham 
Gugenheim, kennen, und heirathete sie im folgenden Jahr. 



26 Moses Mendelssohn. 

Berthold Auerbach berichtet in seinem Buch „Zur guten 
Stunde" nach mündlicher Ueberlieferung die Art, wie Moses 
seine Frau gewonnen habe, folgendermassen : 

Moses Mendelssohn war im Bade Pyrmont. Hier lernte 
er den Kaufmann Gugenheim aus Hamburg kennen. ,,Eabbi 
Moses," sagte dieser eines Tages, „wir Alle verehren Sie, aber 
am meisten verehrt Sie meine Tochter. — Mir wäre es das 
höchste Glück Sie zum Eidam zu haben; besuchen Sie uns 
doch einmal iu Hamburg." 

Moses Mendelssohn war sehr schüchtern, denn er war 
traui'ig verwachsen. Endlich entschloss er sich doch von 
Berlin aus zur Reise und besuchte unterwegs Lessing in Braun- 
schweig, wie in dessen Briefen zu lesen. 

Mendelssohn kommt nach Hamburg und besucht Gugen- 
heim in seinem Comptoir. Dieser sagt: ,, Gehen Sie hinauf zu 
meiner Tochter, sie wii'd sich freuen, Sie zu sehen, ich habe 
viel von Hmen erzählt." 

Mendelssohn besucht die Tochter; andern Tags kommt 
er zn Gugenheim und fragt endlich, was die Tochter, die ein 
gar anmuthiges AVesen sei, von ihm gesagt habe? 

„Ja, verehrter Rabbi," sagt Gugenheim, „soll ich's Hinen 
ehrlich sagen?" 

„Natürlich!" — 

„Nun, Sie sind ein Philosoph, ein Weiser, ein grosser 
Mann, Sie werden es dem Kinde nicht übel nehmen; sie hat 
gesagt, sie wäre erschrocken, wie sie Sie gesehen hat, weil 
Sie — " 

„Weü ich einen Buckel habe?" 

Gugenheim nickte. 

„Ich habe es mir gedacht, icli will aber doch bei Hirer 
Tochter Abschied nehmen." 

Er ging hierauf in die Wohnung und setzte sich zu der 
Tochter, die nähte. Sie sprachen gut und schön miteinander, 
aber das Mädchen sah nicht von ihrer Arbeit auf, vermied, 
Mendelssohn anzusehen. Endlich, da dieser das Gespräch ge- 
schickt so gewendet, fragt sie: 



Heirath. 27 

„Glauben Sie auch, dass die Ehen im Himmel gesclilossen 
werden?" 

„Gewiss, und mir ist noch was Besonderes geschehen. 
Bei der Geburt eines Kindes wird im Himmel ausgerufen: Der 
und Der bekommt Die und Die. Wie ich nun geboren werde, 
wii'd mir auch meine Frau ausgerufen, aber dabei heisst es: 
Sie wird, leider Gottes, einen Buckel haben, einen schrecklichen. 
Lieber Gott, habe ich da gesagt, ein Mädchen, das verwachsen 
ist, wird gar leicht bitter und hart, ein Mädchen soll schön 
sein, lieber Gott, gieb mir den Buckel, und lass das Mädchen 
schlank gewachsen und wohlgefällig sein." 

Kaum hat Moses Mendelssohn das gesagt, als ihm das 
Mädchen um den Hals fiel — und sie ward seine Frau, und 
sie wurden glücklich mit einander, und hatten schöne und 
brave Kinder, von denen noch Nachkommen leben. — 

Dass es eine Liebesheirath war, geht aus einem Brief an 
Lessing*) hervor: „Das Frauenzimmer, das ich zu heirathen 
Willens bin, hat kein Vermögen, ist weder schön, noch gelehrt; 
und gleichwohl bin ich verliebter Geck so sehr von ihr einge- 
nommen, dass ich glaube, glücklich mit ihr leben zu können." 
— Und er lebte glücklich mit ihr; er schreibt an Abbt**) I7ö6: 
„Ich habe beinahe die ganze Zeit in der äussersten Gemütlis- 
unruhe gelebt. Ich habe meinen alten Vater, ich habe ein 
Kind von einigen Monaten verloren, ich bin in Gefahr gewesen, 
meine Frau, die ich mehr liebe als Vater und Kind, zu ver- 
lieren." 

Das Einkommen Mendelssohn's war nur ein sehr massiges ; 
viele seiner Schriften lieferte er ganz unentgeltlich, z. B. die 
grosse Pentateuch-Üebersetzung; Vermögen hatte er nicht, und 
so musste sein Gehalt als Buchhalter ausreichen. Hier wird 
das Walten seiner Frau besonders erspriesslich gewesen sein, 
die alles aufs sparsamste eüirichtete. Es wird uns erzählt. 



*) Ohne Datum, Moses Mendelssohn's gesammelte Schriften. 
V. Bd. S. 165. 

**) Ohne Datum, 1761 (Briefe an Lessing, herausgeg. v. Redlich, 
Berlin 1879, S. 166). 



28 Koses Mendelssohn. 

dass Fromet Abends, wo bei Mendelssohn fast immer offenes 
Haus war, in die auf den Tisch zu setzenden Schalen mit 
Süssigkeiten, die Eosiuen und Mandeln hinein zählte, damit 
nicht zu viel drauf gehe, und der Haushalt in Avichtig-eren 
Dingen Noth leiden möchte. 

Mendelssohn hatte viele Kinder: zwei starben ganz klein, 
ein Mädchen im Alter von 11 Monaten, worüber er an Abbt 
schi-eibt: „Der Tod hat an meine Hütte gepocht, und mii' 
ein Kind geraubt, das nur 11 unschuldige Monate, aber diese 
Gottlob! munter und imter hoffnungsvollen Versprechungen auf 
Erden srelebt hat. Mein Freund! die Unschuldio-e hat die 11 
Monate nicht vera-ebens s'elebt. Ihr Geist hat in dieser kurzen 
Zeit ganz erstaunliche Progressen gemacht. Von einem Thier- 
chen, das weint und schläft, ist sie der Keim eines vernünftigen 
Geschöpfs geworden. Wie die Spitzen des jungen Grases im 
Frühlinge durch den harten Erdboden di'ingen, so sähe man. 
bei ihr die ersten Leidenschaften anbrechen. Sie zeigte Mit- 
leiden, Hass, Liebe, Bewunderung, verstand die Sprache des 
redenden Menschen, und war bemüht, ihre Gedanken Anderen 
zu erkennen zu geben. Ist von allem Diesen keine Spur mehr 
in der ganzen Natur anzutreffen? — Sie werden über meine 
Einfalt lachen, und in diesem Eaisonnement die Schwachheit 
eines Menschen erkennen, der Trost sucht, und ihn mi-gend 
findet als in seiner Einbüdimg. Es kann sein! — Ich kann 
nicht glauben, dass uns Gott auf seine Erde etwa wie den 
Schaum auf die Welle gesetzt hat." — Ein Knabe starb 12 
Jahr alt, und es blieben 3 Söhne und 3 Töchter. Diese wiu'den 
aufs Beste erzogen, von vortrefflichen Lehi'ern unterrichtet 
und keine Ausgabe gescheut, ihnen einen Platz unter den Ge- 
bildetsten zu sichern. Herz Homberg, der ihr Hauslehi-er ge- 
wesen, siedelte später nach Oesterreich über, und in den Briefen 
an um kommen häufig Ansichten über die Kinder vor, die 
uns beweisen, dass Mendelssohn ein liebender, aber keineswegs 
blinder Vater war, der mit scharfem Auge die Ent\nckelung 
der Kinder aufmerksam verfolgte, sich der guten Anlagen, der 
schönen Aussichten, die ihm in ihnen erblühten, freute, aber 
auch ihi'e Fehler klar erkannte. 



Tageseintheilung. 29 

Mendelssohn theilte seinen Tag folgendermassen ein: Sommer 
nnd Winter stand er Morgens um 5 auf, und beschäftigte sich 
dann einige Stunden mit wissenschaftlichen Arbeiten. Dieser 
Zeit verdankt sein letztes Werk seine Entstehung und den 
Namen „Morgenstunden." Von 9 bis 3 Uhr war er auf der 
Fabrik, aber auch hier standen in emer kleinen Bibliothek 
wissenschaftliche Werke, und jede Müsse in den Geschäften 
benutzte er. Oefters kamen Fremde, die ilin kennen lernen 
wollten und dort aufsuchten, und in bunter Mannigfaltigkeit 
drängten sich Arbeiter mit Proben, Gelehrte mit philosophischen, 
Kaufleute mit Handels-Anliegen, Comptoirgeschäfte und stille 
Momente mit den Büchern. Alles behandelte er mit gleicher 
Klarheit, und solcher Wechsel diente dazu, seinem Geist die 
frische Spannki^aft zu erhalten. 

Von drei Uhr ab war der Nachmittag frei. Er wurde 
theilweis wieder wissenschaftlichen Arbeiten gewidmet, theilweis 
der Erholung in der Natur. Berlin war damals nicht das 
Häuserungethüm mit unabsehbaren, staubigen und übelriechenden 
Strassen, man konnte leicht nach jeder Richtung hin das Freie, 
frische Luft und den Anblick grüner Felder und schattiger 
Bäume erreichen — aber den Juden wurde das Spaziergehen 
an öffentlichen Orten auf mancherlei Weise verbittert. „Ich 
ergehe mich," schreibt Mendelssohn an Winkopp, „zuweilen 
des Abends mit meiner Frau und meinen Kindern. Papa! fragt 
die Unschuld, was ruft uns jener Bursche dort nach ? Warum 
werfen sie mit Steinen liinter uns her? Was haben wir ihnen 
gethan! — Ja! lieber Papa! spricht ein anderes, sie verfolgen 
uns immer in den Strassen und schimpfen : Juden ! Juden ! Ist 
denn dieses so ein Scliimpf bei den Leuten, ein Jude zu sein? 
Und was hindert dieses andere Leute? — Ach! ich schlage 
die Augen nieder, und seufze mit mir selber : Menschen ! Menschen 
Wohin habt Ihr es endlich kommen lassen?" — So miethete 
sich denn Mendelssohn einen Garten, wohin er in der guten 
Jahreszeit aus der Stadtwohnung immer ging. Letztere war 
in der Spandauerstrasse und ist nach seinem Tode mit einer 
Gedenktafel versehen worden. — Jenes Gartens erwähnt er 
oft mit innigem Behagen in seinen Briefen; er lag ganz in der 



30 Moses Mendelssohn. 

Nähe des Nikolai'schen, und die Freunde weilten bald in diesem 
bald in jenem. „Kommen Sie zu uns!" schreibt Mendelssohn 
an Lessing während des 7 jährigen Krieges, „wir wollen in 
unserm einsamen Gartenhause vergessen, dass die Leidenschaften 
der Menschen den Erdball verwüsten. Wie leicht wird es uns 
sein, die nichtswürdigen Streitigkeiten der Habsucht zu ver- 
gessen, wenn wir unsern Streit über die wichtigsten Materien, 
den wir schriftlich angefangen, mündlich fortsetzen werden." — 
Kam dann der Abend heran, so versammelte sich im 
Mendelssohn'schen Hause fast täglich ein Kreis näherer und 
entfernterer Bekannten; es herrschte jene angenehme Gesellig- 
keit, bei der jeder im Haus Eingeführte uneingeladen Abends 
erscheint, wann es ihm beliebt, und bleibt, solange es ihm ge- 
fällt. Man findet Bekannte, wie sie denn der Zufall vereinigt, 
es wird ein lebhaftes, immer wechselndes Gespräch geführt; 
das Abendessen ist einfach, wie es diese improvisirte Gesellig- 
keit bedingt. Solange die Familie Mendelssohn in Berlin lebte, 
ist sie ein Hauptträger dieser schönen Vereinigungsart von 
Menschen gewesen; es gab fast keinen bedeutenden Berliner, 
oder Berlin besuchenden ausgezeichneten Fremden, der nicht 
in den aufeinander folgenden Generationen im Hause Moses 
Hendelssohn's, Abraham Mendelssohn-Bartholdy's, Hensel's und 
Dii'ichlet's gewesen wäre. 

Bei Moses drehte sich das Gespräch In diesen abendlichen 
Zusammenkünften gewöhnlich um litterarische und Kunstinter- 
essen, selten um streng wissenschaftliche Gegenstände. *)„Moses 
sass gewöhnlich als Kampfrichter auf seinem Armsessel mit 
niedergesenkten Augen. Aber Alle sahen auf ihn und seine 
Bewegungen. Oft befeuerte er den Muth dui'ch ein plötzliches 
Auffaln-en, oder durch einen emsilbigen Ausruf, oft belohnte er 
durch lächelnden Beifall. Ein schneUes Niedersehen, ein ver- 
neinendes Kopfschütteln galt ohne ein lautes Wort für bedeu- 
tenderen Tadel. Wenn dieses nicht wirkte, wenn der Gegner 
auf wohlbegründete Einwände sich nicht ergab, oder wenn end- 



*) Aus der den „gesammelten Werken« Yorgedruckten Lebens- 
geschichte Moses Mendelssohn's. 



Art des Disputirens. Schutzjudenthum. 31 

lieh Reden und Gegenreden sich durchkreuzten und verwirrten, 
so stand er wohl auf von seinem Sitze, trat in die Mitte der 
Streitenden und schien liebreich um Gehör zu bitten. Dann 
erfolgte ein ehrerbietiges Stillschweigen. Nun nahm er den 
Faden des Gesprächs auf, entwickelte die Streitfrage, stellte 
Satz und Gegensatz mit eüier ihm eigenthümlichen Klarheit 
und Kürze gegeneinander, und Hess die Streitenden die Ver- 
gleichspunkte selbst finden, ohne des Einen oder des Andern 
Parthei gradezu zu nehmen. Wenn sich dann die Hitze gelegt 
und die Vereinigung stattgefunden hatte, pflegte Mendelssohn 
zu sagen: „Sehen Sie, meine Herren! Es war ein blosser 
Wortstreit, wie es gemeiniglich der Fall ist, ich glaubte gleich, 
Sie würden eines Sinnes werden." — Ueberhaupt hatte er die 
Sokratische Ai^t des Disputirens angenommen, das, was er lehren 
wollte, aus dem Geist der Schüler herauszuentwickeln, statt es 
in sie hineinzutragen." 

Da weder Mendelssohn noch seine Frau geborene Preussen 
waren, so konnten sie nach den damals geltenden Bestimmungen 
nur unter dem Schutz eines ansässigen Juden in Berlin leben. 
Der Marquis d'Argens, der dies zufällig gehört hatte und von 
Frankreich her derartige Verhältnisse nicht kannte, hielt es 
für unmöglich, dass ein Mann wie Mendelssohn täglich in der 
Gefahr sein sollte, durch die Polizei ausgelesen zu werden. 
Er sprach mit Mendelssohn darüber, und dieser bestätigte es 
und sagte: „Sokrates bewies ja seinem Freunde Criton, dass 
der Weise schuldig ist zu sterben, wenn es die Gesetze des 
Staates fordern. Ich muss also die Gesetze des Staates, in 
dem ich lebe, noch für milde halten, dass sie mich bloss aus- 
treiben, im Fall mich in Ermangelung eines andern Schutzjuden 
auch nicht ein Trödeljude für seinen Diener erklären will." — 
Der Marquis verlangte, Mendelssohn solle eine Bittschrift auf- 
setzen, die er selbst übergeben wolle. Hierzu wollte sich 
Mendelssohn anfangs nicht verstehen. „Es thut mir weh," 
sagte er, „dass ich um das Recht der Existenz erst bitten soll, 
welches das Recht eines jeden Menschen ist, der als ruhiger 
Bürger lebt. Wenn aber der Staat überwiegende Gründe hat, 
Leute wie meine Nation nur in gewisser Anzahl aufzunehmen, 



32 Moses Mendelssohn. 

welches Vorrecht kann ich vor meinen übrigen Mitbrüdern haben, 
eine Ausnahme zu verlangen?" 

Erst den häufigen Ermahnungen seiner Freunde gelang 
es, ihn endlich zur Abfassung einer Bittschrift zu bewegen, 
die d'Argens persönlich übergab — und Mendelssohn bekam 
keine Antwort; es erwiess sich, dass die Bittschrift — ob ab- 
sichtlich oder unabsichtlich, bleibe dahingestellt — verloren 
gegangen war. Auf ein Diiplicat derselben schrieb d'Argens: 
„ Un Philosophe mauvais catholique suppUe un PMlosoplie mauvais 
Protestant de donner le privilege a un Philosophe mauvais juif. 11 
y a trop de philosophie dans tout ceci^ pour que la raison ne soit 
pas du cote de la demande.'''' — Mendelssohn erhielt das Privi- 
legium 1763. Später bat er um die Ausdehnung desselben 
auf seine Nachkommen, welches ihm aber Friedrich der Grosse 
abschlug und erst Friedrich Wilhelm II. 1787 der Wittwe 
und den Kindern gewährte, wie es in der betreffenden Urkunde 
heisst: „wegen der bekannten Verdienste Ihres Mannes und 
Vaters." 

So milde Mendelssohn war, fehlte es ihm doch nicht an 
schlagfertigem Witz. Teller wandte sich einst an ihn mit 
folgender scherzhaften Anrede: 

An Gott den Vater glaubt ihr schon, 

So glaubt doch auch an seinen Sohn. 

Ihr pflegt doch sonst bei Vaters Leben 

Dem Sohne gern Credit zu geben. 

Mendelssohn antwortete: 

Wie könnten wir Credit ihm geben? 
Der Vater wird ja ewig leben. 

Und die Abfertigung jenes Lieutenants ist bekannt, der 
ihn anschnarrte: „Womit handelt er?" — „Mt etwas, was 
Sie brauchen können — mit Verstand." 

Ein junger Schriftsteller brachte ihm einst einen Aufsatz 
über die Freiheit des menschlichen Willens. „Ich habe Ihren 
Aufsatz nicht lesen können," sagte ihm Mendelssohn, als er 
nach einiger Zeit um sein Urtheil bat. Der Autor, etwas 
empfindlich, entschuldigte sich, dass er belästigt habe. Mendels- 
sohn beruhigte ihn und versicherte, er habe wirklich Abhaltung 



Letzte Schrift. 33 

gehabt. „Wie konnten Sie aus meinen vorigen Aeusseningen 
schliessen, dass ich Ihren Aufsatz für schlecht hielte?" „Weil 
ich glaubte, Sie hätten ihn nicht lesen wollen." „Sie machen 
also, wie ich höre, einen Unterschied zwischen wollen und 
können," versetzte Mendelssohn, „dann darf ich ja Ihren 
Aufsatz über WiUensfreiheit gar nicht lesen, denn ich höre, 
wir sind einig." 

Mendelssohn's Gresundheit war von jeher eine schwächliche, 
durch angestrengtes Arbeiten in früher Jugend und unzuläng- 
liche Nahrung noch untergrabene gewesen. Doch erhielt er 
sie durch ausserordentlich regelmässiges Leben in leidUchem 
Zustand, bis die Aufregungen des Lavater'schen Streites ihm 
eine tiefeingreifende Nervenkrankheit zuzogen, die ihn 7 Jahre 
lang zu aUem Studiren unfähig machte. Die aufopfernde, treue 
Pflege seiner Frau und der zweimalige Besuch des Bades 
Pyrmont stellte ihn indess wieder her. So lebte er noch 
ziemlich rüstig bis zum Schluss des Jahres 1785. Aber der 
Tod Lessings und der sich in Folge dessen anspinnende Streit 
mit Jacoby regte ihn wieder zu tief auf. Am letzten Decembesr 
1785 brachte er das Manuscript seines letzten Worts in dieser 
Streitsache zu seinem Verleger Voss. Am Schluss dieser letzten 
Bogen, die er geschrieben, heisst es: „Ich glaube, es sei bei 
so bewandten Umständen durch Disput wenig auszurichten und 
also wohlgethan, dass wir auseinander scheiden. Er kehre zu 
dem Glauben seiner Väter zurück, bringe durch die siegende 
Macht des Glaubens die schwermäulige Vernunft unter Gehor- 
sam, schlage die aufsteigenden Zweifel, wie in dem Nachsatze 
seiner Schrift geschieht, durch Autoritäten und Machtsprüche 
nieder, „segne und versiegele seine kindliche Wiederkehr mit 
Worten aus dem frommen engelreinen Munde Lavater's." — 
Ich von meiner Seite bleibe bei meinem jüdischen Unglauben, 
traue keinem Sterblichen einen „engekeinen Mund" zu, möchte 
selbst von der Autorität eines Erzengels nicht abhängen, 
wenn von ewigen Wahrheiten die Rede ist, auf welche sich 
des Menschen Glückseligkeit gründet, und muss also schon 
hierin auf eignen Füssen stehn und fallen; oder vielmehr da 
wir Alle, wie Herr Jacoby sagt, „im Glauben geboren" sind, 

Die Familie Mendelssohn. L 3 



34 Moses Mendelssohn, 

so kehre auch ich zum Glauben memer Väter zurück, welcher 
nach der ersten ursprünglichen Bedeutung des Worts nicht in 
Glauben an Lehre und Meinung, sondern in Vertrauen 
und Zuversicht auf die Eigenschaften Gottes besteht. Ich setze 
das volle, uneingeschränkte Vertrauen in die Allmacht Gottes, 
dass sie dem Menschen habe die Kräfte verleihen können, 
die Wahrheiten, auf welche sich seine Glückseligkeit gründet, 
ohne Autorität zu erkennen, und hege die kindliche Zuver- 
sicht zu seiner Allbarmherzigkeit, dass sie mir diese Kräfte 
hat verleihen wollen. Von diesem unwankenden Glauben 
gestärkt, suche ich Belehrung und Ueberzeugung, wo ich sie 
finde. Und, Preis sei der seligmachenden Allgütigkeit des 
Schöpfers, ich glaube sie gefunden zu haben, und glaube, 
dass Jeder sie finden könne, der mit offenen Augen sucht, und 
sich nicht selbst das Licht verstellen will." — 

Auf diesem Gange zum Verleger erkältete er sich; die 
Sache schien zuerst unbedeutend, verschlimmerte sich aber 
schnell und am 4. Januar 1786 starb er. Sein Ende war, wie 
das fast aller seiner Nachkommen, ein schnelles, nahezu 
schmerzloses. Sein Arzt, Hofrath Marcus Herz, berichtet 
darüber:*) 

„Mittwochs des Morgens um 7 Uhr kam sein Sohn bestürzt 
zu mir und bat mich, sogleich zu seinem Vater zu kommen, 
der sehr unruhig wäre. Ich eilte hin und fand ihn auf seinem 
Sopha — sein Ansehn ward immer misslicher: und während 
ich in das benachbarte offene Zimmer zu seiner Gattin und 
seinem Schwiegersohne ging, ihnen seinen Zustand zu ver- 
kündigen und zu bitten, dass man mir einen Gehülfen riefe, 
hörte ich ein Geräusch auf dem Sopha; ich sprang hinzu, und 
da lag er, ein wenig von dem Sitze herabgesunken, mit dem 
Kopfe rückUngs — und weg war Athem, Puisschlag und 
Leben. Wir versuchten Verschiedenes, ihn zu ermuntern, 
aber vergebens. Er lag, ohne vorhergegangenes Eöcheln, 



*) s. seine Erzählung an Engel in dessen Vorrede zu der 
Schrift: „An die Freunde Lessings." 



Tod. 35 

ohne Zuckimg, ohne Verzerrung, mit seiner gewöhnlichen 
Freundlichkeit auf den Lippen, als wenn ein Engel um von 
der Erde hinweggeküsst hätte. Sein Tod war der so seltene, 
natürliche, ein Schlagfluss aus Schwäche. Die Lampe erlosch, 
weil es ihr an Oel gebrach; und nur ein Mann wie er, von 
seiner Weisheit, Selbstbeherrschung, Massigkeit und Seelenruhe, 
konnte bei seiner Konstitution die Flamme 57 Jahre brennend 
erhalten." — 

Die Theilnahme, als die Trauerkunde sich verbreitete, 
war eine allgemeine in ganz Deutschland. 



8* 



Joseph und Nathan Mendelssohn. 



Moses Mendelssohn Mnterliess 3 Söhne, Joseph, Abraham 
und Nathan, nnd 3 Töchter, Dorothea, Henriette und Recha, 
in wenig glänzenden Verhältnissen; er hatte nicht viel Ver- 
mögen sammeln können, und die Sorge um das Wohlergehn 
seiner Kinder trübte ihm noch die letzten Tage seines Lebens, 
Einige Zeit vor seinem Tode fand ihn einer seiner Freunde 
unter dem Baume vor seinem Hause sitzen und fragte ihn: 
^Was haben Sie, lieber Herr Mendelssohn? Sie sehen so be- 
sorgt aus?" — ^Ja,'' antwortete er, „ich bin es auch; ich 
denke daran, wie es meinen Kindern gehn wird nach meinem 
Tode, da ich ihnen nur wenig Vermögen hinterlasse." Und 
Joseph Mendelssohn, der älteste Sohn Moses', der dies in der 
kurzen, den gesammelten Werken seines Vaters vorgedruckten 
Biographie erzählt, fügt hinzu: „Wenn du verklärter Geist 
auf uns Erdenkinder herabsiehst, so wirst du dich überzeugen, 
dass Gott sich aller deiner Nachkommen angenommen hat, das» 
alle ein anständiges Auskommen haben und ein ehrbares Leben 
führen." — 

Moses Mendelssohn folgte der Entwickelung seiner Kinder 
mit aufmerksamem Auge; er freute sich ihrer guten Anlagen, 
der schönen Aussichten, die ihm in ihnen erblühten; er war 
aber kein blinder Vater, und erkannte auch ilire Fehler. Herz 
Homberg, der Hauslehrer bei Moses gewesen war, siedelte 
später nach Oestreich über; in den Briefen an diesen kommen 



Joseph Mendelssohn. 87 

häufig Nachrichten über die Kinder vor; so schreibt er über 
Joseph, den Aeltesten:*) Sie wollen wissen, wie es mit meinem 
Sohne, Ihrem Schüler steht? Ich muss Urnen sagen, dass ich 
mit seinem Fleisse zufrieden bin; er macht auch ziemliche 
Progressen. Wieviel er in diesem oder jenem Buche gelernt 
hat, darauf sehe ich so genau nicht; genug, er denkt, und 
denkt richtig und tief. Auch sein Geschmack fängt an sich 
zu bilden. Worüber ich zu klagen habe, ist das ünbiegsame 
in seinem Charakter, das Unsanfte in seinem ganzen Wesen, 
das ihn zwar nicht unsittlich, aber doch ungefällig macht, und 
auf sein künftiges Glück wenigstens eine schlimme Wirkung 
haben kann. Sie kennen ihn: er war immer von einer Ge- 
müthsart, die zehnmal eher bricht als biegt; und so ist er 
noch. Alle meine Bemühungen sind bisher ohne Wirkung. 
Er ist sogar sophistisch genug, gegen aUe seine Freunde die 
ihn (wiewohl sehr wider meinen Willen) zuweilen aufziehn, 
seine Schwachheit durch Gründe zu behaupten. Ich gebe fast 
die Hoffnung auf, ihn von dieser Seite gebessert zu sehen, 
wenn er nicht das Glück hat, einem Frauenzimmer zu Gefallen 
sich etwas mehr Gewalt anzuthun." — Und an einer andern 
Stelle:**) 

„Mein Joseph hat sein hebräisches Studium sogut als 
an den Nagel gehängt. Unglücklicherweise war er unmittelbar 
nach Ihnen einem Gelehrten in die Hände gekommen, der ein 
leerer Meister in der Disputirkunst war, und so sehr auch 
Joseph den Scharfsinn liebt und dem Disputiren ergeben ist, 
so hat er doch für die eigentliche ,, Haarspalterei"***) keinen 
Sinn. Es gehört, wie Sie wissen, eine ganz besondere Art 
des Unterrichts dazu, an dieser Geistesübung Geschmack zu 
finden; und wiewohl wir Beide diesen Unterricht selbst genossen 
haben, so kamen wir doch darin überein, dass Joseph lieber 
etwas stumpfsinniger bleibe, als dass man ihn in einer so un- 



*) Moses Mendelssohn's gesammelte Schriften. Bd. V. S. 670. 
**) A. a. 0. Bd. V. S. 673. 

***) So lässt sich wohl das im Original gebrauchte hebräische 
Wort wiedergeben. 



38 Joseph Mendelssohn. 

fruchbaren Art des Witzes übe. Der Missgeschmack den er 
also an dem Unterricht seines Lehrers fand, brachte ihm eine 
Abneigung gegen das ganze Studium bei. In den soliden 
Wissenschaften macht er übrigens gute Fortschritte, dringt 
tief ein, und schaut mit festem, forschendem Blick umher; 
thut aber niemals grosse Sprünge, wie von einem jungen, 
feurigen Kopf erwartet werden könnte. In Absicht auf seine 
künftige Lebensart haben wir noch nichts bestimmt. Ich bin 
noch immer ungewiss, wozu ich ihm rathen soU. Seine Talente, 
und guten Anlagen zu den gründlichen Wissenschaften lassen 
in diesem Fache etwas vorzügliches von ihm erwarten. Als 
Jude aber kann er blos Arzneikunst treiben, und zu dieser 
hat er weder Lust noch Genie. Ihn der Handlung zu widmen 
ist, wie mich dünkt, noch zu früh. Er mag also vor der 
Hand alles lernen, wozu er Lust und Trieb empfindet. Zum 
Kaufmann wird er dadurch wenigstens nicht verdorben. Er 
mache es allenfalls, wie sein Vater es hat machen müssen: 
stümpere sich durch, bald als Gelehrter, bald als Kaufmann, 
ob er gleich Gefahr läuft, keines von beiden ganz zu werden. 

So gern er übrigens denkt, und so richtig: so träge und 
langsam ist er zum Schreiben. Gut und gründlich ist Alles, 
was er aufsetzt. Er ergreift aber nur selten die Feder: nur 
alsdann wenn er etwas hört, oder selbst denkt, das ihm von 
Wichtigkeit scheint. Auch freundschaftliche Briefe gelingen 
ihm; aber er schreibt sie nur alsdann, wenn sich ihm neue 
Gedanken anbieten, die ihm fruchtbar scheinen. Die Uebung, 
seme Gedanken niederzuschreiben, wird in unserer besten Er- 
ziehung mehrentheils vernachlässigt. Mir selbst ist es 

noch allezeit Arbeit, so oft ich meine Gedanken in Schrift 
verwandeln soU. 

Meine übrigen Kinder schlagen alle vor der Hand so ein^ 
wie wir es vermuthet und grösstentheils gewünscht hatten 
„nicht lang und nicht kurz, nicht weise und nicht thöricht",*) 
bis auf meinen kleinsten Nathan, der sich den Weisen nennt, 
und dessen Weisheit noch vor der Hand darin besteht, dass. 



") Jüdisches Sprichwort. 



Joseph Mendelssohn. 39 

er von Swa Zuckerbrodt, von E. Samuel Pfefferkuchen und 
von der Köchin Hanna alle seine übrigen Bedürfnisse er- 
wartet." 

Der Erfolg hat gelehrt, dass Moses Mendelssohn Recht 
hatte, wenn er meinte, die wissenschaftliche Erziehung ver- 
derbe seinen Sohn nicht für den Kaufmannsstand. Nicht so 
richtig prophezeite er mit dem „Durchstümpern" und Schwanken 
zwischen Gelehrtem und Kaufmann. Joseph ergriff diesen 
Stand, voll und ganz; aus kleinen Anfängen heraus legte er 
den Grund zu dem noch heut seinen Namen führenden Bank- 
hause, und hinterliess dasselbe bei seinem Tode auf dem sichern 
Wege zu seiner jetzigen Bedeutung. 

lieber die äusseren Lebensschicksale der Hinterbliebenen 
in der ersten Zeit nach Moses Tode wissen wir nicht viel. 
Die ersten Jahre lebte die Wittwe noch in Berlin. Hier hatte 
auch Joseph bis zum Schluss des Jahres 1804 ein kleines Bank- 
geschäft, in dem nur zwei Commis beschäftigt wurden. Dem- 
nächst siedelte die Familie nach Hamburg über, wo sich Joseph 
mit seinem jungem Bruder Abraham associirte; das Berliner 
Geschäft wurde indess nicht aufgegeben. 

Abraham's Frau Lea schildert uns das Alter ihrer im 
Jahre 1812 gestorbenen Schwiegermutter als ein sehr glück- 
liches und rüstiges, üeber ihren Schwager Joseph spricht sie 
sich gleich nach ihrer Ankunft in Hamburg folgendermassen 
aus: „Sehr befriedigend kann ich Deine Frage nach den Be- 
kannten, die mir gefallen, beantworten ; da erhält bis jetzt un- 
streitig Joseph den ersten Preis. Dass er gescheut und angenehm 
in der Unterhaltung ist, weisst Du; nun versichere ich Dich 
aber, dass er in den paar Tagen, die ich ununterbrochen mit 
ihm gelebt, mein ganzes Herz gewonnen hat, so froh und 
freundlich, so gut und warm und heitern Geistes scheint er 
mir. Hm mit seinen schönen Kindern*) zu sehn, ist ein wah- 
res Vergnügen für mich; und nun ist er zuvorkommend und 
herzlich, wie man ihm nie zutraut; ist achtungswerth als 
thätiger, kluger Geschäftsmann und treibt nebenher Litteratur 



*) Alexander und Benny Mendelssohn. 



40 Joseph Mendelssohn. 

und Wissenschaften mit Eifer und Eegsamkeit. Auch scheint 
er mir sehr glücklich, was in meinen Augen eins der ersten 
Talente des Gemüths ist, wenn ich so sagen darf, d.h. 
von der Art Innern Glücks, das aus voller Lebenslust und 
Thätigkeit des Geistes, nicht aus Beschränktheit und Gedan- 
kenlosigkeit entsteht." — 

Während der Besetzung Hamburgs durch die Franzosen 
erregten Mendelssohns das Miss fallen derselben und mussten 
heimlich bei Nacht und Nebel in Verkleidungen die Stadt ver- 
lassen. Sie wandten sich nach Berlin, erweiterten dort 
das Bankhaus, aus dem Abraham später ausschied, und 
Berlin blieb fortan der Wohnsitz der Familie. Joseph 
beschäftigte sich bis zuletzt in seinen Mussestunden be- 
ständig mit wissenschaftlichen Gegenständen, und noch als 
Greis ergriff er manche ihm bis dahin unbekannte Zweige 
des menschlichen Wissens mit grossem Eifer und ruhte nicht, 
bis er sie sich zu eigen gemacht. Bestimmend wirkte wohl 
dabei auf ihn das universelle Genie A. v. Humboldt's ein, mit 
dem er bis an sein Lebensende eng befreundet war. Eines 
Tages kam Humboldt sehr verstimmt zu ihm und theilte ihm 
mit, er müsse ausziehn, sein Wirth habe ihm gekündigt, und 
sei ihm dies namentlich seiner vielen naturhistorischen Samm- 
lungen wegen sehr störend, deren Ein- und Auspacken unend- 
liche Arbeit verursache und nicht ohne Schaden abgehe. Jo- 
seph Mendelssohn hörte ihn ruhig an und sagte nichts, am 
Nachmittag aber erhielt Humboldt einen Brief von ihm, „er 
solle ungestört, solange er wolle, wohnen bleiben, er (Joseph) sei 
jetzt sein Wirth, er habe das Haus gekauft." — Derartige 
grossartige Züge seines Lebens Hessen sich mehrere anführen. 

Joseph hatte, wie sein Vater, das Glück eines schnellen, 
schmerzlosen Todes. Seine Nichte Eebecka, die zweite Tochter 
Abraham's, schrieb darüber den 2 6. November 1848 an die Familie: 
„Joseph Mendelssohn ist gestern früh gestorben; sein Ende war 
so beispiellos glücklich wie sein ganzes Leben. Nur wenige 
Tage war er krank, nicht einmal bettlägerig, Tags zuvor hat 
er sich noch mit Algebra beschäftigt, gelesen, die Nacht 
ziemlich gut geschlafen; der Husten, an dem er einige Tage 



Nathan Mendelssohn. 41 

litt, Hess nach, Morgens liess er sich ankleiden, ging allein 
nach seinem Lehnstuhle, und so, nach wenigen Minuten, ent- 
schlief er. Es war ein vorauszusehender Verlust, aber ein 
unersetzlicher; solche eigenthümliche bedeutende Männer wach- 
sen nicht viel nach; es gehörte auch sein reichbeglückter 
und bewegter Lebenslauf dazu, um ihn so auszubilden. Ich 
habe den alten Mann, wie Du weisst, sehr selten nur gesehen, 
und es thut mir doch gar zu leid, dass er nicht mehr unter 
uns weilt. Wir sind wieder bedeutend ärmer geworden, seit 
dieser stille, ganz in sich und den engen Kreis der Seinigen 
zurückgezogene Mann von seinem thätigen, rastlosen Leben 
geschieden.'' — 

Jene Zeilen Lea's, diese ihrer Tochter, beide gleich aner- 
kennend, geschrieben in so weit auseinanderliegenden Zeiten, 
geben ein schönes Bild eines langen, nützlichen, reich voll- 
brachten Lebens. 

Der jüngste Sohn Moses', Nathan, lebte abwechselnd in 
Schlesien und in Berlin, wo derselbe schliesslich eine kleine 
Staatsanstellung hatte; er überlebte seine Geschwister alle, 
und starb erst im Jahre 1852 schnell, und schmerzlos. Von 
seinen Nachkommen waren mehrere sehr musikalisch, ein Erb- 
theil, was vielen Descendenten Moses' beschieden war und ist. 



Die Töchter Moses Mendelssohns. 



Dorothea, die älteste Tochter Moses' (im Jahre 1765 in 
Berlin geboren), ist durch ihre Ehe mit Friedrich Schlegel 
allgemein bekannt. 

Ihr lebhafter Geist hatte sich durch die Anregung im 
elterlichen Hause und durch die Freundschaft mit Henriette 
Herz und der Eahel zu höherer Durchbildung und Voll- 
kommenheit, als es ihrem Geschlecht gewöhnlich zu Theil 
wird, entwickelt. Es war ein gefährliches Geschenk, nament- 
lich da Moses Mendelssohn, so weit er auch seiner Zeit und 
dem Standpunkt des Judenthums vorangeschritten war, doch 
eine nicht zu billigende Sitte desselben beibehalten zu haben 
scheint. Bei Eingehung der jüdischen Ehen wurde nämlich 
damals selten der zu verheirathende Mann, das Mädchen nie 
um seine Meinung gefragt; die Eltern bestimmten über das 
Schicksal ihrer Kinder mit unumschränkter Machtvollkommen- 
heit. Das mochte auch in der gewöhnlichen Gattung jüdischer 
Familien ganz gut gehn, da die geistige Entwickelung der 
Männer schon sehr unbedeutend, die der Weiber aber gänzlich 
Null war. Nun aber sollten die hochgebildeten Töchter 
Mendelssohn's, die grosse Ansprüche des Verstandes und Her- 
zens zu machen gelernt hatten, in derselben Weise an Männer 
^vergeben" werden, wie die Töchter des ungebildetsten Handels- 
juden. Es existirt ein höchst merkwürdiger Brief Mendels- 
sohn's, der auf seine Denkweise über diesen Punkt eüi helles 



Veit. Friedrich Schlegel. 43 

Licht wirft: Herz Homherg, der Erzieher im Mendelssohn'schen 
Hause gewesen war, ging nach Wien, verlobte sich dort, zeigte 
dies Mendelssohn an und schlug zugleich eine Verbindung eines 
Verwandten seiner Braut mit einer Tochter Mendelssohn's vor. 
In der Antwort heisst es: — „Sicherlich würden wir uns, 
meine Tochter und ich, und (wenn Sie es meiner Eigenliebe 
vergeben wollen) vielleicht auch E. und Sie sich wohl dabei 
befinden. Nur liegt ein Bedenken, eine Schwierigkeit im Wege, 

die wohl nicht leicht wegzuräumen ist. Eine Partlüe, 

die nicht Eigennutz zu Grunde haben soll, muss aus Neigung 
entstehn. So wie ich den rechtschafienen E. selbst kenne und 
durch Sie näher kennen lerne, halte ich ihn für edeldenkend 
genug, sich über alle Eingebungen des Eigennutzes zu erheben 
und aus Neigung zu wählen. Aber diese Neigung muss da 
sein, bevor sie wirken kann; muss gefühlt werden, wenn sie 
EntSchliessung zu Wege bringen soll. Sie iässt sich aber 
nicht voraussetzen, entsteht nicht aus Hörensagen, weiss nichts 
von Tradition oder Köhlerglauben, kennt nui' Evidenz der Sinne, 
und übrigens keine Versicherung, wenn sie auch durch AVunder 
und Zeichen bekräftigt wii'd; wie ein neckisches, launiges 
Mädchen ist sie grade da, wo Ihr sie am wenigsten vermuthet, 
und Iässt Euch vergebens warten, wo Hir auf sie Eechnung 
gemacht habt. Ihre Genealogie klingt zuweilen sehr sonder- 
bar, aber sicher ist sie noch selten aus Liebe zu des Vaters 
Weltweisheit entstanden. 

Da diese Theorie der Neigungen sowohl auf Erfahrung 
als auf Grundsätzen beruht, so möchte ich mir selbst nicht 
gern einen Gedanken in den Kopf setzen, der mich sehr schwin- 
delig machen könnte. In der That, ein Schwiegersohn wie E. 
wäre keine geringe Nahrung für meinen Stolz ! — Also hiervon 
für dieses Mal genug." — 

Mit welchen Gründen weist Mendelssohn den Vorschlag 
zurück? Sie wären vortrefflich, wenn sie von der Neigung 
des Mädchens handelten, aber der Vater des Mädchens spricht 
nur immer von der Neigung des jungen Mannes ! Seiner Tochter 
denkt er nicht mit einer Silbe. Es kommt gar nicht die Mög- 
lichkeit in Betracht, dass sie auch eine Individualität, eine Nei- 



44 Dorotbea Mendelssohn. 

gnng haben könnte; wenn nur der Mann sie mag, ihre Ein- 
\villigung versteht sich von selbst, und „sie würde sieb wohl 
dabei befinden." — 

Diese orientalische Anschauung des Weibes, als einer Sache 
gleichsam, rächte sieb an allen Töchtern Mendelssohn's. Doro- 
thea zuvörderst war in dieser Weise, ebenso wie ihre Freundin 
Herz, noch jung einem Manne vermählt worden, dem sie keine 
Neigung entgegenbrachte, einem jüdischen Kaufmann Veit. Es 
war ein durch und durch braver, guter Mann; aber er konnte 
ihr nicht die Schätze eines gelehrten und tiefen Geistes bieten, 
die Marcus Herz seiner Frau bot und die für Dorothea durch 
die Kreise, in denen sie ihre Jugend verlebte, ein Bedürfniss 
geworden waren. So blieb denn die Ehe, trotz der Geburt 
zweier Söhne, eine von Grund aus unharmonische und Dorothea 
suchte bei den Büchern und ausser dem Hause bei ihren Freun- 
dinnen Nahrung für ihren vielseitigen und leichtbeweglichen 
Geist. 

Da trat ihr — es war im Juli des Jahres 1797 — im 
Herzischen Kreise ein Mann entgegen, dem trotz seiner Jugend, 
— er war erst fünfundzwanzig Jahr alt, — schon ein litterarischer 
Ruf vorangegangen war, dem mannigfache Bildung, glänzender 
Witz und äussere Schönheit in ihren Augen grossen Reiz ver- 
leihen mussten — Friedrich Schlegel, der seinerseits sich auch 
zu ihr bald lebhaft hingezogen fühlte, obgleieh sie sieben Jahre 
älter als er und keine Schönheit war. 

Jemehr die Zuneigung zwischen diesen beiden echten Kindern 
der romantischen Zeit wuchs, umsomehr lockerte sich naturge- 
mäss das Band, welches Dorothea an Simon Veit knüpfte, und 
es gelang den vermittelnden Bemühungen der Freunde, Henriette 
Herz und Schleiermacher, (in den letzten Tagen des Jahres 
179S) die Scheidung zu Stande zu bringen. Ein eigentliches 
Zerwürfniss fand nicht statt: Veit bewies sich auch nach der 
Trennung immer gegen sie als edler Freund, während sie ihren 
Söhnen, die mit ihr lebten, eine treue, aufopfernde Mutter blieb. 
Der jüngste dieser Söhne war der im Jahre 1877 hochbetagt 
gestorbene, berühmte Maler Philipp Veit. 

Eine Heirath mit Friedrich Schlegel kam vorläufig noch 



Litterarische Thätigkeit. 45 

nicht zu Stande. Er schreibt nach der Trennung von Veit 
jubelnd an seine Schwägerin Caroline (Brief 120): „Freuen 
Sie sich, dass mein Leben nun Grund und Boden, Mittelpunkt 
und Form hat ; nun können ausserordentlicbe Dinge geschehen.*' 
Diese bestanden dann in der Hervorbringung des vielberufenen, 
von Schleiermacher vertheidigten Romans „Lucinde", in welchem 
er sieb in dem Julius, die über alles Geliebte in der Lucinde, 
der Titelheldin, darstellte. 

Vorerst führte er (im Oktober 1799) Dorothea seinem 
Bruder Wilbelm und dessen Gattin Caroline zu, die sie in Jena 
gastlich aufnahmen. Hier entzündeteAugust Wilhelm Schlegel, der 
alle Welt und namentlich seinen unproduktiven Bruder Friedrich 
zum Dichten antrieb, auch in Dorothea die Lust zum Schrift- 
stellern. Diese Thätigkeit schildert R. Haym, der verdienst- 
volle Geschichtschreiber der romantischen Schule, mit folgenden 
Worten : *) 

^Die arme Dorothea in der That, die mit so rücksichts- 
loser Entschlossenheit ihr Lebensschicksal an das ihres Freundes 
geknüpft hatte, wurde zur Dichterin, sie wusste nicht wie 
Li ihrem Gemüth lag vieles, was, wenn es mit schöpferischer. 
Kraft verbunden ist, den Werth der Musenkunst erhöhen mag. 
Sie war der selbstlosesten Hingebung, der aufopferndsten Treue 
fähig und hat Beides unter harten Prüfungen in dem Verhält- 
niss zu Friedrich, dem selbstsüchtigen, anspruchsvollen, nichts 
weniger als gutmüthigen Manne bewiesen. Ein starker Geist 
wohnte in diesem schwächlichen Körper, stark vor Allem im 
Stillhalten, im Dulden und Entsagen. Es ist rührend zu sehen, 
wie sie nicht bloss die geistigen Literessen, sondern, was schwerer 
ist, die Sorge ihres Freundes von ganzem Herzen theilt und 
seine Launen erträgt. Es ist ihr Stolz, ganz für den geliebten 
Mann zu leben, ihn zu entschuldigen und Alles zum Besten 
zu kehren. Als „Auslegerin und Ergänzerin« stellt sie sich 
zwischen Friedrich und Schleiermacher, immer bemüht, die 
drohenden Missverständnisse und Verstimmungen zu beseitigen. 
Erleichtert wird ihr die Rolle des Duldens durch die tiefste 



*)R.Haym: „Die romantische Schule." (Berlin 1870.) S. 663 ff. 



46 Dorothea Mendelssohn. 

Bescheidenheit und ebenso durch die unverwüstliche Heiterkeit 
ilires Gemüths. Von weichlicher Sentimentalität keine Spur. 
Dire Briefe, die früheren zumal, zeigen neben echt weiblichem 
Gefühl einen Schatz munterer Laune, der ihr nie versagt und 
den sie in allerlei Schalkheit, in unschuldigen Neckereien, zu- 
weilen auch in recht schnippischen Wendungen an den Mann 
bringt. Es muss hart kommen, wie es denn in späterer Zeit 
hart genug kam, wenn sie bitter und leidenschaftlich werden 
soll; dann meint man wohl zu sehen, wie sie die Nase rümpft 
und die Lippen auf wirft und es steht ihr das keineswegs gut; 
aber der hässliche Zug ist auch rasch wieder verschv/unden, 
die Regel ist, dass sie, um ihi-e eignen Worte zu brauchen, 
„auch unter Thränen sich des Lachens nicht enthalten kann, 
wo es nur irgend etwas Lachenswerthes giebt." Gewiss, sie 
thut sich selbst Unrecht, wenn sie einmal alles Misslingen 
Friediich's als ihr eigenes Verschulden auffasst, und dabei von 
der Disharmonie spricht, die mit ihi' geboren worden und die 
sie nie verlassen werde. Es war keine andere Disharmonie 
in ihr, als die, welche ein Weib wohl zuweilen beunruhigen 
mag, dass ihr Gefühl sich fortwährend mit einem männlich 
klaren Verstände abzufinden gezwungen war. Sie war die 
echte Tochter Moses Mendelssohn's. Ihre Offenheit und Wahr- 
haftigkeit, ihr gesundes Urtheil, ihr praktischer Blick, zusammen 
mit iliren sonstigen trefflichen Eigenschaften, machte sie Männern 
wie Fichte und Schleiermacher werth. Es ist gar merkwürdig, 
wie ihr strebender Geist sie mit der Gedankenwelt und den 
Einbildungen der Romantiker verwickelte und wie sie zwischen- 
durch doch für die unromantische Wirklichkeit, bis auf das 
Oekonomische herab, einen unbestochenen Sinn sich bewahrte. 
Gelegentlich kömmt eine Ahnung über sie, dass all' die ästhetisch- 
litterarischen Wichtigkeiten, die sie als Verehrerin Friedrich's 
eben auch wichtig nehmen muss, im Grunde blosse Nichtig- 
keiten seien. Sie möchte so gern in Friedrich einen Künstler 
sehen, aber recht lieb würde er ihr erst sein, wenn er sich als 
tüchtiger Bürger in einem echten Staate hervorthäte; das 
ganze Wesen und Wollen ihrer revolutionären Freunde scheint 
ihi- zum Litterarischen, zur Kritik und „alle dem Zeuge" wie 



Ihr Roman „riorentin". 47 

ein Eiese in ein Kinderbettclien zu passen, nnd ginge es nach 
ihr, so machten sie es wie Götz von Berlichingen, der die 
Feder nur ansetzte, um von der Arbeit des Schwertes auszu- 
ruhen. Sie sagt das dem Freunde Schleiermacher ganz dreist 
und offen, und wenn man andere Stellen ihrer Briefe liest, so 
stellt man sich leicht vor, wie oft sie mit herzlichem Lachen 
die überfeinen Eeflexionen Schleiermacher's unterbrochen, oder 
Friedi'ich's transcendentale Ironie über den Haufen geworfen 
haben wird, und wie sie dann ganz gewiss in beiden Fällen 
gegen die beiden wunderlichen Männer Recht hatte." 

GeschriftsteUert musste nun einmal im Schlegel'schen Kreise 
werden, und so machte sich denn Dorothee neben anderen Arbeiten 
auch an einen Roman, „Florentin". Haym sagt über denselben: 
„Nicht etwa, dass sie ein Seitenstück zur Lucinde zu liefern 
Willens gewesen wäre! Jeder Gedanke, sich mit dem „gött- 
lichen Friedrich" auf eine Linie stellen zu wollen, würde ihr 
ohne Zweifel wie ein Majestätsverbrechen vorgekommen sein. 
Der Verfasser der Lucinde war in ihren Augen ein Künstler; 
ihr war es genug, wenn es ihr gelang, ihm Ruhe zu schaffen 
und in Demuth als Handwerkerin Brod zu verdienen, bis er 
selbst es könne. Es war ein kindischer Triumph für sie, dass 
sie die Erste gewesen, die zur Zufriedenheit des Meisters Wil- 
helm einige Stanzen zu Stande gebracht, die sie ihrem Florentin 
in den Mund legte. Mit klopfendem Herzen und erröthenden 
Angesichts schickte sie die Aushängebogen des Romans, als 
endlich ein erster Band im Herbst 1800 fertig geworden, an 
Schleiermacher, und aUes Lob der Freunde konnte ihre beschei- 
dene Meinung nicht ändern. Sie fuhr fort, sich ihrer blauen 
Strümpfe ganz ernstlich zu schämen und über die vielen rothen 
Striche zu lächeln, die ihr Manuscript sich hatte gefallen lassen 
müssen, weil „immer der Teufel an den Stellen regierte, wo 
der Dativ oder Akkusativ regieren sollte." Das Liebste und 
Beste an dem Buch war in ihren Augen doch der Name Fried- 
rich's, der sich auf dem Titel als Herausgeber genannt hatte, 
und die beiden an sie gerichteten, auf sie bezüglichen Sonette 
desselben. — Sie hätte sich immerhin ein wenig mehr auf den 
humoristischen Taugenichts einbilden dürfen, denn Roman gegen 



48 Dorothea Mendelssohn. 

Roman gehalten, ist der Florentin in seiner bescheidenen Un- 
selbständigkeit ein hundertmal besserer Eoman, als die Lucinde 
mit ihrer anmasslichen Originalität." 

Während Dorothea so in litterarischer Thätigkeit leidliche 
Befriedigung fand, wurde ihr diese in ihrem häuslichen Leben 
sowohl durch Friedrich Schlegel's Launenhaftigkeit, als durch 
das immer unfreundlicher werdende Verhältniss zwischen ihr 
und Caroline, Wilhelm's Gattin, nicht in gleichem Masse zu 
Theil, Zerwürfnisse, bei denen der Löwenantheil der Schuld 
auf Letztere fällt. Der üble Einfluss dieser Frau ^vurde aber 
bald dadurch aufgehoben, dass sie sich von ihrem Gatten 
trennte, um den Philosophen Schelling zu heirathen, der zuvor 
ihre Tochter erster Ehe, Auguste Böhmer, gewählt hatte, sich 
aber, als diese starb, der Mutter zuwandte, und — abermals 
ein Zeichen jener Zeit — keineswegs mit seinem Freunde 
Wilhelm Schlegel deswegen zerfiel, sondern sie ungehindert 
heimführte. 

Friedrich Schlegel, dessen Arbeiten in Jena weniger 
glücken wollten, als die seiner Freundin, riss sich endlich (im 
Jahre 1802) aus den hemmenden Kreisen los und reiste mit 
Dorothea und deren Sohn Philipp Veit nach Paris, wo Doro- 
thea zum christlichen Glauben übertrat, und die Liebenden den 
Bund der Ehe schlössen. Hier widmete sich Schlegel mit Er- 
folg seinen indischen Studien, gab (1803) eine Zeitschrift 
„Europa" heraus, eröffnete ein Kollegium und sammelte einen 
Ki-eis um sich, von dem es in „Schmidt's Necrologen" heisst: 
„Friedrich von Schlegel lud seine deutschen Bekannten und 
Freunde Sonntag Abends zum Thee; öfters las er dann aus 
Shakespeare, oder ein Stück von Tieck vor, wo sich beim 
Zerbino u. a. 0. Gelegenheit fand, die Masken zu nennen und 
ergötzliche Kommentare zu machen. Er las ausserordentlich 
schön; dieses Lob lehnte er ab, und äusserte, nur Tieck lese 
ganz herrlich, zumal den Shakespeare; dies ist wahr, doch 
wenn man richten sollte, müsste man eingestehn, Tieck Ist der 
Erste in der Kunst, Schlegel in der Natürlichkeit des 
Vortrages. Es ging sehr angenehm in diesem Kreise zu. 
Dorotheas vorsorglicher, liebender Sinn wusste überhaupt die 



Häusliches Leben. 49 

Häusliclikeit ihres stillen, wohlgeordneten Lebens fretindlicli 
zu gestalten. Alles war traulich, heimlich, angemessen und 
wohlthuend um sie her. Musterhaft und angestrengt übte sie 
weiblichen Fleiss. Unbegreiflich ist's, wie sie noch Zeit zum 
Schreiben fand; allein sie, deren flinke, geschickte Hand Klei- 
der und Wäsche nähte, Strümpfe strickte und ausbesserte, und 
sich am häuslichen Heerde bemühte, war auch die Kopistin 
aller Schriften ihres Gemals und schuf fortwährend Schönes 
und Treffliches. Sie arbeitete damals an dem (nicht erschie- 
nenen) zweiten Theile des Florentin, schrieb für die „Europa" 
gediegene Aufsätze (diese sind mit D. unterzeichnet), über- 
setzte den Merlin in gedrängtem, trefflichem Auszuge, führte 
eine ziemlich starke Korrespondenz und fand noch Zeit, die 
merkwürdigsten Gegenstände der Kunst zu betrachten, bis- 
weilen Konzerte and Schauspiele zu besuchen, alles Neue zu lesen, 
die Abende durch Geselligkeit zu erheitern, durch Vorlesungen 
zu beseelen. Hinreissend schön las sie vor, doch stets nur 
im engsten Kreise und wenn Friedrich in seinem Zimmer ar- 
beitete. Vor Wenigen nur bekannte sie sich als die Verfas- 
serinn des Florentin und ihrer anderen Dichtungen und Schrif- 
ten. Sie war stolz darauf, dass ihre Sachen unter Schlegel's 
Namen erschienen, und äusserte überhaupt, dass Berühmtheit 
den Frauen nicht wohlthue, und dass sie jedes Glück und 
jeden Glanz nur von der Liebe erwarten und annehmen müss- 
ten. Sie war bald das Herz, bald die Hand, bald der Geist 
ihres Mannes, und nur sie selbst, um alles dieses recht schön 
und genügend zu sein. Sie stand in dieser Art ganz einzeln 
auf ihrer Höhe liebender Hingebung und Werkthätigkeit, und 
immer war sie stark, freudig und heiter, ihrer selbst mächtig, 
und für Andere vollhaltig da. dre Schwester Henriette, die 
Rahel in ihren Briefen „das Feinste und Tiefste nennt, was 
sie gekannt," hatte einen stilleren Zauber, einen gehalteneren 
Ernst, war wenig expansiv, und bedachtvoller auf alle Aeusser- 
lichkeiten, indess es innerlich vielleicht nichts Glühenderes und 
Reichhaltigeres, noch Zarteres gab, als sie." 

Die Pariser Zeit war der Glanzpunkt in Dorotheens Leben, 
aus dessen fernerem Verlauf nur noch anzuführen ist, dass 

Die Familie Mendessohu. L 4 



50 Dorothea Mendessolin. 

sie sammt ihrem Gatten und Solin Philipp auf der Rücki'eise 
von Paris in Kölln zur katholischen Religion übertrat. Später 
(1818 — 19) lebte sie bei ihren Söhnen, die sich der Malerei 
widmeten, in Rom, und verkehrte dort viel in dem Humboldtschen 
Kreise. Den Rest ihres vielbewegten Lebens brachte sie in 
Frankfurt a.M. zu, woselbst Friedrich Schlegel östreichischer 
Legationsrath bei der Bundestagsgesandtschaft geworden war 
und bis zu seinem Tode 1829 blieb. Sie starb im Jahr 1839. 

Moses Mendelssohn's zweite Tochter, Recha, wurde an den 
Mecklenburgischen Hofagenten Meyer verheirathet. Auch diese 
Ehe war keine glückliche und wurde nach einiger Zeit auf- 
gelöst. Recha gründete dann eine Pensionsanstalt für junge 
Mädchen in Altona und lebte später in Berlin in naher 
Beziehung zu ihrem Bruder Abraham. Sie war eine geistvolle, 
kluge, leider aber sehr kränkliche Frau. 

Die dritte Tochter, Heniiette, blieb unverheirathet, lebte 
in den ersten Jahi'en dieses Jahrhunderts in Wien, ging, wahr- 
scheinlich durch ihren Bruder Abraham veranlasst, nach Paris, 
und leitete hier ebenfalls eine Pensionsanstalt in dem grossen 
Garten des Fouldschen Hauses. 

Varnhagen v. Ense schildert ihr dortiges Leben im Jahre 
1810*) folgendermassen: „Nach dem vielfachen Tagesgewirr, 
und wenn weder Frascati noch eines der Theater besucht 
wurden, oft auch schon vom frühen Nachmittag an, gewährte 
mir ein Garten in der Rue Richer den traulichsten , be- 
ruhigendsten Aufenthalt. Dort wohnte in einem Gartenhause 
Henriette Mendelssohn, die sinnvolle, feingebildete Schwester 
der Frau v. Schlegel, und leitete eine Pensionsanstalt kleiner 
Mädchen. Sie selbst war unanselmlich , etwas verwachsen, 
aber dennoch eine Erscheinung, von der man sich angezogen 
fühlte, so sanft und doch so sicher, so bescheiden und doch 
zuverlässig war ihr ganzes Wesen. Sie hatte scharfen Ver- 
stand, ausgebreitete Kenntnisse, helles ürtheil und dabei die 
feinste Weltsitte, den erlesensten Takt. Mit der Litteratur 



*) Denkwürdigkeiten des eigenen Lebens von K. A. Varnhagen 
V. Ense. 3. verm. Aufl. 



Varnhageu bei Henriette Mendelssohn. 61 

^er Deutschen, der Franzosen und Engländer, zum Theil auch 
der Italiäner, war sie wohlvertraut und sprach das Französische 
und Englische wie eine Eingeborene. Bei solchen Eigenschaften 
konnte ilir ein edler Gesellschaftskreis nicht fehlen, den sie 
jedoch um ihres Pflichtberufes willen möglichst einzuschränken 
suchte. Als Frau v. Stael noch in Paris sein durfte, kam sie 
öfter zu Fräulein Mendelssohn, ebenso Benjamin Constant; 
Frau von Constant sah ich zuerst bei ihr. Mad. Fould, welche 
das Vorderhaus des Gartens bewohnte , fühi'te bisweilen ihre 
Gäste der angenehmen Freundin zu; Spontini sass hier ganze 
Abende mit uns im Mondschein und sann auf neue Lorbeeren, 
die er den durch die Vestalin jüngst gewonnenen Mnzufügen 
könnte, wenigstens schien er sehr zerstreut und nahm an den 
Gesprächen wenig Theil. Frau von Pobeheim brachte den 
Dänen Heiberg mit, der durch Talleyrand im auswärtigen 
Ministerium angestellt worden war, aber Müsse genug behielt, 
um vorzugsweise der Litteratur zu leben. Auch Frau von 
€hezy und Frau von Quandt, beide aus Berlin, sah ich hier 
zum ersten Mal. Humboldt stand, wenn auch jetzt etwas 
entfernt, in bestem Andenken ; Koreff und der Baron Drieberg 
erschienen seit einiger Zeit selten ; desto häufiger der Ritter 
von Eskeles, der früher in Wien um die Hand der liebens- 
würdigen Erzieherin geworben hatte und noch jetzt ihr mit 
Neigung zugewandt war. 

Hier fanden oft merkwürdige Unterhaltungen statt; die 
deutschen und französischen Ansichten, welche meist keine 
Vermittelung zuzulassen schienen, empfingen sie unerwartet 
durch die glückliche üebersetzung , welche Fräulein Mendels- 
sohn ihnen zu geben wusste, und wobei gerade die Worte am 
wenigsten übersetzt werden durften. Hier wurde der Inhalt des 
noch unter der Presse befindlichen Buches der Frau von Stael 
über Deutschland im Voraus erörtert, und ich erliielt darauf im 
tiefsten Vertrauen die Aushängebogen desselben ausgeliefert, 
die ich wohl mit Spannung, aber auch mit Missbehagen und 
zum Theil mit Unwillen las, indem ich einseitig und ungerecht 
nicht erwägen wollte, was und wie das Buch in Frankreich 

wii'ken müsse, sondern nur wiefern es für uns das Deutsche 

4* 



52 Henriette Mendelsohn. 

wiedergäbe. Bisweilen traten auch, wenn der Boden sicher 
war, die politischen Meinungen ohne Scheu hervor, und da 
war es merkwürdig, welche Kenntniss der geheimsten Ver- 
hältnisse und Thatsachen hier von stillen Privatpersonen oft 
überraschend dargelegt wurde, eine Kenntniss, nach welcher 
ich die Diplomaten nicht selten mit äusserster Anstrengung 
und doch vergebens jagen sah. Die näheren Ursachen der 
Entlassung Fouche's, die Eänke des nachher so berüchtigten 
Ouvrard und was sonst damit zusammenhing, alles wurde hier 
in grösster Genauigkeit mitgetheilt. 

Lieber als die gesellschaftlichen Abende waren mir die^ 
einsamen, wo ich Fräulein Mendelssohn ganz in ihrer Häus- 
lichkeit traf, und in deutscher Sprache nur deutsche Gegen- 
stände besprochen wurden. Die Fenster ihres Salons waren 
von aussen mit Weinlaub dicht überkleidet, welches zugleich 
der Sonnengluth wehrte und die Abendkühle milderte; hin- 
ter solchem Vorhange sassen wir auf dem niedrigen Fenster- 
brett bisweilen stundenlang, und riefen die theuren Bilder des 
Vaterlandes hervor, die gemeinsamen Freunde und Bekannten, 
deren sich immer mehr fanden, die uns liebsten Erscheinungen 
der Poesie und Kunst, und oft auch wurden die höchsten An- 
liegen der Menschen der Stoff unserer Betrachtung. 

Fräulein Mendelssohn huldigte durchaus der Vernunft 
und wies alle anderen Quellen der Erkenntniss entschieden zu- 
rück. Ihre Liebe zu Frau von Schlegel war getrübt, seit 
diese mit ihrem Manne katholisch geworden war; sie hatte 
Eechenschaft über diesen ihr ganz unbegreiflichen Schritt von 
der Schwester gefordert und nicht erhalten, sondern nur die 
eifrige Mahnung, sich ebenfalls der römischen Kirche in die 
Arme zu werfen, eine Zumuthung, welche nur mit Unmuth 
verlacht und ein für allemal verbeten worden. Ich musste 
genau erzählen, was ich von den Neubekehi'ten wusste, wie 
ich mir die Sache vorgegangen dächte, welche Erklärungen 
sich dafür annehmen Hessen, denn dass ein Geist wie Friedrich 
von Schlegel sich blindlings dem Glauben der römischen Kirche 
ergeben könne, schien so wenig möglich, als ihm bloss irdische 
Triebfedern Schuld zu geben." 



Wird katholisch. 53 

In diesem anmuthigen Heim lernte der General Sebastian! 
Henriette Mendelssohn kennen nnd vertraute ihr die Erzie- 
hung seiner Tochter Fanny an. Hier traf sie Vamhagen 1814 
wieder und berichtet darüber:*) 

„Henriette Mendelssohn glaubte ich mit ihrem Zögling, der 
Tochter des Generals Sebastiani, in der Normandie, ich fand 
sie aber unvermuthet, als ich gerade zu Metternich gehen wollte, 
der im Sebastianischen Hotel wohnte. Mit ihr war durch den 
Eintritt in dieses Haus eine grosse Veränderung vorgegangen, 
sie war katholisch geworden, nicht eigentlich schon im Besitz 
eines festen Glaubens, aber voll Hoffnung ihn zu erlangen, und 
so traten die äusseren Ereignisse, wie gross sie auch sein mochten, 
ihr sehr zurück gegen die inneren, mit denen sie täglich zu 
kämpfen hatte. Ich konnte ihr von keinem Tröste sein, im 
Gegentheil mehrte ich nur ihre Unruhe, denn sie sah mich 
grade so reich, als sie geworden war, ohne dass ich in dieser 
Eichtung reicher zu werden begehrte, was allerdings ihr Fall 
war, und wenn ihr dies zu werden gelang, so sah sie voraus, 
dass sie mich würde verwerfen müssen, was sie nur eben jetzt 
noch nicht durfte, da sie eingestandener Weise das mir Fehlende 
auch erst zu erringen hoifte. Eine wunderliche Verwirrung, 
in der aber doch mehr Unbequemes als Unterhaltendes war, 
und die unsem Umgang etwas ermatten liess." — 

Möge nun diese Schilderung des Seelenzustandes der Neu- 
bekehrten etwas gefärbt sein, oder nicht, soviel steht fest, dass 
Henriette den Frieden, den sie in der neuen Religion suchte, 
auch fand, und dass sie als überzeugungstreue Katholikin lebte 
und starb, ohne von den unangenehmen Eigenschaften, die so 
manchen Konvertiten oft anhaften, das mindeste angenommen 
zu haben. Ueber ihre Erlebnisse im Sebastianischen Hause, 
in dem sie bis zu Fanny Sebastiani's Verheirathung im Jahre 
1824 blieb, geben ihre vielen, an die Mendelssohn'sche Familie 
gerichteten Briefe Auskunft. 

„Glänzendes Elend" kann man das Leben nennen, welches 
sie führte. Fanny Sebastiani war eine reiche Erbin, scheint 



*) a. a. 0. Th. IV. S. 137. 



64 Henriette Mendelssohn. 

aucli ein gut geartetes, williges, aber im Grunde wenig bean- 
lagtes Kind gewesen zu sein; doch mit welcher Aufopferung 
widmete sich Henriette dem undankbaren Geschäft, diesem 
magern französischen Boden duixh deutschen Fleiss einiger- 
massen lohnende Früchte abzugewinnen. Der Anfang freilich 
lautet ganz erfreulich in einem Brief an ihre Schwägerin Lea : 
„Herr R. wird Euch gesagt liaben, dass er mich in einem der 
prächtigsten Hotels von Paris besucht hat und aus einer der 
schönsten Equipagen hat steigen sehn. Dies und noch weit 
melir ist Alles sehr wahr und ich versichere Euch, liebe 
Schwestern, es ist garnicht dumm, so die Dame zu spielen, 
nur fällt mir auf eine sehr unbequeme Weise immer ein ge- 
wisses Lied meiner Grossmutter ein: „Wenn's immer so wäre!" 
— Unterdess geniesse ich dankbar, bis es anders wird. Das 
Beste, was ich jetzt besitze, das ganz wunderbare, unendlich 
liebliche Kind, und das unumschränkte Zutrauen ihres Vaters^ 
dessen er mich unausgesetzt noch in seinen Briefen versichert^ 
kann mir nur der Tod rauben, und vor dem müssen wir uns 
freilich beugen. — Erinnern Sie sich der Champs Elysees und 
der schönen Hotels im Faubourg St. Honore, die ihi-e Gärten 
nach diesen Champs Elysees haben? Nun, ein solches bewohne 
ich, und zwar Wand an Wand mit dem Kaiser, der im Elysee 
wohnt. Du, lieber Abraham,*) wirst Dich selbst des Hauses 
erinnern, es hat vor Zeiten der Marquis de Gallo darin ge- 
wohnt. Es ist aber revu et corrige^ der General hat es aufs 
Prächtigste und zugleich Geschmackvollste meubliren lassen 
und eine schöne Gemäldesammlung angeschafft. In diesem 
Hotel nun bewohne ich im 2. Stock eine Suite von 4 Zimmern, 
die aUe die Aussicht nach den Champs Elysees und unendlichen 
daranstossenden Gärten haben. In allen diesen Zimmern ist 
beständig Kaminfeuer, sehr komfortable Fussteppiche und alles, 
was man zur Gemüthlichkeit wünschen kann. Zu meiner und 
des Kindes Bedienung haben wir eine Köcliin, die ich aus 
meinem Hause mitgebracht, zwei Kammerfrauen und einen 
Bedienten. Wagen und Pferde auf des Generals ausdrücklichen 



*) Der zweite Sohn Moses Mendelssohn's. 



Erzieherin bei General Sebastiani. 65 

Befehl bloss zu meiner Disposition. — Ich habe meine eigene 
Wii-thschaft (vtIq Mama das Wort Haushaltung immer nennt) 
und der Intendant bezahlt, was ich dafür ausgebe. Aus dem 
Benehmen selbst dieses Intendanten sehe ich, wie der General 
mich behandelt wissen will. Was ich nur wünsche oder nöthig 
glaube, ist wie hergezaubert da. Kurz, ich wiederhole Euch, 
es ist nicht möglich, ehrenvoller und schmeichelhafter behandelt 
zu werden, als mir hier widerfährt. Und ich bin ganz Deiner 
Meinung, lieber Joseph, dass diese Behandlung und die Meinung 
des Vaters trotz aUem übrigen Guten doch das Beste ist. Auch 
die Mutter überhäuft mich mit Protestationen — kurz, es geht 
ganz gut, und wenn mir der AUmächtige das Kind erhält, 
und mir gewährt, es trotz der leichtsinnigen Umgebung gut, 
fromm und einfach zu erziehen, so wiU ich meine Bestimmung 
segnen! — Gut ist es, dass ich mich von jeher zur Einsamkeit 
gewöhnte, denn freilich verlebe ich die Abende ganz allein, 
und von dem, was man gewöhnlich Vergnügen nennt, kann 
die Eede nicht sein, da ich sie nicht verlasse und sie auch 
nicht zu solchen Dingen gewöhnen will. Aber diese Zurück- 
gezogenheit kommt bloss den andern Leuten sehr traurig vor, 
mich erschi-eckt sie nicht, ich weiss nicht, was ich dieses 
Kindes wegen nicht thäte, so unaussprechlich lieblich ist sie! 
Dein Bild, lieber Abraham, hängt an meinem Bette, und da 
habe ich ihr einen Morgen erzählt, dass Du auch eine Fanny 
habest, nun fragt sie mich jedesmal beim Aufwachen, wie sich 
Deine Fanny befindet, und sendet Deinem Bild Grüsse zu. — 
Ich habe nie em schöneres, von Geist und Gemüth ausge- 
zeichneteres Geschöpf gesehen, als dieses! Freilich kann ich 
mir auch das Zeugniss geben, dass W^enige dies Kind so ver- 
stehen wie ich, obgleich sie von Allen auf Händen getragen 
wird, aber bloss unter memen ist sie in den wenigen Tagen 
— aufgeblüht möchte ich sagen. Gott erhalte sie mir!" 

Jedoch einige Jahre später schreibt sie der Schwägerin: 
„Fanny liebt Sie und die Ihrigen zärtlichst und denkt in Liebe 
der Kinder. Sie wird täglich schöner, besser und bedeutender, 
wenn auch nicht unterrichteter; was hilft das aber? Ich sehe 
die sog^annte grosse. Welt mit ihren verderblichen Forderungen 



56 Henriette Mendelssohn. 

und Versprecliungen wie eine gewaltige Schneelawine näher 
kommen und alles mühsam Erreichte und Gepflanzte in einem 
Moment zerstören." — 

In dem Kampf mit allen möglichen derartigen Einflüssen, 
verging Henriettes Leben, und schliesslich hatte sie doch mit 
jenen Worten einen leider nur zu prophetischen Ausspruch 
gethan: sie bewahrheiteten sich auf das Schrecklichste. 

In einem andern Brief heisst es: ^Fanny hat auf ihre Weise 
an Fanny Mendelssohn geschrieben; es ist nicht viel an dem 
Briefe, üeberhaupt ist die einzige Virtuosität dieses Mädchens 
das eigentliche Sein. Ihr Gemüth, ihre Manier sind liebens- 
würdig; aber sie ist ganz ohne Talent und Neigung zum 
Lernen. Sie bedürfte Ihres Unterrichts, liebe Lea, ich bin zu 
ungeduldig und regellos.'' — Es wurde immer stiller um 
die Beiden. „Ich weiss nicht, was Sie aus meinem Leben inter- 
essiren könnte, ich habe den Winter über sehr einsam und 
eingezogener als je gelebt, ich bin nicht zweimal in sechs 
Monaten in Gesellschaft und noch weniger im Theater ge- 
wesen, und nun lebe ich hier (in Viry, einem Dörfchen nahe 
bei Paris) mit Fanny unter Blumen, Blüthen, Bäumen und 
Wasserfällen ein sehr einsames, aber doch vergnügliches Le- 
ben, von dem sich nur nicht viel sagen lässt, denn es bleibt 
doch wahr, bloss Menschen sind den Menschen wichtig , in der 
sinnlichen Natur ist alles Uebrige blosse Zugabe. ** — 

Eine Unterbrechung in dies einförmige Leben und das 
fast ausschliessliche Zusammensein mit einem unentwickelten, 
trägen Kinde — denn dass sie das war, wird doch allmälig 
auch dem liebenden Gemüth ihrer Erzieherin klar — brachte 
1819 die Anwesenheit ihres geliebtesten Bruders Abraham in 
Paris, die sie in vollen Zügen genoss, und namentlich eiue 
Eeise, die dieser mit ihr nach Havre machte: „Ich habe meiner 
eigenen Lust und Ihres Gemahls ausgezeichnetem Eeisetalent 
nicht widerstehen können, und so ist aus einer Fahrt von 4 
Stunden, die ich ihm vorgeschlagen, während Fanny S. auf 
14 Tage mit ihrem Vater zu Leuten gegangen, wo ich meine 
Gegenwart nicht nöthig hielt, eine Eeise von 8 oder 10 Tagen 
geworden, die mir, da ich seit ebensoviel Jahren nicht weiter 



Besuch ihres Bruders Abraham. 57 

als etwa 4 lieues von Paris mich entfernt, als das grösste 
Unternelimen vorkommt, das seit Columbus selig gemacht 
worden ist! Wir sind nun wirklich in Havre, haben das Meer, 
und Ebb' und Fluth, und grosse und kleine Schiffe von Innen 
und Aussen gesehen, und bewundert, und wo uns nur irgend 
etwas gefiel oder üi Erstaunen setzte, war es Abrahams und 
mein stiller Wunsch, es Ihnen und den Kindern zeigen zu 
können. Aber seien Sie ruhig, liebste Lea, mir ist dieser Wunsch 
nicht über die Lippen, wenn auch oft üi die Seele gekommen, ich 
begreife Ihre Liebe zur ungestörten Ruhe, und kann es nur be- 
dauern, dass Ihnen darüber so mancher Genuss entgeht, und be- 
sonders, dass Sie Abrahams Reise-Liebenswürdigkeit so brach 
liegen lassen, es ist nicht möglich, artiger, gütiger, geduldiger, 
und gleicherer Laune zu seiii, ich setze nämlich voraus, dass er 
Ihre Briefe pünktlich erhält, denn entfernt von Urnen scheint 
es, dass ihm diese Briefe ein Lebens- und Liebesbedürfniss 
sind. Bei unserer Ankunft gestern hat er einen vorgefunden, 
und nun bleibt er nui- deshalb noch den morgenden Tag hier, 
um sicher zu sein, Ihren nächsten Brief nicht zu verfehlen, 
denn es geht übermorgen zurück nach Paris, wo ich denn in 
Viry an Allem was ich jetzt sehe, mich noch lange erfreuen 
will. Haben Sie schon ein grosses Schiff gesehen? Ja, ich 
erinnere mich, dass Sie in Hamburg waren, also können Sie 
mich verstehn, im Fall Sie auch nicht meiner Meinung sind, 
wenn ich Ihnen sage, dass ich bei aller Bewunderung, die ich 
dem menschlichen Geist nicht versagen kann, wenn ich sehe 
wie er dieses furchtbare Element betrügt, bekämpft und re- 
giert, doch eigentlich wenig dabei fühle; das kletuste Gedicht 
von Göthe rülirt mich mehr, und macht mich stolzer auf die 
Menschheit. — Das wirklich Erhabene ist das Meer und seine 
Wogen, dieser Ernst und diese Kraft, wenn die WeUen sich 
am Ufer mit Getöse brechen, sind erschütternd, und ziehen 
mich mehr an, als das schmutzige und störende Gewimmel und 
Getümmel auf den Schiffen. Es neigt sich mein Gemüth immer 
mehr und mehr zur Stille, — es will Abend werden." — 

Vom Jahr 1820 ab war es nicht mehr so einsam im 
Haus, aber leider verlor Henriette eher bei der Veränderung, 



5S Henriette Mendelssohn. 

als dass sie grewajin. „Ich sitze hier mit dem lang^weilig-sten 
stupidesten Menschen von allen, die auf diese Weise das Leben 
diuvhziehn, ganz allein an einem langen Winterabend; wie 
ich aber nach einem so verlebten Abend, wo nicht einmal 
Fanny zu Haus ist, Geist und Leben zu einem Brief an Sie, 
liebste Lea, hernehmen soll, das weiss ich selbst noch 
nicht: ich ^viU auch gai'nicht überlegen fa7d pü pour vousf 
Sie werden mich denn doch leicht los, es ist nur ein Brief, und 
man kann ihn bei Seite schieben, er geht doch nicht den ganzen 
Abend im Zimmer auf und ab, speit nicht, schnarcht nicht 
beim Athemholen wie mein Xebenmensch, mein täglicher 
Gesellschafter seit 2 Monaten und vielleicht auf 5 Jahre, denn 
es ist ein Deputii'ter! — Sie sehn, ich leide für die gute 
Sache! — Wenn es aber unter den 3 konstituirten Gewalten, 
aus denen die repräsentative Monarchie besteht, viele solcher 
Käuze giebt, so ists warlich schlimm, und ich für mein Theil 
zöge dann die Türkei oder jeden andern Despotismus vor." 
Und in einem andern Brief heisst es: „Hir in Eurer paradie- 
sischen Künstlerwelt lebt so vergnüglich, während die innere 
und äussere Politik hier mit der bekannten fi-anzösischen Leb- 
haftigkeit, und mit dem grössten Lärm als das einzig wichtige 
behandelt wii-d. Freilich, wenn ich hier sage, so gilt das 
bloss dem Cii'kel, oder bestimmter zu reden dem Hause, dem 
Zimmer, in dem ich lebe. Wir hören von nichts anderem, als 
sogenannter Politik, und sehn bloss eine gewisse Anzahl De- 
putirter, recht eigentliche Repräsentanten der Langeweile. Es 
wird viel hin und her gesprochen, wobei ich mich nicht ent- 
halten kann Fanny zu bedauern, dass ihr Knospenalter unter 
diesen Gesprächen vergeht, und für mich selbst die Achseln 
zu zucken, wenn alles doch darauf hinausläuft, dass die Her- 
ren im Spiegel der Zeiten immer nur ihr eigenes Bild sehn. 
Und diese sind noch die Besseren, denn der Eigennutz ist 
noch ein schlechteres Motiv als die Eitelkeit." — Dai-an schliesst 
sich ein allerliebstes weibernes Glaubensbekenntniss : „Ich sehe 
ans Ihien ernsthaften Ermahnungen und Auseinandersetzungen, 
dass Sie meine Neckereien, die eigentlich Mendelssohn allein 
betrafen, missverstanden, und. mich wenigstens tur eine Jako- 



Sommeraufentbalt bei Paris. 69 

binerin haltend, die jedem Fürsten und Grafen den Hals um- 
drehen möchte, sich mit den besten Gründen gegen meinen 
Liberalismus vertheidigen. Wie sehr bedaure ich, dass ich 
Ihren Brief nicht allen denen hier verständlich machen kann, 
die meinen vermeintlichen Hang zu den Ultra's tadeln. Eigent- 
lich sind aber beide Beschuldigungen gewissermassen begründet, 
denn ich mache es wie Praxiteles mit seiner Venus, ich nehme 
von jeder Parthei was mir gefällt, und bilde mir daraus so 
eins Politik fürs Haus, zum eigenen Gebrauch; zu dieser ge- 
hört es aber auf keine Weise, persönlichen Werth in höheren 
Ständen nicht gelten zu lassen. Gute, gebildete, geistreiche Men- 
schen sind selten, aber gewiss haben bis jetzt die höheren 
Klassen, schon durch ihre Sicherheit im Leben einen Schritt 
vor uns anderen voraus; freilich geschieht es auch wohl, dass 
sie eben auf diesem Punkt stehen bleiben, und gamicht umher 
sehn, wer an ihnen vorübereilt, sondern sich noch immer die 
Ersten dünken." — 

Nach diesen langweiligen Wintern war es denn freilich 
eine Erholung, wenn sie in den Sommern wieder aufs Land, 
in die Einsamkeit gingen, und Henriette geniesst es mit echt 
deutschem Sinn: „Ich bin," schreibt sie 1821, „seit 3 Wochen 
mit Fanny auf dem Lande, zwar in der völligsten Abgeschie- 
denheit, aber auch im ungestörtesten Genuss des poetischesten 
Frühlings, den wir noch erlebt! Alles, was man in spanischen 
Eomanzen von Blumen, Vogelgesang, blinkendem Thau und 
funkelnden Sternen liest, das haben und gemessen wir in ganzer 
Fülle! — Wir bewohnen ein kleines freundliches Landhaus 
von duftenden Gewächsen und schattigen Bäumen umgeben, 
es liegt nah genug an der Seine, dass wir bald die reizenden 
Ufer zu unserm Spaziergang wählen, bald auf dem Fluss selbst 
den Sonnenuntergang erwarten. Eechnen Sie nun dazu, Liebe, 
dass ich in diesem Augenblick vielen sehr unangenehmen 
Familienscenen in Paris entgehe, dass Fanny sich in dieser 
Einsamkeit nicht missfällt, und Sie werden es gerne glauben, 
dass ich kaum einen andern Wunsch noch habe, als mit Urnen 
und Euch aUen, die Ihr mir so Heb seid, mein Vergnügen 
theilen zu können. Ich breche keine Blume, ohne an meoi 



60 Henriette Mendelssohn. 

Beckchen*) zu denken, das Klavier erinnert micli an den 
herrlichen Genuss, den die Kinder verschaffen würden, nnd 
der Mangel an vernünftiger, geistreicher Unterhaltung lässt 
mich die Eltern doppelt vermissen. — Fanny hat eine gute 
Stimme, aber Gott weiss, sie singt im Schweisse meines An- 
gesichts, denn sie ist von Grund aus unmusikalisch, und zu- 
gleich so träge und ungeduldig, dass es einem recht guten 
italienischen Singlehrer, den ich ihr gegeben, nicht gelingen 
würde, etwas aus ihr zu bilden, wenn ich nicht durch ewig 
wiederholtes Bemühen nachhülfe." — 

War jene Havrereise mit ihrem Bruder eine wirkliche 
Erfrischung gewesen, so kann man dies weniger sagen von 
einer im Jahre 1823 mit General Sebastiani und Fanny unter- 
nommenen nach der Provence: 

„Freunde und Badegäste bedauerten uns, eben in der 
heissesten Jahreszeit eine Reise nach dem brennenden Süden 
zu unternehmen, und diejenigen, welche das Land und meine 
Neigung für schattige Spaziergänge, stille Ruheplätze, und 
reine, milde Luft kannten, machten mich ganz bange durch 
Beschreibungen, die jenen Thümm eischen sehr unähnlich waren; 
desto ähnlicher waren sie aber der Provence, die ich nun, 
freilich zur ungünstigsten Zeit gesehen. Noch hat mir von den 
Ländern, die ich kennen gelernt, keines so missfallen als diese 
Provence mit ihren traurigen Olivenwäldern, entlaubten Maul- 
beerbäumen, die einem die nackten Zweige entgegenstrecken, 
seinen kahlen Felsen, und dem verdorrten Boden, auf welchen 
die Granathecken wie zur Strafe hingebannt scheinen. Während 
Sie nun auf diesem staubigen Boden fortrollen und das un- 
erfrischte Auge vor der brennenden Sonne verschliessen, wird 
Ihr Ohr unaufhörlich durch das betäubende Geschrei riesenhafter 
Heuschi^ecken beleidigt, die auf beiden Seiten der Heerstrasse 
ihr Wesen treiben, und mich, als wäre es eine vermehrte 
Auflage der pharaonischen Plage recht eigentlich zur Ver- 
zweiflung brachten. So ging es bis zum Pont du Gard vor 
Nimes. Hier meine Liebe bin ich geneigt, den St. Preux zu 



*) Eebeeka, die zweite Tochter Abraham Mendelssohn's. 



Keise in die Provence. 61 

parodiren, sein Anruf an den Schöpfer ^^javaü une äme pour 
la doideury donne% m'en une pour la felicite'''' kommt mir in den 
Sinn. Ich habe wohl Ausdrücke finden können, Ihnen mein 
MissfaUen an dem französischen Afrika zn schildern, aher es 
ist mir ganz unmöglich, Urnen von diesem der Ewigkeit 
trotzenden Monumente und der von der Natur so reich ausge- 
statteten Wildniss in welcher es die Römer hingezaubert etwas 
anders zu sagen als — es ist unbeschreiblich, und von einem 
Eindruck, der sich mit nichts vergleichen lässt. Dieses Monu- 
ment allein ist die Reise schon werth, obgleich auch das 
Amphitheater in Nimes sowie die übrigen dort befindlichen 
Alterthümer die Seele mit staunender Bewunderung für jenes 
Riesenvolk erfüllen — aber freilich — tritt man heraus, aus 
jenen ernsten erhabenen Steinmassen, so wird man peinlich 
gestört, sowohl durch den Anblick der schlechten dürftigen 
Wohnungen des jetzigen Geschlechts, als durch die wilden 
brutalen Züge des Volks selbst, unter welchem die, in unsem 
verhängnissvoUen Zeiten so berüchtigten Mörder ganz ruhig, 
obschon bekannt, leben, und die jedem Hasse, jeder politischen 
Meinung, die ihnen Gold bietet, zu Gebote stehn. — Wie ganz 
anders ist es beim Pont de Gard! Da rauscht der Bergstrom 
noch wie vor 2000 Jahren, da ranken Feigen- und Granatbäume 
am Felsen hinan, und schlingen sich zwischen den Arkaden 
und Säulen hindurch wie die unermüdliche Natur es ihnen nach 
2000 Jahren noch gebieten wird. 

Aber, Liebe, zu meinem Schrecken werde ich gewahr, dass 
auch ich noch 2000 Jahr dauern müsste, um diesen Brief zu 
endigen, da ich auf der fünften Seite erst in Nimes bin! Seien 
Sie aber unbesorgt, ich wiQ Ihnen nur geschwind noch zwei 
Erfahrungen mittheüen, die ich von dieser Reise mitgebracht, 
dass nemUch das Klima, in welchem wir geboren, möge man 
es auch noch so früh mit einem andern vertauschen, unsere 
Sinnesart modifictrt und unbesiegbare Rechte auf uns erhält, 
zweitens, dass die ächte, wahre, rein moralische, religiöse und 
philosophische Büdung, die aUein doch nur den Namen der 
Civüisation verdient, bloss im Norden zu Haus ist — und nun 
führe ich Sie schnell über Marseille, wo ^^'il' 8 Tage verweüten, 



62 Henriette Mendelssohn. 

und Avignon, wo wir die Fontaine de Vaucluse — nicht ge- 
sehen, nach Paris zurück, wo wir nun leider! den Eest des 
Sommers ausharren müssen." — 

Nun aber nahte eine wii'klich tragische Epoche für die 
Arme: Fanny Sebastian!, eine sehr reiche Erbin, kam in das 
heii-athsfähige Alter, und ilire treue Erzieherin, die Jahre und 
Jahi-e mit liebender Sorgfalt Mutterstelle an ihr vertreten, 
sollte erkennen, dass es schliesslich doch nur eine Rolle ge- 
wesen, die sie dort hatte spielen müssen. Jene Worte: „Ich 
sehe die grosse Welt mit iliren verderblichen Forderungen und 
Versprechungen wie eine gewaltige Schneelawine näher kommen, 
und Alles mühsam erreichte und gepflanzte in einem Moment 
zerstören" — sie fingen an, walir zu werden; ihre letzte, schreck- 
liche und buchstäbliche Erfüllung hat sie glücklicher Weise 
nicht melir erlebt. 

Am 11. Mai 1824 schreibt sie an ihren Bruder Abraham: 
„Erinnerst Du Dich wohl lieber Bruder des Tages bei Deinem 
letzten Aufenthalte in Paris — wo Du mir Dein Manneswort 
gabst, dass, sobald ich die Aufforderung an Dich ergehen lassen 
würde, Du mir mit Rath und That beistehen, ja selbst kommen 
wüi'dest, wenn es Noth thäte? Ich fordere Dich noch nicht 
auf. Dein Wort zu erfüllen, obgleich eine sehr grosse Verän- 
derung meiner Lage mir sehr nahe war, aber meine Freude, 
Euch alle hier zu sehn, wäre um so reiner und grösser. — 
Was ich mit allem diesen sagen will, ist folgendes: Unter 
zehn Freiern, die sich seit der Rückkunft des Generals aus 
Corsica (vor etwa zwei Monaten) um Fanny's Hand bewarben, 
war es nahe, sehr nahe daran, dass der Vater den glänzendsten 
und — schlechtesten gewählt hätte. Wie aber hier in grossen 
Familien eine solche Unterhandlung betrieben ^vird, vor dieser 
Erfahrung hat Euch Gott behütet. Es war eine sehr schlimme 
Zeit, bei der mir die Gegenwart unsres Bruders*) ein wahrer 
Trost war! Von dieser Heirath ist nun die Rede nicht mehr, 
aber in wenigen Monaten soll hoffentlich eine andere zu Stande 
kommen, von welcher für meine arme Fanny so viel Gutes 

*) Joseph. 



"Verlobung von Fanny Sebastian!. 63 

zn erwarten ist, — als es die gefährliclie Lage einer reichen 
Erbin erlaubt. Wie sebr mich alles dies, nebst den erregenden 
Bestandtheilen von Intriguen, Klatschereien, Eitelkeit, Leicht- 
sinn und dergleichen erschüttert, beschäftigt und betrübt hatte, 
werden Sie*) bei aller Mutterliebe doch nur halb begreifen, 
denn bei Ihnen und Mendelssohn fehlen ja eben diese schlechten 
Elemente! Fanny selbst hat sich recht brav und einfach gut 
gezeigt. Wir gehen nun in wenigen Tagen aufs Land, — 
wo sie ihre gewohnte Lebensweise hoffentlich ruhig fortsetzen 
soll, bis ihre Stunde schlägt. Was ich dann vorzunehmen ge- 
denke, darüber bin ich selbst noch ungewiss, wahrscheinlich 
werde ich noch einige Monate nach der Verheirathung im Hause 
— wenigstens wohnen, — und dann mit Gottes Hülfe wieder 
in Eurer Nähe leben." 

Am 10. Juni 1824 heisst es dann weiter: „Um Euch zu 
erklären, wie es mir möglich gewesen, Fanny's nun entschie- 
dene, und ziemlich nahe Verbindung mit dem Sohne des Herzogs 
von Praslin nicht schon früher angekündigt zu haben, dazu 
möchte ich das Wundertalent unseres Felix besitzen, um Euch 
in leidenschaftlichem Gesang den Constrasto d'affetti zu schildern, 
der mir seit diesen letzten drei Monaten das Herz zerreisst — 
mit Worten würde ich es vergeblich versuchen! Vor einigen 
Monaten, als man im Begriff war, eine traurige Wahl zu treffen, 
war ich um Fanny in der höchsten Besorgniss, und grämte 
mich tief über das traurige Loos, das ihr bevorstand. Nun 
aber mit Gottes Hülfe eine andere Verbindung zu Stande ge- 
kommen ist, von der sich, auch wenn die schönen Hochzeit- 
kleider vertragen sein werden, manches Gute erwarten lässt, 
und Fanny so überselig ist, bin ich selbst meine Qual, — und 
die Frage von sogenannten theilnehmenden Freunden: „W^as 
denken Sie zu thun?" — ist mir ein schneidendes Schwerdt. 
Dass die Treue und Liebe, die ich dem Kinde und dem Mädchen 
in dieser Reihe von Jahren bewiesen, eigentlich nur eine Rolle 
war, dass der Vorhang nun fällt und Fanny morgen in einem 
neuen Stück erscheint, in welchem keine Rolle für mich ist, 



*) Hier wird Abraham's Frau, Lea angeredet. 



64 Heuriette Mendelssohn. 

das hätte ich mir allerdings immer sagen sollen, — vielleicht 
habe ich mir es auch zuweilen gesagt, — aher wie ganz anders 
di'ingt die Wirklichkeit ein! — danken Sie Gott, liebe Schwester, 
dass Sie dies nie empfinden werden, dass die Versorgung Ihrer 
Fanny eine für Sie neue, ungetrübte Freude sein wird. 

Fanny's Bräutigam ist der Sohn des Herzogs von Choiseul- 
Praslin — ein junger Mensch von 19 Jahren, der noch vor 
etwa drei Monaten auf keine Weise an irgend eine Heirath 
dachte, sondern sich zur ^cole polytechnique vorbereitete, wo er 
eben eintreten sollte. Die Furcht vor der Heirath mit dem 
Sohn des Herzogs von Fitz-James, ein verdorbener, ausschwei- 
fender, junger Mensch, und die Schwierigkeiten, die sich den 
Wünschen anderer Bewerber entgegenstellten, brachten einige 
Freunde des Hauses, die zugleich den Herzog kannten, darauf, 
diesem den Vorschlag zu thun, Fanny für seinen Sohn zu 
fordern. Er war es sogleich zufrieden, — der junge Mensch, 
der Fanny wohl schon gesehen hatte, auch — und so kam 
denn die Verbindung zu Stande. Im September wird die Heirath 
vollzogen, und an demselben Tage reisen die jungen Eheleute 
auf ein Gut ihrer Aeltern, das Sie, liebe Schwester, sehr gut 
aus den Briefen der Sevigne kennen. Es ist dasselbe Schloss, 
das der Surintendant Fouquet mit so ungeheurem Aufwände 
bauen liess, und wo er selbst bei einem Fest, das er Ludwig XIV. 
gab, verhaftet wurde. Durch die Genealogie der Frauen ist 
dies ungeheure, halbverwüstete, mir sehr widrige Schloss jetzt 
in der Familie Praslin. Noch sind die Zimmerverzierungen 
dieselben, man sieht überall an den Wänden Eichhörnchen 
(Fouquets Wappen) gemalt, die von zischenden Schlangen ver- 
folgt werden. Diese waren bekanntlich in Colberts Wappen. 
Die Bettvorhänge des Herzogs von PrasLLn sind dieselben, unter 
denen Ludwig XIV. schlief, wenn er eine Nacht in Vaux zu- 
brachte. — Aber trotz aUen diesen Alterthümlichkeiten ist das 
Schloss verwüstet, und erfordert jährlich mehr als 20,000 Francs, 
um nur nicht ganz zu verfallen. Ich kenne nichts unfreund- 
licheres, als ein so grosses Gebäude im altfranzösischen Styl, 
mit seinen Terrassen, Vorhöfen, Gittern und Brücken, wenn 
es nicht durch zahlreiche Bewohner und Dienerschaft belebt 




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Der Bräutigam Herzog v. Praslin. 65 

wird, und dies ist eben nicht der Fall hier. Fanny's neue 
Tamilie ist für mehr als haushälterisch, nachlässig und schmutzig 
ekannt. TJebrigens aber sehr würdige Personen, die ihre Kinder 
lach den besten Grundsätzen, und was mir höher gilt, durch 
e '.s beste Beispiel erziehn, da sie sehr einig leben. Dies sind 
dtnn auch allerdings die Gründe, welche die Verbindung wör- 
scbenswerth machen. Denn der junge Mensch ist weder reich, 
noch eben angenehm oder geistreich, aber da es nun einmal, 
um die Aeltem zu befriedigen, ein altadliger Herzog und Pair 
des Reichs, oder doch wenigstens der älteste Sohn eines solchen 
sein musste, so war die Wahl beschränkt. Von allem, was ich 
übrigens anders wünschen könnte, sieht Fanny nichts ; sie war 
ganz bereit, ii'gend einen andern, den man für sie gewählt 
haben wüi'de, zu heirathen, nun ist sie aber auf das wünschens- 
wertheste in ihren Bräutigam verliebt. Sie bringt den ganzen 
Tag mit ihm bei ihrer Grossmutter zu, die an den Folgen einer 
Brandwunde das Bett hütet, und findet sich sehr glücklich. 
Unterdess erfülle ich meine letzte Pflicht, und besorge ihre 
Aussteuer. Wie oft habe ich dabei an Sie gedacht, Liebe ! — 
Wie viel schöne Stücke Leinewand Sie wohl schon genäht und 
ungenäht für Fanny bereit halten. Hier hat man bloss die 
Mühe der Wahl oder der Bestellungen — aber welche Ver- 
sehwendung auch! — man ersparte die Hälfte, die man den 
Lingeren opfert ; durch diesen Gedanken wird mir das Geschäft 
eigentlich sehi* unangenehm. Zudem ist es eine Verantwort- 
lichkeit, denn so hoch auch das Budget ist — es sind 20,000 
Francs dazu bestimmt — wissen einen die mädchenhaften 
V^ünsche und die Künste der Lingeren immer darüber hinaus 
zu treiben. — 

Gott, wieviel habe ich Euch über einen und denselben 
Gegenstand vorgeschwatzt, — ich könnte noch Bogenlang 
schreiben, und Hir misstet doch nicht, wie traurig ich biu." — 

Ueberden 19jähi'igenEhemann schreibt sie noch: „Uebrigens 
hat man dem jungen Mann alle Lehrer gegeben, die er früher 
hätte haben sollen, und er studirt auf einmal und zu gleicher 
Zeit: Geschichte — Griechisch — Latein — Deutsch — und 
die Rechte! — Konunt Dir dies nicht sonderbar vor? Und 

Die Familie Menäelssoka. L ö 



66 Henriette Mendelssohn. 

doch hat der General Recht, das Versäumte soviel als möglich 
nachzuholen. Ich meine aber, wenn Du etwa solche Kenntnisse 
in Deinem künftigen Schwiegersohne suchtest, würdest Du 
wünschen, dass er sie zur Mitgabe brächte." 

Das Ende war dieses Anfangs würdig: das alte wüste 
Schloss, die an Brandwunden damiederUegende Grossmutter, 
— es ist ein trüber Prolog, und er bekommt eine noch trübere 
Färbung, wenn man weiss, was ilim folgte: der Herzog von 
Praslin ermordete seine Frau, die arme Fanny, im Jahr 1847 
und entzog sich der Verurtheilung zum Tode durch Selbstmord. 
Der Prozess machte seiner Zeit ungeheures Aufsehn und trug 
nicht wenig dazu bei, die Regierung Louis Philipp's des letzten 
Restes von Popularität zu berauben, da der Herzog Persona grata 
bei Hof gewesen war, und man die Regierung beschuldigte, 
dem Selbstmord Vorschub geleistet zu haben. 

Bis jetzt sind diejenigen Stellen aus den Briefen Henriettens 
ins Auge gefasst worden, welche ihre persönlichen Verhältnisse be- 
handeln. Aber auch in anderen Beziehungen vmnmeln die Briefe 
von interessanten Einzelheiten; ihr reger Geist zeigt sich in an- 
schaulichen Schilderungen von Personen und Ereignissen. Leider 
war es damals sehr gefährlich, sich brieflich offen auszusprechen, 
namentlich für eine in Paris lebende Deutsche, und ganz be- 
sonders für die Erzieherin der Tochter eines napoleonischen 
Generals. So findet sich denn aus der Zeit bis 1815 fast kein 
einziges auf die Weltereignisse bezügliches Wort; aber als 
die Kanonen der Verbündeten vom Montmartre niederdonnerten, 
da fühlte Henriette, dass die Fesseln im Begriff waren, zu 
fallen, und sie giebt ihrer Schwägerin die folgende anschau- 
liche Schilderung des Zustandes in Paris während der Schlacht: 
„Der Kanonendonner hat die schwarzen, schweren Gewitter- 
wolken getheilt, und ich will den hellen Augenblick benutzen, 
ehe sie sich wieder sammeln. — Ich habe am 10. Juli Ihren 
Brief vom 26. April erhalten, aus einem andern Jahrhundert 
also, denn die Welt und alle Begebenheiten kreisen jetzt in 
so unglaublicher Schnelle, dass zwei Monate wohl dafür gelten 
können, — Europa ist also wieder in Frankreich! die Sache 
ist kurz und gut abgethan worden, bleibt aber ein Frcankreich 



Eroberime: von Paris 1815. 67 



'O 



in Europa, so möchte dieser g-lorreiche Feldzug wohl keine 
andere dauernde Folgen haben, als das unsäglichste Elend; 
indessen dies ist die Sache des sich neu anknüpfenden Kon- 
gresses. Uebrigens scheint es, dass meine deutschen Bekannten 
mich mit in den Bann gethan, ich sehe Niemand von den 
vielen hier Versammelten, dafür habe ich aber die Annehmlich- 
keit, alle Klagen über vos Prussiens anhören zu müssen, die 
sich denn auch wirklich als Eächer bezeigen, sie rauben, sen- 
gen, brennen und morden, als hätten sie's aus irgend einer 
Legende des Mittelalters gelernt, was aber am Meisten hier 
verdriesst, scheint der Mangel an Höüichkeit zu sein. Ich 
habe schon verschiedene Male sagen hören: „Les soldats des 
auires nations pren7tent, 7nais poliment^ ce n'est pas comme ces 
Prussiens!'^ — Unterdessen habe ich mir das Vergnügen ge- 
macht, mich m.it Soldaten von einem Eegiment brauner Husaren, 
das vor unserm Garten während acht Tagen kampirte, zu 
unterhalten, und mich des gesunden graden Sinnes, und der 
EechtUchkeit, die ich bei manchen von ihnen gefunden, gefreut. 
Ich habe ihnen Vorwürfe gemacht, dass sie es den Franzosen 
so in ihren Räubereien nachahmen, während die englischen 
Truppen sich so gesittet und edel bezeigen, da antwortete mir 
einer, der das eiserne Kreuz hatte: „Wir sind nun einmal 
gehasst in Frankreich, es ist alles eins." — Wundern kann 
es Dich, lieber Abraham, so wenig als mich, wenn ich Dir 
erzähle, wie in der Gegend von Paris gehaust wird, aber be- 
trüben wird es Dich doch, wie diese schöne Sünderin so 
traurig endet. St. Denis, Montmorency, St. Cloud, Sevres, 
Sceaux, Malmaison sind auf Jahre hinaus verheert, und Paris 
ist zum zweiten Mal, wie durch ein Wunder verschont ge- 
blieben, wähi-end man sich so ganz in der Nähe mit der 
grössten Erbitterung schlug. Welche angstvolle Tage ich ver- 
lebt habe, kannst Du Dir leider denken, da Ilir ähnliche kennt, 
aber dennoch hatten die letzten Zeiten einen fürchterlicheren 
Charakter, als alle, die Ihr in Deutsclüand erlebt, denn Ihr 
wart einig, und hier war der Ausbruch des schrecklichsten 
Bürgerkrieges täglich zu erwarten, während die fremden 
Armeen vor den Thoren waren, die sich nur öffneten, um die 

5* 



68 Henriette Mendels söhn 

grosse Zahl der Verwundeten einzulassen, die stündlich die 
andringende Gefahi' hekannt machten. Viele Nächte liindurch 
zog der Pöbel der Vorstädte unter dem Namen der Federes 
mit wüthendem GehrüU dui'cli die Strassen, und ohne die wahr- 
haft heroische Anstrengung und das edle Benehmen der 
Garde nationale waren wir gewiss verloren. Wie nun aber 
auch das Ungeheure in Paris eine leichtsinnige Gestalt an- 
nimmt, geschah es, dass während jener Jammeitage Theater 
und Spaziergänge, sowie alle öffentlichen Plätze mehr als je 
besucht wui'den; geputzte Damen fuhi-en in Kaleschen dem 
feindlichen Lager so nahe als möglich, und es fehlte nicht 
viel, so hätte die Reihe der Stühle auf den Boulevards, auf 
welchen Herren und Damen sich gemächlich streckten, sich 
bis ins englische Lager bei Neuilly hingezogen. Sie hielten 
diese stupide Sorglosigkeit für die beste Weise, ihi'em Könige 
Anhänglichkeit zu beweisen. — üebrigens ist es mir selbst 
widerfahren, obgleich der leichte Sinn mir eben nicht zu Theil 
geworden, dass ich eines Abends mit der Kleinen ruhig in den 
Tuilerien sass, und mit Mme. Brochay plauderte, während ganz 
Paris in der fürchterlichsten Bewegung war, ich ward es aber 
nur gewahr, als ich schon zu Haus gelangt war, und nun 
einen schrecklichen Tumult und Flintenschüsse auf den Strassen 
und in den Champs Elysees hörte. Tags darauf las ich in der 
Zeitung, dass am vorigen Abend eine Verschwörung entdeckt 
und vereitelt worden sei, deren Absicht war, Paris in die 
Luft zu sprengen. Diesem Salto mortale wären wii* also 
innerhalb 15 Monaten zum zweiten Mal entgangen!*) — 



*) Zur Rechtfertigung der Preussen gegenüber den Engländern 
— wenn überhaupt eine Verschiedenheit im Verhalten beider Ar- 
meen stattgefunden — Hesse sich wohl anführen, dass die Eng- 
länder nicht wie wir den Feind im Laude gehabt hatten: die Er- 
bitterung eines Menschen, der sein Gut verwüstet, sein Vieh fort- 
getrieben, seinen Hof niedergebrannt, seine Frau oder Tochter 
gemisshandelt weiss, ist natürlich grösser, wenn er sich in der 
Lage sieht, Wiedervergeltung üben zu können, als die eines andern, 
der Alles dies nur vom Hörensagen kennt. 



Marschall Davonst. 69 

Auf dem Lande lebte Eenriette einige Jalire als nahe 
Nachbarin von Davoust, und sie sclu*eibt über diesen folgender- 
massen: „Als eine merkwürdige Thatsache muss ich Ihnen 
doch erzählen, dass dieser fürchterliche Davoust, der Schrecken 
des Nordens, der Urheber so unsäglicher Leiden, in seinem 
Hause ganz ohne Willen ist. Er hat nicht den Muth, dem 
geringsten Diener etwas zu befehlen, ohne die Einwilligung 
seiner Marschallin, die das Hauskommando ebenso unerbittlich 
streng übt, als er die eroberten Länder regierte." — Und in 
«inem zweiten Brief: „Marschall Davoust, seine Frau, die 
eigentlich das Hausregiment führt, und seine Kinder sind unsre 
tägliche Gesellschaft. Als er das erstemal meinen Namen 
hörte, frug er den General S., der eben mit uns war, ob ich 
Verwandte in Hamburg habe, er hätte dort sehr ehrenvolle 
und geehrte Personen dieses Namens gekannt. — Beinahe alle 
seine Bediente sind Deutsche, seine Töchter lernen Deutsch 
recht ernsthaft, und er bittet mich jedesmal inständig, ihm zu 
sagen, ob sie etwas deutsch wüssten. Das politische Leben 
dieses Mannes ist mir unerklärlich, wenn ich ihn im Hause 
und unter seinen Kindern betrachte; er ist ein Vater, wie 
Abraham nur sein kann, mischt sich in alle ihre Spiele mit 
wahrer Herzlichkeit, und seine älteste Tochter, ein Mädchen 
von 14 Jahren, die ihm ganz ähnlich sieht, ist das sanf- 
teste Geschöpf, das ich kenne. Bloss auf eine Weise sind mir 
die Gräuel, die unter seiner Herrschaft in Hamburg verübt 
worden, erklärlich: Er scheint mir sehr einfältig, schwerfällig 
und unwissend zu sein. In seinem Hause ist er ohne Einfluss, 
und so war es gewiss während seines Kommandos; irgend ein 
Elender hat an seiner Stelle gehandelt! Das ist aber freilich 
den armen Bedrückten ganz einerlei, und er ist vielleicht noch 
strafbarer, dass er so Ungeheures geschehen Hess." — 

Henriette war, wie oben angeführt, zur katholischen 
Religion übergetreten; bei Do.Tothea haben wir gesehen, 
dass sie sogar zweimal die Religion w^echselte und auch 
schliesslich zum Katholicismus gelangte. Die Strömimg der Zeit 
begünstigte derartige Seelenzustände und Wandlungen. Auch 



70 Henriette Mendelssohn. 

die eine Scliwester Wilhelm Hensels*), die erst kürzHch ver- 
storbene als Dichterin geistlicher Lieder bekannt gewordene 
Luise Hensel war, obgleich Tochter eines protestantischen Pre- 
digers, katholisch geworden. Ebenso, mn nur bei dem Kreis 
der näher mit der Mendelssohn'schen Familie Verbundenen zu 
bleiben, Marianne Saaling, die später noch erwälint wer- 
den wird. 

Henriette nahm es. wie gewöhnlich Pi'oselyten, mit der neu 
angenommenen Religion sehr ernst. 

Von der schönen gegenseitigen Toleranz, mit der solche 
Sachen in der Familie behandelt wurden, zeugt ihr Testament, 
dessen Eingang also lautet: 

„Da ich in diesen Worten zum letzten Mal mit meinen lieben 
Verwandten rede, sage ich ihnen hiermit Dank, sowohl für 
alle Hülfe und Freundschaft, die sie mir im Leben bewiesen, 
als auch dafür, dass sie mich auf keine W^eise in der Ausübung 
meiner Eeligion gehindert, und keine Gehässigkeiten gegen 
dieselbe an den Tag gelegt haben, so dass ich es mii* selbst 
zuschreiben muss, wenn Gott der Herr mich nicht der Gnade 
gewürdigt hat, meine Geschwister zur katholischen, wirklich 
seligmachenden Kirche hinüberzuziehen. Möge der Herr Jesus 
Christus mein Gebet erhören, und sie alle mit dem Lichte sei- 
ner Gnade erleuchten! Amen!" — Nun folgen die Dispositionen 
über ihr kleines Vermögen und viele Andenken, und der Schluss 
heisst: „Ich ersuche meine Brüder, oder diejenigen Verwandten, 
welche dies Testament eröffnen werden, mir die Todtenfeier 
der katholischen Kirche zu gewäliren, übrigens aber mich in 
aller Frühe so still als möglich, und ganz einfach bestatten 
zu lassen. Die Namen Maria Henriette Mendelssohn möchte 
ich auf dem Leichenstein, und auf dem Kreuze, das ich an 
dem Grabe zu setzen bitte, die Worte: Redemisti me, Dens, 
Dens veritatis!" Der Herr stehe mir bei in meiner letzten 
Stunde, und gebe allen meinen geliebten Verwandten seinen 
Segen, im Leben wie im Tode." — 



") Siehe Pag. 111. 



Heiiriettens Testament und Tod. 71 

Heni'iette ging nach der Verheirathimg von Fanny Se- 
bastian! nach Berlin zurück und lehte in innigem Verkehr mit 
der Familie ihres Bruders, Abraham Mendelssohn Bartholdy, 
der sie zusammen mit seinem ältesten Sohne Felix von Paris 
abholte. Sie starb am 9. November 1831, wie ihre Nichte, 
Fanny Hensel, in ihrem Tagebuche schreibt, „mit einer 
Fassung, einem so klaren Bewusstsein und solcher Sorge für 
Andre bis zum letzten Augenblick, dass sie ihrem schönen 
Leben die Krone aufgesetzt hat." 



Abraham Mendelssohn Bartholdy. 



Abraham Mendelssohn*), dem zweiten Sohne von Moses, 
war es vorbehalten, dem Namen wieder einen neuen xmd 
^össeren Glanz zu verleihen, und zwar in seinem Sohn 
Felix. Daher das bescheiden-humoristische Wort, was er ge- 
sprochen: „Früher war ich der Solin meines Vaters, jetzt 
bin ich der Vater meines Sohnes." Dieser Ausspruch ist 
charakteristisch für ihn: er bildet aUerdings ein Mittel- und 
Verbindungsglied zwischen dem festen Judcnthum Moses' und 
dem innigen Christenthum Felix' und Fanny's, zwischen der 
philosophischen Weltanschauung des Vaters und der künst- 
lerischen der Kinder; aber er war selbst eine harmonische, in 
sich ausgebildete, markige Natur; es war nichts Epigonen- 
haftes in ihm. 

Ueber seine Jugend bis zum Anfang dieses Jahrhunderts 
fehlt es an Nachrichten; im Jahr 1803 finden wir ihn im 
Fould'schen Comptoir in Paris als Kassirer. Er wird hier 
häufig mit seiner Schwester Henriette in ihrem traulichen 
Gartenhaus in der Rue Eicher über seine Zukunft und seine 
Lebenspläne gesprochen haben, und es ist höchst wahrschein- 
lich, dass es Henriette war, die seine Gedanken auf Lea oder 
Lilla Salomon**), ihre intime Freundin, lenkte. Diese lebte in 
Berlin in angenehmen Verhältnissen und ausgebreiteter Ge- 
selligkeit. G. Merkel, der genau mit der Salomon'schen Familie 

*) geboren den 11. December 1776. 
**) geboren den 26. März 1777. 



Lea Salomon. 73 

befreundet war und mit Lea in lebhaftem Briefwechsel stand, 
hat nach ilirem Tode (1842) einige dieser Briefe der Familie 
zurückgegeben, zugleich mit folgender Jugendschilderung der 
Schreiberin: 

„Lea Salomon. Das war ihr Jungfrauenname. Bartholdy 
nannte sich ihr älterer Bruder nach dem ehemaligen oder viel- 
leicht angeblichen Eigenthümer des Gartens, den die Familie 
besass.*) Lea war nicht schön, aber reizend durch ihr sprechen- 
des, schwarzes Auge, durch ihren Sylphidenwuchs, durch ihr 
zartes, bescheidenes Benehmen und ihre geistvolle Unterhaltung 
voll heller VerstandsbHtze und treffendem, aber immer schonend 
geäussertem Witz. Sie hatte sich jede Gattung modischer 
Bildung angeeignet; sie spielte und sang mit Ausdruck und 
Anmuth, aber selten und nur für Freunde; sie zeichnete treif- 
lich; sie sprach und las Französisch, Englisch, Italienisch und 
— heimlich — Homer im Original. Heimlich! wie hätten 
Andere mit diesem Können geprunkt ! — Dir Geschmack, durch 
klassische Schriftsteller so vieler Sprachen gebildet, war richtig 
und feinsinnig, aber es hielt schwer, ihr ein Urtheil zu ent- 
locken. Der am meisten sagende Zug ihres Charakters war: 
sie hatte durch das Vermächtniss eines Verwandten ein be- 
deutendes Vermögen, aber ihr Putz war immer nur zierlich 
und einfach ; ihrer Mutter aber, die viel weniger besass, zahlte 
sie ein reichliches Kostgeld iiud führte zugleich mit sorgfältiger 
Häuslichkeit die einfache Wirthschaft derselben. Die nach- 
folgenden Briefe vollenden durch ihre schöne Einfachheit das 
Bild, das nach fast vierzigjähriger Unterbrechung aller Be- 
ziehungen zwischen ihr und mir vor meinem Geiste steht." 

Berlin, 2. Juli 1799. 

„ Nach einem 4wöchentlichen Krankenlager starb mein 

guter Grossvater. Ich brauche Ihrem gefühlvollen Herzen nicht 
weitläuftig zu erklären, weshalb ich Ihnen damals nicht zu 



*) Derselbe lag in der Köpenicker-Strasse an der Spree, ging 
später in den Besitz von Abraham Mendelssohn über und wird 
noch öfter unter dem Namen der „Meierei'' erwähnt werden. 

Anm. d. H. 



74 Abraham Mendelssohn Bartholdy. 

antworten vermochte. Immerwährende Unruhe und Bangigkeit, 
heftige Spannung und Gemüthsbewegung bei seinen letzten un- 
glücklichen Lebenstagen; der schreckenvolle Eindruck, den die 
langsam verlöschende Kraft und endlich das fürchterliche Bild 
des Todes auf meine Seele machten, die innige Betrübniss Aller, 
meine herzliche Theihialime bei den allgemeinen Klagen und die 
Bekümmerniss um meine gute Mutter, die diesen harten Schlag am 
tiefsten fühlte, brachten in mir eine Stimmung hervor, die nicht 
zur Mittheilung geschickt war. Ich vmsste überdies, dass Sie die 
holde Wehmuth nicht eben sonderlich lieben, ich bedachte, dass 
nur meine genauesten und nachsichtsvoUsten Freunde mich in 
einer trüben Laune ertragen könnten, Ihr lebhafter Ausruf vive 
la joie! tönte mir deutlich und als unharmonisches Echo meiner 
schwermütlngen Rühnmg entgegen, — und so ist's ganz be- 
greiflich und natürlich, was Ihnen und mir sonst unerklärlich 
und sonderbar scheinen würde. 

Jetzt bewegt die Zeit nur noch sanft mein Gemüth mit 
stillem, liebevollem Andenken. Die milde Jahreszeit, der Genuss 
heiterer, freier Luft, ein herrliches Leben in dem reizendsten 
Garten, gesellige Freuden, das wichtige Amt einer Haus- 
hälterin, die ernste Würde der Honneurs unsers gemeinschaft- 
lichen kleinen Zirkels, angenehme Beschäftigungen, der liebliche, 
ungestörte Anblick der schönen Natur geben meinem Herzen 
das reinste Vergnügen, die wohlthätigste Stimmung. Ich hoffe, 
Sie führen noch Ihren Plan aus, uns im Herbste hier in meinem 
kleinen Paradiese zu besuchen. Erwarten Sie nach diesem 
vielversprechenden Ausdrucke aber keine Wunderdinge. Bran- 
denburgs flaches Land, sein magerer Boden, sein gänzlicher 
Mangel an Allem, was zu einer romantischen Anlage gehört, 
sagen Ihnen, dass bloss die Kunst hier das Reiche, VoUe, Grosse 
einer trefflichen Natur ersetzen muss. Doch war man einsichts- 
voll genug, nicht kleinliche Nachahmung von englischen Parks, 
Modegrotten, Lilliputfelsen und neuangelegten Ruinen (wie in 
Ihrem beliebten Monbijou etwa) hier hervorbringen -zu wollen. 
Denken Sie sich die dichtesten, kühlsten Schatten ehrwürdiger 
Kastanienbäume, Liuden und Platanen; hohe, gewölbte Lauben- 
gänge ; ü'eundüche runde Plätze und niedliche Lusthänser ; eine 



Lea Salomon. 75 

Fülle von Florens und Pomonens Scliätzen, wie von Küchen- 
gewächsen und Treibhäusern, deren Anblick als Bild des Fleisses 
und der Betriebsamkeit gewiss wohl interessant ist, und Sie 
haben eine richtige Idee unsers Sonuneraufenthalts. Eechnea 
Sie dazu ein kleines, bequemes, ländliches Wohnhaus, an dem 
sich Weinstöcke, Maulbeeren und Pfirsichbäume hinaufranken, 
und in dem ich ein nettes, aber höchst einfaches Zimmerchen 
besitze: mein Klavier, Bücherschrank und Schreibpult die einzigen 
Meubles, das Bild meiner Jette und frische Blumen der einzige 
Schmuck darin, Raum und Einrichtung nicht für einen glän- 
zenden Zirkel, sondern bloss für den engen Ki'eis weniger 
Freunde — das Ganze still, freundlich und einsam. 

Verzeihen Sie, wenn mein Geschwätz über diese unbedeu- 
tenden leblosen Gegenstände so weitläufig geworden. Unendlich 
viel theure Erinnerungen umgeben mich in diesem geliebten 
Garten: Unter diesen Bäumen, die mein guter Grossvater pflanzte 
und an denen er mit wahrer Liebe hing, habe ich die rosen- 
farbenen Träume der Kindheit durchschwärmt; jeder Gang, 
jedes Plätzchen ist mir duixh süsse Andenken der Vergangen- 
heit heilig und merkwürdig; hier entwickelte sich mein Ge- 
fühl, hier entfaltete sich zuerst der jugendliche Sinn und 
klar ward mir in dieser lieblichen Einsamkeit, was leise 
unbewQSst in der Seele schlummerte: mit erhöhterer Empfindung 
las ich hier meine Dichter; Schriftsteller der Freiheit, des Rechts, 
der edlen Wahrheit wurden mir begi-eifiicher, werther und näher; 
selbst die schwachen Töne, die meine ungel\bten Finger hervor- 
locken, wähne ich hier melodischer und reiner. So umgiebt 
meine Einbildungskraft dies Alles mit höherem Glanz, und Sie 
müssen schon dem närrischen Mädchen einige Schwärmereien 
zu Gute halten. Sie selbst haben ja in Sans-souci lebhaft ge- 
fühlt, dass dasjenige, was man in den betrachteten Gegenst^^nd 
hineindenkt und durch eigene Empfindung verschönert, ge- 
meiniglich mehr werth ist und höheren Genuss giebt, als was 
man von dem kalten Anschauen ge^vinnen kann. 

Ihrer beliebten Weise gemäss haben Sie Freund Itzig auch 
diesmal nicht Wort gehalten. Ich habe ziemlich fleissig Briefe 
von ihm, und er hat schon längst die Hoffnung aufgegeben, Sie 



76 Abraham Mendelssohn Eartholdy. 

in Wittenberg bei sich zu sehen. Er lebt, seinem schönen 
Vorsatze getreu, einsam in anhaltendem Studium: Spazieren- 
gehn, Dichten, das Lesen angenehmer Bücher und Unterhaltung 
mit vielen in seinem Wirthshause ankommenden interes- 
santen Fremden sind seine einzigen Erholungen. Ich freue 
mich ungemein, durch sein selbstständiges consequentes Betragen 
ihn so früh zum achtungswerthen Manne heranreifen zu sehn. 
Eecht glücklich schätze ich mich in der That, so ächte, be- 
ständige Freunde zu haben, und zu fühlen, dass manche früh ge- 
schlossene Verbindung sich mit den Jahren immer fester und 
unauflöslicher knüpft. 

Sein Jugendfreund, mein ältester Bruder lebt noch immer 
in Mainz ; das Treiben und Thun der Franzosen und die nähere 
Beleuchtung ihrer dortigen Verfassung hat viel Anziehendes 
für ihn: mitunter schv^eift er in den göttlichen Gegenden um- 
her, nnd hat erst kürzlich in Gesellschaft des Professors Eiese- 
wetter, den er unvermutheter Weise in Mainz antraf, eine sehi* 
schöne Fahrt den Rhein hinab bis Bonn und Coblenz gemacht. 
Letzterer ist vor einigen Tagen hier angekommen und gab uns 
recht beruhigende Nachi'ichten über die Lebensweise und den 
dortigen Umgang meines Bruders. 

Vor wenigen Wochen habe ich einen Ihrer Landsleute 
kennen gelernt, und gleich im ersten Gespräch die erfreuliche 
Entdeckung gemacht, dass er einer Ihrer Schulfreunde gewesen. 
Er heisst Pölchau, und ist schon wieder nach dem Ort seines 
gewöhnlichen Aufenthalts, Eambui'g, zurückgekehrt. Ein sanfter, 
liebenswürdiger Mensch ! Seine einnehmende Physiognomie hat 
den Ausdruck einer Herzensgüte, die ihm AUer Zutrauen und 
Wohlwollen erwarb. Man hatte mir gesagt, dass sein Anstrich 
stiller Melancholie einer unglücklichen Leidenschaft zuzuschreiben 
sei; nun können Sie sich vorstellen, wie diese Idee meine Phantasie 
in Bewegung setzte, welch innigen Antheü sie ihm gewann, wie 
ich ihn tausendmal interessanter fand, da ich um aus Ueber- 
mass der Zärtlichkeit und Treue leidend glaubte! Er liebt 
Musik über alles, und hat die schönste, angenehmste Stimme, 
die ich seit langer Zeit gehört. Die Wahl seiner Lieblings- 
lieder scheint mir ganz seinem Charakter zu entsprechen: die 



Lea Salomon. 77 

französische tändelnde Manier und das Verzierte, Bunte der 
Italiener widerstrebt seiner einfachen Empfindung; aber mit 
welcher seelenvollen Begeisterung, mit welchem unnachahmlichen 
Ausdruck sang er eines Reinhardts und Zelters herzliche Me- 
lodien zu Göthens himmlischen Versen, eines Grauns süsse, be- 
zaubernde Komposition! Es war ein Genuss, einen so reinen, 
ungeheuchelten Enthusiasmus für Gegenstände der ächten, höhern 
Kunst, so lauter, wahr und kindlich gefühlt, bei ihm anzu- 
treS'en. 

Weil ich der hohem Kunst erwähne, will ich Sie doch 
geschwind um Ihr Urtheil über Wallensteins Tod befragen. 
Ich hoffe, er hat Sie ganz mit den Piccolomini versöhnt mit 
denen Sie, dünkt mich, unzufrieden gewesen. Meiner geringen 
Meinung zufolge ist's ein Meisterstük. Diese Gedankenfülle, 
dieser Reiz des Ausdrucks, diese hohe Siniachheit und dichterische 
Schönheit mit dem interessantesten Stoffe verwebt werden lange 
unnachahmlich und unerreichbar bleiben. Doch wenn sie auch 
AUes tadeln wollten, so w^eiss ich doch wenigstens, dass Ihr 
kiitisches Auge der Thekla ^^Trd Gerechtigkeit widerfahi^en 
lassen. Dieser erhabene, himmlische Charakter hat sich Ihnen 
in der freundlichsten, Ihrem Herzen werthesten Gestalt gezeigt. 
(Sie haben den Wallenstein doch in Weimar aufführen sehn?) 
Diesem Engel des Lichts und der menschlichsten Grösse wider- 
standen Sie nicht! — Ich freue mich erstaunlich, es auf dem 
Theater zu sehn; ich las es mit grosser Aufmerksamkeit, und 
bin auf die Wirkung begierig, die das täuschende Anschauen 
der lebenden, göttlichen Wesen und der Zauber der wirklichen 
Darstellung auf mich machen werden. 

Um auf einen Im^er LiebUnge zu kommen! was sagt man 
denn in Weimar, diesem Sitz der Musen, des Genies und der 
Iü"itik, von den Brückmannschen Elegien? Ohne freundschaft- 
liche Partheilichkeit kommen sie mir recht schön vor, besonders 
die an Klopstock, die sich durch einen feui'igeren, kühneren 
Schwung von dem klagenden sanften Ton der übrigen aus- 
zeichnet. Sagen Sie mir doch Ihre Meinung; ich ahne zwar, 
wie sie ausfallen wird, indessen wünschte ich doch so sehr vor 
Einseitigkeit bewahrt zu sein, dass mir Ihr ürtheil voll 



78 Abraham Mendelssohn Baitboldy. 

Strenge, Witz und Scharfsinn neben meinem freundlichen Wohl- 
wollen recht nützlich wäre. 

Sehen Sie Kotzebue, und wie gefällt er Ihnen? Mir ist 
er als guter Bekannter meiner Freundin Henriette wohl inter- 
essant, und ich möchte gern etwas von dem Menschen wissen, 
obgleich der Schriftsteller in ihm mir sehr gleichgültig ist. 
Wie lebt denn überhaupt die ganze Heerde — Scbaar wollte 
ich sagen — der Autoren in Weimar? Friedlich oder kriegerisch ? 
denn das müssen Sie ehrlich eingestehen, dass Sie alle, Herren 
Gelehi'ten ! ein gar unverträgliches, wunderliches Völkchen sind ! 
— Bitte meine Freimüthigkeit zu entschuldigen. — Welcher 
Gegenstand beschäftigt denn Dire Feder jetzt? Tiefe Politik, 
ernste Geschichte, tändelnde Liebe? Huldigen Sie der feier- 
licheren Muse oder den lächelnden Grazien und Liebesgötterchen? 
Und haben Sie den entsetzlichen Plan aufgegeben, über die 
Juden zu schi'eiben? Sagen Sie mir nur, welch ein Gott oder 
welche Göttin könnte bei diesem Sujet präsidiren? Meiner 
kleinen Kenntniss der Mythologie und der Bewohner des Parnass, 
Heükon und Pindus nach, giebts keinen einzigen. Sie glauben 
wohl, alle Ihre bisherigen Werke ohne den Einfluss solcher 
höheren Mächte verfertigt zu haben? doch trauen sie dem Wort 
einer Uneingeweihten! Unsichtbar und unbemerkt hat Sie bis- 
her der herrliche Gott der Begeisterung imischwebt, hüten Sie 
sich, Ihren stillen Schutzgeist zu verscheuchen! — 

Nun darf ich wirklich Hu'e Geduld nicht länger ermüden ! 
Also geschwind nur noch viel herzliche Giüsse von allen den 
Meinigen (die Aristokraten ausgeschlossen, beruhigen Sie sich!) 
und die demüthige vielleicht zu gewagte Bitte um grossmüthige. 
baldige Antwort. Lea SaloBion. 

Berlin, 26. August 1799. 
— — Wie gut war es, dass mein Brief Sie in so schöner 
Gesellschaft und an einem so reizenden Aufenthalte traf! Er 
störte Sie nicht im Genuss des angenehmen Gesprächs und 
der lieblichen Natur ; einige der wohlthätigen Eindrücke folgten 
ihm nur, als Sie ihn später in der Einsamkeit lasen, und ver- 
schafften ihm eine günstige Aufnalime. Warum kann ich diesem 



Lea Salomon. 79 

Blatte nicht ein gleiches Schicksal sichern? Hätte ich den 
liebenswüi'digen Beschützern der Haine, Fluren und Quellen 
zu gei)ieten, so müssten Sie trotz irgend einem Feenprinzen 
oder Idyllenhirten von allen ersinnlichen Lustwäldchen, rieseln- 
den Bächen und Blumengefilden umgeben sein, und wenn Sie 
„im Grase nach Schmetterlingen haschen" ein leichter Zephyr 
oder, für Sie noch besser, eine schöne Nymphe Ihnen mein 
Brieflein überreichen! doch alsdann wäre gar zu viel Zer- 
streuung zu fürchten, und so lassen wii-'s immer bei dem alten, 
gewöhnlichen Alltagsgange. 

Die einfache Beschreibung meines geliebten Gartens war 
gewiss nicht gemacht, einen Vergleich mit Ihi-em Tibur aus- 
zuhalten, imd ich habe Ihnen ja gesagt, warum seine ehr- 
würdigen Laubengänge gerade meinem Herzen theuer und 
meiner Erinnerung lieb sind. Auch mache ich mich darauf ge- 
fasst, dass Sie ilrn recht unerträglich finden werden, imd sehe Sie 
schon im voraus der antigenialischen Symme4irie spotten wo 

„grove nods to grove, each alley has its brother". 
Doch Sie sollen ihn mir nicht verleiden, so herzlich ich auch 
über Ihre witzigen Anmerkungen zu lachen bereit bin, denn 
eine recht w^alire, dankbare Empfindung und das Andenken 
mancher Scene der Jugend machen mir ihn interessant. Ich 
erkenne auch wohl, dass Ihnen, die Sie glücklichere Gegenden 
gesehen, unsere langweilige Einförmigkeit nicht gefallen kann ; 
doch zu diesem traurigen vaterländischen Boden habe ich einen 
stillen Sinn der Genügsamkeit bekommen, der wohl etwas 
Höheres ahnet, aber demohngeachtet mit ächter Freude an 
den einfachen Gegenständen der mich umgebenden Natur hängt. 
Auch hier glänzen Blumen, winken Bäume mit malerischen 
Aesten, und lachende grüne Ufer spiegeln sich in klarer Flut; 
ich träume mir mein Arkadien und bin in meiner beschränkten 
Mttelmässigkeit sehr glückUch. Glauben Sie aber nicht, dass 
ich gegen eine reichere, edlere Natur unempfindlich bin : schon 
die Beschreibung eines milderen Himmelsstriches erfüllt mich 
mit Entzücken, und das Ideal aller Wünsche ist mir eine 
Reise in solche herrliche Gegenden. Wäre ich in Italien, der 
Schweiz oder dem südlichen Frankreich geboren, so wette ich 



80 Abraham Meudelssohn Bartholdy. 

fast, ich müsste eine Dichterin geworden sein, und das in einer 
etwas langweiligen, nämlich der beschreibenden Gattung: mich 
dünkt wii'klich, der Frühling würde mich dort begeistert haben, 
und die armen Echo's hätten auch meine Klagen oder Freuden- 
gesänge wiederholen müssen. 

Itzig hat seine Studien in Wittenberg geendet und ist 
seit einigen Wochen hier. Was werden Sie aber sagen, wenn 
ich Sie mit seinem Uebergang zur christlichen Eeligion be- 
kannt mache? Luthers Geburtsort und die heilige Stätte 
seiner Lehren hat auf ihn gewii'kt, er konnte der Begierde, 
unter dem Bilde dieses grossen Mannes getauft und gleichsam 
dadurch von ihm beschützt zu werden, nicht widerstehen, und 
hat vermittelst dieses Schrittes zum Seelenheil dann nebenher 
den weltlichen Vortheil erlangt, nächstens in seinem Fache 
angestellt zu werden. Leider erhält er aber wahrscheinlich 
eine Stelle in Polen und ich zweifle beinah, ob eine be- 
schwerliche Amtsführung in diesem Lande ihm Beharrlichkeit 
und Geduld genug lassen wii'd, dem erwählten Stande treu zu 
bleiben. Wie sehr ich dies wünsche, kann ich Ihnen nicht 
beschi-eibea: die meisten Abtrünnigen haben bisher durch 
schlechtes, oder doch inconsequentes Betragen eine Art von 
Verächtlichkeit auf diesen Schritt geworfen, der auch die 
Besseren brandmarkt. Träte Jemand auf, der diu'ch untadel- 
haften Charakter, durch Ausdauer in seinen Vorsätzen und 
Weltklugheit im Benehmen (nach welcher die meisten Urtheüe 
ja, traurig genug, gefällt werden) ein achtungswerthes Muster 
darstellte, so wüi'de ein grosser Theil dieser nur zu gegrün- 
deten Behauptung verschwinden. Erfreulich wär's, wenn man 
dieser Heuchelei entbehren könnte; aber der Drang nach 
höherem Wirken, als dem eines Kaufmanns, oder tausend zarte 
Verhältnisse, in denen der nahe Umgang mit andern Eeligions- 
verwandten junge Gemüther verwickeln kann, lassen doch in 
der That keinen andern Ausweg. — Mich dünkt ich habe nie 
Dire Meinung über diesen Schritt gehört, und sie ist mir sehr 
interessant und wichtig; sprechen Sie mir darüber sowohl, als 
über die Ai't, mit der Sie diese Materie in Ihrem Buche zu 
behandeln denken. 






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Lea Salomon. 81 

Ueberhanpt wäre mir's viel lieber gewesen, statt Ihrer 
acht französischen galanten Pointe eine redliche deutsche 
Auskunft über Ihr zu schreibendes Buch zu erhalten. Sachen 
sind mir mehr werth als Phrasen, und wenn es Ihnen denn 
eüimal um Schmeichelei zu thun ist, so will ich Ihnen gut- 
müthig mein Genre sagen ; Es ist die Sprache der mittheilenden 
Herzlichkeit, der vertraulichen Güte, jener herablassenden 
Belehrung, mit der eiu denkender Kopf geringfügige Sterbliche 
mit seinen Plänen und Ideen bekannt zu machen würdigt, — 
ce rCest pas le ton des aimdbles riensj des fleurettes spirituelles, 
des tournures ingenieuses. Ich habe Urnen das so französisch 
sagen müssen, weil ich's dem angemessener finde, und weil 
mir immer parisisch zu Muthe wird, wenn ich an übertriebene 
Komplimente denke. 

Da ich einmal im Zanken bin, so will ich Ihnen geschwind 
einen Vorwurf über Ihren geheimnissvollen Argwohn machen. 
Ich bin eben recht begierig etwas Näheres über Kotzebue zu 
lesen, — da ziehen Sie das angefangene Wort schnell zurück, 
mit dem bösen Zusätze „halt, Sie haben mir metue Bitte wegen 
der Nichtmittheilung meiner Briefe nicht beantwortet." — So 
wissen Sie denn, mein gar ängstlicher Herr ! dass ich von vielen 
Dingen nicht spreche, weil sie sich von selbst verstehen. Kluge 
Leute errathen das Meiste; und wenn aUes trügt, so täuscht 
doch wenigstens der Charakter der Frauenzimmer darin nicht, 
dass ihnen der Schein der Indiscretion und Plaudersucht so 
ganz obenauf sch-svimmt, und diese Gabe sich am wenigsten 
verbirgt. Wie es Ihnen also entging, dass ich die Ver- 
schwiegenheit selbst bin, begreife ich nicht, und beinah möchte 
ich's für eine Ihrer Bosheiten halten, mich nur zu einem 
Geständnisse zu zwingen, bei dem meine liebenswürdige, hold 
erröthende Bescheidenheit so sehr ins Gedränge kommt. Glauben 
Sie übrigens nicht, dass ich in Ihr Geheinmiss dringen wül: 
ich habe nie um Ihr Verhältniss zu Kotzebue, sondern um 
Ihr Urtheil über ihn gefragt, und dies ist bei meiner 
Offenheit immer so freimüthig, dass ich ohne Unbescheidenheit 
mir Ihre Meinung erbitten zu können glaubte. 

Der arme Pölchau! Vom Vavez hien arrange! — doch 

Die Familie Mendelssolia. L Ö 



82 Abraham Mendelssohn Bartholdy. 

ist wirklich ein kleiner Irrthum mit seiner romantischen Liebe 
vorgegangen und ich habe später erfahren, dass seine Schwer- 
muth zum Theil von dem unglücklichen Ende seines Bruders 
herrülu't. Dafür muss ich üin aber desto mehr lieben, denn 
wenn die Kraft zu einer Leidenschaft interessant ist, so hat 
die stille, sehnende Brudertreue gar etwas Eührendes und An- 
ziehendes. Sie fragen nach der Beständigkeit des 
Schmachtens eines Mannes. Das ist nun wunderlich 
genug zu beantworten, zumal für mich, die so gar keine 
Eoutine in Zärtlichkeitsangelegenheiten hat. Der heftige aber 
veränderliche Charakter der Männer giebt auch wenig Gelegen- 
heit, erbauliche und trostreiche Betrachtungen über diesen 
Gegenstand anzustellen, und wenn es einen Werther und 
einen Pölchau giebt, so laufen dafür hunderttausend Flatter- 
hafte umher, die ihre Aufwallungen zu Leidenschaften 
adeln, und von dem immer schwächeren Abglanz jenes heiligen, 
ewig glühenden Feuers zuletzt nichts als den Namen eines 
Gefühls übrig behalten, dessen wahre Bedeutung ihnen auf 
immer ein Geheimniss bleibt. 

Führen Sie mir doch kein Publikum zur Autorität gegen 
den Wallenstein an, wenn ich bitten darf. Das Aechte der 
höheren Kunst wird gewiss nur von wenigen feineren Seelen 
gefühlt und verstanden, und wenn eine bürgerliche, tragi- 
komische Familienzwistigkeit von Ifflands gar natürlich scliil- 
dernder Feder mehi' für den Gesichtskreis der Menge ist, als 
Schillers erhabene Heldengestalten, so beweist dies doch wohl nicht 
Ifflands grösseres Genie ? Das kann bei Birem schönen Kunst- 
sinn doch keine Schlussfolge sein? Freilich darf ich über den 
theatralischen Effekt nicht sprechen, da ich Wallenstein nur 
gelesen, doch scheint es dem Stücke an Lebendigkeit der 
Handlung nicht zu fehlen, und wenn der Held gegen sein 
Schicksal nichts vennag, so ist dies wohl auf seinen Aber- 
glauben gegründet, der ihn seinen Untergang erst spät ahnen 
lässt. Flecks treffliches, geistvolles Spiel wird Sie vielleicht 
eher mit dem unglücklichen Helden aussöhnen, als alles, was 
ich Ihnen für ihn sagen könnte, darum sehen Sie ihn erst hier, 
und erholen Sie sich von Ihi-er Erstarrung bei der Thekla an 



Lea Salomon. 83 

■der lieblichen Mde. Fleck, die in dieser Rolle ganz zartes Gefühl 
und weibliche, treue Liebe sein soll. 

Welche Zeilen im Allwill Sie zweihundert Mal gelesen, 
kann ich wirklich nicht errathen, und Sie wären recht gütig, 
wenn Sie meinem Mangel an Scharfsinn zu Hülfe kämen. Ich 
beneide Sie recht eigentlich um das Glück, Wielanden so nahe 
zu sein. Als ich kürzlich seinen prächtigen Agathodämon las, 
ist mir's von Neuem recht fühlbar geworden. Welch ein be- 
neidenswerthes Vorrecht, nach einem so ruhmvollen Leben 
diese Thätigkeit und Geistesstärke im Alter übrig zu behalten, 
und sich auch in den spätesten Werken gleich trefflich zu 
erhalten! Ich habe mich ungemein gefreut, als ich neulich 
erfuhr, dass er mit dieser ewigblühenden Jugendlichkeit der 
Phantasie auch die beseligende Wärme des Herzens und das 
innige Gefühl für's Schöne noch vereinige. Er hat der liebens- 
würdigen Sophie Brentano ein ebenso feines als seelenvolles 
und lieblich ausgedrücktes Kompliment gemacht. — Sie müssen 
diesen Engel aber nothwendig kennen, und würden mich durch 
Nachrichten von ihr überaus glücklich machen. Ich habe sie 
nie gesehen, und liebe sie doch bis zur Anbetung. Aus Be- 
schreibungen ihrer und meiner Freundin Henriette und aus 
Briefen kenne ich sie. Man pflegt das Talent des Briefschreibens 
aUen Frauenzimmern beizulegen: aber wenn Leichtigkeit den 
Meisten diesen Lobspruch zugezogen hat, so giebt's noch gar 
viele Abstufungen und schönere Eigenthümlichkeiten, die Sophie 
im höchsten Grade besitzt. Diese himmlische Zartheit der 
Empfindung, dieser feingebildete Geist, dies liebevolle Hingeben 
und die unnachahmliche Grazie des Ausdrucks habe ich noch 
nie so vollkommen vereinigt gesehn: sie ist einzig und unüber- 
trefflich. Ebenso hinreissend und bezaubernd soll sie im Ge- 
spräch und Umgang sein; Seele, Witz, Gefühl, Liebenswürdig- 
keit, Bildung und Reiz, nichts hat die gütige Natur bei dem 
seltenen Geschöpf vergessen. Wie ich nach ihrem Anblick 
sehnlichst verlange, wie mich das nähere Anschauen so vieler 
göttlicher Eigenschaften entzücken würde, das kann ich nicht 
beschreiben. Sollte sie noch in Weimar sein, so rufen sie mich 
ihr ins Gedächtniss zurück und vermögen Sie sie hierherzu- 

6* 



84 Abraham Mendelssohn Bartholdy. 

kommen. Die Eeise ist ja so klein, und ihre Grossmutter 
würde wenigstens einen Gegenstand ihres Interesses hier finden 
— die Gräfin Genlis, von der sie unglaublich eingenommen 
ist. Die Genlis wohnt nah an unserm Garten, wir sehen sie 
täglich, und es gäbe schon einen hübschen Vereinigungspunkt ! 
Welchen Enthusiasmus für Sophie hat mir meine liebe Henriette 
eingeflösst! Sie war vor Bewunderung, Freude und Eührung 
ausser sich, wenn sie von ihr erzählte, und gewiss war diese 
Liebe keine blinde, mädchenhafte Zuneigung, sondern die 
klarste Ueberzeugung einer schönen Natur, eines herrlichen 
Charakters und veredelten Verstandes. Sie müssen mir recht, 
recht viel von ihr erzählen, ich bitte, ich beschwöre Sie darum. 
Ich kann Ihnen das Interesse für sie nicht lebhaft genug 
schildern, und wenn Sie sie kennen, theilen Sie gewiss meine 
anbetungsvolle Schwärmerei. 

Arland hat mir geschi'ieben, und viel Grüsse für Sie auf- 
getragen. Er lebt jetzt in Freienwalde, gebraucht dort die 
Bäder und scheint jetzt im Genuss der schönen Natur sich 
recht sehr zu erholen. Sein Leben, so ganz voll Entbelirungen, 
eine Kette von kindlichen Pflichten und immerv/ährei^den 
Opfern ist wahrlich ehrwüi^dig und musterhaft. Eine Auf- 
wallung von Stärke und Grossmuth flammt wohl einmal in 
jeder Brust : aber Ausdauer, fortgesetzte Anstrengung, die der 
Enthusiasmus erzeugt und feste Beharrlichkeit ausführt, ist 
selten und gross. Ach wie gerne gäbe ich ihm jetzt die Mittel, 
ein schöneres Leben nach eigenem Sinn zu begiunen!" — 

Dieses Mädchen scheint Abraham Mendelssohn auf einer 
Reise von Paris in Berlin kennen und lieben gelernt zu 
haben. Er stellte zuerst die Bedingung, dass sie mit ihm 
in Paris leben soUte, da er Berlin nicht leiden konnte, während 
die Mutter des Mädchens ihre Tochter nicht einem „Commis" 
geben wollte. Henriette schreibt darüber an ihi-en Bruder: 
^Wie gern ich Deine Hoffnung eines glücklichen Erfolgs theilen 
möchte, sage ich Dir nicht, aber gestehen muss ich Dir, dass 
es mir fast unmöglich scheint, dass es Dir unter Deiner Be- 
dingung gelinge. Und doch Lieber! wäre diese Heirath ein so 



Yerheiratlmng. 85 

seltenes, in jeder Hinsicht so ausgezeichnetes Glück für Dich, 
dass ich nicht genug bitten kann, nicht übereilt zu sein, Deiner 
Lage, die freilich in diesem Augenblick nicht unangenehm ist, 
aber die es vielleicht werden könnte, nicht zuviel aufzuopfern. 

Mir ist, als wäre ich 20 Jahr älter als Du, und als könnte 
ich Dir aus Erfahrung sagen, dass man gewöhnlich in Deinem 
Alter sehr leichtsinnig das Glück verkennt, wenn man es aucli 
wirklich auf seinem Wege findet; man hofft dann immer, dass 
Alles sich noch besser nach unsern Wünschen eignen soU — 
das Glück ist aber unterdessen schon fern und unerreichbar ! — 
Ich hoffe in Deinem nächsten Briefe zu lesen, dass Du Lilla 
schon gesprochen hast, und je öfter Du sie sprichst, je mehr 
willst Du gesehen haben, dass Du selten, vielleicht nie wieder 
eine Frau wie diese findest; ich billige es darum nicht, dass 
die Lebensweise in Berlin, die Dir missfällt, einen solchen Ein- 
fluss auf den wichtigsten Entschluss haben soll. Ich habe mich 
nicht enthalten können, Dich einer jugendlichen Uebereilung 
zu beschuldigen, wie ich die Stelle in Deinem Briefe gelesen 
habe: „-T^ pre'fererais manger du pain sec ä Paris l^'' — Du pain 
sec ist freilich nicht zu verachten, besonders hier, wo es so weiss 
ist, ich fürchte aber immer, es könnte auf die Länge, wenn 
Du so für Andre bloss arbeitest, ohne Mittel, Dich weiter zu 
bringen, bei allen Deinen Talenten immer von der Laune und 
dem Eigensinn, den wir kennen, abhängend — du pain amer 
werden, und Gott behüte Dich, dass Du es je bereuen mögest, 
wenn Du jetzt refusirst." 

Solche Gründe, lebhaft unterstützt durch die Stimme des 
eignen Herzens, verfelüten ilire W^ii^kung nicht. Abraham gab 
seine Stellung in Paris auf, assocürte sich mit seinem Bruder 
Joseph, heirathete Lea Salomon, und wir finden das junge Ehe- 
paar in Hamburg, von wo ein Brief der jungen Frau aus den 
ersten Tagen der Ehe 'den Zustand sehr lebendig schildert: 
„Du willst wissen, beste Schwester, wie es in meiner Wohnung 
und mit meinen häuslichen Einiichtungen aussieht? Rasend 
liederlich a dire le vrai, wie bei dem tollsten Studenten; denn 
an kein Kämmerlein, an keine Wirthschaft und Berliner Be- 
quemlichkeit ist liier zu denken, und wenn ich mein remue manage 



86 Abraham Mendelssohn Bartholdy. 

betrachte, habe ich Mühe zu glauben, dass ich wirklich ver- 
heirathet bin, welche Standesänderung einen gewöhnlich in 
Besitz einer Welt von Töpfen, Schüsseln, Lustres, Spiegeln und 
Mahagonis zaubert, deren reizenden Anblick ich in meinem chez 
moi bis jetzt entbehren muss. Doch lass ich mir, wenn Mama's 
und Deine Ordnungsliebe es verzeihen kann, kern graues Haar 
darum wachsen, und beruhige mich mit der Aussicht, dass der 
geschäftigen l^Iartha das melodische Schlüsselklappern mit der 
Zeit nicht entgehen soll. Morgen wird der erste grosse Ver- 
such angestellt in unseren vier Mäuerchen zu diniren und 
zwar vom französischen Eestaurateur. Weder Meubles noch 
Wirthschaftssachen kann ich bis jetzt anschaffen, weil mir 
nicht der geringste Raum bleibt; auch wird das Chaos erst 
geordnet, wenn wir das Land beziehen, wozu uns schon ein 
hübsches, an der Elbe dicht bei Neumühlen gelegenes und mit 
eüiem Balconü! verziertes Landhaus vorgeschlagen worden, 
das wir nächstens sehn wollen. — Den Abend meüier Ankunft 
habe ich mir noch den Spass gemacht, mein Pariser Kistchen 
nicht allein zu öffnen, sondern die beiden Prachtgewänder an- 
zuziehn. Himmlisch ! Aber nur zur Cour bei Kaiser Napoleon 
zu gebrauchen. Das herrlichste, reichste, glänzendste, seiden- 
weichste, Chamois pekinartige Atlaskleid, und das zarteste, 
mit Weiss vermischte fagonnirte Eosa, göttlich garnirt und 
gemacht! Mendelssohn war im höchsten Enthusiasmus; ich be- 
haupte aber, solche gehauchte zauberische Farben passen nur 
für Miss Hebe. — Zur Beruhigung unsrer Damen übrigens 
verkünde, dass die „Medicis" nichts Andres sei, als eine ver- 
edelte „Stuart", und dass sie mit dem Kragen der schottischen 
Königin grade so modern als mit dem der französischen ein- 
herstolziren können." — 

Bis zum Jahr 1811 lebten Abraham und Lea Mendelssohn 
in Hamburg, wo ümen drei Kinder geboren wurden, Fanny, 
die älteste, 1805 am 14. November; (in dem Anzeigebrief 
des Vaters an die Schwiegermutter Salomon fügt er hinzu; 
^Lea findet, das Kind habe Bach' sehe Fugenfinger''; eine Prophe- 
zeiung, die sich allerdings bewährt hat;) Felixam S.Februar 1809, 
und Rebecka am 1 1 . April 1811. Jenes Landhaus mit dem Balcon, 



Uebersiedelung nach Berlin. 87 

über dessen in Aussicht gestellten Besitz die Neuvermählte so 
erfreut war, wurde erstanden; hier verlebte das junge Paar 
die ersten, glücklichen Jahre eines im Ganzen und Grossen 
ausserordentlich glücklichen Lebens, und als lange, lange Jahre 
später — 1833 — Abraham auf dem Düsseldorfer Musikfest 
seinen Sohn Felix als den gefeierten, auf Händen getragenen 
Künstler mit kräftiger Hand die grossen Tonmassen lenken 
sah, und doch in ihm nur den liebenden, zum Vater ehrfurchts- 
voll emporblickenden Sohn fand, da schrieb er an seine Frau 
— und man kann sich denken, aus welch dankbarem Herzen 
die Worte kamen: „Liebe Frau, wir erleben einige Freude an 
diesem jungen Mann, und ich denke manchmal Martens Mühle 
soll leben." — So hiess jenes Hamburger Landhaus, imd vor 
den Augen des Vaters standen die seligen Jugendzeiten, als 
ihm sein erster Knabe geboren wurde, der ihm jetzt die schönste 
Erfüllung seiner stolzesten Hoffnungen bereitete. 

Wie die Familie während der französischen Herrschaft 
Hamburg flüchtend verlassen musste und nach Berlin über- 
siedelte, ist schon oben erwähnt. Die äusseren Verhältnisse 
waren trübe. In Hamburg hatten sie die Zeit der Davoust'schen 
Bedrückungen mitgemacht, in den ersten Jahren des berliner Auf- 
enthaltes ging es dieser Stadt nicht viel besser. Dann kam die Er- 
hebung 1813. Abraham, unbeirrt durch seine Vorliebe für Frank- 
reich, stand ganz und voll auf Seite derDeutschen und rüstete selbst 
auf eigene Kosten mehrere Freiwillige aus. — Sein gemeinnütziger 
Sinn wurde in Berlin durch seine Wahl zumStadtrath anerkannt. — 

Im Jahre 1813 am 30. October ward Paul als letztes Kind 
geboren. 

Schon in frühester Jugend zeigte sich bei Fanny und Felix 
entschiedenes musikalisches Talent. Zuerst leitete ihre Mutter 
den musikalischen Unterricht, dann L. Berger, zuletzt Zelter, 
der auch gerngesehener Hausfreund war und von dessen Origi- 
ginalität und urwüchsiger Grobheit die ergötzlichsten Traditio- 
nen m der Familie sich fortgepflanzt haben. So wurde ihm 
einstmals eine junge sehr schüchterne Dame behufs Prüfung 
ihres Gesanges vorgestellt: „Singen Sie nur ganz ruhig," er- 
munterte er die Zitternde, „was Einer aushalten kann, kann 



68 Abraham Mendelssohn Bartholdy. 

ich auch aushalten." So ermuthigt begann sie, wurde aber 
sofort von Zelter mit den Worten unterbrochen: „Eeissen Sie 
das Maul nicht so auf." —Natürlich war es nun mit der Fas- 
sung vorbei und die arme wirklich „Schwergeprüfte" brach in 
Thränen aus. Das that Zelter leid und er tröstete sie: „Na 
weinen Sie doch nicht, liebes Kind, ich habe es nicht so schlimm 
gemeint; aber wirklich, wenn man so aussieht wie Sie, muss 
man den Mund nicht so weit aufmachen." — Bei einem Ge- 
spräch über Genie und seine Grenzen verstieg sich Zelter zur 
Dlustrirung seiner Behauptung, dass dem Genie nichts un- 
möglich sei, zu dem Kraftausspruch: „Ach was, ein Genie fri- 
sirt ein Schwein und macht ihm Locken." — Bei Tische war 
sein stehender Ausspruch: „Wenn ich Wasser habe, lasse ich 
Bier stehen und trinke Wein." — 

Die Erziehungsweise Abraham's war streng, es herrschte 
noch etwas jüdischer Despotismus darin. „Treu und gehorsam 
bis in den Tod," das war die Forderung, welche Abraham an 
seine Fanny bei ihrer Einsegnung stellte. „Bei ihrer Einseg- 
nung" — hierüber muss ich mich näher aussprechen. Von den 
Kindern Moses', traten wie oben berichtet wurde, Dorothea und 
Henriette zum Katholicismus über; die Söhne blieben vorerst 
Juden; jedoch Abraham sah auch ein, dass diess eben nur eine 
Frage der Zeit sein könne, und entschloss sich, seine Kinder 
Christen und zwar Protestanten werden zu lassen. Er muss 
wohl mit dem Bruder seiner Frau, der Christ geworden war 
und den Namen Bartholdy angenommen hatte, darüber Eath 
gepflogen haben, denn dieser schreibt in einem, leider nur 
fragmentarisch vorhandenen Brief: „Du sagst. Du seiest es 
dem Andenken Deines Vaters schuldig — glaubst 
Du denn etwas TJebles gethan zu haben. Deinen Kindern die- 
jenige Eeligion zu geben, die Du für sie für die bessere hältst? 
Es ist geradezu eine Huldigung, die Du und wir Alle den Be- 
mühungen Deines Vaters um die wahre Aufklärung im Allgemeinen 
zollen und er hätte wie Du für Deine Kinder, vielleicht wie ich für 
meine Person gehandelt. Man kann einer gedrückten, verfolgten 
Eeligion getreu bleiben; man kann sie seinen Kindern als eine An- 
wartschaft auf ein sich das Leben hindurch verlängerndes Märtyr- 



Ursprung: des Namens Mendelssohn Bartholdy. 89 

thum aufzwingen — solange man sie für die Alleinseligmacliende 
hält. Aber sowie man dies nicht mehr glaubt, ist es eine Barbarei. 
— Ich würde rathen, dass Du den Namen Mendelssohn Bartholdy 
zur Unterscheidung von den übrigen Mendelssohn's annimmst, wel- 
ches mir um so angenehmer sein wii'd, da es die Art ist, auch 
mein Andenken bei ihnen zu erhalten und worüber ich mich 
herzlich freue. So erreichst Du Deinen Zweck, ohne etwas 
Ungewöhnliches zu thun — denn in Frankreich und überall 
ist's Brauch, den Namen der Verwandten der Frau dem seini- 
gen als Unterscheidung beizufügen.'* Abraham folgte diesem 
Eath in allen Stücken. 

So wurden denn die Kinder im Christenthum erzogen, 
allerdings heimlich, um die Gefühle ilu-er streng jüdischen 
Grosseltern, namentlich der alten Salomon zu schonen. Diese 
war sehr orthodox, und als ihr Sohn, eben jener Bartholdy 
Christ geworden war, hatte sie ihm geflucht und ihn Verstössen. 
Fanny war ein grosser Liebling dieser Grossmutter, sie musste 
oft zu ihr gehen und ihr vorspielen. Einmal, als sie ganz be- 
sonders schön gespielt hatte, sagte ihr die alte Frau, sie könne 
sich zur Belohnung ausbitten, was sie wolle. Da sagte Fanny: 
„So vergieb dem Onkel Bartholdy" — und die Grossmutter, 
gerührt über diese unerwartete Bitte des halben Kindes, von dem 
sie vielleicht den Wunsch eines Hutes oder Putz gegenständes 
erwartet hatte, versöhnte sich wii'klich mit dem Sohn „um Fanny's 
willen", -wie sie ihm schrieb. Daher entspann sich eine grosse 
Liebe zwischen Onkel und Nichte und ein langer Briefwechsel. 

Er war ein merkwürdiger Mann, ein feiner Kunstkenner, 
vielseitig gebildet. Er führte in seiner Jugend ein bewegtes 
Leben; wir haben aus dem Jugendbriefe seiner Schwester ge- 
sehen, dass er Ende des vorigen Jahrhunderts in Mainz lebte ; 
später schloss er sich an Hardenberg an. Varnhagen begegnete 
ihm öfter in Wien, in Paris ; schliesslich lebte er als preussischer 
Generalkonsul in Rom, und legte, in einer Zeit, wo die wenigsten 
Menschen für derartige Dinge Sinn hatten, mit Aufwand aller 
seiner nicht sehr bedeutenden Mittel schöne Kunstsammlungen 
an. Wir werden ihm noch öfter begegnen. 

Es mögen hier einige Briefe Abraham Mendelssohn's aus 



90 A"braham Mendelssohn Bartholdy. 

verschiedenen Zeiten an seine Kinder folgen, ans denen er- 
sichtlich ist, ein wie ausgezeichneter Pädagoge er gewesen. 

Hamburg, 29. Oktober 1817. 

„Eure Briefe, liehe Kinder ! haben mir sehr viel Vergnügen 
gemacht; ich würde Euch auch jedem einen besondern Brief 
schreiben, wenn ich nicht sobald wieder zu Euch käme, was 
Euch denn doch wohl lieber ist, als ein Brief. 

Du, liebes Beckchen, hast mir recht gut geschrieben, und 
ich lobe Dich, dass Du Dich des Eichhörnchens erbarmt, und 
es in die Stube hast bringen lassen. Wenn das Wetter bei 
Euch so abscheulich ist, wie hier, so hätte es ein Eich-Ele- 
phantchen auch nicht im Freien aushalten können. Was hat 
denn aber Mutter dazu gesagt? Führe Dich gut, fleissig und 
folgsam auf, ich bringe Dir etwas sehr Schönes mit, das Du 
Dir aber auch verdienen musst. 

Du, liebe Fanny, hast Dich in Deinem ersten Briefe recht 
schöner Schrift befleissigt; der zweite war schon eiliger. Es 
macht Dir Ehre, dass Dich B.'s üble Spässe nicht erfreuen; ich 
finde auch keinen sonderlichen Geschmack daran, und es ist 
ein sündhaftes Bestreben, Lachen erregen zu wollen auf Kosten 
des Guten und Schönen. Leider beschränkt sich hierauf fast 
allein die Unterhaltung und das Leben in der Gesellschaft. 
Daher ist es ein übles, unlöbliches Leben, und eine goldene 
Eegel, lieber zu schweigen, als etwas Unziemliches zu sagen. 

Mit Dir, lieber Felix, ist die Mutter bis jetzt, wie sie mir 
geschrieben, zufrieden, und das freut mich sehr; ich hoffe, ein 
wahrhaftes und erfreuliches Tagebuch vorzufinden. Beherzige 
meinen Wahlspruch: „Sei wahrhaft und gehorsam". Besseres 
kannst Du nicht sein, und wenn Du es nicht bist, nichts 
Schlechteres. Deine Briefe haben mir Vergnügen gemacht; 
indessen waren in dem zweiten melirere Nachlässigkeiten, die 
ich Dir zu Hause zeigen werde. Du must Dich bemühen, 
besser zu sprechen, dann wirst Du auch besser schreiben. 

Deine Briefe, o Du dreimal gerührter Mohrenkönig, sonst 
auch Paul Herrmann genannt! waren die besten; auch nicht 
ein einziger Fehler war darin, und sie waren so schön kurz. 



Briefe an seine Kinder. 9X 

Ich lobe Dich aber im Ernst, wegen Deiner guten Aufführung, 
von der mir Mutter, Beckchen und Fanny schöne Dinge er- 
zählen. Wo werde ich nun aber Ziegen für Dich herbekommen? 
Ich freue mich sehr Euch alle bald wieder zu sehn, und 
grüsse Euch von Herzen." 

Amsterdam, 5. April 1819. 

^Von Deinen zwei Briefen, liebe Fanny, war der zweite 
mit Deinen tragikomischen Klagen über Mangel an Stoff besser, 
auch sorgfältiger, fehlerloser geschrieben als der erste, in 
welchem Du mir blos vom Theater sprichst. Du bist nun 
schon weit genug, um ausser den Begebenheiten auch in Dei- 
nen Gedanken Stoff genug zur Unterhaltung mit mir zu finden, 
und es würde mir angenehm sein, wenn Da diejenigen, welche 
Deine Beschäftigungen in Dir erzeugen müssen, von Zeit zu 
Zeit mittheiltest. Namentlich hat mir, solange ich zu Hause 
war, Mutter manches von Deinen Stunden beim Herrn Predi- 
ger gesagt. Thue Du das jetzt, damit ich lese, da ich nicht 
mehr sehen kann, welche Wirkung das, was Du lernst, auf 
Dein Gemüth und Deinen Verstand hat. Lass es vor allem 
die Wirkung haben, dass Du stets eifriger bemüht seiest, der 
nie genug zu liebenden und zu ehrenden Mutter zu Gefallen 
zu leben, durch Gehorsam zur Liebe, durch Ordnung zur Frei- 
heit und Heiterkeit zu gelangen. Es ist das die würdigste Art, 
dem Schöpfer zu danken und ihn zu ehren. Unser aller 
Schöpfer. Es giebt — die Religion sei welche sie wolle — 
nur einen Gott, nur eine Tugend, nur eine Wahrheit, nur 
ein Glück. Du findest alle, wenn Du der Stimme Deines Her- 
zens folgst; lebe so, dass sie immer im Einklänge mit der 
Stimme Deiner Vernunft bleibe. 

Wie es mir ergeht, seht Ihr aus meinen Briefen an die 
Mutter, ich gedenke Eurer täglich und stündlich in Liebe." 

Dein treuer Vater 

A. M. B. 

Paris, 2. Juli 1819. 
„Ich kann mir das Vergnügen m'cht versagen, Dir, Hebe 
Fanny, in einem eigenen Briefchen das herzliche Wohlgefallen 



92 Abraham Mendelssohn Bartholdy. 

zu hezeugen, welches mir Deine letzten Briefe gewährt haben ; 
sie sind durchgängig angenehm, ordentlich und leicht geschrieben, 
und Du hast endlich das Geheinmiss gefunden, mir, recht wohl 
gedacht und gefühlt, über Dich und die Unsrigen zu schreiben 
— und nichts über's Theater. Je sparsamer ich mit meinem 
Lobe bin, desto gewissenhafter ertheile ich es, wenn ich Ver- 
anlassung dazu finde, und Deine Briefe gefallen mir zuerst 
deswegen, weil sie sind, was sie sein können und sollen, natür- 
lich und liebevoll für Deine Umgebungen. Gewiss habe ich 
Dich auch recht lieb! Noch recht lieb, schreibst Du — ich 
denke, es soll erst recht anfangen. 

Lass Dich Deine Dicke nicht anfechten ; es ist eine Aehn- 
lichkeit mehr, die Du mit Mutter hast (und Du kannst ihrer 
gar nicht genug haben, denn besser als sie wii'd man nun 
einmal nicht), die ebenfalls als junges Mädchen sehr stark ge- 
wesen ist, und es hoffentlich wieder wird. Die Aehnlichkeit 
mit mir wül ich Dir just nicht anpreisen, denn als Frau bin 
ich höchstens in den Tableaux vivants reizend und an meiner 
SteUe. 

Paul's Gesclüchte seiner „Leiden und Freuden" hat uns 
hier höchlich divertirt; leider habe ich bei Fanny Sebastiani 
keine Spur von Eifersucht bemerkt ; sie liebt ihn sehr uneigen- 
nützig. 

Gieb Beckchen, und den Jungen, wenn sie still halten wollen, 
einen Kuss für mich. Ich wende mich noch an jeden von ihnen 
mit einigen "Worten. 

Dein Vater und Freund 
A. M. B. 

P. S. Du schreibst: „M. versichert mich, wenn Du hier 
gewesen wärest, sei sie nach B. mitgegangen" — das ist fehler- 
haft, es muss heissen „würde sie nach B. mitgegangen sein." 

Zuerst an Dich, lieber Paul! Mit Deinen beiden letzten 
Briefen bin ich sehr wohl zufrieden gewesen, und danke Dir 
dafür. Nur drückst Du zu sehr auf — die ? oder der ? Feder. 
Frage Mutter, wie es heisst! Lass Dir einige Federn von 
Herrn Gross schneiden, dann wird sie Dir Onkel Joseph ebenso 
schneiden ; halte die Finger lose, und Dich grade. — Ich habe 



Briefe an seine Kinder. 9E 

Dir auf Deine Anfragen wegen Deiner Verheirathnng mit 
Mieke niclit gleich geantwortet, weil ich mir die Sache erst 
überlegen wollte. Nun denke ich, wir lassen es anstehn, bis 
ich nach Hause komme, damit ich Mieke erst sehe. Wenn sie 
dann ordentüch gewaschen ist, und Du Dich 14 Tage lang 
artig aufführst, so lässt sich von der Sache reden.*) 

Du lieber Felix musst recht vernünftig und deutlich 
schreiben, was Du für Notenpapier haben willst, ob linürtes 
oder unlinürtes? Im ersten Falle musst Du genau angeben, 
wie es linürt sein soll; denn da ich in einem Laden war, um 
welches zu kaufen, fand sich, dass ich garnicht wusste, was 
ich eigentlich kaufen sollte, üeberlies Deinen Brief, ehe Du 
ihn abschickst, und frage Dich selbst, ob Du ihn, wenn Du 
ihn erhieltest, verstehen würdest, und eine Commission danach 
besorgen könntest. 

Du Beckchen! hast mir lange nicht geschrieben, und kannst 
Dir einen Brief von mir malen. Wenn ich Dir einen Kuss 
und einen Nasenstüber — schreibe, so magst Du zufrieden sein. 
Dein letzter Brief war übrigens geschmiert; vermuthlich sind 
die Meiereifedern daran schuld. 

Ich erinnere Mutter an den Exerciermeister für Euch alle. 
Er findet sich gewiss aufs Beste unter den Neufchatellern. 
Felix soll fleissig aber nur in der Schule sch\\ammen. 
Das Verbot des Turnens wird sich auf unsern unschuldigen 
Platz wohl nicht erstrecken." 

Euer Vater und Freund 
A. M. B. 

Im Jahre 1820 wurde dann Fanny emgesegnet. Der Ein- 
segnungsbrief ihres Vaters lautet folgendermassen : 

Paris. 
„Du hast, meine liebe Tochter, einen wichtigen Schritt 
in's Leben gethan, und indem ich Dir dazu und zu Deinem 
ferneren Lebenslauf mit väterlichem Herzen Glück wünsche. 



*) Mieke war die 4jährige Tochter des Gärtners. Paul war 
damals 6 Jahr alt. Aum. d. H. 



94 Abraham Mendelssohn Bartholdy. 

fühle ich mich gedrungen, über Manches, was bis jetzt zwi- 
schen uns nicht zur Sprache gekommen, ernsthaft zu reden: 

Ob Gott ist? Was Gott sei? Ob ein Theil unserer Selbst 
ewig sei und, nachdem der andere Theil vergangen, fortlebe? 
und wo? und wie? — Alles das weiss ich nicht und habe Dich 
deswegen nie etwas darüber gelehrt. Allein ich weiss, dass 
es in mir und in Dir und in allen Menschen einen ewigen 
Hang zu allem Guten, Wahren und Rechten und ein Gewis- 
sen giebt, welches uns mahnt und leitet, wenn wir uns davon 
entfernen. Ich weiss es, glaube daran, lebe in diesem Glau- 
ben und er ist meine Religion. Die konnte ich Dich nicht 
lehren und es kann sie Niemand erlernen, es hat sie ein Je- 
der, der sie nicht absichtlich und wissentlich verläugnet; und 
dass Du das nicht würdest, dafür bürgte mir das Beispiel Deiner 
Mutter, dieser edelsten, würdigsten Mutter, deren ganzes Leben 
Pflichterfüllung, Liebe, Wohlthun ist, dieser Religion in Menschen- 
gestalt. Du wuchsest heran unter ihrem Schutz, in stetem An- 
schauen und unbewusster Nachahmung und Gewohnheit dessen, was 
dem Menschen einen Werth giebt. Deine Mutter war und ist, und 
mein Herz sagt mir, sie wird noch lange bleiben Deine und 
Deiner Geschwister und unser Aller Vorsehung und Leitstern 
auf unserem Lebenspfade. Wenn Du sie betrachtest, wenn Du 
das unermessliche Gute, das sie Dir, solange Du lebst mit ste- 
ter Aufopferung und Hingebung erwiesen, erwägst und dann 
in Dankbarkeit, Liebe und Ehrfurcht Dir das Herz auf- und 
die Augen übergehen, so fühlst du Gott und bist fromm. 

Dies ist Alles , was ich Dir über Religion sagen kann, 
alles, was ich davon weiss; aber das wird wahr bleiben, so- 
lange ein Mensch in der Schöpfung existirt, wie es wahr gewe- 
sen, seitdem der erste erschaffen worden. 

Die Form, unter der es Dir Dein Religionslehrer gesagt, 
ist geschichtlich und wie alle Menschensatzungen veränderlich. 
Vor einigen tausend Jahren war die jüdische Form die herr- 
schende, dann die heidnische, jetzt ist es die christliche. Wir, 
Deine Mutter und ich, sind von unseren Eltern im Judenthum 
geboren und erzogen worden und haben, ohne diese Form 
verändern zu müssen, dem Gott in uns und unserem Gewissea 



Einsegnungsbrief an Fanny. 95 

zu folgen gewusst. Wir haben Euch, Dich und Deine Ge- 
schwister, im Christenthum erzogen, weil es die Glaubensform 
der meisten gesitteten Menschen ist und nichts enthält, was 
Euch vom Guten ableitet, vielmehr Manches, was Euch zur 
Liebe, zum Gehorsam, zur Duldung und zur Resignation hin- 
weist, sei es auch nur das Beispiel des Urhebers, von so 
Wenigen erkannt, und noch Wenigeren befolgt. — 

Du hast durch Ablegung Deines Glaubensbekenntnisses 
erfüllt, was die Gesellschaft von Dir fordert, und heissest 
eine Christin. Jetzt aber sei, was Deine Menschenpflicht von 
Dir fordert, sei wahr, treu, gut. Deiner Mutter, und ich darf 
wohl auch fordern. Deinem Vater bis in den Tod gehorsam 
und ergeben, unausgesetzt aufmerksam auf die Stimme Deines 
Gewissens, das sich betäuben aber nicht berücken lässt, und 
so wirst Du Dir das höchste Glück erwerben, das Dir auf Erden 
zu Theil werden kann, Einigkeit und Zufriedenheit mit Dir selbst. 

Hiermit drücke ich Dich mit väterlicher Innigkeit an mein 
Herz und hoffe stets in Dir die würdige Tochter Deiner, unsrer 
Mutter zu finden. Leb wohl und meiner Worte eingedenk." 

Derselbe Ernst, dieselbe strenge Auffassung der Pflichten 
der Kinder gegen die Eltern — aber auch der Eltern gegen 
die Kinder, ging durch die ganze Erziehung. Dieser Vater 
glaubte nicht genug gethan zu haben, wenn er den Kindern 
die besten Lehrer gab, er erzog selbst und hielt keins seiner 
Kinder bei seinen Lebzeiten seiner Zucht — sogar seiner Züch- 
tigung entwachsen, wenn es auch erwachsen war. 

Aus derselben Zeit, wie der soeben mitgetheilte Ein- 
segnungsbrief, ist folgender: 

Paris, 16. JuU 20. 

Sonntags. Unvergleichlich schönes Wetter. 
„Du hast mir, liebe Fanny, während meiner diesmaligen 
Entfernung viel lange und gute Briefe geschrieben, mit denen 
ich sehr zufrieden und Dir dafür dankbar bin. Ich bin da- 
gegen in Deine Schuld gerathen, und das hat den Nachtheil 
nicht allein, dass ich mich selbst deswegen anklagen muss, 
sondern dass es nun zu spät geworden, Dir auf Vieles in Dei- 



96 Abraham Mendelssohn Bartholdy. 

nen Briefen zu antworten und ich mich an die letzten hal- 
ten muss. 

Ich hoffe zuversichtlich, dass Mutter sich zur Reise entschlos- 
sen haben wird und dass ich Tante Jette morgen dazu werde 
bereden können. Beide können indessen ihre sehr guten Gründe 
haben, nicht reisen zu wollen, die wir dann ehren und auf ein 
gehofftes Vergnügen Verzicht leisten müssen. Wenn Dir das 
schwerer wird als mir, weil Du jünger und neugieriger bist 
als ich, so hast Du dagegen noch soviel mehr Zeit vor Dir, 
Schönes zu erleben und zu sehen, während ich die wenigen 
Jahre, die mir dazu noch bleiben, schnell zurückgelegt haben 
werde. Wie schnell dieses zugeht, wenn einmal die Lebens- 
ki'aft einen Stoss erlitten, davon sehe ich jetzt zu meinem 
grossen Schmerz ein Beispiel täglich an der vortrefflichen Bi- 
got, deren Zustand sehr beklagenswerth ist. Ihr werdet sie 
wohl nicht mehr sehn uud würdet sie schwerlich wiedererken- 
nen. Bei ihr fällt mir stets die grobe, aber ausdrucksvolle 
Aeusserung Heine's über die unvergessliche S. ein: „Schade um 
die schöne Seele in dem hundsföttschen Körper." — 

Du forderst mich auf, wegen Deiner Gesellschaft mit M. 
und A. ruhig zu sein; ich wüsste nicht, warum ich unruhig 
sein sollte, denn dass Du Dich nicht lästig bezeugen würdest, 
das habe ich von Deinem Verstand und Deiner Bescheidenheit 
erwartet. Ich meines Theils habe stets eine gewisse Scheu 
gehabt, zu zweien, sich in irgend einem Verhältniss nahe ste- 
henden Personen, den Dritten abzugeben; dieser ist immer der 
Sündenbock; der Vierte, Fünfte etc. verderben dann schon 
nichts mehr und begründen vielmehr eine allgemeine Unterhal- 
tung, während der Dritte nur die engere und vertrautere auf- 
hebt. Wer sich hütet, der Dritte zu sein, ist fast gewiss, 
stets gern, wenigstens nie ungern gesehen zu werden, und so 
bildet sich Dein Lebensplan mit M. und A. von selbst. 

Deine letzten Lieder sind in Viry, von wo ich sie morgen 
zurückbringe und dann Jemand suchen werde, der sie mir leid- 
lich vorsingt. Felix' letzte Fuge*) hat mir Herr Leo sehr 



*) Felix war damals 11 Jahr alt. 



Briefe an seine Kinder. 97 

unvollkommen vorgespielt, er findet sie sehr gut und in achtem 
Styl, aber schwer. Mir hat sie wohl gefallen; es ist viel und 
ich hätte ihm kaum zugetraut, dass er sich sobald darin finden 
würde, ernsthaft zu arbeiten, denn zu einer solchen Fuge ge- 
hört denn doch gewiss Ueberlegung und Beharrlichkeit. Was 
Du mir über Dein musikalisches Treiben im Verhältniss zu 
Felix in einem Deiner früheren Briefe geschrieben, war eben 
so wohl gedacht als ausgedrückt. Die Musik wird für ihn 
vielleicht Beruf, wälirend sie für Dich stets nur Zierde, niemals 
Grundbass Deines Seins und Thuns werden kann und soll; ihm 
ist daher Ehrgeiz, Begierde, sich geltend zu machen in einer 
Angelegenheit, die ihm selir wichtig vorkommt, weil er sich 
dazu berufen fühlt, eher nachzusehn, während es Dich nicht 
weniger ehrt, dass Du von jeher Dich in diesen Fällen gut- 
müthig und vernünftig bezeugt und durch Deine Freude an 
dem Beifall, den er sich erworben, bewiesen hast, dass Du ihn 
Dir an seiner Stelle auch würdest verdienen können. Beharre 
in dieser Gesinnung und diesem Betragen, sie sind weiblich, 
und nur das Weibliche ziert die Frauen. 

Ich danke Beckchen für ihren Brief und „Faul" für seine 
Nachschrift, die leidlich geschrieben ist, jedoch gerathen h und 
k immer noch sehr schlecht, letztere besonders haben einen 
Bauch, der mich über meinen tröstet. 

Dienstag. Sie haben gestern in Viry Deine Eomanzen 
durchgenommen, es wird Dich freuen, zu wissen, dass Fanny 
Sebastiani mir die „Les soins de mon troupeau'-^ recht niedlich 
und rein vorgesungen hat und vielen Geschmack daran findet. 
Ich gestehe Dir, dass dieses Lied mir das liebste ist, soweit 
ich nämlich die anderen, die sehr unvollkommen vorgetragen 
wurden, beurtheilen kann. Es ist heiter, fliessend, natürlich, 
Eigenschaften, die den meisten andern abgehn, die zum Theil 
zu weit sind für die Worte. Jenes Lied gefäUt mir so wohl, 
dass ich mir es seit gestern sehr oft vorgesungen, während 
ich von den andern nichts behalten habe, und Fasslichkeit 
scheint mir eines der wichtigsten Erfordernisse eines Liedes; 
dabei ist es nichts weniger als trivial, und die Wendimg „si 
fai trouve pour eux une fontaine claire^^ sehr glücklich sogar, 

Die Familie Mendelssohn. I. 7 



98 Abraham Mendelssohn Bartholdy. 

nur scheint sie mir den Satz, der sich in den Versen an „s'e?« 
sont heureux'-'' unmittelbar anschliesst, zu bestimmt zu enden. 
Ich rathe Dir sehr, Dich möglichst an diese Natürlichkeit und 
Leichtigkeit in Deinen ferneren Kompositionen zu halten. 

Die Mutter schrieb mir neulich, dass Du Dich über Mangel 
an Stücken zur Uebung der vierten und fünften Finger be- 
klagt und dass Felix Dir sogleich darauf eins verfertigt habe. 
Die Bigot meint, es läge keineswegs an Mangel an üebungs- 
stücken, sondern an Mangel an ernster Uebung, wenn bei 
Dir, me bei allen Menschen, diese Finger den andern nicht 
nachwollten. Du müsstest jeden Tag einen Theil Deiner Uebungs- 
zeit darauf verwenden, ohne Rücksicht auf die Musik, Ausdruck 
oder sonst etwas, ganz mechanisch bloss die Finger zu beob- 
achten und fest aufzusetzen; es gäbe im Ki'amer genug Stücke, 
die auf diese beiden Finger berechnet wären, und es käme 
darauf an, diese langsam und mit steter Beobachtung des 
festen Aufsetzens der beiden Schwächlinge anhaltend duixh- 
zuspielen. Auf diese Weise und durch unermüdete Geduld habe 
sie es erlangt, und sei es möglich zu erlangen, dass alle Finger 
gleich stark werden. Ich theile Dir dieses zur Beherzigung mit. 

Da ich nicht recht glaube, dass Mutter nach Coblenz 
kommen wird, so ist die Zeit unsres Wiedersehns etwas hinaus- 
geschoben, und manchmal freilich ist aufgeschoben aufgehoben; 
doch hoffentlich in diesem Falle nicht und wir treffen Alle 
wieder gesund und wohlbehalten zusanmien. 

Dein Vater. 
Tante Jette lässt Dich gelegent- 
lich um einige Deiner deutschen Lieder 
bitten." 

Zum 23. Geburtstage schrieb Abraham an Fanny folgender- 
massen: 

„Wir werden beide mit jedem Jahr 365 Tage älter; 'wer 
weiss, wie lange ich Dir noch zu Deinem Geburtstage gratuliren 
und ein ernstes Wort sagen kann; wer weiss, wie lange Du 
letzteres noch hören kannst, oder willst. 

So will ich Dir heute sagen, liebe Fanny, dass ich in allen 
wesentlichsten Punkten, im Wichtigsten, mit Dir so zuüiedei 



Briefe an seine Kinder. 99 

bin, dass mir nichts zu wünschen übrig bliebe. Du bist gut 
in Sinn und Gemüth. Das Wort ist verdammt klein, aber es 
hat es hinter den Ohren, und ich sage es nicht von einem Jeden. 

Aber Du kannst noch besser werden! Du musst Dich 
mehr zusammennehmen, mehr sammeln ; Du musst Dich ernster 
und emsiger zu Deinem eigentlichen Beruf, zum einzigen 
Beruf eines Mädchens, zur Hausfrau, bilden. Die wahre Spar- 
samkeit ist die wahre Liberalität, wer Geld wegwirft muss ein 
Geizhals oder ein Betrüger werden. Der Frauen Beruf ist der 
schwerste; die unausgesetzte Beschäftigimg mit dem Kleinsten, 
das Auffangen eines jeden Regentropfens, damit er nicht in dem 
Sande verdunste, sondern zum Bache geleitet, Wohlstand und 
Segen verbreite, die stete unausgesetzte Beobachtung des Ein- 
zelnen, die Wohlthat jedes Augenblicks und die Benutzung 
jedes Augenblicks zur Wohlthat, das, und Alles, was Du Dir 
dazu denken wirst, sind die Pflichten, die schweren Pflichten 
der Frauen. 

Es fehlt Dir wahrlich nicht am Gemüth, noch weniger am 
Verstände, um sie treu zu erfüllen; aber am ernsten Willen, 
an der Sammlung, an der rechten Wahl und Würdigung Deiner 
Beschäftigungen wirst Du noch Stoff genug finden. Deine Kraft 
zu üben. Thue es, so lange Du freiwillig kannst! ehe Du 
es zu thun gezwungen bist. Uebe Dich, so lange es Dir noch 
vergönnt ist, mit Deinen Eltern zu leben. Vieles besser zu 
machen, als diese. Gieb dem Gebäude einen festen Grund, der 
Zierden wird es nicht ermangeln. 

Doch ich will ja nicht predigen und bin noch nicht alt 

genug, schwatzhaft zu werden. Nimm noch einmal meine 

väterlichen Wünsche für Dein Wohl und meinen wohlgemeinten 

Rath zu Herzen." 

Dein Vater. 

Das war überhaupt Fundamentalgrundsatz dieser Erziehung, 
dass jede erreichte Stufe nur eben eine Stufe sei, dass, was gut 
ist, noch besser werden könne, dass mit einem Wort die Er- 
ziehung nie zu Ende sei, und dass Vater und Mutter, so lange 
sie leben, nie aufhören dürfen, Berather und Leiter ihrer Kinder 
zu sein. Es ist dies eine specifisch jüdische Anschauungsweise 

7* 



l 

100 Abraham Mendelssohn Bartholdy, 

und sie wird zum Unheil, wenn erwachsene Söhne oder Töchter 
gegen besseres Wissen sich dem kindisch gewordenen Willen 
eines Greises beugen müssen und mit Gewalt unmündig gehalten 
werden, bis der Tod die unnatürlichen Fesseln bricht. Wenn 
aber, wie es hier der Fall war, der Vater mit der Zeit zum 
väterlichen Freund wird, der sich die schöne Stelle des Leiters 
durch die Vortrefilichkeit seines Raths erhält, dann ist es das 
würdigste und wohlthätigste Verhältniss, das man sich denken 
kann. Am schönsten gestaltete sich dies zwischen Abraham 
nnd seinem Sohne Felix. Man kann dreist behaupten, dass 
ohne diesen Vater Felix Mendelssohn nie das geworden wäre, 
was er war. Die Laufbahn eines Musikers war damals eine 
noch nicht so oft betretene als jetzt, und der Weg, namentlich 
in Deutschland, ein dorniger, der Abwege viele. Ja, es gab 
kluge und bedeutende Menschen, die den „Musicus von Profession" 
garnicht als Lebensberuf anerkennen wollten. So schrieb sein 
Schwager Bartholdy an Abraham: 

„Ich bin nicht ganz einverstanden, dass Du Felix keine 
positive Bestimmung giebst. Dies würde und könnte seiner 
Anlage zur Musik, über die nur eine Stimme ist, keinen Ein- 
trag thun. — Ein Musikus von Profession will mir nicht in 
den Kopf. — Das ist keine Carriere, kein Leben, kein Ziel; 
man ist zu Anfang so weit als am Ende und weiss es; ja, 
in der Regel besser daran. — Lasse den Buben ordentlich 
Studiren, dann auf der Universität die Rechte absolviren und 
dann in eine Staats-Carriere treten. Die Kunst bleibt ihm als 
Freundin und Gespielin zur Seite. So wie ich den Gang der 
Dinge erkenne, bedürfen wir der Leute, die ein Studium ge- 
macht haben, bald mehr als je. Soll er aber ein Kaufmann 
werden, so gieb ihn früh in ein Comptoir." — 

Abraham liess sich durch diesen Rath glücklicher Weise 
nicht bestechen. Felix lernte und studirte ordentlich, hörte 
auch juristische Collegia, dann aber liess ihn der Vater die 
Musik als wirkliche „Carriere" ergreifen, und der Erfolg hat 
bewiesen, dass es keine schlechte war. Nun aber war auch 
des Vaters ganzes Streben darauf gerichtet, dieser Carriere 
eiQ festes, ernstes Ziel zu geben; immer wies er seinen Sohn 



Abraham und Felix. 101 

auf die alten Meister, namentlicli auf Bacli hin; er drängte 
ihn zur Composition des Paulus, bestand auf einer festen An- 
stellung. Die Musik sollte ihm eben Ernst sein, und nicht 
bloss eine Gespielin. In Bezug auf die von ihm übernommene 
und bald wieder abgegebene Direktion des Düsseldorfer Stadt- 
theaters schrieb er.*) 

„Was die administrative Carriere betrifft, so veranlasst 
mich diese zu einer Reihe von Betrachtungen, die ich Dir ans 
Herz legen will: Jeder, der Gelegenheit und Lust hat. Dich 
näher und innerlicher kennen zu lernen, sowie alle, denen Du 
Lust und Gelegenheit hast, Dich deutlicher zu machen, werden 
Dich liebgewinnen und achten. Das allein reicht aber wirklich 
nicht aus, um thätig und wirksam ins Leben einzugreifen; es 
wird vielmehr bei vorrückendem Alter, wenn Andern und Dir 
jene Lust und Gelegenheit ausgehen, zu Isolirung und Miss- 
muth führen: Selbst das, was wir für Fehler halten, will, wenn 
es sich einmal durchgehends in der Welt festgesetzt hat, 
respectirt, oder doch wenigstens geschont sein, und das In- 
dividuum verschwindet in der Welt. Das Ideal der Tugend 
hat der am wenigsten erreicht, der es am unerbittlichsten 
von Andern fordert. Das strengste Moralprincip ist eine 
Citadelle mit Aussenwerken, an deren Vertheidigung man nicht 
gern seine Kräfte verschwendet, um desto sicherer in dem Kern- 
werke sich halten zu können, welches man freilich nur mit 
dem Leben aufgeben soll. Nun hast Du Dich unläugbar bis 
jetzt noch nicht von einer gewissen Schroffheit und Heftigkeit, 
von einem raschen Ergreifen und ebenso raschen Loslassen 
trennen können und Dir dadurch selbst in praktischer Hinsicht 
vielfache Hindernisse geschaffen. So muss ich Dir zum Bei- 
spiel bekennen, dass ich Dein Ausscheiden von der aktiven 
Theilnahme an der Detailverwaltung des Düsseldorfer Theaters 
an und für sich gebilligt habe, die Art und Weise desselben 
aber um so weniger, als Du sie freiwillig, und, wenn ich es 
sagen soll, etwas unbedacht übernommen hattest. Du hattest 
von Anfang an, sehr richtig. Dich nicht fest binden, sondern 



*) Bereits in den Mendelssohn'schen Briefen veröffentlicht. 



102 Abraham Mendelssohn Bartholdy. 

nur das Einstudiren und Leiten einzelner Opern übernehmen 
wollen, diesem Entschluss gemäss auch ganz konsequent einen 
Theater - Musikdirektor engagiren lassen. Wie Du nun vor 
einiger Zeit hierherkamst, mit dem Auftrag Krethi und Plethi 
zu engagiren, gefiel mir das Ding schon gamicht; ich meinte 
aber, Du habest, da Du ohnedies hergekommen warst, diese 
Besorgung als eine Gefälligkeit nicht verweigern können. Nun 
aber, bei Deiner Rückehr nach Düsseldorf, und nachdem Du^ 
sehr vernünftig, eine weitere Reise zu Engagements gleich 
abschlugst, statt in diesem Sinne fortzufahren und alle Odiosa 
abzuweisen, lässt Du Dich damit überschütten, und da sie Dir, 
wie natürlich, ekelhaft werden, lenkst Du nicht etwa ruhig 
ein und schaffst sie Dir nach und nach wieder vom Halse^ 
sondern Du springst mit einem Male ab und zurück, giebst 
Dir dadurch unläugbar den Anschein von Unbeständigkeit und 
UnZuverlässigkeit, machst Dir einen Mann, den Du auf jeden 
Fall politisch schonen musstest, zum entschiedenen Gegner und 
höchst wahrscheinlich mehrere Mitglieder des Comite, unter 
denen gewiss ganz respektable Leute sind, verdriesslich und 
nicht zu bessern Freunden. Betrachte ich diese Sache falsch, 
so belehre mich eines Bessern." — Und über die durch das 
ganze Leben Felix' gehende und nie befriedigte Sehnsucht 
nach einem guten, komponirbaren Operntext schreibt sein 
Vater in demselben Brief: „Sodann will ich auch auf den 
Punkt der dramatischen Carriere noch einmal zurückkommen, 
weil sie mir allerdings für Dich sehr am Herzen liegt. Du 
hast, meiner Einsicht nach, weder in produktiver, noch in 
administrativer Hinsicht eine ausreichende Schule durchgemacht, 
um gewiss wissen zu können, dass Deine Abneigung dagegen 
eine innere, in Deinem Talent und Charakter gegründete ist. 
Mir ist, ausser Beethoven, kein dramatischer Komponist be- 
kannt, der nicht eine ganze Menge total vergessener Opern 
gemacht hätte, ehe er den rechten Punkt zur rechten Zeit 
gefasst und sich Platz gemacht. Du hast einen einzigen 
öffentlichen Versuch gemacht, der zum Theil am Text ge- 
scheitert und eigentlich weder gelungen noch misslungen ist. 
Später hast Du an den Texten zuviel gemäkelt, — den rechten 



Abraham und Felix. 103 

Mann nicht gefunden, vielleicht aber auch nicht recht gesucht; 
ich kann mich des Glaubens nicht erwehren, dass thätigere 
Nachforschungen und billigere Anforderungen Dich zum Ziele 
führen müssen." — 

So waren die Rathschläge, die Abraham seinem Sohn in 
Bezug auf seine Musiker-Laufbahn ertheilte. Aber darauf be- 
schränkte sich der Beirath des einsichtigen Mannes nicht: er 
hatte ein so richtiges musikalisches Verständniss, ein so feines 
Ohr, dass Felix ihm z. B. einmal auf eine Kritik einer seiner 
Kompositionen antwortet : *) 

„Ich habe Dir noch zu danken für den letzen Brief und 
mein Ave; ich kann es oft garnicht begreifen wie es möglich 
ist, über Musik ein so genaues Urtheil zu haben, ohne tech- 
nisch musikalisch zu sein, und wenn ich das, was ich dabei 
empfinde, so klar und anschaulich sagen könnte wie Du, 
sobald Du darüber sprichst, so wollte ich keine einzige konfuse 
Rede mehr in meinem Leben halten. Habe tausend Dank da- 
für und für Deine Worte über Bach. 

Du hast nun freilich nach einmaligem unvollkommenen 
Hören meines Stücks das herausgefunden, was ich nach langer 
Bekanntschaft erst jetzt, und darüber sollt' icli mich wohl ein 
wenig ärgern; aber daixU ist's mir doch wieder lieb, dass eine 
solche Deutlichkeit des Gefühls bei Musik da ist und dass Du 
die grade hast, denn was am Ende und in der Mittelstelle 
verfehlt ist, liegt in so kleinen Fehlern, die sich mit so wenig 
Noten (namentlich weggestrichenen) hätten verbessern lassen, 
dass weder ich noch irgend ein Musiker ohne öfteres Hören 
darauf gekommen wäre, weil wir das in der Regel viel tiefer 
suchen. Es schadet der Einfachheit des Klanges, und wenn 
ich auch meine, dass es bei vollkommener Aufführung, nament- 
lich mit grossem Chor, weniger auffallen würde, so wird doch 
immer etwas davon bleiben. Indessen will ich's ein andermal 
schon besser machen." 

Wenn Abraham auch, wie wir sahen, der Ansicht war, 
dass die Hausfrau der einzige Beruf eines Mädchens sei, so 



*) Mendelssohn'sche Briefe. 



104 Abraham Mendelssohn Bartholdy. 

kam ihm doch viel darauf an, die grossen Talente, die in sei- 
ner Tochter ruhten, vollkommen zu entwickeln, und Lea war 
darin ganz mit ihm einverstanden. So lernte auch Fanny Ge- 
neralbass, hatte Unterricht in der Kompositionslehre und war 
im Klavierspiel in vielen Beziehungen dem Bruder ebenbürtig. 
Von ihrem ungewöhnlichen musikalischen Gedächtniss legte sie 
im Jahre 1818 als 13 jähriges Kind eine glänzende Probe ab, 
indem sie zur Ueberraschung für den Vater 24 Bach'sche Prä- 
ludien auswendig lernte. Charakteristisch für diesen ist, was 
Henriette darüber schreibt: „Fanny's Meisterstück, 24 Präludien 
auswendig zu lernen, und Dire Beharrlichkeit, liebste Lea, sie 
einstudiren zu lassen, haben mich starr und stumm vor Er- 
staunen gemacht, und ich habe nur die Sprache wiedergefunden, 
um allen Menschen dies grosse Gelingen mitzutheüen. Nach- 
dem ich aber Ihnen und Fanny meine ungetheilte Bewunde- 
rung zuerkannt, muss ich doch gestehen, dass ich das Unter- 
nehmen strafbar finde ; die Anstrengung ist zu gross, sie hätte 
leicht schädlich werden können, man sollte das ausserordent- 
liche Talent Ihrer Kinder bloss leiten, nicht treiben. Papa 
Abraham ist aber ungenügsam, das Beste ist ihm eben gut genug. 
Mich dünkt, ich sehe ihn, während Fanny spielte, in der Seele 
vergnügt und zufrieden, und doch wenig äussernd. Die Kinder 
werden's ihm aber bald abmerken, dass sie sein Stolz und seine 
Freude sind, und sich die stoischen Mienen nicht sehr zu Her- 
zen nehmen." — Dies ausgezeichnete, musikalische Gedächtniss 
verüess Fanny auch in späteren Jahren nicht, und sie verfügte 
z. B. während des Aufenthalts in Rom, wie wir sehen werden, 
über ein sehr reichhaltiges Repertoir von Bach, Beethoven und 
fast allen klassischen deutschen Meistern, was ihr sehr nützlich 
wurde, da Noten dort garnicht zur Hand waren. 

Den Unterricht in wissenschaftlicher Hinsicht übernahmen 
anfangs die Eltern selbst; aber auch hierin sollte dem Vater 
— nach Henriette's treifendem Ausdruck — „das Beste eben 
gut genug sein," *) und wie er in musikalischer Beziehung 



*) Citat aus Göthe's italienischer Reise, demnächst geflügeltes 
Wort geworden. 



Keise nach Paris 1819. 105 

mit richtigem Blick Zelter als den geeigneten Mann heraus- 
gefunden hatte, traf er für die Hauslehrerstelle eine nicht min- 
der glückliche Wahl: es war Heyse, der spätere berühmte 
Philologe, der Vater des Dichters Paul Heyse. Heyse war 
längere Jahre im Hause und ihm verdankten die Kinder ihre 
gründliche wissenschaftliche Bildung. Felix wollte nicht gern 
allein Griechisch lernen, und so nahm seine jüngere Schwester 
Kebecka an diesem Unterricht Theil und erwarb sich bei ih- 
rem grossen Sprachtalent eine so genaue Kenntniss des Grrie- 
chischen, dass sie noch in späteren Jahren Homer und Plato 
mühelos las und sowohl ihrem Neffen, als ihren beiden eige- 
nen Söhnen oft eine erwünschte Helferin bei den Schular- 
beiten war. 

Im Jahr 1819 machte Abraham allein eine Reise nach 
Paris, wohin ihn Geschäftsangelegenheiten, die Eintreibung der 
französischen, an Preussen zu zahlenden Kriegsentschädigung, 
riefen. Wie schwer ihm die Trennung von seinem Familien- 
leben wurde, kann man sich denken, das „pain seo ä Fans^ 
war nicht mehr so verlockend als damals. Henriette schreibt 
an Lea: „Ich habe den guten, redlichen, edlen Bruder, Mann 
und Erzvater mit wahrer Freude wiedergesehen, und er hat 
mich auch schon hier auf dem Lande besucht, wo wir Ihrer und 
der Kinder gedachten, wie Sie, und der herrliche Segen, den 
ihm Gott in seinen Kindern gegeben, sich an AUes, besonders 
Gutes aber, das ihm widerfährt, immer anschliessen. Wie es 
aber der arme Mann anfangen wird, um seinen Sommer so 
aUein in Paris zu verleben, das weiss ich noch nicht. Auch 
die Opera buffa scheint ihn nicht mehr anzuziehen, und mit 
Recht zieht er seine Hauskapelle allen berühmtesten Vir- 
tuosen vor. Indessen scheint er mir ganz resignirt, und ich 
muss es sagen, in manchem Andern noch sehr vortheilhaft ver- 
ändert; er erkennt, dass er glücklich ist, fühlt es lebendig in 
sich, und das hat ihn verjüngt; ich finde ihn garnicht mehr so 
heraklitisch, bloss ernst, wie es einem Manne, und zuweilen 
gerührt, wie es einem Gatten und Vater ziemt, der von allem, 
was er liebt, getrennt ist." — 

Der Aufenthalt zog sich länger hin, als man gedacht 



106 Abraham Mendelssohn Barthol dy. 

hatte; aus dieser Zeit sind die früher mitgetheilten Briefe an 
Fanny; endlich im Herbst 1820 kehrte er zurück. In dem 
Brief, den ihm Henriette mitgab, heisst es: 

„ Liebste Lea, da haben Sie ihren lieben, edlen Mann wie- 
der, lind zwar recht wie Sie ihn wünschen, mit einer Dosis 
übler Laune gegen das neueste Frankreich; ob Berlin sehr 
bei dieser Veränderung gewonnen, weiss ich nicht, aber er ver- 
gisst es doch nie, dass da sein schönstes Glück blühte und zu 
den herrlichsten Früchten reifte, dafür entbehrt er schon gern 
einige materielle, die dort nicht reifen, besonders wenn er Sie, 
wie jetzt geschieht, zu einer Weinlese am Ehein bewegen 
kann." — 

Dass das Frankreich vom Jahr 1820 auf den freisinnigen 
fast republikanischen Mann, namentlich unter seinen persönlich 
unbehaglichen Verhältnissen, einen äusserst ungünstigen Ein- 
druck machte, ist wohl sehi* erklärlich. Indess lässt sich an- 
nehmen, dass der pecuniaire Erfolg der E-eise ein selir guter 
war, und so konnte schon ein nicht ganz angenehmes Jahr in 
den Kauf genommen werden, umsomehr als das nun folgende 
Jahi'zehnt von 1820 — 1830 sich zu einem ungetrübt glückli- 
chen gestaltete. 

Im Herbst 1821 wagte Felix den ersten Ausflug aus dem 
elterlichen Hause und reiste mit Zelter, dem vertrauten Freunde, 
nach Weimar, wo er 14 Tage im Göthe'schen Hause wohnte. 
Kurz vor seiner Abreise hatte er angefangen, sich im Phan- 
tasiren zu üben, und phantasirte in Weimar in Gegenwart 
Göthe's, Hummel's, vieler Künstler und des Hofes. Es mögen 
einige Stellen aus den Briefen folgen, die der damals 11 jähi-ige 
Felix an die Eltern schrieb: 

Weimar, den 6. November 1821. 

„ — — Jetzt hört Alle, Alle zu. Heut ist Dienstag. 
Sonntag kam die Sonne von Weimar, Göthe, an. Am Morgen 
gingen wir in die Kii^che, wo der 100. Psabn von Händel 
halb gegeben wurde. Die Orgel ist gross und doch schwach, 
die Marien-Orgel ist, obwohl klein, doch viel mächtiger. Die 
hiesige hat 50 Register, 44 Stimmen und Imal 32 Fuss. Nach- 
her schrieb ich Euch den kleinen Brief vom 4. und ging nach 



Felix bei Göthe. 107 

dem Eleplianten , wo icli Lucas Cranach's Haus zeichnete. 
Nach 2 Stunden kam Professor Zelter: „Göthe ist da, der 
alte Herr ist da!" — Gleich waren wir die Treppe herunter 
in Göthe's Haus. Er war im Garten und kam eben um eine 
Hecke herum; ist das nicht sonderbar, lieber Vater, ebenso 
ging es auch Dir. Er ist sehr freundlich, doch alle Bildnisse 
von ihm finde ich nicht ähnlich. Er sah sich dann seine 
interessante Sammlung von Versteineningen an, welche der 
Sohn geordnet hat, und sagte immer: „Hm, hm, ich bin recht 
zufrieden" ; nachher ging ich noch eine halbe Stunde im 
Garten mit ihm und Professor Zelter. Dann zu Tisch. Man 
hält ihn nicht für einen Dreiundsiebenziger, sondern für einen 
Fünfziger. Nach Tische bat sich Fräulein Ulrike, die Schwester 
der Frau von Göthe, einen Kuss aus und ich machte es ebenso. 
Jeden Morgen erhalte ich vom Autor des Faust und des 
Werther einen Kuss, und jeden Nachmittag vom Vater und 
Freund Göthe zwei Küsse. Bedenkt!! Nachmittag spielte 
ich Göthe über zwei Stunden vor, theils Fugen von Bach, 
theils phantasirte ich. Den Abend spielte man Whist und 
Professor Zelter, der zuerst mitspielte, sagte: „Whist heisst, 
du sollst das Maul halten." Ein Kraftausdruck! Den Abend 
assen wir Alle zusammen, auch sogar Göthe, der sonst niemals 
zu Abend isst. Nun meine liebe, hustende Fanny: Gestern 
früh brachte ich Deine Lieder der Frau von Göthe, die eine 
hübsche Stimme hat. Sie wird sie dem alten Herrn vorsingen. 
Ich sagte es ihm auch schon, dass Du sie gemacht hättest 
und fragte, ob er sie wohl hören wollte. Er sagte: ja, ja, 
sehr gerne. Der Frau von Göthe gefallen sie besonders. 
Ein gutes Omen. Heute oder morgen soll er sie hören."*) 



*) Göthe dichtete dann für Fanny folgendes Gedicht, das er 
ihr eigenhändig aufschrieb und Zelter mit den Worten übergab, 
»bringen Sie das dem lieben Kinde." 

Wenn ich mir in stiller Seele 
Singe leise Lieder vor, 
Wie ich fühle, dass sie fehle, 
Die ich einzig mir erkor. 

Möcht' ich hoffen, dass sie sänge. 
Was ich ihr so gern vertraut — 
Ach! aus dieser Brust und Enge 
Drängen frohe Lieder laut 



108 Abraham Mendelssohn Bartholdy. 

Weimar, den 10. Novemher. 

„ Montag war ich hei der Frau v. Henkel und auch 

hei Sr. Königl. Hoheit dem Erhgrossherzog, dem meine g-moU- 
Sonate sehr wohl gefiel. Mittwoch Abend war Oberen von 
Wranitzky, eine recht hübsche Oper. Donnerstag früh kamen 
die Grossherzogin und die Grossfürstin und der Erbgrossherzog 
zu uns, denen ich vorspielen musste. Und nun spielte ich 
von 11 Uhr mit Unterbrechung von 2 Stunden bis 10 Uhr 
des Abends, und die Phantasie von Hummel machte den 
Beschluss. Als ich letzt bei ihm war, spielte ich ihm die 
Sonate aus g-moll vor, die ihm sehr wohl gefiel, wie auch 
das Stück für Begasse, und für Dich, liebe Fanny. Ich spiele 
hier viel mehr als zu Hause, unter 4 Stunden selten, zu- 
weilen 6, ja wohl gar 8 Stunden. Alle Nachmittage macht 
Göthe das Streicher'sche Instrument mit den Worten auf: „Ich 
habe dich heute noch garnicht gehört, mache mir ein wenig 
Lärm vor" und dann pflegt er sich neben mich zu setzen, und 
wenn ich fertig bin (ich phantasire gewöhnlich), so bitte ich 
mir einen Kuss aus, oder nehme mir einen. Von seiner Güte 
und Freundlichkeit macht Ihr Euch gar keinen Begriff, ebenso- 
wenig als von dem Heichthum, den der Polarstern der Poeten 
an Mineralien, Büsten, Kupferstichen, kleinen Statuen, grossen 
Handzeichnungen u. s. w. u. s. w. hat. Dass seine Figur im- 
posant ist, kann ich nicht finden, er ist eben nicht viel grösser 
als Vater. Doch seine Haltung, seine Sprache, sein Name, die 
sind imposant. Einen ungeheuren Klang der Stimme hat er, 
und schreien kann er, wie 10,000 Streiter. Sein Haar ist noch 
nicht weiss, sein Gang ist fest, seine Rede sanft. Dienstag 
wollte Professor Zelter mit uns nach Jena, und von da aus 
gleich nach Leipzig. (Bei Schoppenhauer's sind wir oft, Freitag 
hörte ich Molke und Strohmeier daselbst, hier auf dem Theater 
ist eine 14jährige Sängerin, Fanny, die letzt im Oberon d frei 
fasste, stark und rein, und f hat.) Sonnabend Abend war 
Adele Schoppenhauer (die Tochter) bei uns, und wider Gewohn- 
heit Göthe auch den ganzen Abend. Die Rede kam auf unsere 
Abreise und Adele beschloss, dass vdr Alle hingehen und uns 
Professor Zelter zu Füssen werfen sollten und um ein Paar 



Felix bei Göthe. 109 

Tage Zugabe flehen. Er wurde in die Stube geschleppt und 
nun brach Göthe mit seiner Donnerstimme los, schalt Professor 
Zelter, dass er uns mit nach dem alten Nest nehmen wollte, 
befahl ihm, still zu schweigen, ohne Widerrede zu 
gehorchen, uns hier zu lassen, allein nach Jena zu gehen 
und wieder zu kommen, und schloss ihn so von allen Seiten 
ein, dass er Alles nach Göthe's Willen thun wird; nun wurde 
Göthe von allen Seiten bestüi-mt, man küsste ihm Mund und 
Hand, und wer da nicht ankommen konnte, der streichelte ihn 
und küsste ihm die Schultern, und wäre er nicht zu Hause 
gewesen, ich glaube, wir hätten ihn zu Hause begleitet, wie 
das römische Volk den Cicero nach der ersten Catilinarischen 
Eede. Uebrigens war auch Fräulein Ulrike ihm um den Hals 
gefallen, und da er ihr die Cour macht (sie ist sehr hübsch), 
so that alles dies zusammen die gute Wirkung. 

Montag um 11 Uhr war Concert bei Frau von Henkel. 
Nicht wahr, wenn Göthe mir sagt, mein Kleiner, morgen ist 
Gesellschaft um 11, da musst auch du uns was spielen, so 
kann ich nicht sagen „Nein!" — 

Lea hatte die Briefe an Henriette geschickt, und diese 
macht ihrem Entzücken in folgenden Worten Luft: 

^Wie kann ich Hmen, liebste Lea, je genug für die Freude 
danken, die Sie mir dui'ch jene herrlichen Briefe gemacht! Sie 
sind eine glückliche Mutter! Ihnen zu sagen, wie gerührt, 
v/ie innig bewegt und erfreut ich geworden, ist unmöglich. 
Ihnen muss, was ich empfinde, wenn ich an den herrlichen, 
feurigen, reichbegabten, gefühlvollen, sanften und natürlichen 
Knaben denke, wie Unsinn vorkommen, wenn ich Worte finden 
könnte, es auszudrücken. Aber nein, Ihr fülilt es wohl, Sie, 
liebe Mutter, fühlen es im Mutterherzen und sind dankbar gegen 
die Vorsehung, die Ihnen solche Eünder und diesen Sohn ge- 
geben ! Das ist ein Künstler in der vollsinnigsten Bedeutung, 
selten hohe Fähigkeiten bei dem edelsten, weichsten Gemüth! 
Wenn Gott diesen Knaben erhält, so werden nach langen, 
langen Jahren seine Briefe einst Epoche machen ; bewahren Sie 
sie wie ein Heiligthum, sie sind ja schon jetzt durch den Aus- 
druck des kindlichsten, reinsten Gemüths heilig. — Wie muss 



110 Abraham Mendelssohn Bartholdy. 

es so schön gewesen sein, den Knaben so offen und zuthnlich 
mit dem edlen Greise, dem Altvater Göthe, zu sehen. Was 
wir in unsrer Jugend so oft träumten, wie erfreulich es sein 
müsste, in Göthe's Nähe zu leben, das ist nun an Felix in Er- 
füllung gegangen, sowie auch die jugendlichen und unaufliör- 
lichen Bass-Triller des Vaters zum ausserordentlichen Talent 
in dem Sohne gereift sind. Ich danke Gott dafür, dass er Euch 
das Glück gewährt, es zu erleben, was unsere arme Mutter 
nicht ahnte, wenn sie ungeduldig über Dein ewiges Singen, 
lieber Abraham — es waren damals die Chöre der Athalia 
von Schulz — ausrief: „Wie mies ist mir vor tout Vunivers!^^ — 



Der weitere Lebenslauf Abraham Mendelssohn Bartholdy's 
greift so in den seiner Kinder ein, dass wir ihn von hier an 
im Zusammenhang mit diesem betrachten wollen. 



Wilhelm Hensel 



Es mnss hier ein Ereigniss erwähnt werden, das, so fern 
liegend es auch dem Anschein nach ist, doch auf die Lebens- 
schicksale der ältesten Tochter Fanny vom endscheidendsten 
Einfluss werden sollte. Im Januar 1821 waren der Grossfürst 
Thronfolger Nikolaus von Russland und seine Gemahlin in Berlin, 
bei welcher Gelegenheit grosse Hoffestlichkeiten stattfanden. 
Am 27. gab es lebende Bilder und pantomimische Darstellun- 
gen, zu denen als Gegenstand das damals neue und die Runde 
durch Europa machende Gedicht von Moore, Lalla Rookh, ge- 
wählt war. Die dabei entwickelte Pracht, die Fülle der Edel- 
steine und Perlen, die kostbaren Stoffe und Waffen, die Ver- 
einigung der schönsten und vornehmsten Personen machten das 
Fest zu einem seltenen, genussreichen. Als die Vorstellung, 
vorbei war, rief die Darstellerin der Lalla Rookh — die Gross- 
fürstin selbst — seufzend aus: „Ist es nun wirklich vorüber? 
Und soUen andere, sollen spätere Zeiten keine Erinnerung an 
diesen glücklichen Abend haben?" Der König hörte es, und 
wie man sonst nach Gemälden lebende Bilder stellt, so beschloss 
er, die lebenden Bilder durch den jungen Künstler, der sie ge- 
stellt, in einem Prachtwerk malen zu lassen ; alle Mitwirkenden 
Sassen zu ihren Portraits. Wilhelm Hensel stellte das vollen- 
dete Werk, ehe es an seinen Bestimmungsort Petersburg für 
die Grossfürstin abging, einige Tage in seinem Atelier aus und 
lernte dort Fanny Mendelssohn Bartholdy, seine spätere Gattin 



112 Wilhelm HenseL 

kennen, die mit iliren Eltern sich eingefunden hatte, die schönen 
Zeichnungen zu bewundern. 

Wenn wir der Vorgeschichte dieses Künstlers nachspüren, 
so ist es eine ganz andere Atmosphäre, die uns umweht, fast eme 
andere Welt als die bisher geschilderte. Alle Anschauungen, Be- 
griffe, Bildungsbedingungen sind andere, ja die Menschenrace ist 
eine wesentlich verschiedene. Hatten wir es bis jetzt mit einer 
Familie rein jüdischen Stammes zu thun, mussten wir nach 
Palästina zurückblicken, um die Wurzeln des Geschlechts zu 
finden, zeigte sich der kosmopolitische Charakter des Juden- 
thums in den Wanderungen durch mancherlei Städte und Länder, 
in denen wir die Vorfahren antrafen, in Dessau, Berlin, Paris, 
Hamburg, war die Gesinnung zwar ein echt deutsche, die Bil- 
dung aber vielfach auf französischem Boden wurzelnd, so führen 
die Ursprünge der Hensel'schen Familie auf die Ureinwohner 
der norddeutschen Tiefebene zurück, der Typus ist entschieden 
„christlich germanisch". — So waren die Existenzbedingungen 
durchaus andere und Wilhelm Hensel und Fanny M. B., 
beide recht ausgeprägte Eepräsentanten ihrer Eacen, waren als 
solche so verschieden wie möglich; und doch zeigte es sich, dass 
ihre Naturen sich sehr harmonisch in einander fügten und er- 
gänzten und in dieser Ergänzung, zu der jeder Theil so Ur- 
eigenes brachte, sich ausserordentlich glücklich fühlten. 

Wilhelm Hensel's Vater war ein armer Landprediger, zu- 
erst in Trebbin, wo Wilhelm am 6. Juli 1794 geboren wurde, 
dann in Linum, beides kleine dürftige Orte in der Nähe Berlins, 
in den öden, traurigen Sandsteppen der Mark gelegen, letzteres 
von endlosen Torfmooren umgeben. 

Bei einem spärlichen Einkommen, unter den Drangsalen 
der napoleonischen Bedrückungszeit, verstand er es, seine zahl- 
reiche Familie ehrenvoll in der Welt zu erhalten. Er starb 
früh, seine Frau aber lebte noch bis zum Herbst 1835 und 
hatte das Glück, nach langen Jahren der Sorge und Entbeh- 
ning, die sie während und nach dem Kriege in ihrem langen 
Wittwenstande durchlebt, die beginnenden Erfolge und die 
Verheirathung ihres Sohnes zu sehen. 

Dieser zeigte von früh an grossen Hang zur Malerei. AUe 



Wird Künstler. 113 

freien Stunden brachte er damit zu, theils zu malen, theils die 
Mittel dazu, die Farben, aus Früchten, Blättern, Wurzeln her- 
zustellen; denn Farbenkasten gab es in Linum nicht, und die 
Mittel hätten auch wohl nicht ausgereicht, um sie in der er- 
forderlichen Menge anzuschaffen. 

Es erschien den Eltern unmöglich, Wilhelm seinen glü- 
henden Wunsch, Maler zu werden, zu erfüllen, er sollte ein 
Brodstudium ergreifen und widmete sich mit schwerem Herzen 
dem Bergfach. Doch wurde noch jede freie Minute auf die 
Kunst verwandt, und das Glück wollte es, dass eines Tages 
ein feiner Kunstkenner eine von Hensels Zeichnungen zu sehen 
bekam ; er fand grosses Talent in dem Bildchen und als er er- 
fuhr, dass der Autor reiner Autodidakt sei, redete er ihm dringend 
zu, die Bergcarriere zu verlassen und Künstler zu werden. 
Aber er Hess es dabei nicht bewenden, sondern verhalf auch 
zu den nöthigen Unterstützungen während der ersten Jahre. 

So war Hensel zwar für den Augenblick am Ziel seiner 
Wünsche, indessen vorerst erndtete er nur Sorgen und Mühen : 
denn die Unterstützung, die er bekam, war nur eine sehr ge- 
ringe, und hätte kaum hingereicht, ihm selbst das Leben zu 
fristen ; nun aber entstanden für den kaum den Kinder jähren Ent- 
wachsenen Verpflichtungen und Verantwortungen der schwersten 
Art. Sein Vater starb und er wurde das Haupt der Familie; 
die Wittwe mit ihren Töchtern war zu ernähren, sie durften 
nicht darunter leiden, dass er sein Bergstudium an den Nagel 
gehängt — so musste denn die Kunst, die erst erlernt werden 
sollte, sofort Brod geben. Er scheute vor keiner Arbeit zu- 
rück: er zeichnete für Taschenbücher und Kalender Hlustrationen ; 
er lernte radiren, um den Verdienst von den radiiiien Blättern 
nicht mit einem Andern theilen zu dürfen, er musste dazu die 
Nächte und den Schein eines dünnen Talglichtes zu Hülfe 
nehmen und diese Nachtarbeit legte den Grund zu seiner späteren 
Kurzsichtigkeit. Zu seinen selbstradirten Blättern gehören 
namentlich hübsche Illustrationen der Arndt'schen Märchen. 

Mitten in diese angestrengte Thätigkeit schallte der Auf- 
ruf zum Kriege 1813. Wilhelm Hensel war keinen Augen- 
blick zweifelhaft, was er zu thun habe, er eilte als einer der 

Die Familie Mendelssolin. L C 



114 Wilhelm Hensel. 

ersten Freiwilligen zu den Fahnen, machte beide Feldzüge eh- 
renvoll mit und wurde mehrere Male verwundet. 

Er zog beide Mal in Paris ein und nahm nach Abschluss des 
Friedens seinen Abschied, um noch einige Zeit dem Studium 
der Kunstschätze in Paris widmen zu können. 

Nach der zweiten Rückkehr aus Frankreich trat eine 
Periode des Schwankens bei ihm ein, ob er nicht, statt 
Maler zu werden, sich schriftstellerischen Arbeiten zuwen- 
den sollte. Einige Freunde, namentlich Brentano, Chamisso, 
Arnim, auch Tieck, suchten ihn dazu zu bewegen. Es waren 
traurige Zeiten und schlechte Aussichten für einen jungen 
Maler. Der Wohlstand fast aller Familien war schwer zer- 
rüttet, die Meisten hatten alle Elräfte anzuspannen, um das zum 
Leben Noth wendigste zu erwerben; die harte Noth der über- 
standenen Zeiten hatte allen Sinn für das Eeich des Schönen 
und den Schmuck des Lebens ertödtet, es war wenig Aussicht 
auf die Beförderung der Künste. Von Privatleuten geschah 
fast Nichts und der Staat, wenn er auch den guten Willen ge- 
habt hätte, war auch nicht im Besitz der nöthigen Mittel. Das 
poetische Talent Hensel's war keineswegs gering anzuschlagen 
— indess die Liebe zur Malerei behielt die Oberhand und die 
Dichtkunst blieb ihm nur „ Freundin und Gespielin". — Durch 
alle Hindernisse hindurch setzte er seinen W^eg unverdrossen 
fort. — Hier möchte der Platz sein, einzuschalten, was Bar- 
tholdy in dieser Zeit in Eom that, um ganz ähnlichen Zustän- 
den, die auch dort sich fanden, einigermassen Abhülfe zu 
schaffen. Er spricht sich in zwei Briefen an seinen Sshwager 
Abraham darüber folgendermassen aus: 

Rom, 25. Decbr. 1816. 

Von Veit kann ich Dir nichts als Gutes sagen. Er 

ist ein tüchtiger und zugreifender Mensch; er arbeitet jetzt 
am zweiten Karton für mein Zimmer, und es ist ganz unglaub- 
lich, was er seit den paar Monaten, dass er das erste Frescobild ge- 
macht, gelernt hat. Ueberhaupt sind diese Malereien eine wahre 
Wohlthat für unsere Künstler gewesen, nicht wegen der Sum- 
men, die ich in meiner Armuth ihnen bewilligen konnte und, 



Casa Bartholdy in Rom. 115 

wie mir um's Herz ist, ohne Eigennutz gegeben habe, sondern 
wegen der Entwickelung ihrer Kräfte, zu der ich die Hand 
geboten und nicht unverständig sie, ihnen selbst unbewusst, 
gezwungen habe." — 

6. Februar 1817. 

«Du willst etwas Näheres von meinen Fresco-Gemälden 
wissen? Vorläufig Folgendes: Als ich hierher kam, fand ich 
viele deutsche und preussische Künstler von entschiedenen An- 
lagen und Talenten, jedoch ohne Gelegenheit, sie auszuüben; 
keine Arbeit, keine Bestellung, als miserable Buchhändler- 
Zeichnungen und hin und wieder ein Portrait, oder bei denen, 
die es drängte, zu schaffen, eine kleine, halbvollendete Kom- 
position, oder Gemälde in Oel. Hieraus entstand nicht nur das 
Uebel, dass man jene Künstler nicht kannte, sondern auch das 
vielleicht grössere, dass sie sich selbst nicht kannten, welches 
bei einer gewissen Schwärmerei und Einbildungskraft oft die 
Wirkung hervorbrachte, dass sie sich selbst überschätzten. 
Mich jammerte dieser Zustand, indem ich zugleich die Hülflo- 
sigkeit und Unbehülflichkeit dieser Leute einsah. Auf offiziel- 
lem Wege war nichts zu thun, mein Einfluss, etwas der Art 
zu bewirken, unzureichend. Auch hätte ich nicht gewusst, was 
zu fordern und wie mich bei der Barbarei, die für die Künste 
zu Berlm herrscht, verständlich zu machen. Also musste ich 
mich selbst Aufopfemngen unterziehen und auch wohl Krän- 
kungen, die bei keinem Unternehmen, was mehr oder weniger 
ins Ganze greift, zu vermeiden sind, gewärtigen, — und dazu 
habe ich mich denn mit Freude und Muth entschlossen, sowie 
mich mein Vaterland immer bereit finden soll, wenn ich ihm 
nützlich sein zu können glaube. 

Die Frescomalerei war die schicklichste, alle Zwecke zu 
vereinen : 1) Ein bleibendes Denkmal der Arbeit, wenn sie ge- 
riethe und zwar zu Rom, dem Mittelpimkt der Künstlerwelt, 
wo die Wahrheit, ob etwas mittelmässig, trefflich oder schlecht, 
sich bald entdeckt, 2) das Mittel für die Künstler, sich selbst 
kennen zu lernen, und zwar in einem Genre von Arbeit, die 
eine gewisse Schnelligkeit erfordert und nicht ewiges Retou- 
chiren und Denken und Grübeln zulässt, 3) Grösse der Figuren 

8* 



116 Wilhelm Hensel. 

und Gemälde, die Fehler und Schönheiten aufdeckt, 4) Zu- 
sammenarheiten von mehreren jungen Künstlern, wo einer bei 
dem andern wenigstens keine ganz palpabeln Sclinitzer durch- 
lassen wird und die Emulation sie anspornt, 5) endlich Brod, 
um ein Jahr lang ihrem Fache zu leben. 

Das Lokal ist schön, helle, heiter, mit einer grossen Aus- 
sicht über Eom. *) Weder in den Sujets (Wahl und Anord- 
nung), noch in irgend etwas, was die Kunst betrifft, habe ich 
meine Künstler genirt, beim Vorlegen der Skizzen jedoch habe 
ich ihnen meine Kritiken freimüthig gesagt, von denen die 
meisten angenommen worden sind. — Mein Kontrakt für die 
auszumalende Wohnung läuft noch 4 Jahre. Nachher, sollten 
auch meine Verhältnisse in Italien noch dieselben sein, werden 
die nicht billigen Wirthsleute mich vermuthlich so steigern, 
dass ich nicht werde bleiben können. Auf die Cartons habe 
ich renoncirt. Die Copien im Kleinen schicke ich Sr. Majestät, 
So habe ich den Künstlern und denen, die um die Sache wis- 
sen, gezeigt, dass keine Art Interesse mich leitet. Der Eitel- 
keit wird man mich auch nicht beschuldigen, denn ich ziehe 
mich zurück, so gut ich kann, und werde hierin der Undank- 
barkeit nicht entgehen. Grott weiss es, dass diese Ausgabe 
mich drückt, und dass ich bei so vielen andern, die meine Lage 
nothwendig macht, und bei meiner Unfähigkeit zur Oekonomie 
manche Nacht nicht gut schlafe, aus Sorge wie ich das viele 
Geld, was ich verbrauche, zusammenschwindeln soll; aber die 
wahrhaft reichen Leute thun ja nichts, oder thun es unge- 
theüt und für sich." — 

Henriette schreibt an Lea Mendelssohn über diese Fres- 
ken: „Veit, Schadow und noch ein andrer deutscher, ich glaube 
gar Berliner junger Maler**) malen in diesem Augenblick für 
Bartholdy Zimmer al fresco: Finden Sie das nicht recht in sei- 
nem grossen Styl? Er sollte nur Pabst werden! Bartholdy 



*) Es ist die noch heut nach ihm genannte Casa Bartholdy am 
Monte Pincio. 

**) Cornelius, Overbeck und Schnorr nahmen ausser den Oben- 
genannten an der Arbeit TheU 



Bartholdy. 117 

der Erste und Leo der Zehnte, der so wie Bartholdy alles 
Grosse und Schöne liebte, ohne viel zu rechnen!* — 

Bartholdy selbst war, wenn auch nicht in den bildenden 
Künsten, so doch in der Litteratnr thätig: er hat namentlich 
eine Geschichte der Tyroler Erhebung gegen die Franzosen 
geschrieben, die Inunermann zu seinem Trauerspiel „Andreas 
Hofer" mit Nutzen studirt zu haben bekannte, und von der 
H. Heine im 2. Band der Reisebilder sagt: Bartholdy's „Krieg 
der Tyroler Landleute im Jahre 1809" ist ein geistreich und 
schön geschriebenes Buch und wenn Mängel darin sind, so 
entstanden sie nothwendigerweise dadurch, weil der Verfasser, 
wie es edeln Gemüthern eigen ist, für die unterdrückte Partei 
eine sichtbare Vorliebe hegte, und weil noch Pulverdampf die 
Begebenheiten umhüllte, als er sie beschrieb. 

Auch das Leben seines Freundes und Gönners des Car- 
dinais Consalvi hat er geschrieben. Die schönen Sammlungen, 
die er anlegte, sind schon oben erwähnt. 

Ein solcher Freund und Beförderer der Künste fehlte da- 
mals in Berlin, und da Bartholdy mit der Barbarei, die dort 
für die Kunst herrschte, nur allzu Becht hatte, so waren die 
berliner Künstler eben auf die jämmerlichen Subsistenzmittel 
angewiesen, denen sie Bartholdy in Rom, soweit an ihm lag, 
enthoben hatte — hauptsächlich auf „miserable Buchhändler- 
zeichnungen." — So wie jetzt die Volkskalender, waren da- 
mals die Taschenbücher an der Tagesordnung, und seine Ar- 
beit für diese nahm Hensel eifrig wieder auf und lieferte auch 
litterarische Beiträge. Endlich aber sollte sein Fleiss belohnt 
werden; jene Lalla-Rookh -Zeichnungen machten ihn allgemei- 
ner bekannt, und er erhielt von der preussischen Regierung 
ein Stipendium nach Rom und zugleich den Auftrag, die Trans- 
figui-ation von Raphael in der Grösse des Originals zu kopiren. 
Diese Reise wurde für seine künstlerische Entwickelung ein 
entscheidender Wendepunkt 

Glücklicherweise war aber sein Deutschthum, die ganze 
Richtung seines bürgerlichen Lebens vorher unverrückbar fest- 
gestellt durch die Liebe zu Fanny. Eine förmliche Verlobung 
gestatteten die Eltern aber nicht vor seiner Rückkehr. Sie 



118 Wilhelm Hensel. 

■wollten ihr Kind vor möglichen Enttäuschungen bewahren; 
man kann es ihnen nicht verdenken, wenn sie nach kurzer 
Bekanntschaft Hensel's Charakterstärke und die Tiefe seiner 
Liebe nicht ganz erkannten. Namentlich fürchteten sie einen 
Uebertritt zum Katholizismus, und die Besorgniss war bei 
seiner poetischen Natur, dem Vorgang seiner Schwester Luisa 
und dem Kreise seiner oben erwähnten nächsten Freunde, die 
allesammt katholisch waren oder mit dem Katholizismus be- 
denklich liebäugelten, nicht so ganz ungerechtfertigt. Nur 
Fanny hatte hierin, wie in allem Andern festes Vertrauen 
auf ihn. 

So musste er denn, ohne bestimmte Zusage, auf lange 
Jahre wegziehn ; aber grade diese Unbestimmtheit, dies Unab- 
geschlossene gab dem Verhältniss eine grosse Frische und 
einen Reiz mehr. Vor der Heise zeichnete er noch die ganze 
Familie und den Kreis der Nächststehenden und nahm mit 
diesen Zeichnungen gleichsam geistig seinen Platz in dem 
Kreise ein, dem er ganz anzugehören wünschte. Diese Bilder 
und die Briefe von Lea waren in der ganzen Zeit seine einzige 
Verbindung mit der Familie, denn auch emen Briefwechsel mit 
Fanny hatte die gestrenge Mutter gänzlich untersagt. Ueber 
die Gründe dieses Verbots spricht sie sich in einem Brief 
folgendermassen aus: 

^ Im Ernst, lieber Herr Hensel, können Sie mir 

wii'kKch nicht böse sein, weil ich keinen Briefwechsel zmschen 
Ihnen und Fanny gestatten will. Haben Sie nur die Billigkeit, 
sich einen Moment an die Stelle einer Mutter zu setzen und 
Hir Interesse gegen das meine zu tauschen, dann wird Ihnen 
meine Weigerung natürlich, billig und vernünftig erscheinen, 
statt dass Sie sie in Ihrer Heftigkeit mit den allerbarbarischsten 
Namen belegen. Aus demselben Grunde, der kein Versprechen 
zuliess, erkläre ich mich fest und bestimmt gegen jede 
Korrespondenz. Dass ich Sie wahrhaft schätze, Ihnen sogar 
herzlich gut bin, wissen Sie; ebenso dass ich gegen Ihre 
Person nichts einwende: meine Gründe, mich bis jetzt nicht 
für Sie bestimmen zu können, sind: die Ungleichheit des Alters 
und das Ungewisse Ihrer Lage. Ein Mann darf nicht daran 



Briefe von Lea Mendelssohn. 119 

denken, sich zu verheirathen, bis seine Verhältnisse einiger- 
massen gesichert sind, wenigstens darf er die Eltern des 
Mädchens nicht schelten, welche, da sie Erfahrung, Vernunft 
und kaltes Blut haben, für ihn und sie zu überlegen von der 
Natur bestimmt sind. Der isolirte Künstler ist ein glückliches 
Wesen, alle Zirkel stehn ihm offen, Hofgunst ermuntert ihn, 
die kleinen Sorgen des mühseligen Lebens schwinden; heiter 
und leicht übersteigt er die Klippen, welche Unterschiede der 
Stände in der Welt aufgethürmt haben; er arbeitet, was und 
v\deviel er will, sucht seine Lieblingsgegenstände in der Kunst 
auf und schwärmt, das seligste, heiterste Wesen der Schöpfung, 
poetisch in andere Sphären versetzt, einher ! Sobald Familien- 
und Brodsorgen sich seiner bemächtigen, schwindet all' der 
magische Zauber; er muss arbeiten, um die Seinigen zu er- 
halten; das ganze liebliche Colorit ist farblos geworden! — 
Ich strebte bei Erziehung meiner Kinder freilich dahin, sie 
einfach und prunklos zu gewöhnen, um sie nicht zu zwingen, 
reich heirathen zu müssen, aber eine gesicherte Existenz, 
ein massiges, doch festes Einkommen sind in den Augen der 
Eltern unerlässiiche Bedingung zum sorglosen Leben, und 
wenn mein Mann auch jedem seiner Kinder eine hübsche Bei- 
steuer geben kann, so ist er nicht reich genug, das ganze 
Schicksal eines Jeden von ihnen festzustellen. — Sie beginnen 
Ihre Laufbahn und zwar unter schönen Aussichten ; lassen Sie 
diese verwirklicht werden, benutzen Sie Zeit und Gunst mög- 
lichst, und seien Sie versichert, dass wir Ihnen nicht entgegen 
sein werden, sobald Sie uns nach beendeten Studien über Ihre 
äussere Lage beruhigen und sich genügend ausweisen können. 
Schelten Sie mich vorzüglich nicht als eigennützig und geizig, 
lieber gelinder Wüthikus! Sonst muss ich Sie erinnern, dass 
ich meinen Mann geheirathet habe, ehe er einen Pfennig be- 
sass. Aber er hatte ein sicheres, obwohl sehr massiges Ein- 
kommen bei Fould in Paris und ich vnisste, dass er mein ihm 
zugebrachtes Vermögen würde geltend machen können. Der 
Ehrgeiz meiner Mutter war aber nicht zufrieden, dass ich die 
Frau eines Commis werden sollte, und Mendelssohn musste 
desshalb Associe seines Bruders werden, von welcher Epoche 



120 Wilhelm Hensel. 

sich Gottlob! beider Prosperität hersclu'eibt. — Fanny ist 
sehr jung und dem Himmel sei Dank ! bis jetzt völlig harmlos 
und ohne Leidenschaft. Sie sollen sie durchaus nicht in jene 
verzehi^ende Empfindung reissen wollen und sie durch verliebte 
Briefe in eine Stimmung schi^auben, die ihr ganz fremd ist 
und die sie auf mehrere Jahre sehnsüchtig, schmachtend, ver- 
zehrend machen würde, indess sie jetzt blühend, gesund, heiter 
und frei vor mir steht." 

Lea hielt ihr Wort und schrieb fleissig; freilich ein un- 
genügender Ersatz für das, was Hensel sich wünschte. Aber 
er wusste sich zu helfen; er verlieh seiner Kunst Worte, um 
sich mit der zu unterhalten, der er nicht schreiben durfte. 
Die reizenden Zeichnungen sind noch vorhanden, die er nach Berlin 
schickte; in allen kehren die ideaUsirten, in poetischem Licht 
und Gewand dargestellten Figuren des Mendelssohn'schen 
Kreises wieder, in allen spielt Fanny die Hauptrolle. Solche 
Huldigung war wohl unwiderstehlicher als der beredteste Brief. 
Aber auch zu dem Mutterherzen war damit der richtige Weg 
gefunden, wie zwei Briefstellea beweisen mögen: 

^ Lassen Sie mich zuerst Dinen füi' das ^\lllkommene 

Geschenk der Stammbuchzeichnung den längst schuldigen, doch 
nicht minder herzlichen Dank aussprechen. Ich kann Thnen 
nicht sagen, wie sehr die ausnehmende Schönheit der ausge- 
führten Zeichnung und die feine zarte Idee derselben uns über- 
rascht und gerühi't hat. Eine vergeistigte, ä la Hensel ver- 
schönerte Aehnlichkeit mit meinen vier Kindern ist dem Auge 
der Eltern nicht entgangen. Indessen haben sie sich seit Ihrer 
Abwesenheit so verändert und vergröbert, dass jene idealistische 
Zartheit nur iu der Erinnerung noch gleichen kann, wiewohl 
Schadow's scharfer, für Aehnlichkeit unübertrefflicher Blick das 
Original des Orgelspielers gleich entdeckte. Ich habe nicht 
allein von Ihnen, sondern von Niemandem etwas Zierlicheres, 
Sauberes, Anmuthigeres, Vollendeteres, Ausgeführteres in dieser 
Gattung gesehen. Die Lieblichkeit der Gruppe, die dem Ernst 
vermählte Grazie, der holde Kindesausdruck jedes Kopfes, dem 
doch soviel Denkendes zugesellt ist, die Anordnung der vier 
Engelein, über die eine wahrhaft Eaphaelische Cäciüe wacht. 



Briefe Ton Lea Mendelssohn. 121 

alles beweist zu meiner Freude aufs Neue, dass Sie sich den 
ersten, reinsten aller Künstler zum Ideal ausersehen. — " 

Berlin, 6. März 1826. 
„Den besten Dank für das beste, reizendste Bildchen! 
die Köpfe der Muse und der Sphinx sind so ausdrucksvoll, als 
man es in so kleinem Eaume nicht ausführbar glauben sollte. 
Wir sind aber sämmtlich zu dumm, den verborgenen Sinn des 
Räthsels zu entziffern, obwohl jede Person und jedes Attribut 
vollkommen deutlich erscheint. Kolorit, Gruppi ng, Anordnung 
sind höchst anmuthig und graciös. Dass Sie meinem Liebling 
Eaphael stets nachstreben, sehe ich wieder daran, und be- 
wundere die Tiefe der dunkeln Augen, die sich trotz des sehr 
kleinen Raumes offenbart. Herzlich wünschte ich aber, dass 
Sie Ihre Zeit nicht durch so viele kleine Arbeiten zersplitterten. 
Doch, Sie müssen am besten beurtheilen, wie die Eintheilung 
und Fortsetzung des Angefangenen am füglichsten zu bewerk- 
stelligen sei und welche Ruhepunkte der Künstler sich in den 
Zwischenräumen zu gönnen habe. — 

Vielen, vielen Dank auch für alle Mühe beim Ordnen der 
Bartholdy'schen Sammlungen. *) Wäre dies Chaos nur erst 
entwirrt! der Bericht über das Ablösen der Fresken ist sehr 
interessant. Aus vielen Gründen werden wir aber keinen Ge- 
brauch davon machen. Die Kosten wären für uns nicht allein 
bei Weitem zu bedeutend für eine Liebhaberei, aber die Schwie- 
rigkeit, derart grosse Bilder zu placiren, muss auch berück- 
sichtigt werden und, unter uns gesagt, so interessant die 
Fresken als Versuche und Erstlingsblüthen sein mögen, bleibt 
doch die Frage, ob sie den Aufwand von Geld und Mühe ver- 
dienten. Kui'z, lassen Sie uns nichts mehr davon erwähnen, 
ebensowenig als von Frescobildem in unserem Hause hier. 
Wenn ich auch Ihre gütige Absicht mit Dank erkenne, so müs- 
sen Sie doch einsehen, dass das Genre solcher kostbaren und 
zeitraubenden Ausschmückungen schlechterdings nicht für ein 
Bürgerhaus passt; zuerst müssten wir jahrelang auf den Ge- 



*) ßartholdy war kurz vorher gestorben. 



122 Wilhelm Hensel. 

nuss eines solchen Zimmer verzicliten, und wenn Sie eine kleine 
Vorstellung von der Unruhe, dem Schmutz, dem Fracas und 
den ungeheuren Kosten hätten, die das leider viel zu grosse 
Haus*)uns noch täglich verursacht und bis spät in den Som- 
mer hinein machen wird, so würden Sie meinen Schauder bei 
dem blossen Gedanken an neues Abreiben der Wände, an Kalk, 
Gerüste u. s. w. begreifen. Dazu finde ich in jetzigen Zeiten, 
wo alles Eigenthum flüchtig ist und höchst selten auf die 
zweite Generation gelangt, sich etwas Kostbares anmauern und 
dadurch unbev>^glich machen zu lassen, einen wirklich unver- 
antwortlichen Eingriff in die Rechte der Nachkommen. Was 
meinem Bruder als TJnverheirathetem und im Lande der Künste 
Lebendem wohl anstand, wäre strafwürdig an meiner Stelle, 
die keines ihrer vier Kinder versorgt weiss. Wir leben auf ei- 
nem so liberalen Fusse und mein Mann hat eme so grosse 
Freude am Weggeben, dass man uns unstreitig für viel rei- 
cher hält, als wir siud. 

So viel Verdiaiss und Unruhe mir nun auch der Besitz 
unseres so äusserst kostspieligen Grundstücks verursachte, so 
ist es doch vielleicht der Summe, die mein Mann hineingesteckt 
hat und die sich weit höher belief als wir geglaubt, meisten- 
theils zuzuschreiben, dass sein Verlust in der jetzigen schreck- 
lichen Zeit nicht noch bedeutender geworden. Hier allein sind 
18 Häuser gefallen, worunter die festgegründetsten, in Leip- 
zig der berühmte Eeichenbach, in London der auf viele Mil- 
lionen geschätzte Goldschmidt. Bekannte von uns sitzen im 
Gefängniss, andere haben sich das Leben genommen; die Zer- 
störung, Muthlosigkeit, der gegenwärtige Euin und die trübe 
Aussicht für die Zukunft sind nicht bange genug zu schildern. 
Eothschild's Wuth nach ungeheuren Geschäften wird es haupt- 
sächlich zugeschrieben, dass der Massstab in der handehiden 
W^elt sich riesenmässig gesteigert hat und, wie alles auf die 

höchste Spitze Gestellte, endlich sinken musste." 

Hensel benutzte seine Zeit in Italien, von der er den über- 
wiegendsten Theil in Eom zubrachte, vortrefflich. Vor allen 
Dingen war die Copie der Transfiguration eine nicht hoch ge- 
nug zu schätzende Schule für den Maler. Die Arbeit an der 
*) Leipzigerstrasse 3. S. weiter unten S. 139. ff. 



Bückkehr nach Deutschland. 123 

Copie nahm nahezu 4 Jahre in Anspruch; sie begann mit ei- 
ner gründlichen Eeinigung des Originals, bei der eine Masse 
unter einer Kruste von jahrhundertaltem Schmutz versteckt 
gewesener Details zum Vorschein kamen. Das Bild hat im 
Eaphaelsaal in Sanssouci seine Stelle gefunden. 

Ausserdem beschäftigte ihn ein grosses eigenes Bild „Chris- 
tus und die Samariterin", das in den Besitz des Königs von 
Preussen überging. 

Nach fünfjälirigem Aufenthalt verUess Hensel Italien, das 
ihm trotz seiner Sehnsucht nach Deutschland sehr lieb gewor- 
den war, und das er stets als sein zweites Vaterland betrach- 
tete. In einem kleinen zweirädrigen Wägelchen, wie man es 
in Italien zu schnellen Reisen brauchte, eilte er, ohne Unter- 
brechung Tag und Nacht fahrend, über die Alpen, dann auf 
die schnellste Weise nach Berlin. Er wurde belohnt; Fanny 
war noch frei; auch sie hatte ereignissreiche, für ihre Ent- 
wickelung wichtige Jahre erlebt. 

Wir verlassen hier den Lebenslauf Hensels dessen Fort- 
setzung sich weiterhin dem der Familie Mendelssohn Bartholdy 
anschüessen wird. 



Die Schweizer Reise. 



Am 6. Juli 1822 mitemalim Abraham M. B. mit der gan- 
zen Familie eine Reise nach der Schweiz. Die Gesellschaft 
bestand aus den Eltern, den 4 Kindern im Alter von 16, 13, 
11 und 9 Jahren, dem Hauslehrer Heyse, einem Dr. Neuburg, 
nebst einigen Dienstboten. In Frankfurt a. M. gesellten sich 
noch zwei sehr geistvolle muntere junge Mädchen hinzu Marianne 
und Julie Saaling die nachherige Frau Heyse's. Eine solche 
Reise war damals etwas ganz Aussergewöhnliches. Eine Reüie 
sehr ausführlicher Briefe von Fanny an eine Freundin gerich- 
tet, schildert uns die Erlebnisse auf das Anschaulichste. Gleich 
am ersten Reisetage — von Berlin bis Brandenbrn^g — fiel 
ein kleines Reiseabenteuer vor: Felix wurde in Potsdam ver- 
gessen. In jedem Wagen glaubte man bei der Abfahrt, er be- 
finde sich in dem andern und erst auf der ersten Station hinter 
Potsdam, Grosskreuz, 3 starke Meilen entfernt, bemerkte man 
seine Abwesenheit. Der Hauslehrer fuhr sogleich zurück und 
die Gesellschaft hatte sich auf 4—5 Stunden Aufenthalt gefasst ge- 
macht, iudess schon nach Verlauf einer Stunde kam Heyse mit 
dem verlorenen Sohn wieder an: er war in Potsdam gerade 
gekommen, als die Wagen abgefahren waren, und lief sogleich 
nach, auf der Chaussee lange zwar den Staub der Wagen im 
Auge behaltend, aber nicht im Stande, sie zu erreichen. Indes- 
sen wanderte er immer fort und hatte sich vorgenommen, nach 
Brandenburg zu folgen. Ein Bauernmädchen gesellte sich zu 



Frankfurt a. M. 125 

ihm, sie brachen sich starke Stücke ab und gingen getrost wei- 
ter, bis Heyse eine Meile von Grosskrenz Felix fand. Sein gu- 
tes und entschlossenes Benehmen (vielleicht auch die unerwartet 
frühe Erlösung vom Warten) ersparte ihm den zugedachten 
Verweis. Die zweite Tagereise — sie war sehr ermüdend — 
ging bis Magdeburg. 

Nach einem Abstecher in den Harz reisten sie über Göt- 
tingen, wo Eebecka 36 Jahr später ihr Leben beschliessen 
sollte imd wo die Bekanntschaft Blumenbach's gemacht wurde, 
nach Kassel, wo mit Spohr ein lebhafter musikalischer Verkehr 
stattfand. In Frankfurt „war grosse Conferenz von Vater, 
Dr. Neuburg und H. Heyse wegen des Weges, der zu nehmen 
sei. Noch habe ich nichts erfahren, aber sie behaupten, nie 
sei eine Eeise so eingerichtet worden." 

In Frankfurt gab ihnen Aloys Schmitt eine Musik, die 
Fanny folgendermassen beschreibt: „Mit welcher Sehnsucht 
dachte ich an Henning, an Rietz, an Kelch, Eysold etc. Du 
glaubst nicht, wie die lieben Leute uns die Ohren voUgerakelt 
haben. Da kam zuerst ein VioUnspieler aus Paris, Femy, 
Schüler von Baillot, der einen grossen Euf hat. Aufrichtig 
gesagt, gefiel er mir nicht im geringsten. AUes weich, ver- 
schwommen und verwischt, keinen Strich, keinen Ton, keine 
Kraft. Felix war meiner Meinung. Dann begleiteten sie dem 
armen FeUx sein Quartett. Mein einziges Vergnügen dabei 
war, Physiognomik zu studiren. Dann musste ich etwas spie- 
len — und nun heiss mich nicht reden, heiss mich schweigen. 
Das ganze Zimmer voU wildfremder Menschen, Schüler und 
Freunde von Schmitt, die Begleitung sehr schlecht, ich zitternd 
an jeder Fiber, warf so komplett um, dass ich vor Aerger 
mich und die Andern hätte prügehi mögen. Mich vor zwanzig 
Klavierspielern so zu blamiren! Ich gehe darüber hinweg, 
sonst erhitze ich mich wieder. Dann spielte Femy noch ein 
Quartett und zuletzt Schmitt's jüngerer Bruder Variationen von 
seiner Komposition. Schmitt hat eine gar nette Baumschule 
um sich: der jüngere Eliot aus Strelitz war auch hier und 
Ferdinand Hiller, sein Lieblingsschüler, ein schöner Knabe von 
10 Jahren, mit freiem und offenem Aeussern." 



126 Die Schweizer Reise. 

Von Frankfurt zog nun die ganze lustige Karavane dem 
Süden zu, über Darmstadt und Stuttgart nach Schaifhausen. 
Die beiden Saaling'schen Mädchen, übersprudelnd von Witz und 
Laune, trugen nicht wenig zum Aufrechthalten des unumgäng- 
lichen guten Reisehumors bei. „Das Lachen nimmt kein Ende", 
schreibt Fanny, „und namentlich des Abends beim Schlaf engehn 
(ich schlafe immer mit ihnen) siud sie ganz einzig. Marianne 
hat überall Bekannte und wii'd, wo sie hinkommt, mit Ent- 
zücken aufgenommen. — Eben sitzen wir alle beisammen und 
schreiben; es kann im Bureau des Staatskanzlers nicht fleissi- 
ger zugehn. Du glaubst nicht, wie es bei uns aussieht: Kraut 
und Rüben sind ein Putzzimmer dagegen. Wir amüsiren uns 
über alle Maassen, und wenn ich es Dir so zerstreut und un- 
zusammenhängend schreibe, so beschuldige nicht mich. Es ist 
ein schrecklicher Spektakel hier im Zimmer." — 

Am Gotthard wurde umgekehrt und die stillen Hoffnungen 
von Fanny auf einen Blick nach Italien waren für diesmal 
gestört. Sie schreibt: 

„Ich habe einen Tag erlebt, Marianne,*) einen Tag, der ewig 
unauslöschlich in meinem Innern steht, dessen Andenken für 
lange hinaus auf mich wirken wird. In Gottes grösste Natur 
bin ich getreten, das Herz hat mir gebebt vor Schauer und 
Ehrfurcht, und als ich wieder beruhigt, das menschlich 
Schönste, das anmuthig Lieblichste erbückte, als ich an der 
Grenze von Italien stehe, da ruft mein Schicksal: bis da- 
hin und nicht weiter. Nie, nie habe ich solche Empfindimg 
gehabt, inniger Dank gegen Gott, der mich diesen Tag hatte 
erleben lassen, Sehnsucht nach dem, was mir die Berge ver- 
hüllten, feste Vorsätze, die ich in meinem Innern fasste, aUe 
diese Gefühle vereinigt strömten aus in heissen, wohlthätigen 
Thränen. Gestern Abend wollte ich nicht an Dich schreiben, 
Du siehst mich nicht gern allzu heftig gestimmt; ich war exal- 
tii-t, aber ich behielt's für mich, ich wollte warten, bis ich ru- 
higer wäre, aber noch jetzt, bei der Errinnerung an gestern 



*) Marianne Mendelssohn, die Gattin von Alexander Mendels- 
sohn, dem Sohn von Joseph. 



Gotthard. 127 

und heute früh, wird mir das Herz weit und gross, verlässt 
mich alle Euhe. — Ich will versuchen, Dir in möglichster 
Ordnung zu erzählen, was ich gesehen, was ich erlebt. 

Gestern früh um 7 Uhr fuhren wir bei etwas bewölktem 
Himmel von Altdorf ab, dem klaren Himmel zu, nach Süden. 
Bürglen und das Schächenthal links lassend, kamen wir in's 
Eeussthal, welches hier mit hohen Felsen umschlossen, aber 
sehr breit und überaus fruchtbar ist. Nussbäume, andre 
Fruchtbäume und Tannen von ausserordentlicher Schönheit. 
Man fährt an einem Thurm Gessler's und der alten Veste 
Zwing Uri vorbei. Links die Surenengletscher, Windgalle, 
Bristenstock und andere Schneeberge und Gletscher. Auf den 
vorderen Bergen herrliche Alpen sichtbar. So, in mannig- 
faltiger wechselnder Umgebung, gelangt man nach Amstäg, 
3 Stunden von Altdorf, am Fuss des Gotthard. Hier be- 
ginnt die neue Gotthardstrasse , welche diesseits 2 Stunden 
weit bis Wasen fahrbar und auf der Tessiner Seite fertig ist. 
Die Strasse ist bald rechts bald links von der Reuss in den 
Felsen gesprengt, trefflich gebaut und durch Mauern gesichert, 
üeber die Abgründe wölben sich kühne Brückenbogen. Ein 
Riesenwerk und ewiges Denkmal für die Kantone Uri und 
Tessin. Es ist erhebend, zu sehn, wie menschliche Beharr- 
lichkeit den Willen der Natur beugen kann. Hinter Wasen 
hört allmälig die Vegetation auf, das Thal verengt sich mehr 
und mehr, immer schroffer steigen die Felsen, immer wilder 
braust die Reuss. Bei Göschenen, dem einzigen Dorf auf dem 
ganzen Wege, zeigt sich zur Linken der Reuss, der furchtbare 
Göschener Alpgletscher; er war der erste, dem wir so nahe 
traten. — Sobald man die Schöllenen erreicht, verschwindet 
die letzte Spur von Leben und Nähe der Menschen. Rings 
umher siehst Du nichts als himmelhohe Felsen, zwischen 
denen sich die Reuss ihr furchtbares Bette gebrochen hat. 
Hier verliert sie ganz das Ansehn eines Stromes, sie bildet 
einen fortdauernden, wüthenden Wassersturz. So steigt das 
Entsetzen mit jedem Schritt, bis es endlich an der Teufels- 
brücke seinen höchsten Gipfel erreicht. Du befindest Dich in 
einem vollkommen geschlossenen Felskessel, vor Dir, in mehreren 



128 Die Schweizer Reise. 

Absätzen herunterstürzend, die ungeheure Wassermasse, hoch 
darüber wegführend die schmale, aber sichere Brücke. Der 
schneidende Wind, der gegen Abend hier weht und Gletscher- 
wind heisst, die hier und da hervorblickenden Schneespitzen, 
die Dämmerung, welche in diesem Höllenthal zu herrschen 
begann, jede Umgebung trug bei, den Schrecken zu mehren. 
Wenig aufwärts von der Teufelsbrücke ist das Urner Loch, 
ein Felsendurchgang von etwa 80 Fuss, und am Ausgange 
dieses Thores blieb ich wie versteinert über das Wunder, 
welches ich erblickte. Ausgebreitet vor meinen Augen ein 
liebliches stilles Thal mit den üppigsten Wiesenteppichen, an 
beiden Seiten eingefasst von grünen Hügeln, einzelne Hütten 
darüber hingestreut, im Hintergründe das anmuthige Dorf 
Andermatt und Ursern, auf der Höhe eine Kapelle, aus der 
mir die stille Abendglocke entgegentönte, rechts der Gotthard, 
dessen Gipfel sich klar in der blauen Luft zeichnete, links 
der St. Annengletscher, grünlich glänzend mit einer Fort- 
setzung von Schneebergen. Seitwärts die Furka mit ihrem 
Gletscher, der Gotthardgletscher und der Crispalt, aus dem 
der Ehein entspringt. Verschwunden das wilde Tosen des 
Stroms, der hier schnell aber ruhig über den Felsenboden 
gleitet, verschwunden jede Spur des Entsetzens, welches mich 
noch eben umgab. Rings um mich her Ruhe, tiefer Frieden, 
welcher nie aus diesem stillen Thal zu weichen scheint. Es 
war ein unvergesslicher Eindruck! — 

Wir gingen noch einige hundert Schritt weit über die 
Wiesen, um den Annen gletscher besser zu betrachten, die 
Kälte nöthigte uns bald zur Rückkehr. Die einzigen Kenn- 
zeichen einer höheren Luftregion sind eben diese kalte Luft, 
die man einathmet, und der Mangel an Vegetation. Weniges 
Nadelholz steht in der Nähe von Andermatt, sonst ist der 
Erdboden nur mit üppigen Wiesen bedeckt. Das was man 
nicht sieht, wirkt nicht weniger heftig auf das Gemüth, als 
die sichtbaren Umgebungen, — die Idee des Landes, welches 
hinter jenen Gebirgen beginnt, ja selbst die fühlbare Nähe 
Italiens, der kleine Umstand, dass die Landleute alle in 
Italien waren, italiänisch reden und den Wanderer mit den 



St. Gotthard. 129 

süssen Lauten der lieblichen Sprache hegrüssen, rührte mich 
unendlich. Wäre ich an diesem Tage ein junger Bursche 
von 16 Jahren gewesen, bei Gott! ich hätte zu kämpfen ge- 
habt, um keinen dummen Streich zu begehen. Und wenn mich 
auf der einen Seite die heftigste Sehnsucht nach Italien trieb, 
so hatte ich auf der andern den grössten Wunsch, über Furka 
und Grimsel nach dem Hasüthal zu gehen, eine Eeise, die wir 
leicht hätten machen können, wenn wir uns vorher darauf 
eingerichtet hätten. Den ganzen Tag hatte ich die Möglich- 
keit berechnet, noch Abends, wenn auch allein mit Dominique*), 
auf den Gotthard zu steigen, es sind nur noch 3 Stunden von 
IJrsernthal, aber es war nicht möglich, ich musste mich be- 
scheiden. — Abends, allein auf meinem Zimmer, verlebte ich 
eine Stunde, die ich nie vergessen werde. — Gestern früh 
wurde mir der Abschied sehr schwer. Es wollte mir garnicht 
in den Sinn, das liebliche schöne Thal zu verlassen, wieder 
nördlich zu reisen, wieder in die schreckliche Wildniss zu gehen 
und das betäubende Geräusch des Stromes zu ertragen. In der 
Morgenbeleuchtung war das Thal unendlich reizend, die kleine 
KapeUe Mariahilf war schön beleuchtet, die Matten glänzten 
im Thau, die Gletscher waren mit grünlichem Licht überstrahlt, 
der Gotthard erhob sein Haupt in die reine Luft, nichts glich 
der Ruhe dieser Morgenfeier, ich kann Dir nicht sagen, wie 
bewegt ich war: und nun aU dieser holden Anmuth den Rücken 
wendend, wieder durch die Schauerhöhle, in die wilden Schluchten. 
Allein auch diese verloren in der Morgenklarheit von ihren Schreck- 
nissen, uns wenigstens imponirten sie lange nicht so, wie am 
Abend vorher. 

Ich ging einen grossen Theil des Weges ganz allein, mir 
still überdenkend, was ich gesehen und was mir das innerste 
Gemüth so sehr bewegt. — Von fernher vernahm ich die Morgen- 
glocken aus dem Dorfe Göschenen, ihr Klang war gar feierlich 
und schön und der Gletscher hinter dem Dorf vom hellsten 
Sonnenlicht beschienen. Ich muss einige wunderschöne Mädchen 
erwähnen, mit welchen wir uns In Wasen unterhielten. — Wir 



*) Der Führer. 

Die Familie Mendelssolm. L 9 



130 Die Schweizer Reise. 

fuhren über Bürglen zu Hause, wo wir noch einmal Tell's Ka- 
pelle und den alten, mit Epheu bewachsenen Thurm besuchten 
und uns im frischen Schatten der Nussbäume von der Hitze 
erholten. Das Thal ist auch ungemein schön und romantisch. 
Mit Marianne, H. Heyse und Kebecka ging ich dann einen 
schönen Fusspfad nach Altdorf zurück." — 

Ueber Interlaken, mit den Ausflügen nach der Wengern- 
Alp in's Haslithal, zum Staubbach meist bei schlechtem Wetter, 
ging's an den Genfer See nach Vevey. Hier blitzte noch ein- 
mal die Hoffnung einer Ueberschreitung der Alpen, eines Blickes 
nach ItaUen auf, und wieder jubelt Fanny bei dem Gedanken 
aus voUer Seele: 

„Heut schreibe ich Dir wieder in einer Art von Trunken- 
heit! Es scheint mir, als habe ich noch nie etwas Schöneres 
gesehen, als diese Gegend, diesen See. Dazu ist heut das gött- 
lichste Wetter, und wenn es so bleibt, fahren wir übermorgen 
früh nach den Borromäischen Inseln. Denke Dir! Nach den 
Borromäischen Inseln ! — Ich danke dem Himmel, dass da die 
Grenze ist, denn gingen wir weiter, ich glaube, ich hielte es 
nicht aus. Zuviel auf einmal für mein armes Menschenherz. 
Wenn der Himmel uns ferner gutes Wetter giebt, so machen 

wir eine Keise! Du brauchst nur auf der Karte unsern 

Weg zu verfolgen, um zu sehen, wie wir vom See ab in's 
Wallis, bei Leuck vorbei, über den Simplon nach dem Lago 
maggiore gehen, und Du wirst begreifen, dass mir zu Muthe 
ist, als sollte ich auf Wolken in's Paradies getragen werden. 
Ich weiss nicht warum? aber ich glaube immer, es muss uns 
auf den Inseln irgend etwas Ausserordentliches, Unerwartetes 
begegnen; ich bin in einer grossen, gespannten Erwartung. — 
Kaum habe ich in meiner jetzigen Stimmung Muth und Lust, 
Dir von unserm 3 tägigen Stadtaufenthalt in Bern zu sprechen, 
allein der Ordnung wegen muss ich dazu zurückkehren, zu seiner 
Zeit war er uns auch sehr angenehm." — 

Man machte noch einen Abstecher in's Chamouny, dann 
aber wurde die Rückreise angetreten, mit längeren Aufenthalten 
in Frankfurt a. M., um Schelble's Bekanntschaft zu machen, der 
den Cäcilienverein mit Meisterschaft leitete und wo Felix mit 



Besuch bei Göthe. 131 

Beifall phantasirte, und in Weimar, um die Göthe'sche Familie 
kennen zu lernen, bei der Felix so freundliche Aufnahme während 
seines Besuches mit Zelter gefunden hatte. Nie ermüdete Göthe, 
Felix zuzuhören, wenn er am Klavier sass, und mit dem Vater 
unterhielt er sich fast nur über Felix. Diesem selbst sagte er 
eines Tages, als er sich über irgend etwas geärgert hatte: „Ich 
bin Saul und Du bist mein David, wenn ich traurig und trübe 
bin, so komm Du zu mir und erheitere mich durch Dein Saiten- 
spiel!" — Eines Abends erbat er sich von Felix eine Fuge von 
Bach, welche die junge Frau v. Göthe ihm bezeichnete. Felix 
wusste sie nicht auswendig, nur das Thema war ihm bekannt und 
dies führte er nun in einem langen fugirtenSatz durch. Göthe war 
entzükt, ging zu der Mutter, drückte ihr mit vieler Wärme die 
Hände und rief aus: „Es ist ein himmlischer, kostbarer Kjiabe! 
Schicken Sie mir ihn recht bald wieder, dass ich mich an ihm er- 
quicke.*— Felix seinerseits fühlte wohl den ganzen Werth einer sol- 
chen Anerkennung; obgleich die Damen in Weimar sich die grösste 
Mühe gaben, ihn zu verhätscheln und ihm zu schmeicheln, so hatte 
er doch für nichts Sinn, als für Göthe's Liebe und Zufriedenheit. 

Solche Erlebnisse sind in dem Alter, in dem Fanny und 
auch schon Felix standen, ausserordentliche Bildungs- und Ent- 
wickelungsmittel. „Die Wirkungen der Reise", schreibt die 
erstere, „äusserten sich bei Felix unverzüglich nach unserer 
Zurückknnft. Er war bedeutend grösser und stärker geworden, 
Züge und Ausdruck des Gesichtes hatten sich mit unglaub- 
licher Schnelligkeit entwickelt und die veränderte Haartracht 
(man hatte üim seine schönen langen Locken abgeschnitten) 
trug nicht wenig dazu bei, sein Anselin zu entfremden. Das 
schöne Kindergesicht war verschwunden, seine Gestalt hatte 
etwas Männliches gewonnen, welches ihn auch selir gut kleidete. 
Er war anders, aber nicht weniger schön als frülier." — 

Das grösste Literesse erregte die Eeise bei der Tante 
Henriette in Paris. Mit ilirer leidenschaftlichen Natur erfasst 
sie den Plan und begleitet die Reisenden in Gedanken und als 
gewiegte Erzieherin weiss sie zugleich den Werth für die Ent- 
wickelung der Kinder zu schätzen. Der eine Brief ist zu 

charakteristisch, um ilin zu übergehen: 

9* 



132 Die Schweizer Reise. 

„Liebste Lea, liebster Bruder, Kinder, Freunde — ich 
möchte nur gleich Eure Dienerschaft auch zu denen, die ich 
hegrüsse, rechnen, denn Euer Zug durch das so oft gepriesene, 
nie genug gelobte Land macht mir eine so herzliche Freude, 
dass ich Millionen umschlingen möchte. Sie aber, liebste Schwes- 
ter, liess ich mir bei dieser AUerweltsumarmung 'pom^ la lonne 
houche, denn ich habe Ihnen auf eine ganz besondere Weise zu 
danken. Mehrere Briefe sind mir aus Berlin zugeschickt wor- 
den, Briefe an Ihre Mutter, an Tante Levy, an Marianne und 
diese verspricht, die noch fehlenden nachzusenden. Nicht nur, 
weil man Ihre Briefe gleich könnte drucken lassen, liebe ich 
sie, das wäre das Wenigste, aber weil sie ein wirkliches Band 
für die zerstreuten Glieder der Familie sind. Von Ihnen geht 
die Eegsamkeit aus, die diese (ich meine die Mr. Mendelssohn's 
in der Familie) gemssermassen zwingt, sich bei aller Liebe 
und Freundschaft nicht ganz zu vergessen! Dabei sind diese 
lieben Briefe ein wahres — nicht mehr Panorama, sondern Dio- 
rama, ein viel vollkommeneres Kunstwerk, das uns die Gegen- 
stände in der möglichsten Wahrheit mit allen Veränderungen 
an Licht und Schatten, wie sie das wechselnde Tageslicht her- 
vorbringt, darstellt. Wir besitzen solches Kunstwerk jetzt in 
Paris: eins der Gemälde stellt das Sarnenthal vor, einen See 
und Gletscher in der Ferne. Mir war's, liebe Lea, als müsste 
ich Sie am Ufer des Sees und die Uebrigen auf den umliegen- 
den Bergen erblicken. Denn wem\ der wilde Jäger mit 
seinem Heer von keiner Euhe wissen wiU, so bleiben Sie 
doch gewiss in irgend einem freundlichen Thale imd lassen 
sich's von den liebenden Kindern erzählen, wie es auf jenen Bergen 
aussieht. Gehörte ich zu Ihnen, ich bliebe mit Ihnen, denn ich lobe, 
oder weiss vielmehr nichts an den Bergen zu loben, als dass sie 
Thäler bilden — ich habe nie einen bestiegen. — Nicht wahr^ 
Liebe, das hätten wir uns in unserer Wiege beim hohen Ofen 
nicht träumen lassen, dass der Schnee auch etwas anderes bil- 
den kann, als BaUen, oder wenn es hoch kommt, eine manns- 
hohe Figur? Und wenn wir auch später Manches gelesen ha- 
ben, wie verschwindet das vor dem Anblick solcher Schweizer- 
Gegend! — Wie ganz anders wird die Seele erfüllt, erheitert 



Brief von Henriette. 133 

und znm lebendigsten Dankgefiihl erhöht auf jenem gesegneten 
Boden, in jener reinen Luft und in Gegenwart der grössten 
und zugleich der lieblichsten Naturscenen. Ich erinnere mich 
in diesem Augenblick nicht, in welcher Gegend der Schweiz 
der Besitzer eines schönen Eigenthums an einer Stelle, von 
welcher man die herrlichste Aussicht geniesst, eine Säule mit 
der Inschrift hat errichten lassen: ^Völker lobet den Herrn!" 
— Mir schien das vortrefflich. — 

Ich liebe Sie wahrlich noch besser. Hebe Lea, nun Sie über 
diese Eeise Ihre Abneigung vor dem Eeisen abgelegt haben. 
Es ist aber auch nicht möglich, sich etwas Angenehmeres zu 
denken, als Eure Einrichtung und Gesellschaft. Nicht wie Zi- 
geuner, aber ^^1e Fürsten, die zugleich Dichter und Künstler 
wären, reist IluM — Wie werdet Ihr das wohlgeordnete, reiche 
Berner Gebiet, wie den dunkelblauen Genfer See mit seiner 
herrlichen Umgebung gefunden haben? Ich hoffe, Sie begnügen 
sich, Uebe Lea, den Mont-Blanc mit Bu'er Lorgnette aus ei- 
nem Fenster des Secheron zu bewnindem. Möchtet Ihr doch 
meiner Meinung sein und die deutsche Schweiz vorziehen! Ich 
mag die hohe Einfalt jener Gegenden viel lieber. Sie haben 
doch wohl den Thuner See und Interlaken gesehen? — 

Es war mir sehr angenehm, in Ihi^em Briefe an Ihre Mut- 
ter Manches über Beckchen zu lesen. Fanny Sebastian! und 
ich, wii' wollten eben Yorwüi^fe an Sie richten, dass Sie der 
Kleinen nie erwähnen. 

Nun, mein Felix! Du bist ja ein rechter Held! Deine Wan- 
derung von Potsdam nach Grosskreuz hat mich recht gerührt! 
Indessen hoffe ich, dass Du nach überstandener Probe Deines 
selbstständigen Muthes und Deiner kräftigen Natur Dich dennoch 
an ii'gend einem Eockzipfel hältst und Dich und die Deinigen 
nicht mehr beunruliigst. Ich empfehle Dir ganz besonders ei- 
nen gewissen Kuchenbäcker in Bern, der hinter der Haupt- 
kii'che wohnt. Es ist kein Laden, sondern ein Zimmer im 
untern Geschoss; Du wii'st mir für diese Empfehlung danken, 
der Mann komponirt auf seine Weise herrliche Werke. Kaufe 
Dir die Taschen voll und verzehre sie an einem hellen Morgen 
auf der Plateform, wie sie's in Bern nennen, im Angesicht der 



134 Die Schweizer Eeise. 

herrlichen Schneegebirge des Oberlandes und freue Dich, wie 
wir alle, die Dich lieben, Deines Daseins. Gott erhalte Dich, 
mein brauner Felix! — 

Du, meine liebste Fanny, solltest wohl einen eigenen Brief 
haben, der Deine hätte es verdient. Du hast aber Besseres zu 
thun, als mich zu lesen. Wie musst Du's Deiner lieben Mut- 
ter danken, dass sie sich zu dieser Reise entschlossen, und wie 
den Vater lieben dafür, dass er sie veranstaltet. Sei doch nur 
recht froh und glücklich, und gelingt es Dir nicht, eigentlich 
lustig zu sein, so tröste Dich mit Göthe's Ausspruch: „Auch 
das Leben bedarf dunkler Blätter im Kranz." Geniesse recht 
froh und unbefangen, ohne Dich zu sehr zu quälen, ob Du es 
auch gehörig benutzest. Bei einem so trefflich vorbereiteten 
Sinn, wie der Deine, kommt das eigentliche Resultat einer 
Reise später, wie die Wirkung einer Badekur. — Gott erhalte 
Dich gesund und froh. 

Wie gern hätte ich Dir für diese Reise so ein lächerliches 
Kleid geschickt, wie man es diesen Sommer in Paris trägt. Es 
sind sehr weite, faltige Fuhrmannshemden, Blouse genannt, die 
grade so me jene oben am Halse und auf den Schultern mit 
bunten Stickereien verziert sind und gar keine Form haben, 
sondern von einem ledernen Gurt unter der Brust festgehalten 
werden. Du hast Dich mir aber als so korpulent geschildert, 
dass. ich nicht den Muth hatte. Fanny Sebastian! trägt dieses 
IJmstandes wegen auch kein solches Ding, denn bloss Kinder 
oder Nymphen -Gestalten sehen erträglich darin aus. 

Habe ich doch über allem Schwatzen keinen Raum, Dich, 
mein dreimal glücklicher Altvater, auch nur zu begrüssen. 
Nun bist Du ja recht in Deinem Element, wie Abraham der 
Erste an der Spitze Deiner zahlreichen Familie durch das Land 
ziehend! Und wenn ich nun denke, dass Du auch gar keinen 
Grund zu irgend einer Beunruhigung zurückgelassen hast, son- 
dern mit Deinen Augen über Alles wachen kannst, so bin ich 
beinahe so froh, wie Du es sein musst. Nun, Gott behüte 
Dich und die liebe Caravane." — 



Leipziger Strasse No. 3. 



Nach der Eückkehr trat Jeder wieder in seine gewohnten 
Beschäftigungen ein, die fleissige Arbeit nahm ihren Fortgang. 
In den nächsten Jahren entwickelte sich Felix' musikalisches 
Talent mit raschen Schlitten und, mit dem seinigen zusammen, 
das seiner Schwester Fanny. Die innige, neidlose Freund- 
schaft der beiden Geschwister — „sie sind wirklich eins für 
das andere eitel und stolz" — sagt ihre Mutter einmal, blieb 
ungetrübt bis zu ihrem Lebensende. „Bis zu dem jetzigen 
Zeitpunkt", schreibt Fanny 1822, „besitze ich sein uneinge- 
schränktes Vertrauen. Ich habe sein Talent sich Schritt vor 
Schritt entwickeln sehen und selbst gewissermassen zu seiner 
Ausbildung beigetragen. Er hat keinen musikalischen B,ath- 
geber als mich, auch sendet er nie einen Gedanken aufs 
Papier, ohne ihn mir vorher zur Prüfung vorgelegt zu haben. 
So habe ich seine Opern z. B. auswendig gewusst, noch ehe 
eine Note aufgeschrieben war." — Felix' Thätigkeit war — 
und blieb sein ganzes Leben hindurch — eine rastlose, denn 
ausser der wissenschaftlichen Ausbildung verwandte er auch 
aufs Zeichnen viel Zeit und Fleiss. Wenn auch seine Begabung 
hierin natürlich seiner musikalischen weit nachstand, so brachte 
er es doch für einen Dilettanten recht weit und vervoll- 
kommnete sich namentlich in den späteren Lebensjahren sehr. 
Von der letzten Schweizerreise im Jahre 1847 brachte er 
Aquarellen mit, deren sich kein Künstler hätte zu schämen 



136 Leipziger Strasse Nr. 3. 

brauclien. Namentlicli aber seine musikaliche Eülirigkeit sclion 
in jenen frühen Ejiabenjahren ist ausserordentlich, wie aus 
einer kleinen ungedruckten Biographie Felix' von Fanny her- 
vorgeht, der in jedem Jalir Verzeichnisse der komponirten 
Stücke beigefügt sind. So z. B. lautet die Liste des Jahi^es 
1822, in welches die grosse Eeise fiel, auf der doch gewiss 
nicht viel Ai'beitszeit blieb: 1) Der 66. Psalm für 3 Frauen- 
stimmen, 2) Concert a-moll für's Fortepiano, 3) 2 Lieder für 
Männerstimmen, 4) 3 Lieder, 5) 3 Fugen für's Ciavier, 6) Quar- 
tett füi- Ciavier, Geige, Bratsche und Bass (c-moll, in Genf 
komponirt, erstes gedrucktes Werk), 7) 2 Symphonien füi- 
2 Geigen, Bratsche und Bass, 8) Ein Akt der Oper: „Die 
beiden Neffen", 9) Jube Domine (c-dur) für den Cäcilienverein 
von Schelble in Frankfurt a. M., 10) Ein Violinconcert (füi- 
Eietz), 11) Magnificat mit Listrumenten, 12) Gloria mit Listru- 
menten. — Sein erstes öffentliches Auftreten fand statt in 
einem Concert von Gugel am 24. October 1818, sein zweites 
in einem Concert von Aloys Sclimitt am 31. März 1822. Ln 
Jahre 1822 trat er am 5. December in Berlin in einem Con- 
cert der Milder auf. In diese Zeit fällt auch die Stiftung der 
„Sonntags-Musiken", die später bei Fanny Hensel eine so grosse 
Ausdehnung ge\^ännen sollten. Vorläufig bei dem beschränkten 
Lokal, welches den Eltern damals (auf der neuen Promenade) 
zu Gebote stand, vereinigte sich eben nur der engere 
Freundeskreis; hier wurden Felix' Compositionen aufgeführt; 
die Kinder gewöhnten sich daran, vor Leuten zu spielen, 
und hatten Gelegenheit, das Urtheil Anderer zu hören; schon 
fand sich bei diesen Musiken ein, was von bedeutenden 
fremden Musikern Berlin berührte. So im Jahre 1823 Kalk- 
brenner, von dem Fanny schreibt: „Er hat viel von Felixens 
Sachen gehört, mit Geschmack gelobt und mit Freimüthigkeit 
und Liebenswüi'digkeit getadelt. Wir hören ihn oft und 
suchen von ihm zu lernen. Er vereinigt die verschiedenartigsten 
Vorzüge in seinem Spiel, Präcision, Klarheit, Ausdruck, die 
grösste Fertigkeit, die unermüdlichste Kraft und Ausdauer. Er 
ist ein tüchtiger Musiker und besitzt einen erstaunlichen üeber- 
blick. Von seinem Talent abgesehen, ist er ein feiner, üebeas- 



Felix' musikalische Ent Wickelung. Eeise nach Schlesien. 137 

würdiger und selir gebildeter Mann, und man kann nicht an- 
genehmer loben und tadeln." 

Im selben Jahr im August machte Abraham mit den 
Söhnen Feüx und Paul eine Reise nach Schlesien. Felix schreibt: 

}, Hjuog d' TipiyivEia ^dvrj podo^dxTvXcg TjWg*) gingen 

wir Alle zu Berner in die Kii'che. Er kam. Zuerst zog er 
sich seinen Rock aus und eine leichte Weste dafür an; dann 
musste ich ihm ein Thema aufschreiben und nun fing er an. 
Er nahm das tiefe c im Pedal und dann stürzte er sich mit 
aller Macht auf's Manual und nach einigen Läufen fing er ein 
Thema auf dem Manual an, ich hatte keine Idee, dass man 
es auf dem Pedal spielen könne, denn so war es: 




doch bald fiel er mit den Füssen ein und führte es nun mit 
Manual und Pedal durch. Nachdem er das Thema gehörig 
durchgeknetet hatte, fing er das meinige im Pedal an, führte 
es ein Weilchen durch, nahm es im Pedal in der Verlängerung, 
setzte ein schönes Contrasubject dagegen und arbeitete die 
beiden Themata prächtig durch. Er hat eine ungeheure Fer- 
tigkeit auf dem Pedal. Als er geendigt, trank er einige 
Gläser Wein, den er sich mitgebracht, imd setzte sich dann 
wieder auf die Orgelbank. Nun spielte er Variationen in 
Vogel'scher Manier, die mir, obwohl sie auch sehr schön waren, 
doch nicht so gefielen, wie sein voriges Spiel. 

Die Kirche füllte sich nach und nach an und die Leute 
waren sehr verwundert, den Berner zu hören, denn er hatte 
ganz Breslau weiss gemacht, er sei nach dem Bade gereist; 
nun spielte er aber Orgel in St. Elisabeth, das konnten sie 
sich nicht zusammenreimen. Nachdem er wieder ein Gläschen 
getrunken, holte er Variationen von sich über den Choral „vom 
Himmel hoch", die sehr schön sind. Die letzte Variation ist 
eine Fuge, deren Thema der verkürzte Choral ist, er spielte 
sie auf dem Mittelcia vier. Nun machte er Miene zu schliessen, 

*) Citat aus Homer: Als die frühgeborene rosenfingerige Eos 
emporstieg. 



138 Leipziger Strasse Nr. 3. 

brachte das Thema alla Stretta, schlug den Dominantenakkord 
an nnd fing dann plötzlich auf dem Unterclavier, das gekoppelt 
war, mit der ganzen Stärke der Orgel den einfachen Choral 
an, modulirte noch prächtig auf der Melodie und schloss 
so. Es machte einen himmlischen Effekt, als der Choral 
mit aller Macht einschlug, die Töne strömten aus der Orgel 
von allen Seiten her. Das griff ihn aber sehr an, so dass er 
zwei oder drei Gläser Wein trinken musste. Doch bald setzte 
er sich wieder hin und spielte Variationen auf God save the 
King^ in denen er dies Thema phrygisch und dann aeolisch 
behandelt, und gegen das Ende spielte er es auch mit voller 
Orgel, was eine ebenso schöne Wirkung wie vorher that. 
Somit war das Orgelconcert beschlossen und Berner sehr er- 
müdet. Die Leute verliessen die Kirche und er gab der Flasche 
Wein den Rest. Dann zeigte er mir das Innere der Orgel 
selbst, Bomben und Granaten sind in sehr viele Pfeifen ge- 
fahren, so dass sie unbrauchbar sind. — 

Wir sprachen noch eine Weüe, Vater, er und ich. Berner 
erzählte uns lustige Schwanke, die er ausgeführt, und dann 
gingen wir essen, Berner mit uns. Beim Spielen steht ein 
Chorjunge neben ihm, der üim die Register herauszieht oderhinein- 
stösst, die Berner mitten im Spielen mit dem Finger antippt. — 

Nun genug von Phrygisch, Aeolisch, Dominanten, Registern, 
Pfeifen, Manual, Pedal, Ventil, 32 Fuss, Mixtur, Concert, Wein- 
flaschen, Gläsern, Fugen und Verlängerungen.'' — 

In Reinerz ward Felix aufgefordert, an einem Concerte 
für die Armen sich zu betheüigen. Die Probe begann 3 Stunden 
vor dem Concert und man legte Felix ein Concert von Mozart 
vor. Nachdem man das erste Solo eine Stunde lang wieder- 
holt hatte, sah Felix eia, dass es auf diesem Wege nicht gehen 
würde. Der Contrabass, der zugleich die Stelle des Cellos ver- 
trat, stimmte nicht, die meisten Instrumente fehlten ganz, und 
der Rest, würdige Dilettanten des Städtchens, verstanden weder 
zu spielen, noch zu pausiren; es war eine tolle Katzenmusik. 
Er schlug also vor, zu phantasiren, Hess durch den Schul- 
meister die Ursache dieser Veränderung bekannt machen, wählte 
einige Themata von Mozart und Weber und spielte mit allge- 



Zelter und Felix. 139 

meinem Beifall. Gleich nach dem Concert reiste er ab und 
empfing* noch heim Einsteigen in den Wagen von einem hübschen 
Mädchen einen Blumenstrauss. „Eine Fürstin (so schreibt Lea 
an Hensel in Rom), deren Gemahl fanatico per la musica ist, 
lud sie dringend ein, mehrere Tage auf ihrer Herrschaft zuzu- 
bringen und im Falle das nicht möglich sei, ihr etwas von Felixens 
Komposition zu leihen, die sie mit eigenen hohen Händen ko- 
piren wolle. Sie kennen den Hliberalismus meines Liberalen 
zu genau, um nicht zu ahnen, dass solche Hofparthie nichts 
für seinen freien Geist sei." — 

Am 3. Februar 1824, an welchem Tage Felix 15 Jahr alt 
wurde, war die erste Orchesterprobe seiner Oper: ,,die beiden 
Neffen", zu der der später bekannte Arzt Caspar den Text 
geschrieben hatte. Zelter benutzte diese Gelegenheit zu einer 
kleinen, für ihn charakteristischen Feier. Als nach der Probe 
beim Abendessen einer der mitsingenden Dilettanten Felix' Ge- 
sundheit ausbrachte, nahm Zelter diesen bei der Hand und 
stellte ihn vor die Gesellschaft mit den Worten: „Mein lieber 
Sohn, von heut ab bist Du keiu Junge mehr, von heute an 
bist Du Gesell. Ich mache Dich ziun Gesellen im Namen 
Mozart's, im Namen Haydn's und im Namen des alten Bach." 
— Dann fasste er den Knaben in setae Arme und drückte und 
küsste ihn herzlich. Die Gesellensprechung Mendelssohn's wurde 
dann noch durch Zelter'sche Lieder und Tafellieder froh ge- 
feiert. Die Oper wurde im Eltemhause mit BeifaU aufgeführt, 
iudess blieb sie doch nur ein Uebungswerk, wurde als solches 
zurückgelegt und Felix machte sich sofort an die Composition 
einer zweiten: „die Hochzeit des Camacho", die, jweit umfassen- 
der angelegt, die bekannte Episode aus dem Don Quixote be- 
handelt und deren Schicksal wir später kennen lernen werden. — 

Im Jahre 1825 trat ein Ereigniss ein, das auf die Ent- 
wickelung der Kinder, auf die ganze Gestaltung des Lebens 
der Familie auf Generationen hiriaus vom bestimmendsten Ein- 
fluss werden sollte und das auch deshalb zur üeberschrift dieses 
Kapitels gewählt wurde: Abraham kaufte das schöne Grund- 
stück Leipziger Strasse No. 3. In diesem wundervollen Hause 
und Garten verlebten Abraham und Lea den Rest ihres Lebens, 



140 Leipziger Strasse Nr. 3. 

hier heirathete Fanny und lebte auch bis zuletzt hier. Allen 
Mitgliedern der Familie war aber dies Haus nicht ein gewöhn- 
licher Besitz, ein todter Steinhaufen, sondern eine lebendige 
Individualität, ein Mitglied, theilnehmend am Glück der Familie, 
es war ihnen und den Nächststehenden gewissermassen Reprä- 
sentant derselben. In diesem Sinne brauchte Felix oft den 
Ausdruck „Leipziger Strasse 3" und in diesem Sinne liebten 
alle das Grundstück und betrauerten seinen Verlust, als es nach 
Fanny's und Felix' Tode verkauft und — das Herrenhaus 
hineinverlegt wurde. 

Die Strassenfront des Hauses ist noch dieselbe wie damals. 
Die Räume darin waren stattlich, gross und hoch mit jener 
angenehmen Raumverschwendung gebaut, die in den Zeiten der 
hohen Grundstückspreise den Architekten fast ganz abhanden 
gekommen und für deren Werth kaum mehr das Verständniss 
— oder die Mittel — vorhanden zu sein scheinen. Namentlich 
war ein Zimmer nach dem Hof hinaus mit einem daranstossenden, 
durch drei grosse Bogen damit verbundenen Kabinet wunder- 
schön und zu Theatervorstellungen wie geschaffen. Hier wurden 
denn auch viele, viele Jahre hindurch zu Weihnachten, Geburts- 
oder andern Festen die reizendsten von Witz und Laune spru- 
delnden Aufführungen veranstaltet. Für gewöhnlich war dies 
Lea's Wohnzimmer. Man hatte aus den Fenstern desselben 
die Aussicht auf den sehr grossen Hof, umgeben von niedrigen 
Seitengebäuden und geschlossen durch die einstöckige Garten- 
wohnung, über welche hinweg die Kronen der hohen Bäume 
ragten. Diese Gartenwohnung hatten Hensels von ilirer Ver- 
heirathung ab ione. Sie ist jetzt niedergerissen und hat dem 
Sitzungssaal des Herrenhauses Platz gemacht. Die Wohnung 
hatte im Winter grosse üebelstände : sie war kalt, feucht, jedes 
Zimmer war Durchgang und keins hatte Gegenhitze, da das 
Gartenhaus nur ein Zimmer tief war. Doppelfenster waren 
damals in Berlin grosse Seltenheit, diese W^ohnung besass keine 
und täglich strömten von den gefrorenen Scheiben grosse Wasser- 
massen, die fortwälirend aufgewischt werden mussten. Ueber 
eine Zimmertemperatur von 13° kam es im Winter selten. Dafür 
aber war die Wohnung im Sommer bezaubernd schön. AUe 



Hausankauf. 141 

Fenster sahen nach dem Garten hinaus, in blühende Flieder- 
büsche, in Alleen schöner alter Bäume, das Weinlaub die 
Scheiben umrankend — und für alle Jahreszeiten hatte sie 
andere grosse Vorzüge: namentlich die vollständige Ruhe und 
Stille; durch den grossen Hof und das hohe Vordergebäude 
wurde jeder Ton von der geräuschvollen Strasse abgeschnitten; 
man lebte wie in der tiefsten Einsamkeit des Waldes und war 
doch nur 100 Schritt von der Strasse entfernt. Kein 
Vts-ä-vü als die herrlichen Bäume des Gartens, mit lustig 
zwitschernden Vögehi und keinen Miether über, imter oder 
neben sich; nach dem Strassenlärm tiefste, fast ländliche Stille 
und Abgeschlossenheit und vor den Fenstern das Grün der Bäume. 
Das Schönste an der Gartenwohnung war der grosse, in der 
Mitte gelegene Saal. Derselbe fasste mehrere hundert Men- 
schen und bestand nach dem Garten zu aus lauter zurück- 
schiebbaren Glaswänden mit Säulen dazwischen, sodass er in 
eine ganz offene Säulenhalle zu verwandeln war. Wände und 
Decke, letztere eine flache Kuppel bildend, waren in etwas 
barocker aber phantastischer Weise mit Frescobildem geziert. 
Hier war das eigentliche Lokal, wo die Sonntagsmusiken ihre 
volle Ausdehnung gewinnen soUten. Man genoss aus ihm den 
üeberblick über den 7 Morgen grossen, parkartigen Garten, 
der bis an die Gärten des Prinzen Albrecht reichte und, ein 
Ueberrest des Thiergartens, der sich noch zu Friedrichs des 
Grossen Zeiten bis hierher erstreckt hatte, einen grossen Reich- 
thum der schönsten alten Bäume besass. Ueber den beabsich- 
tigten Ankauf dieses Grundstücks schrieb Lea an Hensel nach 
Rom (1. Februar 1825): ^Ist es Dinen nicht auch überraschend 
gewesen, dass mein Mann ernstlich damit umgeht, sich hier 
durch Kauf anzusiedeln? Das Grundstück, aus dem etwas sehr 
Schönes werden kann, lockte ihn freilich. Das Haus ist zwar 
ganz so verfallen und vernachlässigt, als es bei vielen Besitzern 
(die V. d. Reck'sche Familie), die nie eines Sinnes werden und 
nie Gemeingeist haben, stets der Fall ist, und es muss viel 
verwandt werden, um es nur in wohnbaren Stand zu setzen. 
Der Garten ist aber ein wahrer Park, mit herrlichen Bäumen, 
einem Stück Feld, Rasenplätzen und einer höchst angenehmen 



142 Leipziger Strasse Nr. 3, 

Sommerwolinung, und dies allein tentirt meinen Mann sowohl 
als mich." — Die Hausfreunde aber jammerten vorerst und 
klagten, dass Mendelssohns soweit aus der Welt und in eine 
so abgelegene todte Gegend zögen, wo das Gras auf den Strassen 
wächst — denn das Potsdamer Thor war damals die „Ultima- 
Thule", wo die Berliner Geographie aufhörte. — 

In diesem Hause und Garten entfaltete sich nun ein äusserst 
eigenthümliches, poetisches Leben; es bildete sich der Kreis 
von Freunden, der mit wenigen Ausnahmen in persönlichem 
oder brieflichem Zusammenhalten ausharrte, bis der Tod Einen 
nach dem Andern abrief. Der Hannoveraner Klingemann, Diplo- 
mat, eine sehr fein poetische Natur, Dichter des Liederspiels ,,die 
Heimkehr", das nachher ausfühi'lich zu erwähnen sein wird, war 
einer der bedeutendsten und treuesten aus diesem Kreise. Nament- 
lich durch die späteren öfteren Aufenthalte von Felix und Hensel 
in London, wo Klingemann bei der Gesandtschaft angestellt 
war, und durch fortgesetzten, lebendigen Briefwechsel wurde 
diese Freundschaft dauernd und fest geknüpft. Louis Heide- 
mann, der Jurist, und sein Bruder, Wilhelm Hörn, der Sohn 
des berühmten Arztes und selbst Arzt, der Violinspieler Rietz 
und für längere Zeit vor allen Dingen Marx, damals Redakteur 
der musikalischen Zeitung in Berlin, waren die intimeren Freunde 
von Felix. Marx, äusserst genial, war Vorkämpfer der neuen 
Schule in der Musik, die Beethoven's Fahne entfaltete, und hat 
zu dem Bekanntwerden desselben viel beigetragen. Er fasste 
innige Zuneigung zu Felix, mit jugendlichem Feuer suchten 
Beide sich im Austausch Uirer anfänglich weit auseinander- 
gehenden Meinungen näher zu kommen. — 

Auch Moscheies hielt sich im Herbst 1824 in Berlin auf 
und Felix erkannte wülig seine Ueberlegenheit in der Technik, 
seine Grazie, Eleganz und Koketterie des Klavierspiels an und 
lernte in dieser Beziehung von ihm, wenn er auch solchen 
Virtuosenkünsten nie eine unbillige Herrschaft zugestanden 
hat. Aber auch Moscheies würdigte Felixens Talent und es 
knüpfte sich eine dauernde Freundschaft zwischen Beiden an. 
Von sehr bedeutendem Einfluss war auch Spohr's Anwesenheit 
auf ihn. Dieser war nach Berlin gekommen, um selbst die 



Reise nach Paris. 143 

Jessonda einzustudiren und trotz, oder vielleicht gerade wegen 
der allergrössten Hindernisse, die Spontini ihm in den Weg 
legte, nahm das Publikum Spohr und sein Werk mit um so 
grösserem Beifall auf. Spohr war viel im Mendelssohnschen 
Haus und die im Jahre 1822 in Kassel angeknüpfte Bekannt- 
schaft nahm einen erfreulichen Fortgang. 

Zu all diesen musikalischen Anregungen kam für Felix im 
März 1825 eine Keise mit seinem Vater nach Paris, unter- 
nommen, um Henriette nach Deutschland zurückzubringen. In 
Paris war grade ein grosser Zusammenfluss bedeutender Musiker: 
Hummel, Moscheies, Kalkbrenner, Pixis, Eode, Baillot, Kreuzer, 
Cherubini, Eossini, Paer, Meyerbeer, Plantade, Lafont und viele 
Andere trafen sich oft in einem Salon, in einer Loge. Aber 
das Kleinliche, Hämische und Neidische so mancher dieser 
Männer machte auf den ganz anders angelegten Felix einen 
abstossenden Eindruck, wie er denn auch späterhin nie mit 
Paris und dem dortigen musikalischen Wesen sich befreunden 
konnte. 

Dasselbe war in seinen guten sowohl, wie in seinen schlechten 
Seiten seiner Natur zuwider. Das Streben nach dem Glänzenden, 
Pikanten, nach dem Effekt Hess ihn kalt, das Intriguenwesen, 
die Unbekanntschaft mit den grossen Meistern der Deutschen, 
die Oberflächlichkeit der Arbeiten stiess ihn ab, durch das für 
ihn persönlich sehr entgegenkommende Wesen der Musiker liess 
er sich nicht bestechen. Nur mit Cherubini scheint er in ein 
etwas näheres Verhältniss getreten zu sein. 

In einem Brief vom 6. April sprach er sich mit grosser, 
ihm sonst garnicht eigener Schärfe und Heftigkeit über Pariser 
Personen und Zustände aus. Natürlich fehlte es nicht an 
Widerspruch in den Antworten der Mutter und Schwester. 
Einige Briefstellen mögen seine Auffassung der Verhältnisse 
scliildern: 

Felix an die Familie. 

Paris, 23. März 1825. 

„Wie soll ich es anfangen, am ersten Morgen, den ich in 
Paris erlebe, einen ordentlichen, regelmässigen und vernünftigen 
Brief zu schreiben? Dazu bin ich noch viel zu verwundert, zu 



144 Leipziger Strasse No. 3. 

neugierig, zu verdreht. — Da ich aber versprochen hahe, ein 
Tagebuch nach Berlin zu senden, so falle ich also gleich mit 
der Thür in's Haus und melde, dass wir gestern, 22. März 
Ahends 8 Uhr, in Paris eingerückt sind. Als wir die Barriere 
de Pantin passirt hatten, fuhren wir eine starke Viertelstunde 
im schärfsten Trabe der tüchtigen Pferde durch einen neuen 
Stadttheil von Paris, den Vater noch garnicht gesehen hatte 
Das ist der Fauhourg St. Lazare. Es sieht zwar noch an manchen 
Stellen sehr öde und confus da aus, doch meistentheils stehen 
schon Häuser da. Wir kamen nun bald in die alte Stadt und 
endlich auf den Boulevard. Das ist ein Leben und Treiben, 
ein Easseln und Schnarren, ein Schreien und eine Lustigkeit 
unter den Leuten; alle Läden sind mit Gas vollkommen er- 
leuchtet und auch auf den Strassen verbreitet dies solche Helle' 
dass man bequem lesen könnte. Es ist so laut und so hell da, 

wie etwa bei einer Hlumination in Berlin. Leo und Meyer 

besuchten uns ganz früh schon und schienen ganz verwundert, 
dass ich mich ihnen nicht mehr auf den Schooss setzte, keine 
Stühle umwarf, kein Geschrei machte u. s. w. Wir besuchten 
nun Tante Jette und trafen sie schon auf der Strasse, auf dem 
Wege zu uns. Ihr mildes, ernstes, lebhaftes und überaus gütiges 
Wesen machte einen nicht geringen Eindruck. Und wie geist- 
reich spricht sie! Wie freue ich mich darauf, sie Euch zurük- 

zubringen." — 

Den 1. April 1825. 

„ Montag früh besuchte ich Hummel und fand bei 

ihm Onslow und — Boucher; der erkannte mich erst nicht, 
als er aber meinen Namen hörte, wurde er wie toll, um- 
armte mich hundertmal, lief in der Stube herum, brüllte und 
weinte, hielt mir eine übertriebene, unsinnige Lobrede gegen 
Onslow und lief mit mir fort, um Vater zu sehen; da der aber 
nicht mehr zu Hause war, so machte er im Hotel einen Lärm, 
dass die Leute zusammenliefen, nahm Abschied, rannte mir 
dann auf der Treppe nach, umarmte mich etc. Gestern früh 
kam er mit vier Trägem zu uns gerumpelt und brachte den 
Flügel seiner Frau und nahm sich unser schlechtes Instrument 
dafür." 



Französisches Theater. 145 

Paris, 20. AprU. 

„ Damit Du aber nicht ferner zürnest, will ich Dir 

gleich erzählen, dass wir gestern Abend im Feydeau waren 
und den letzten Akt einer Oper von Catel, l'aubergiste, und 
Leocadie von Auber sahen. Das Theater ist geräumig, freund- 
lich und hübsch. Das Orchester ist recht gut. Wenn auch 
die Geigen nicht so vortrefflich sind, wie die der Opera buffa, 
so sind doch die Bässe und Blaseinstrumente, auch das Ensemble 
besser als da. Auch wird in der Mitte dirigirt. Die Sänger 
und Sängerinnen singen ohne Stimme, doch nicht übel, spielen 
lebhaft und schnell, und so geht das Ganze recht gut zusam- 
men. Aber nun die Hauptsache, die Komposition! von der er- 
sten Oper will ich nicht sprechen, denn ich hörte nur die 
Hälfte und die war zwar matt und kraftlos, aber doch nicht 
ohne hübsche, leichte Melodie. Aber die berühmte Leocadie 
vom berühmten Auber! So was Erbärmliches kannst Du Dil- 
garnicht vorstellen. Das Sujet ist aus einer schlechten Novelle 
von Cervantes schlecht zu einer Oper umgearbeitet und ich 
hätte nicht geglaubt, dass so ein gemeines, unziemliches Stück 
sich auf dem Theater der Franzosen, die doch sehr feines Ge- 
fühl und richtigen Takt haben, nicht nur halten, sondern so- 
gar gefallen könnte. Zu dieser Novelle aus Cervantes' roher, 
wilder Periode hat Auber eine zahme Musik gemacht, dass es 
ein Jammer ist. Ich spreche nicht davon, dass kein Feuer, 
keine Masse, kein Leben, keine Originahtät in der Oper zu 
finden, dass sie aus Eeminiscenzen abwechselnd aus Cherubini 
und E-ossini zusammengeklebt ist; ich spreche nicht davon, 
dass nicht der geringste Ernst, nicht ein Fünkchen Leidenschaft 
drin ist ; nicht davon, dass in den entscheidenden Augenblicken 
die Sänger Gurgeleien und Trillerchen und Passagen machen 
müssen; aber instrumentiren, was jetzt so leicht geworden 
ist, da die Partituren von Haydn, Mozart, Beethoven verbrei- 
tet sind, instrumentiren sollte doch wenigstens der Liebling 
des Publikums, der Schüler Chembini's, ein Mann mit grauen 
Haaren, können. Auch das nicht. Denke Dir, dass in der 
ganzen, an Musikstücken reichen Oper vielleicht drei sind, in 
denen die kleine Flöte nicht die Hauptrolle spielt. Die Ouver- 

Die Familie Mendelssoliu. I. 10 



146 Leipziger Strasse Nr. 3. 

ture fängt mit einem Tremiüando der Saiteninstrumente an und 
alsbald kommt die kleine Flöte auf dem Dache und das Fagott 
im Keller und dudeln eine Melodie dazu; im AUegrothema ma- 
chen die Saiteninstrumente die spanische Begleitung und die 
kleine Flöte dudelt wieder eine Melodie, Leocadiens erste me- 
lancholische Arie: paucre Leocadie, il vaudraü mieux mourir^ 
wird von einer kleinen Flöte angemessen begleitet. Die kleine 
Flöte malt des Bruders Wuth, des Liebenden Schmerz, der 
Bauermädchen Freude, kurz, das Ganze Hesse sich vortrefflich 
für 2 Flöten und Maultrommel ad libitum einrichten. weh ! — 

Du schreibst mir auch, ich soll mich zum Bekehrer auf- 
werfen und Onslow und Eeicha Beethoven und Sebastian Bach 
lieben lehren. Das thu' ich schon ohne das, soweit es geht. 
Aber bedenke, liebes Kind, dass die Leute hier keine Note 
aus Fidelio kennen! dass sie Sebastian Bach für eine recht 
mit Gelehrsamkeit ausgestopfte Perrücke halten! Onslow habe 
ich die Fidelio - Ouvertüre auf einem ganz schlechten Klavier 
vorgespielt und er war ganz ausser sich, kratzte sich im 
Kopfe, instrumentii'te sie in Gedanken, sang am Ende in der 
Entzückung mit, kurz, war ganz toll. Neulich spielte ich auf 
Kalkbrenner's Begehr die Präludien aus e- und a-moll für die 
Orgel. Die Leute fanden beide „wunderniedlich" und Einer 
bemerkte, der Anfang des a-moU-Präludiums habe auffallende 
Aehnlichkeit mit einem beliebten Duett aus einer Oper von 
Monsigny. Mir wurde grün und blau vor den Augen. 

Rode bleibt fest bei seiner Weigerung, eine Geige in die 
Hand zu nehmen. Aber mit Baillot, Mial und Norblin habe 
ich neulich bei Mde. Kiene mein Quartett aus h-moU gespielt. 
Der Erstere fing zerstreut, ja sogar nachlässig an, aber bei 
einer Stelle im ersten Theil des ersten Stücks kam er in's 
Feuer und spielte den Rest des ersten und das ganze Adagio 
sehr kräftig und gut. Aber dann kam das Scherzo. Da musste 
ihm wohl der Anfang gefallen und nun fing er an zu spielen 
und zu laufen. Die Andern immer hinterdrein, ich wollte sie 
halten, aber halt' einer mal drei Franzosen, die durchgehen. 
Und so nahmen sie mich mit, immer toller und toller und schneller 
und stärker , besonders hieb Baillot bei einer Stelle am Ende, wo 



Pariser Musikzustände. 147 

das Thema des Trios in der Höhe gegen den Takt kommt, 
ganz füi'chterlich ein und als er vorher einen Fehler mehrere 
Mal machte, wüthete er ordentlich gegen sich selbst. Sowie 
es aus war, sagte er mir kein Wort als: JEncore une fois ce 
morceau. Nun ging's glatt, aber noch wilder als das erste Mal. 
Im letzten Stück Avar nun aber gar der Teufel los. In der 
Stelle ganz am Ende, w^o das Thema in h-moll noch ein- 
mal fortissimo kommt, raste Baillot wirklich furchtbar in 
die Saiten; ich bekam vor meinem eigenen Quartett Furcht. 
Und so wie es aus war, kam er a,uf mich zu, wieder ohne ein 
Wort zu sagen, und umarmte mich zweimal, als wollte er mich 
erdrücken. Auch Rode war sehr zufrieden und sagte mir lange 
nachher noch einmal: „Brav, mein Schatz I" auf Deutsch." 

Doch die Berliner waren nicht zufrieden und Hessen nicht 
nach, in ihren Briefen Lanzen zu brechen für das ihrer Mei- 
nung nach ungerecht behandelte Paris. Felix liess sich nicht 
irre machen. Am 9. Mai schreibt er an seine Schwester 
Fanny : 

„ — — Ueber Deinen vorigen Brief war ich etwas wü- 
thend und beschloss, Dir eüiige Schelte zu reichen, die Dir 
auch noch nicht geschenkt sein sollen, aber die Zeit, der 
wohlthätige Gott, wii^d sie wohl mildern und Balsam giessen 
in die Wunden, die mein flam.mender Zorn Dir schlägt. Du 
schreibst mir von Voruilheilen und Befangenheit, von Brum- 
men und Schuhu-ismus, vom Lande, w^o Milch und Honig fliesst, 
wie Du dies Paris nennst? Besinne Dich doch, ich bitte Dich? 
Bist Du in Paris, oder bin ich es? Da muss ich's doch besser 
kennen als Du! Ist es meine Art, von Vorui'theilen befangen 
über Musik zu urtheilen? Wäre sie das aber auch: Ist Eode 
befangen, wenn er mir sagt: c^est ici une degringolade mimcale! 
Ist Neukomm befangen, der mir sagt: Ce rCest pas icile pays des 
orchestres. I^t Herz befangen, wenn er sagt: Hier kann das 
Publikum nur Variationen verstehen und goutiren. Und sind 
10,'JOO Andere befangen, die auf Paris schimpfen! Du, Du bist 
so befangen, dass Du meinen höchst unpartheiischen Berichten 
weniger glaubst, als einer lieblichen Vorstellung von Paris, als 
einem Eldorado, die Du Dir gebildet hast. Nimm den Consti- 

10* 



148 Leipziger Strasse Nr. 3. 

tutionnel in die Hand: was giebt man in der italienischen 
Oper als Rossini? Nimm den Miisikcatalog zur Hand: was 
kommt heraus, was geht ab, als Romanzen und Potpourris? 
Komme doch nur erst her und höre Alceste, höre Kobin des Bois*), 
höre die Soireen (die Du mit Salons übrigens verwechselst, denn 
Soireen sind Concerte für Geld, und Salons Gesellschaften), 
höre die Musik in der königlichen Kapelle, und dann urtheile, 
dann schilt mich, aber nicht jetzt, wo Du von Vorurtheilen 
befangen und gänzlich verblendet bist! ! !" 

Im Mai kehrten sie mit Henriette nach Berlin zurück 
und besuchten Göthe, wie dies auch schon auf der Hinreise 
geschehen war. 

Gedenken wir hier auch der litterarischen Ereignisse, die 
die Jugend jener Zeit frisch erlebte, denen sie sich mit En- 
thusiasmus hingab. Dass den Enkeln Moses Mendelssohn's die 
Lessing'schen Schriften geläufig waren, dass dem Gastfreunde 
Göthe's Faust und Werther ^strahlende Lichter" waren, wie 
Fanny sich ausdi^ückt, versteht sich von selbst. Wie Schiller's 
Meisterwerke ihnen immer gegenwärtig blieben, beweisen Fanny's 
und Felix' Briefe aus der Schweiz. Aber vor allen waren es 
zwei Schriftsteller, die gewaltig auf die Mendelssohn'schen 
Kinder und ihren Kreis wirkten : Jean Paul und Shakespeare. — 
üeber J. Paul hat das Schönste Börne, das Witzigste Heine 
in der romantischen Schule gesagt. Rebecka schrieb über ihn 
einmal: „Du willst, ich soll den Hesperus lesen, wenn ich 
recht traurig bin. Na, das lass ich bleiben. Jean Paul 
hilft den Mühseligen und Beladenen nicht, ihr Kreuz tragen, 
er redet ihnen zum Maule und macht ihnen ihre Last schwerer, 
indem er ihnen die Kräfte zum Tragen erschlafft. Dass ich 
Dil* das sage, hilft aber garnichts, Du bist grade jetzt in dem 
Alter oder vielmehr in der Jugend, wo es eben nur Jean Paul 
giebt, wo seine Schreibart, seine Ironie nachgemacht wird, wo 
Jünglinge und Mädchen nicht gern dick werden wollen, um 
Victor und Clotilde oder Liane mehr zu gleichen, womöglich 
auch ein bischen früh sterben wollen, aber nur auf kurze Zeit. 



*) Französische Bearbeitung des Freischütz. 



Jean Paul. 149 

Wenn ich mir den Gram überhaupt weglesen wollte, so möchte 
ich lieber Lessing oder Mendelssohn oder Geschichte lesen und 
mich an den Mensehen erbauen, die sich durch Schicksale und 
Widerwärtigkeiten hindurchgekämpft und sich keine ironische, 
sondern eine tugendhafte Heiterkeit, Ergebenheit und Kraft 
zum Weiterkämpfen en^ungen haben. Es ist aber der kleine 
Unterschied zmschen uns, dass ich so nahe an vierzig bin, 
wie Du an zwanzig. Und wüsste ich nicht sehr gut, wie der 
Jean Paul in der Jugend thut, ich überfiele Dich in Deiner 
Landeinsamkeit und autodafeisirte den ganzen Hesperus. 

Bei Gelegenheit der von Dir behaupteten Aehnlichkeit der 
Jean Paul'schen Clotilde mit X möchte ich Dir gerne eine Ge- 
schichte erzählen, wenn ich nicht gewiss wüsste, dass Du sie 
übel nimmst. Ich will sie aber doch erzählen: Ein taub- 
stummer Schüler des Professor Wach malte einst eine Ma- 
donna, die Wach sprechend ähnlich sah. Zu seiner Recht- 
fertigung gab er an, Wach wäre sein höchstes Ideal, die 
Madonna auch, also müsste die Madonna aussehen wie Wach! — 
Die Nutzanwendung versteht sich von selbst. Sei aber nicht 
böse. — Als Deine Mutter und ich jung waren, sah Victor 
im Hesperus aus wie der jetzige Regierungsrath und Ee- 
actionair Dr. Y.** — 

Als Trost hatten jene Kinder den J. Paul auch nicht 
nöthig: und doch giebt es eine Zeit in der Jugend, wo Jeder, 
auch der Glücklichste, sich lieber unglücklich fühlen möchte 
und wie Rebecka schreibt, „ein Bischen früh zu sterben wünscht, 
aber nicht auf lange Zeit." — Wie dem auch sein möge und 
welche Seite des Dichters auch jeden von ihnen angesprochen 
haben mag, faktisch ist, dass Alle sehr für ihn schwärmten 
und dass diese Schwärmerei bis zuletzt sich erhielt. Felix giebt 
dieser Vorliebe noch in späteren Briefen einen warmen Ausdruck. 

Nächstdem Shakespeare: Die Schlegel -Tieck'sche Ueber- 
•setzung war erschienen und in dieser der Shakespeare zum 
ersten Male in geniessbarer Form geboten. Mit dem Englisch 
der Geschwister war es damals noch nicht so bestellt, dass sie 
den Shakespeare in der Ursprache hätten lesen können. Der 
Eüidruck war ein ungeheurer; die Tragödien, vor allen aber 



150 Leipziger Strasse Nr. 3. 

die Lustspiele, und unter diesen ganz besonders der Sommer- 
nacbtstraum, waren die "Wonne der Mendelssolin'sclien Kinder. 
Ein eigenes Geschick wollte, dass grade in diesem Jahr 1826 
sie selber in dem wunderschönen Garten, bei dem herrlichsten 
Wetter auch ein traumartig phantastisches Leben führten. 
Das Gartenhaus bewohnte mit ihnen zusammen eine alte Dame 
nebst ihren schönen und liebenswürdigen Nichten und Enkelinnen. 
Mit diesen Mädchen waren Fanny und Rebecka eng befreundet, 
Felix mit seinen jungen Leuten schloss sich an und die Sommer- 
monate ^vurden zu einem ununterbrochenen Festtag voll Poesie, 
Musik, sinni-eicher Spiele, geistvoller Neckereien, Verkleidungen 
und Aufführungen. In einem Gartenpavillon lag beständig ein 
Bogen Papier mit Sclireibmaterial, auf den jeder hinwarf, was 
ihm eben von tollen oder hübschen Einfällen durch den Kopf 
schoss. Diese „Gartenzeitung" wui-de im Winter unter dem 
Titel „Thee- und Schneezeitung" fortgesetzt und enthielt viel 
Reizendes in Scherz und Ernst. Selbst die älteren Personen, 
der Vater Abraham, Zelter, Humboldt, verschmähten nicht, 
Beiträge zu liefern oder wenigstens mitgeniessend sich dem 
geschmackvollen, eigenthümlichen Treiben anzuschliessen. Dies 
ganze Leben hatte unverkennbar eine höhere, luftige Stimmung, 
eine idyllische Farbe, einen poetischen Schwung, wie man ihn 
selten im gemeinen Leben findet. Kunst und Natur, Geist, 
Witz und Herz, die aufstrebende Genialität Felixens, alles trug 
dazu bei, dem Treiben Färbung zu leihen, das dann seinerseits 
wieder mitwirkte, die Knospen in Felixens Schaffen zur Ent- 
faltung zu bringen. Es ging mit ihm eine sclinelle, durch- 
greifende Veränderung vor, und es folgten in raschem Fluge 
bedeutende Arbeiten, weit verschieden von den bisherigen Kinder- 
Kompositionen : zuerst das für Rietz als Geburtstagsgeschenk 
bestimmte Ottett. Durchaus neu in demselben ist das luftige, 
geistige und geisterhafte Scherzo. Er versuchte die Stelle aus 
dem Walpurgisnachtstraum des Götheschen Faust zu komponii'eni 

Wolkenfliig und Nebelflor 
Erhellen sich von oben. 
Luft im Laub und Wind im Rohr, 
Und Alles ist zerstoben. 



Ottett. Sommernachtstraum-Ouverture. 151 

„Und es ist walirlicli gelungen," bemerkt Fanny in ihrer Be- 
sprechung des Ottetts in Felixens Biographie. „Mir allein sagte 
er, was ihm vorgeschwebt. Das ganze Stück wird staccato 
und pianissimo vorgetragen, die einzelnen Tremulando-Schauer, 
die leicht aufblitzenden Pralltriller, alles ist neu, fremd und 
doch so ansprechend, so befreundet, man fühlt sich so nahe 
der Geisterwelt, so leicht in die Lüfte gehoben, ja man möchte 
selbst einen Besenstiel zui' Hand nehmen, der luftigen Schaar 
besser zu folgen. Am Schlüsse flattert die erste Geige feder- 
leicht auf — und Alles ist zerstoben." 

Das Scherzo des Ottett war aber nur der Vorläufer einer 
bedeutenderen, gleichartigen Schöpfung : aus jener seltsam poe- 
tischen Stimmung ging als Lichtpunkt und Summe die Ouvertüre 
zum Sommernachtstraum hervor. Man kann sie gewissermassen 
als etwas selbst Erlebtes bezeichnen, denn sie ist ebensosehr 
hervorgerufen durch die Ereignisse des Sommers 1826 im Mendels- 
sohn'schen Hause, als durch die Anregung des Shakespeare'schen 
Stücks; und man müsste sich sehr täuschen, oder es ist eben 
diese Entstehungsart, die der Ouvertüre den ausserordentlichen 
Uli' innewohnenden ßeiz verleiht. Gerade daraus, dass sie so 
aus der innersten Natur Mendelssohn's hervorgequollen, erklärt 
sich ein, vielleicht in der Musikgeschichte nicht zum zweiten 
Mal vorkommendes Faktum, dass fast zwanzig Jahr nachher 
der Componist, an diese Jugendarbeit anknüpfend, die weitere 
Musik zum Sommernachtstraum schreiben konnte, ohne dass 
an der Ouvertui'e irgend etwas zu ändern gewesen wäre; sie 
war eben durchaus Shakespearisch und durchaus Mendelssohnisch 
und so konnte die weitere Musik auch nur im selben Geiste 
fortfahren. 

Vielleicht war dies die glücklichste Zeit im Leben Abra- 
ham's: die Existenz gesichert und fixii't in einem der schönsten 
Grundstücke des damaligen Berlin, an seiner Seite eine innig 
geliebte, kluge und geistreiche Frau, in langer Ehe ihm treu 
verbunden, alle Kinder mit schönen Anlagen heranwachsend, 
Felix über die Zeit des Schwankens hinaus, auf sicherm Wege 
zum Höchsten, w^as der Mensch erstreben kann, wohlverdientem 
Euhm in der Kunst, Fanny ihm ebenbüi-tig an Talent und Be- 



152 Leipziger Strasse Nr. 3. 

^abnng und doch nichts Anderes hegehrend, als bescheiden in 
den Schranken, die die Natur den Frauen gesetzt, zu verbleiben, 
Bebecka zu einem schönen klugen Mädchen sich entwickelnd, 
auch talentvoll und nui* in Schatten gestellt durch die her- 
vorragende Begabung der älteren Gesch^^1ster , Paul tüchtig 
und lleissig und ebenfalls sehr musikalisch, alle ^ier gesund 
an Körper und Geist und sich mit einer seltenen Liebe zuge- 
than ; dazu ein Freundeskreis, Alles, was von bewährten, älteren 
Männern, bedeutend in fielen Lebenskreisen, Alles, was von 
hoffnungsvoller, aufstrebender Jugend in Berlin lebte, umfassend, 
ein Haus, besucht, gekannt und geliebt von so Vielen in der 
ganzen gebüdeten Welt, das waren die Verhältnisse Abraham 
Mendelssohn's im Jahre 1826. 

Im Februar 1827 unternahm Felix eine Eeise nach Stettin 
zur Auffühi'ung der Sommernachts-Ouverture, wo er sehr ge- 
feiert wiu'de. Auf der Eückreise legte er, als die Schnellpost 
umgeworfen wurde, Proben von Geistesgegenwart ab. — Alle 
hatten den Kopf verloren, er ritt bei ausserordentlicher Kälte 
Nachts auf einem ausgespannten Postgaul eine Meile zurück, 
Hülfe zu holen. Zurückgekehit, erwartete ihn in Berlin un- 
angenehme Ai-beit: er musste an's Einstudiren seiner Oper: 
„die Hochzeit des Camacho" schi-eiten und lernte dabei zum 
ersten Mal die Leiden eines Bühnenautors kennen. Die Klein- 
lichkeit der Dii-ektion, die Intriguen hinter den Coulissen, das 
Schauspieler- und Probewesen oder Unwesen — wenn ihn auch 
alles das zuerst amüsirte, so fing es doch bald an, ihm zumder 
zu werden. Am 29. April ward die Oper gegeben. Wie sie 
aufgenommen worden, das lässt sich so eigentlich nicht recht 
bestimmen, da sie keine Wiederholung erlebte. Im Ganzen 
war es wohl nui' ein „Achtungserfolg". Man hatte Felix aller- 
dings gerufen und die Familie und die näheren Freimde fassten 
es als eine gelungene Aufführung auf, — er selbst aber liess 
sich mit richtigem Gefühl nicht täuschen, war im höchsten Grade 
niedergeschlagen, kam spät imd betrübt nach Hause geschlichen. 
Krankheiten imd sonstige wirkliche und erdichtete Hindernisse 
vereitelten eine — melu-mals angesetzte — Wiederholung und 
die ^anze Sache machte für den Augenblick einen sehr üblen 



Felix^ Fusswanderung nach Süddeutschland. 153 

Eindruck auf seine Laune und sogar auf seine Gesundheit, noch 
verschärft durch den Tod eines Jugendfreundes, August Han- 
stein's. Aber bei seiner durch und durch gesunden, lebensfrohen 
und tüchtigen Natur konnten derartige Perioden der Erschlaffung 
und Muthlosigkeit nicht lange dauern. Zu Pfingsten brachte 
er einige Tage sehr heiter auf dem Magnus'schen Gut Sakrow 
bei Potsdam zu und dichtete und komponirte daselbst ein Lied, 
das später dem a-moll-Quartett zu Grunde gelegt wurde. Im 
Sommer unternahm er mit einigen Freunden eine schöne Ferien- 
reise nach dem Harz, Franken, Baiern, Baden und dem Rhein, 
wo die Weinlese mit Joseph Mendelssohn in Horchheim bei 
Coblenz gefeiert wurde. Er schrieb Briefe voU frischen Lebens 
und glücklicher Laune nach Haus, von denen hier Einiges 
folgen möge: 

^^ Wir fingen um VaB an, im Hsenthal nach dem 

Brocken hinaufzusteigen, von einem grauen Führer aus Werni- 
gerode begleitet. Die Sonne schien hell, es wurde warm und 
der Hsenstein wurde voll Vergnügen passirt. Heydemann stellte 
sich auf einen Stein mitten in dem Bach und plätscherte mit 
der Hand im vorbeiriesekiden Wasser, hob dann einen Kiesel 
auf und zeigte mir, wie nun das Wasser anders flösse, und 
das Alles di'ückten wir in Eitter'schen Phrasen aus; Magnus*) 
ging voran, pfiff und äusserte: das gefiele ihm. Eietz mur- 
melte: das ist gottvoU, und da der alte Führer unter der Last 
unserer vier Mäntel ziemlich gebeugt ging, so war es in die- 
ser erweichten Stimmung natürlich, ihm die Bürde abzunehmen 
und sie im Schweisse unseres Angesichts selbst zu tragen. 
Das war der erste Fehler, denn der Alte zog eine Pulle 
Schnaps und trank auf unsere Gesundheit, und leider muss er 
das nachher noch oft gethan haben. Denn nachdem wir nun 
zwei Stunden steil gestiegen hatten und der Himmel mit Wol- 
ken sich bezog, stellte er sich auf einmal vor uns und sagte 
lachend: wissen Sie's Neuste? Wir sind ganz und gar irre; 
wir müssen eine Viertelstunde zurück, dann bringe ich Sie acd' 
den richtigen Weg. Ich merkte gleich den Sauerbraten und 



") Der bekannte Physiker Gustav Magnus. 



154: Leipziger Strasse Nr. 3. 

schimpfte wie ein Rolirsperling. Errare humanuni^ meinte Hey- 
demann. Wir gingen zurück, der Fülirer fing an, Unsinn zu 
sprechen und zu wanken: er wüsste gar nicht den Weg; was 
wir denn von ihm wollten? es sei ja hier im Walde recht 
hübsch, und dergleichen, so dass wir dem Instinkte nach einen 
Weg einschlugen und glücklich nach einer kleinen Zeit ein 
Haus liegen sahen. Wir Alle bringen dem Haus ein Vivat, 
stürmen hin, pochen an — keine Antwort, die Thür verschlos- 
sen, die Fenster versperrt, das Hüttchen ist von keiner Seele 
bewohnt. Der Fülirer wii'd gebracht, er kennt das Haus nicht, 
hat es nie gesehen, er weiss aber der Lage nach nur, dass der 
Weg rechts abgeht. Es wurde Abend, wir waren verdiiesslich. 
Die Harzkarte wird geholt. „Hier sind wir," sagt der Eine, 
^nein hier, nein hier!" — Kurz, wir verständigen uns nicht 
und folgen dem Fühi-er, der uns nun einen steilen, beschwer- 
lichen Weg Berg ab führt und dabei immer behauptet, nun 
müssten wir bald oben sein. Endlich aber meinte er, er kenne 
den Weg nicht und sei hier nie gewesen. Wir stiegen auf 
einen Granitblock und visii'ten durch's Fernrohr, es fing an zu 
regnen! Da nichts zu sehen war, verfolgten wir unsern Fuss- 
steg, der nach und nach weich, schlüpfrig und nass wird. Es 
dämmert, der Eegen giesst und wir sehen keinen Menschen 
kommen. Ein kleiner Junge mit Aexten und einem Sägeblock 
steigt des Weges aus dem Thal herauf, wir umringen ihn und 
fragen, wo wii' sind? „Eine halbe Stunde von Hsenburg! ! !" 
antwortete er. Wir fragen, was das verlassene Haus sei; „ein 
verlassenes Jagdschloss, anderthalb Stunden nur vom Gipfel des 
Brockens entfernt." Nun war kein Haltens mehr. Wir liefen 
mit den Stöcken auf den Führer los, um ihn zu schlagen; da 
er aber den Hut abnahm und lächelnd sagte: „Schlagen Sie nui*, 
was geht es mich an?" so begnügten wir uns, ihm die Sachen 
abzufordern und ihn wegzujagen. Er verschwand uns auch sogleich 
aus dem Gesichte. Köhler heisst er. Hol' ihn der Teufel! — 
Im grässlichsten Eegen gelangten wir nach vier Stunden Wegs 
wieder nach Hsenburg zurück." 



Felix' Fusswanderung nacn Süddeutschland. 155 

Erbich (ein Nest), am 31. August 1827. 
Abends im herrlichen Mondschein. 

^Wüssten drei der vortrefflichsten Familien Berlins, dass 
drei ihrer vortrefflichsten Söhne sich mit Fuhrleuten, Bauern 
und Handwerksburschen Nachts auf der Landstrasse herum- 
treiben und mit ihnen Lebensgeschichten eintauschen, — sie 
wären sehr betrübt. Seid's nicht! Denn die Söhne sind dabei 
kreuzfidel. 

Erbich! Das kennt selbst Vater trotz der vielen Reisen 
nicht. Auch steht es auf keiner Karte, also kennt's Paul nicht. 
Zu Zeiten der Griechen war es nicht erbaut, also kennt es 
Beckchen nicht, endlich liegt es weder in der Leipzigerstrasse 
Nr. 3, noch in Italien, also kennen es Mutter und Fanny nicht. 
Es ist ein miserables Dorf mit einem Wirthshause, das wir 
drei aus malice himmlisch finden. Wir hatten nämlich auf der 
Keisekarte 4 Meilen für 2 angesehn und sind demnach andert- 
halb Stunden schon im Mondschein gewandert. Endlich ge- 
langten wir nach Dorf Büdenbach, wo ein von den Führern 
sehr gepriesenes Wirthshaus lag. Eine Stube kann uns der 
Wirth nicht geben, w^ir sollen mit drei Fuhrleuten, die in blaue 
Kittel gehüllt Hammelbraten verzehren und Pfeifen rauchen, 
die Nacht auf der Bank campiren. Zum Dank kriegen wir 
auch morgen keinen Führer nach Rudolstadt und heute nichts 
zu essen. Hier wurde Magnus wüthend und brach auf. Wir 
gehn zum Dorfe hinaus und ein Bach mit AVeiden besetzt 
führte uns auf einem Stoppelfelde, das nur zuweüen von sum- 
pfigen Stellen unterbrochen war, nach Erbich. Es lebe! — 
Denn wir haben eine Stube, wo wir auf den Bänken Solo 
schlafen können, und fahren morgen früli mit einem Kärrner, 
der uns diesmal einen unerhörten Trab versprochen hat, in das 
Frankenland hinein. Erst woUte man uns auch hier nicht 
aufnehmen, weü in der Stube nicht eingeheizt sei, endlich aber 
führte man uns die schmale Treppe hinauf zu unserm Zimmer, 
das um alle 4 Wände mit hölzernen Bänken besetzt ist; in 
der Ecke steht das Wirthshausbett, in dem Keiner von uns 
schlafen wül, — vielleicht aus Edelmuth — in der andern 
Ecke stelin drei unermessüche geknetete Teige zu Brod imd 



156 Leipziger Strasse Nr. 3. 

Kuchen, welche nicM zu berühren wir der Wirthsfrau bei un- 
seren Barten schwören mussten. (Wir sind seit Bsrlin nicht 
rasirt und Magnus excellirt.) Die übrigen Möbel sind mehrere 
Gemälde, etwa 3 Kopfstück werth, und ein Haken zu einem 
Kronleuchter. An der Thür hängt eine Schweinsblase — Sum- 
ma Summarum ein Saal. 

Uebrigens erregen wir in allen Städten, Flecken und 
Dörfern, in die wir mit erhobenen Wanderstäben einziehen, 
unerhörtes Aufsehen ; die Mädchen kommen an die Fenster und 
die Gassenjimgen lachen uns drei Strassen weit nach. Ein Be- 
weis von Popularität und weisser Wäsche. 

Wir vertragen uns ebenso gut, wie wir uns amüsiren, und 
das ist viel gesagt. Wir sprechen wechselsweise von Kapell- 
meistern, Fieberkranken und Homer; da hat denn Jeder sein 
Thema und in einem Burschenliede mit Refrain vereinigen wir 
uns. Auch ist das Land wimderschön ; wir sind heute bei Son- 
dershausen durch den Thüringer Wald gegangen, welcher die 
edelsten Buchen und die tüchtigsten Eichen trägt, unter deren 
dichtverwachsenem Laube hin und wieder eine Quelle läuft, 
in der Heydemann seine Reiseflasche füllt. Da wü'd nachge- 
dacht, gezeichnet und componirt. So findet sich zu Ernst me 
zu Scherz gleich angenehmer Anlass und durch diese erfreu- 
liche Abwechselung werden wii' keinen von beiden weder über- 
drüssig werden noch erschöpfen. — 

Es ist spät, das einzige Talglicht versagt den Dienst und 
der Mondschein reicht nicht zu. Morgen um fünf geht's fort. 
Gute Nacht! Gute Nacht!" — 

Baden, 14. Sept. 1827. 

„ Ich lebe gewissermassen hier "vvie der hochselige 

Tantalus ; es liegen mir eine Menge Ideen im Kopf, die ich gar 
zu gern mir einmal vorspielen möchte und im GeseUschafts- 
hause ist auch ein ganz erträglicher Flügel. Ich schleiche 
hinein, aber ein Franzose mit seiner jungen blonden Frau, die 
zu meinem Unglück musikalisch sein muss, haben die Stube 
und das Instrument in BeschLvg genommen. Ich, in der Hoff- 
nung, dass die Leute nach f^ebüsster Lust das Feld räumen 



Felix' Eusswanderung nach Süddeutschland. 157 

werden, fordere die Dame aiif, zu spielen, ich wäre Amateur, 
hätte schon alles mögliche Schöne gehört, und die glaubt es 
und stümpert drei Rondos und ein Dutzend Variationen her, ich 
sagte nach Herzenslust Irava^ comme un ange (zum Glück war 
sie ziemlich angenehm und graciös), nur am Ende wurde es 
mir zu toll, ich wollte mich empfehlen — Gott bewahre! muss 
spielen und spielen und da kommt denn Amedee Perier dazu 
und noch ein Paar Franzosen, und denen musste ich denn 
Alles, was mir nur in's Gedächtniss kommen wollte, vorreiten. 
Ich wurde an Paris errinnert und als ich die Franzosen ver- 
lasse, begegnet mir im Garten Haizinger mit seiner Frau 
(Mde. Neumann), die alte Bekanntschaft wird erneuert, aber 
sie müssen bald fortreisen, wir sollten noch ein wenig musici- 
ren, Robert's kommen dazu und wir gehen Alle zusammen in 
den Gesellschaftssaal zurück. Da war es zwar dunkel, denn 
die Saison ist schon vorbei, aber das genii't wenig, ich gehe 
an den Flügel und nach den ersten Griffen versammelt sich 
im finsteren Saal eine Gesellschaft von 30 — 40 Personen, 
Franzosen, Engländer, Strassburger, Weltbürger (ich meine 
Constant mit seiner Frau) und die applaudiren nach Herzens- 
lust in der Finsterniss. Ich musste zweimal spielen, die Hai- 
zinger sang zwei Arien und so war ein Concert organisirt. 
Ich ^vurde einer Menge Leuten vorgestellt, deren Gesicht ich 
aber garnicht sah, erhielt auch Einladungen, unter andern eine 
zum Diner nach Strassburg, weiss nicht wie die Leute ausse- 
hen! Robert nimmt mich beim Arm und geht mit mir auf und 
ab, über die Oper hin und her sprechend; auf einmal aber 
stürzt Herr Charpentier, Verfasser des Chaferon rouge von 
Boyeldieu und mehrerer Opern von Herold, auf mich zu: mon 
eher amil l vous etes musicierij je suis poete .... ü faut que nous 
nous fassions applaudir a Paris! Und schlägt nun vor, mir 
einen Text zu geben, der sei schon halb fertig, heisst Alfred 
le grand^ ist eine komische Oper, il y a du tapage et du pastoraUy 
ich sei grade der Mann für ihn und wir müssten mit einander 
zu den Wolken fliegen oh que §a sera heau! — Was Robert 
zu dem Allen für ein Gesicht machte! Wie er den sich betrachtete ! 
Und wie er dann wegging, von Fat und dergleichen murmelnd! 



158 Leipziger Strasse Nr. 3. 

Das liätte man sehen sollen. Und mm kömmt das Beste. Der 
Entrepreneur der Spielbank war wiithend auf mich. Ich hätte 
ihm durch mein Spielen eine Menge Leute von der Eoulette 
weggelockt, das sei gegen seinen Contrakt, und er brachte es 
dahin, dass das Klavier gestern weggenommen wurde. Sogleich 
verschworen sich Robert's und Haizinger's und gaben gestern 
in einem anderen Saal, wo ein anderes Instrument stand, 
eine sehr hübsche Gesellschaft. Erst las Robert mit der Hai- 
zinger ein neues Lustspiel und sie las wirklich vortrefflich und 
erhielt vielen Beifall ; später wui'de Musik gemacht ; Haizinger 
jodelte Oestreichisch, Fräulein von W. piepte italiänisch, die 
Neumann sang mit ihrem Mann 50 Verse von Fidelin (Mutter, 
wie wird Dir?), dazwischen trommelte ich Etudes von Mosche- 
les, die in Baden grosses Glück machen, phantasirte auch 
und die Leute waren vergnügt und zufrieden. Einige alte 
Damen weinten bittere Thränen der Wehmuth und Heydemann 
tröstete und rührte sie wechselsweise, von der Zähi-e der 
Wehmuth oder der Wehmuth der Zälire vieles sprechend, dage- 
gen hielt sich Magnus mehr zu den jungen Damen und ich 
passte auf die weisen W^orte, die Benjamin Constant — ver- 
schwieg, denn er war den ganzen Abend stumm; so fand ein 
Jeder sein Vergnügen und aufs Höchste wurde der Spass 
getrieben, da Haizinger's und Eobert's mit uns Studenten oder 
vielmehr Jungens nach der goldenen Sonne, unserm Wirths- 
hause, gingen, da einiges warme Abendbrod assen und mehr 
tranken. Eine lustige Erzählung jagte die andere, die Neu- 
mann copirte das ganze Karlsruher Theater, vom Souffleur an; 
auch die Berliner Bühne musste dran und ein Gespräch zwi- 
schen Seidel und Esperstädt war besonders ergötzlich. So blie- 
ben wir burschikoserweise bis 1 2 Uhr zusammen und ich musste 
Haizinger mehrere Male versprechen, ihn bei der Durchreise 
in Karlsruhe zu besuchen. — Heute nun will mir Robert 
selbst seine Oper vorlesen, auch Charpentier's zweitem Akt 
soll ich vor Gewalt zuhören — und das Alles wegen einiger 
Passagen auf einem alten Flügel." 



Felix in Heidelberg. 159 

Heidelberg, 20. Sept. 1827. 

„0 Heidelberg, du schöne Stadt, allwo's den ganzen Tag 
geregnet hat," sagen die Knoten, ich aber, ich bin ein Bursche, 
ich bin ein Kneipgenie, was kümmert mich der Regen ? Es giebt 
ja noch Weintrauben, Instrumentenmacher, Journale, Kneipen, 
Thibaut's, nein, das ist gelogen, es giebt nur einen Thibaut, 
aber der gilt füi' sechse. Das ist ein Mann! — 

Ich habe eine rechte Schadenfreude, dass ich nicht aus 
blossem. Gehorsam für Deinen heutigen Brief, liebste Mutter, 
diese Bekanntschaft gemacht habe, sondern schon gestern (also 
24 Stunden vor Empfang desselben) ein paar Stunden mit ihm 
plauderte. Es ist sonderbar ; der Mann weiss wenig von Musik, 
selbst seine historischen Kenntnisse darin sind ziemlich be- 
schränkt, er handelt meist nach blossem Instinkt, ich verstehe 
mehr davon als er — und doch habe ich unendlich von ihm 
gelernt, bin ihm gar vielen Dank schuldig. Denn er hat mir 
ein Licht für die altitaliänische Musik aufgehen lassen, an seinem 
Feuerstrom hat er mich dafür erwärmt. Das ist eine Begeiste- 
rung und eine Gluth, mit der er redet, das nenne ich eine 
blumige Sprache! Ich komme eben vom Abschiede her und da 
ich ihm Manches von Seb. Bach erzählte und ihm gesagt hatte, 
das Haupt und das Wichtigste sei ihm noch unbekannt, denn 
im Sebastian da sei alles zusammen, so sprach er zum Abschiede: 
,.Leben Sie wohl und unsere Freundschaft woUen wir an den 
Luis de Vittoria und den Sebastian Bach anknüpfen, gleichwie 
sich zwei Liebende das Wort geben, in den Vollmond zu sehen 
und sich dann nicht mehr fern von einander glauben." — 

Aber erst muss ich erzählen, wie ich dazu kam, zu ihm 
zu gehen. Gestern Nachmittag wurde das Wetter schlecht und 
die Langeweile unter uns Dreien war gross, da fiel mir ein, 
dass Thibflut in seinem Buche von einem ^,Tu es Petrus^'' ge- 
sprochen hatte und weil ich nun denselben Text grade com- 
ponire, so fasste ich ein Herz imd einen Frack und ging gerade 
in's Kaltethal, falle in's Haus. Er kann mir das Stück nicht 
geben, aber andere sind da, bessere, er zeigt mir sogleich seine 
grosse Bibliothek von Musik aller Völker und Zeiten, spielt 
mir vor und singt dazu, setzt mir die Stücke ordentlich aus- 



160 Leipziger Strasse Nr. 3. 

einander und so gingen mehrere Stunden vorüber, als ein Be- 
such kam, dem ich sogleich das Feld räumte, ich sollte aber 
heute früh wiederkommen. Was mich bei alledem am meisten 
freute, war, dass er mich garnicht nach meinem Namen gefragt 
hatte; darauf kam es üim nicht an, ich liebte Musik, das 
Uebrige ist einerlei, und da ich für einen Studenten gehalten 
wurde, hatte man mich ungemeldet in die Arbeitsstube gelassen. 
Auch heute früh waren w^ir wieder zwei Stunden zusammen, 
da fiel es ihm erst ein, nach meinem Namen zu fragen und 
war er vorher freundlich gewesen, so wurde er's jetzt erst 
recht; nun wurde musicirt und erzählt, auch gab er mir ein 
prächtiges Stück von Lotti zum Abschreiben mit, ich versprach, 
es ihm heute Abend wiederzubringen, aber gleich nach Tische, 
als ich das erträgliche Wetter gerade zu einem Spaziergang 
auf die Eiesensteine benutzte, kam er selbst, Thibaut, eigen- 
händig nach dem Gasthofe, um mir einen Gegenbesuch zu 
machen. Ich verfehlte ihn also leider, aber dafür fand ich ihn 
noch nachher zu Hause und so war ich ziemlich den ganzen 
Tag bei ihm, Essens-, Schreibens- und Promenirenszeit ausge- 
nommen. Leider muss er morgen in Geschäften nach Karlsruhe. 
Da ich um gestern um ^}^1 Uhr verliess, vertrieb ich mir 
die Zeit und ging zum Instrumentenmacher, phantasire hin und 
her auf seinen Instrumenten und als ich weggehen will, hat 
der Mann Hut und Stock genommen und betheuert mir, ich 
müsse Besseres von seinen Sachen sehen, Herr Sckröder hätte 
einen sehr guten Flügel. Gut. Nun geht es im Regen zu 
Herrn Schi^öder, Studio. Wir kommen an, der Instrumenten- 
macher stellt mich vor, ohne meinen Namen zu wissen, gleich- 
viel, ein Mensch kommt ; und dann läuft er fort, denn er muss 
wieder arbeiten, ich soll aber ja wiederkommen. Nun bin ich 
allein mit dem Studio auf seinem Cubiculo. Er bittet mich, 
mir es bequem zu machen, ich möchte doch eine Pfeife beim 
Phantasiren rauchen, eine ungeheure Dogge, die beim Klavier- 
spielen belfert, wird unter den Sopha geschafft, — „Hanne, 
eine Flasche Hochhehner! die müssen wir ausstechen, Freund- 
chen!" — Und so geschah's. Dazwischen spielte ich nun nach 
Herzenslust, bis ich satt und müde war, und heute Mittag wird 



Felix in Horchheim zur Weinlese. 161 

dafür der Studio zu uns eingeladen, dafür hat uns der Studio 
wieder auf heute Abend zu sich eingeladen, und wer nun 
läugnet, dass ich ein Kneipgenie bin!" 

Cöln, den 2. October 1827. 

„Verzeihung, liebe Eltern, dass statt meiner heut abermals 
ein Brief kommt, es ist nicht das erste Mal, dass ich auf Eure 
Vergebung rechne und ich hoffe, dass mein jetziger Fehler 
nicht unverzeihlicher sein wird, als viele andere; ich bleibe 
nämlich noch einige Tage länger weg; dafür sehe ich aber 
auch noch alles Schöne und erfahre alles Angenehme und 
Nützliche, was ich mir nur erträumen konnte. Du sagst in 
Deinem letzten Briefe, liebe Mutter, „wenn man auf Eeisen sei, 
solle man alles Sehenswerthe erschöpfen," und Du, lieber Vater, 
schreibst „ich solle meine Sinne und mein Glück gebrauchen." 
Meine Sinne habe ich gebraucht, um hier Alles herrlich und 
reizend zu finden, so will ich denn auch noch mich meines 
Glücks bedienen, um das Herrliche zu gemessen. 

Magnus erhielt die Nachricht, er müsse am sechsten iu 
Berlin sein, ihm stimmte Heydemann bei, und obwohl ich 
Schelble halb und halb hatte versprechen müssen, wieder durch 
Frankfurt zu kommen, um daselbst im Cäcilienverein der Auf- 
führung eines mir unbekannten Oratoriums von Händel beizu- 
wohnen, so war ich doch bestimmt, denselben Weg mitzu- 
machen, zumal da das Wetter so unfreundlich war, dass ich 
in Horchheim kaum das Haus verlassen konnte. Gestern Abend 
wül ich abreisen, da mit einem Male werden die Berge frei, 
die Nebel fallen, der Mond geht hell auf und die Nachricht 
kommt, dass auf dem ganzen rechten Eheinufer von Horchheim 
bis Ehrenbreitsteiu übermorgen Weinlese sei. Da nahm mich 
Onkel in's Gebet, er stellte mir vor, wie schön und glänzend 
die Lese sein solle; zwei Tage nach dem Ende reist er selbst 
ab und bleibt gerade den Cäcüienvereinstag in Frankfurt, ich 
möchte doch mit ihm gehn, er wolle mi<5h nach Berlin zurück- 
fahren, ich würde ihm und der Tante auch noch die Langeweüe 
vertreiben, und da ich vorschützte, ich müsse meinen Klavier- 
auszug fertig machen, so brachte er mir das schönste Noten- 

Die Familie Mendelssotn, L •»■*• 



162 Leipziger Strasse Nr. 3. 

papier und stellte mir vor, wie viel ruliiger und heiterer ich 
würde arbeiten können. Nun — da konnte ich denn garnicht 
gegenhalten. Ich mache in Horchheim diese unangenehme 
Arbeit fertig, so bin ich ihrer für Berlin los, ich höre den 
Cäcilienverein, zu dem Schelble mir zu Ehren durch eigne 
Circulare einladet, ich sehe die Weinlese mit an, — Gott! Ihr 
müsst ja verzeihen, es ist gar zu schön! — " 

Im October kehrte Felix nach Berlin zurück, mit neuem 
Muth zum Schaffen, die Verstimmung über die misslungene 
Oper war verwunden. 

Im Herbst 1827 wurde abermals eine fühlbare Lücke in 
den schönen Ki-eis von Jugendfreunden gerissen: Klingemann, 
der durch Geeist und Witz das munterste Element gewesen 
war, ging nach London. 

Sofort aber entspann sich eine lebhafte und auch in 
späteren Jahren nie ganz abgebrochene Korrespondenz, aus 
deren Anfang hier Einiges folgen mag und die auch weiterhin 
noch verschiedentlich benutzt werden wird, da sie gerade für 
die Zeiten, aus denen andere schriftliche Aufzeichnungen nicht 
vorliegen, oft das einzige Material bietet und Fanny mit 
keinem, nicht der Famüie Angehörigen so ausführlich korre- 
spondirt hat. 

Der erste Klingemann'sche Brief an das Mendelssohn'sche 
Haus lautet: 7. Decbr. 1827, London. 

Verehrtester Herr Stadtrath und verehi'teste 

Frau Stadträthin! 
Unvergleichliche junge Damen! 
Trefflichste Squires Felix und Paul! 

„Der Unterzeichnete ging bislang in Westend und der 
City, Westminster und Southwark, in den Grafschaften Jüd- 
dlesex, Surrey u. s. w. mit einer schweren Last der sträflichsten 
Undankbarkeit umher — aber so, wie Hass zur Liebe gehört, 
so gehören innere Vorwürfe und Kasteiungen zur Tugend, und 
ich bin tugendhaft! Man kommt aber leicht in's Sündigen 
hinein, wenn unter dem Eegünent der schweren Luft der Leib 
über den Geist befiehlt, wenn man klassisches Mtdton, halb- 



Klingemanns erster Brief a us London, 168 

gahres Gemüse, preiswürdigen Applepye und dicken Portwein 
reichlich verzehren muss gegen die schwere Luft — wenn man 
die schwere Luft in meilen weiten Stationen, tapfer schreitend, 
wieder verzehren muss gegen die schwere Kost, und endlos 
schlafen muss, um wieder gehen und vermöge des Gehens 
wieder essen zu können u. s. w. Und nebenbei habe ich auch 
ein Amt, dessen ich warten muss, da es nicht auf mich wartet ! 
Und zwischen dieser chaotischen, materiellen Wirklichkeit 
schwimmen die zierlichen Trümmer meiner geliebten und ge- 
lobten Berliner und Niedersächsischen Vergangenheit elegisch 
umher und verwirren mich armen Menschen noch mehr, — 
im Hyde-Park liegt mancher Seufzer von mir, über den irgend 
ein wohlgenährter John Bull gestolpert sein mag. 

„Hoic do you like England? '"'' das ist die Frage, die mir 
jede Miss oder Mistress, der ich „introduced" werde, wie einen 
Dolch auf die Brust setzt, worauf ich denn jedesmal die Backea 
voU nehme und mit „Exceedingly well!'''' unerschrocken ripostire. 
Und ich lüge nicht, es ist hier alles in eine Fremdartigkeit 
(zugleich mit einer unerwarteten Artigkeit füi' Fremde) getaucht, 
an der man schon einige Jahre zehren kann — Charakter, 
Neuheit, Fülle. Freilich haben meine Vorderzähne schon be- 
deutend an der Aussprache des th gelitten, freilich zähme ich 
mit Mühe meinen höflichen deutschen Eücken, der es doch hier 
nicht wissen soll, dass mein Hals eine fashionable Verbeugung 
macht, freilich arbeite ich wie ein Schwimmer an der Leine 
im schwerfälligen Eins, Zwei, Drei im Englischen weiter, ohne 
Witz und Wortspiel, froh, wenn ich nur grade die Hausmanns- 
kost des gewöhnlichen Ausdrucks finde, während ich in der 
lieben Frau Muttersprache, um mit dem vielgereisten Schel- 
mufsky zu reden, ganz behaglich umhersch^^imme, — aber der 
Comfort! Dieser Comfort ist der grösste Philister, den ich 
kenne: Gegen 10 Ulir steht er auf. Er tritt in sein kleines 
wohnliches Zimmer, etwa halb so hoch wie das der Gesandtschafts- 
kanzlei in Berlin, aber ganz bequemüch ausstaffirt, im Kamin 
brennt ein lustiges Kohlenfeuer, das Wasser kocht, der Früh- 
stückstisch ist gedeckt und der nöthige Apparat gehörig auf- 
gepflanzt, — aber das Auge ruht mit besonderem Behagen 

11* 



164 Leipziger Strasse Nr. 3. 

auf der ellenlangen Zeitung mit leading artidesj news, Prozessen, 
Polizeiverhandlungen und mannigfaltigen Skandalen angefüllt! 
Alles öffentlich, namentlich, persönlich, oft dramatisch, lokal 
und im Geist des Augenblicks — es ist mir oft, als läse ich 
ein Stück des Aristophanes. Die Kohlen knistern, der Kaffee 
dampft, zwischen jedem Zuge aus der Tasse liegt ein inter- 
essantes elo'pement einer romantischen jungen Miss, oder ein 
gewagter kühner Einbruch (im Vorbeigehen gesagt, gestohlen 
wird hier fürchterlich!) oder ein dreadful accident von durch- 
gegangenen Pferden oder umgefallenen Postkutschen, kurz, 
der Climax meiner Existenz ist gerettet, und derselbe, der als 
27 jähriger Jüngling unter dicken Bäumen tagtäglich Kaffee 
trank und seine Freude an unschuldigen Erscheinungen der 
Natur, wie Raupen und Ameisen, hatte, koimte nicht anders 
werden, wie er 29 Jahr alt wurde! — Die Türken drohen, 
die Spanier hängen, die Franzosen opponii-en, die Stocks fallen, 
die Taillen (der Damen) steigen — welche bedenkliche Zeichen 
der Zeit! Gigot's sind hier freilich auch durchaus in der 
Mode, aber was will das sagen? — Meinem Freunde Felix 
werde ich nächstens über die Cornbill schreiben und über die 
Cultur des Backenbarts. Es giebt hier enorme! — 

Unsere hannöver'sche Colonie ist aber so übel nicht. 

Wir executiren den Spohr, ich trommle in der Ouvertüre den 
Bass vierhändigerweise mit einer jungen Miss und wir stehen 
Alle wie die Orgelpfeifen um das Piano herum und singen: 
„Kalt und starr, doch majestätisch liegt der Eajah auf der 
Bahre," was wir so übersetzt haben: ,^CoId and stiff and yet 
majestic on the Shutter ihere he lies'-^ sowie das beliebte „dahin, 
dahin" ganz glücklich mit tJiüher! thitherü — Femer spielen 
■wir Trios von Hummel und Beethoven — ich aber nicht 
Violine, und einige Beethoven'sche Symphonien zu 4 Händen, 
nebst Wlüst zu 8 Händen. Bei einigen imsrer Landsleute, die 
länger hier gewesen sind, ist die Lingua franca, in der sie sich 
ausdrücken, nicht übel — als ich kurz nach meiner Ankunft 
etwas heiser sprach, fragte man mich: „Haben Sie auch schon 
einen Kalten gefangen?" und ich übersetzte es mir in's Englische 
zurück und verstand es. — 



Klingemanns erster Brief aus London. 165 

Ich wollte nur, icli wäre weniger kurzsichtig — besonders 
der Engländerinnen wegen! Sie können keinen Eierkuchen 
"backen und beschäftigen sich meist mit unnützen Dingen, aber 
sie sehn verzweifelt gut aus. Solch eine peripatetische Pensions- 
anstalt, wie sie täglich zu Dutzenden in Eegents Park in die 
freie Luft getrieben werden, kommt mir vor, wie ebensoviel 
pathetische Peris, Eine noch schöner wie die Andi'e, paarweis 
aufmarschirt, die grösseren zusammen und ihrer siegenden 
Gaben sich wohl bewusst; den Eücken deckt die strenge Aya, 
die jede Mannsperson als ihren natüi'lichen Feind anglotzt. 
Ich hatte mir grösstentheils von Paris her eine ganz falsche 
Vorstellung von den englischen Damen gemacht, sie waren 
damals so lange von der übrigen Welt abgeschnitten gewesen, 
dass sie zu eigenthümlich geworden waren, jetzt sind sie aber 
kosmopolisirt absolute Grazien. Sogar das Hausmädchen bei 
Goltermann's sieht aus wie eine Prinzessin oder Hebe. Lächerlich 
gelehrt sind sie übrigens, die Damen; bei Moscheies fragte 
mich eine, ob ich den Kant gelesen hätte, was ich nicht 
sonderlich bejahen konnte; auf ihre Versicherung, dass sie ihn 
gelesen, konnte ich ihr bloss mit der bekannten Geschichte 
von Kant und dem Knopf des Studenten dienen; dagegen war 
sie verwundert, dass ich den ganzen Walter Scott gelesen 
hätte. 

Es ist aber unglaublich, wie patriotisch deutsch man hier 
wird! Das weite Meer, was einen vom festen Lande trennt, 
macht alles Neue von dort her rührend mchtig und verklärt 
alles Zurückgelassene dem reichen England zum Trotz. — 
Berlin kommt mir durchaus vor wie ein Eldorado und ein 
Mendelssohn'scher Sonntag wie ein Kapitel aus einem Zauber- 
roman, alle Ironie wird sentimental und die VorUebe für das 
Heimische ist so stark, dass wii* uns für heute Abend das 
Wort gegeben haben, zusammen zu kommen, um einmal „besten 
Bauern" zu spielen, wobei wir, wenn Goltermann's meinen 
Wink verstanden haben, wahrscheinlich deutschen Kartoffel- 
salat zum Abendessen bekommen. Ich citire, furcht' ich, Berlin 
zu oft und rühme zu Vieles daran, sogar den dortigen Feuer- 
lärm habe ich zu vertheidigen gesucht, weil man der Süssig- 



166 Leipziger Strasse Nr. 3. 

keit des Schlafs erst bewusst wird, wenn man nacli einer 
Störung wieder einschläft. — 

Mit Berichten für die musikalische Zeitung gehe ich stark 
mn, ich habe Oberon gesehen, den Freischütz, werde nächstens 
in's SeragUo (Entführung) gehn, und dann noch einige englische 
Opern sehn, wozu der Himmel seinen Segen verleihen möge. 
Bie Fabrikation einer solchen Oper setzt sich folgendermassen 
buchstäblich zusammen: Einer schreibt das Stück in den 
neunziger Jahren vorigen Jahrhunderts und ein Mr. Horace 
komponirt es; woraus er seine Musik zusammengebracht, ist 
fabelhaft und vorhistorisch. Jetzt wird die Oper wieder her- 
vorgesucht und von einem neuen Dichter bearbeitet, ein Herr 
Cookes oder so schreibt eine neue Ouvertüre dazu, noch ein 
Anderer, dessen Namen mir nicht gleich beifällt, macht Gesang- 
stücke mit Ausnahme derer für Braham, die dieser sich allein 
fabricirt, die Primadonna Mme. Feron chromatischen Andenkens 
bringt ihren Part aus Italien mit von Mercadante oder einem 
andern Italiäner, und dann noch ein neapolitanisches Volkslied 
»dt Variationen — was dann noch bleibt, ist von Horace bei- 
behalten. Dieses Stück(werk) hiess sonst the Pirate und hat 
jetzt die Vogue unter dem Namen Isidore de Merida oder t}id 
De&üs Creek. 

Dr. H. hat Verwandte in Deptford, eine Familie B., die 
dort eine Fabrik hat, und hat mich da als — Sänger einge- 
führt! Man kann in der That nur in einem fremden Lande 
und wenn man ganz neu ist, so dreist sein, — mir wurde vor- 
her ohne Weiteres die Parthie des Don Juan zugetheilt und 
ich habe sie gesungen!! — Deptford ist mehr als eine starke 
deutsche Meile von meinem Westend, imd es würde in Deutsch- 
land abenteuerlich genug sein, sich dahin zum Thee zu begeben, 
hier setzt man sich auf eine der vortrefflichen Stades und ist 
in einer halben Stunde dort. — Diese Stages sehe ich nie ohne 
das grösste Behagen, vier prächtige Pferde rollen mit dem 
grossen Wagen, an dem die Passagiere herumhängen, wie die 
Wespen um eine süsse Birne, so munter in's Land hinem, dass 
mir's Herz aufgeht, wenn ich an den nächsten Frühling denke, 
wo sie mich — an einem Tage 80 Meilen weit — auf den ebenen 



Klingemaims erster Brief aus London. 167 

Strassen durch das hellgrüne Hügelland voller Städte, Flecken 
und Cottages nach Schottland hinbringen sollen. Schon nm 
London herum in's Land hinein ist's hübsch, lauter Wohnungen 
und Wiesen ringsum, immer in sanften Hügeln, dann und wann 
die Themse, einzelne Parks, Felder, — und noch schöneres 
Grün draussen, obgleich das Gras schon einen ungewöhnlich 
frühen Schnee und Frost ausgehalten hat. 

London ist aber zu gross, das habe ich gleich gesagt., doch 
sie hören nicht darnach und bauen immer weiter, ganz in's 
Lächerliche hinein. Die Häuser werden zuletzt noch die Men- 
schen miethen müssen und nicht die Menschen die Häuser, es 
ist auch gar kein Ende abzusehen und das Ungeheuer mag noch 
manchen Flecken verschlingen, ehe es satt wird. Se. Majestät 
unser allergnädigster König bauen auch mannigfaltig, aber nach 
derselben Theorie, wie der Hofschneider die königlichen Eöcke 
machen muss; der neue Frack wird nämlich einer ganz ähn- 
lichen Figur angepasst, der Schneider muss jede vorkommende 
Falte herausschneiden und dann wieder zusammennähen. Auf 
gleiche Weise wird der neue Palast gebaut; wenn eine Kuppel, 
oder irgend ein Vorsprung nicht gefällt, werden sie wieder 
heruntergenommen und was anderes dafür hingesetzt. Die 
Anlage von Begents FarJc und Regents Street ist aber in der 
That das Grossartigste, was ich kenne, beinahe noch schöner, 
als die Linden. Das Beste aber ist die City, es ist ein wahres 
Vergnügen, sich durch die Massen von Wagen, Kohlenträgem, 
Spitzbuben und anderen ehrlichen Leuten bis zu Birch's klassi- 
scher Mockturtle-Suppe in der Nähe der Bank durchzuarbeiten! 
Es ist wirklich etwas Dämonisches in dem ungeheuren wüsten 
Treiben, es ist eine Ordnung da, von der man aber kaum die 
Gesetze kennt. — Geht man aber an einem Sonntage durch 
die Strassen, in denen man an den Alltagen buchstäblich sein 
eigenes Wort nicht hören kann, so erschrickt man fast vor 
der Stüle. So melancholisch man auch die englischen Sonntage 
auf dem Festlande darstellt, der Kontrast ist doch noch grösser, 
als man es sich dort denkt — die Langeweüe schon muss die 
Kirchen füllen. Ueber der Stadt hängt der unbeschreibliche 
dicke, gelbe Nebel, der auch wohl gar in's Zimmer zieht, alle 



168 Leipziger Strasse Nr. 3. 

Läden sind geschlossen, die Zeitung erscheint nicht, eine k^g- 
liche Glocke jammert die andächtige Gemeinde zusammenj die 
englischen Familien amüsiren sich Mittags nnd Abends am 
Sonntag oline fremde Hülfe ganz auf ihre eigene Hand, selbst 
in der Lektüre wird eine Auswahl getroffen und Theater ist 
gamicht denkbar. Mich berührt es freilich nicht, wir sind 
regelmässig in einem der landsmännischen Häuser gut aufge- 
hoben, aber der allgemeine Zustand überkriecht einen doch zu 
Zeiten unwillkürlich und man bekennt sich lowspirited. Dass 
wir in Deutschland am Sonntag Theater haben, können sie hier 
am wenigsten begreifen, es erscheint ihnen gradezu sündhaft. 
Es half mir nichts, dass ich einer Miss dagegen argumentirte, 
indem ich fragte, ob ihr ihr Anzug am Sonntag weniger Ver- 
gnügen mache, ob sie mit Appetit ässe oder Thee tränke — 
es blieb ihr sündhaft. — La einem Stücke haben wir Deutschen 
es aber besonders gut hier, man denkt sich, dass wir Alle mit 
einer Querpfeife oder einem Piano zur Welt kommen und dass 
jeder Deutsche a priori voU Musik steckt. Die guten Leute 
haben einen rührenden Sinn für Musik und den unvergleich- 
lichsten Magen zum Anhören, wie die Sträusse packen sie 
Kieselsteine und Bonbons nebeneinander. Und lang — lang 
ist hier alles; ich glaube, Beethoven war ein Engländer. Aber 
die Austern! die sind desto kleiner und zierlicher ! Was würde 
der grosse F. sagen, wenn er aus meinem Fenster nur über 
die Strasse zu sehen brauchte, um sie appetitlich in einem 
kleinen hölzernen Gefäss schwimmen zu sehen. Und nicht jene 
plumpe, fleischige Holsteiner Masse — nein, so zart und elegisch 
— ordentlich sehnsüchtig sehen sie wie Augen aus dem Wasser 
heraus, mit waliren Liebesblicken. Und dann der starke, braune 
männliche Gesell Porter, in den eigenthümlichen, blanken zinner- 
nen Krügen, tapfer schäumend ! Der grosse F. würde roth werden 
vor Versrikü-orew. 

Ich aber wurde blass von der See. Die See ist der rechte 
grosse Durchbruch. Vor einigen Sonntagen sah ich auf einem 
Diner eine muntere kleine Frau wieder, mit der ich auf dem 
Dampfschiff herübergekommen war. „ You looked very miserabley^*- 
sagte sie lachend, ,,yow are qxiite changed now!^^ In der That 



Klinsremanns erster Brief aus London. 169 



'ö 



schaute ich etwas bleichen, wüsten Antlitzes aufs graue Meer, 
auf dem Abends der breite Mondschein wie ein unendlicher 
Seufzer lag — doch war ich nicht seekrank und hatte in meiner 
gänzlichen Apathie grade noch Klarheit genug zum Träumen. 
So blieb ich immer auf dem Verdeck, Grog und Schiffszwieback 
zu meiner einzigen Nahrung! Einige vielgereiste Gesellen 
spielten um Champagner und hatten nachher die Frechheit, 
mir ein Glas anzubieten — ich hätt' es ümen aus der Hand 
schlagen mögen! Es war mir aber eine Erinnerung an meine 
früheren Genüsse verblieben, und ich sah jedesmal mit Neid 
den dicken norwegischen Consul seinen guten Kaffee auf dem 
Verdeck schlürfen. Eine Dame nach der andern verschwand, 
aber die kleine Frau bUeb immer oben, mit hellen Augen, las 
vor, Gott weiss was, oder spielte Schach. — Das waren aber 
aUes nur Episoden, im Uebrigen war aUes ruhig, heiter und 
glatt, die See still und eben, warmer Sonnenschein und milder 
Wind, nichts von Sturm und Wellen. Die See ist nicht bloss 
ein grosser Durchbruch, sie ist auch ein grosser Gedankenstrich. 
Die Elbe gehört schon mit dazu. Wie ich am hellen Morgen 
des 1. September in Hamburg am Hafen war, als ein Boot den 
einsamen Passagier mit seinen wenigen Habseligkeiten durch 
den Schiffslärm und durch die Kommenden, Begleitenden, Ab- 
schiednehmenden und Glückrufenden an's Dampfschiff gebracht 
hatte, fing der Gedankenstrich an und schnitt die schöne Phrase 
ab, — der Dampfkessel brauste den Bass zu dem Liede: „Es 

ritten drei Eeiter zum Thore hinaus — ade!" 

Doch ich will den empfindsamen Handwerksgesellen sehen, 
der nicht höchlich begeistert wird, wenn man das Zeichen zur 
Abfahrt giebt und der über dem Eauch aus der Dampfröhre 
nicht den aus seiner Mutter Kaffeetopfe vergisst. Am Abend 
wurde es vollends prächtig, wir kamen in die offene See, das 
Schiff giug höher, der bewusste Mond kam und der Himmel 
hing voller Pauken und Trompeten. Die kleine Frau lachte 
. zwar über meinen schwindelnden Gang, ich fasste aber Posto in 
meiner Erhabenheit, die ich bei Lutter und Wegener wenigstens 
mit 2 Thlr. hätte bezahlen müssen, hier aber ganz umsonst 
hatte, — die ganze Vergangenheit sank in's Meer und ich stieg 



170 Leipziger Strasse Nr. 3. 

in das Spinde zu ländlichem Schlaf. Am anderen Tage kam 
die Apathie, am dritten Morgen aber lag die Küste von Essex 
vor uns, mit weissen Schlössern, grauen Thürmen und braunen 
Dörfern. Wir kamen bald in Smooth water^ alle Leiden ver- 
schwanden, der innere Mensch wurde wieder konsistent, und 
sah munter umher, vor dem Ausfluss der Themse tanzten 
Hunderte von Schiffen einen grossartigen Cotülon, von dessen 
Ordnung ich nicht mehr verstand, als die antecotillonische Mama 
von einem wirklichen, in dem sie ihre Tochter nach allen Rich- 
tungen hingetrieben sieht. Jetzt wurde unsere Fahrt ein Tri- 
umphzug, freilich ein umgekehrter, den merry England über xms 
liieit — der Schiffs-Cotillon wurde in der Themse zur Ecossaise 
— in langer Reihe zogen sie hinunter und hinauf, Dampfböte 
figurirten als lustige Gesellen und glitten, mit Passagieren und 
Musik ausstaffii-t, munter vorbei, — die Dörfer, Landhäuser, 
Flecken und Städte an den Ufern sahen vergnügt zu, bis sie 
zu immer ansehnlicheren und kompacteren Matronen und aus 
ihnen zuletzt London selbst wurde — Schiffe, Schiffe und immer 
Schiffe, Masten ohne Zahl, als wären's nur soviel Bohnenstangen 
beim Pächter Baumann auf der Meierei. Um 3 Uhr landeten 
wir am alten Tower, nach abgemachten Pass- und Acciseweit- 
läuftigkeiten fuhr mich ein huii;iger Mach durch die Länge von 
London, die ich nicht schon zu Schiffe durchzogen hatte, und 
ich sass endlich am Abend glücklich bei Goltermann's, die mir 
ihr Haus zum Absteigequartier angeboten, beneidete den nor- 
wegischen Consul nicht fürder um seinen Kaffeegenuss und 
hörte zufrieden der Diskussion über Trade und das neue Mi- 
nisterium im besten EngKsch zu. 

Ueber die veinifene Londoner Theuerung kann ich mich 
nicht beklagen; als Einzelner lebe ich hier mit 300 Lst. sehr be- 
quem, aber die Familien haben's schlimmer, das nöthige Haus und 
die Dienstboten erfordern das Doppelte. Ich bin also zu einer 
ewigen Jugend verdammt, trotz der Berliner Vorhersagungen 
wird aus meiner Einförmigkeit so bald keine Zweiförmigkeit und 
ich gewinne Wetten. Einstweilen haben die neuen Umgebungen 
mAUches Stück Jugend wieder zu Tage gefördert, so findet 
das hiesige Theater einen neuen Menschen an mir, namentlich 



Klinsremanns erster Brief aus London. 171 



*t> 



habe ich englische Lustspiele mit dem grössten Behagen ge- 
sehen. Ich mag aber noch nicht entscheiden, ob die Schau- 
spieler wirklich so eigenthümüch und natürlich sind, wie 
sie mir zum grossen Theil erscheinen oder ob Vieles daran 
eben der Neuheit und Fremdartigkeit zuzuschreiben ist. Die 
Spieler, die mir bis jetzt als ganz vortrefflich vorkommen, 
würden eine ordentliche Liste bilden. Auch das Publikum 
scheint mir theilnehmender, es lässt*sich in einer gewissen 
kritischen Unschuld durch ki'äftig vorgebrachte Tiraden zum 
Klatschen bewegen und lacht bei Spässen herzhaft. An den 
Theatereingängen aber, ehe die Thüren aufgemacht werden, 
rufen Polizeileute : ., Gentlemeny take care of your pocJcets in going 
in — taTce care of pickpochets Gmtlemenl''' — Und ein Jeder 
sichert seine Habseligkeiten. Ein hiesiges Blatt, der Herold, 
giebt die Zahl der Spitzbuben beiderlei Geschlechts auf 
80—100,000 an. 

DenU. Decbr. So wenig als Rom in einem Tage gebaut 
wurde, ist mein Brief am vorigen Posttag fertig geworden, die 
rauhe Hand der Dienstpflicht griff dazwischen. Gestern am 
zehnten*) habe ich Hmen, verehrtester Herr Mendelssohn, in 
Gedanken alles mögliche Glück gewünscht und hin und her 
gerathen, ob all das niedliche junge Volk Ihnen zu Ehi-en 
tanzte, pfiff, agirte oder wie es sonst vermummt war — ich 
werde es hoffentlich bald erfahren. Ich habe die grösste Sehn- 
sucht nach doitigen Neuigkeiten, mich interessirt Alles, selbst 
das Strassenpflaster und die litterarische MittwochgeseUschaft. 
Sollten Sie, bester Herr Mendelssohn, sich nicht augenblicklich 
aufgelegt fühlen, mir zu schreiben, so befehlen Sie es wenig- 
stens strenge einem Ihrer hoffiaungsvoUen Kinder — etwa 
dem ältesten Sohne — alles so ausführlich wie möglich im 
rechten Cbronikenstyle." 

Fanny an Klingemann. 

Berlin, 23. Decbr. 27. 
„Erinnern Sie sich des Datums, an dem Sie Ihren Brief 



*) Klingemann irrt sich im Datum. Der Geburtstag Abraham 
Mendelssohn's war am 11. December. S. Pag. 72. 



172 Leipziger Strasse Nr. 3. 

schrieben, berechnen Sie die Zeit der Eeise und es wird sich 
ergeben, dass ich schon den Tag nach dem Empfange, mich 
von meinen vielen und wichtigen Weihnachtsgeschäften abmüssi- 
gend, am Schreibtisch sitze, um die Antwort wenigstens anzu- 
fangen. Ein Jeder nämlich von uns betrachtet den prächtigen 
Generalbrief als sein specielles Eigenthum und da wir Ihnen 
Alle schi-eiben, werden Sie sich's gefallen lassen müssen, dass 
wir znweilen zusammentreffen, es ist ja im mündlichen Umgang 
nicht anders gewesen und Sie haben wohl so manche Greschichte 
zweimal mit anhören müssen, warum nicht zwanzig oder vier- 
zig? Von der Seite genommen hat es Derjenige unter uns am 
besten, dessen Brief Sie zuerst lesen, die Anderen werden 
ohne ihre Schuld zu Papageien. 

Je länger Sie uns auf Ihi-en Brief warten Hessen, um 
desto mehr hat er uns bei seinem endlichen Erscheinen erfreut 
(nehmen Sie das aber nicht als Norm für die Zukunft, von 
jetzt an wird die Sache umgekehrt) und wir würden als wahre 
Bacchantinnen ihn gewiss zerrissen haben (verschlungen haben 
wir ihn wirklich), wenn nicht die Eltern grossmüthig resignirt 
und uns die erste Lesung überlassen hätten. 

25. Decbr. Die Weümachtslichter sind niedergebrannt, 
die schönen Geschenke weggeräumt und wir bringen den ersten 
Feiertag still zu Hause hin. Mutter schläft in einer Ecke des 
Sophas, Paul in der andern, Rebecka liest mit vieler Andacht 
das Modejournal und ich nehme meinen Brief wieder vor. An 
Tagen, wie der gestrige, vermissen viör Sie mehr als gewöhnlich 
und da gewöhnlich alle halbe Stunde von Urnen die Eede ist, so 
ergänzen Sie sich den Satz. Es war übrigens sehr munter und 
hübsch gestern. Felix hatte für Rebecka eine Kinder-Symphonie 
mit den Listrumenten der Haydn'schen geschrieben, die ^vir auf- 
führten und die ausserordentlich komisch ist. Für mich hatte 
er ein Stück andrer Natur geschi-ieben, einen vierstimmigen 
Chor mit kleinem Orchester über den Choral „Christe, du Lamm 
Gottes." Ich habe es heut ein paar Mal gespielt, es ist ganz 
wunderschön. Er hat sich überhaupt in der letzten Zeit der 
Kirchenmusik zugewendet; zu meinem Geburtstag hat er mir 
ein Stück gegeben, neunzehnstimmig füi- Chor und Orchester, 



Briefwechsel mit Klingemann. 173 

über die Worte „Du bist Petrus und auf diesen Fels will ich 
meine Kirche gründen" (aber lateinisch). Ich halte es für eüi 
sehr bedeutendes Werk, glaube aber, dass es seine volle Wür- 
digung nur in eiuer Aufführung finden kann, wozu wieder eine 
grosse Kirche und mancherlei Anstalten gehören. Sie sehen, 
wie plausibel das ist. Sehr schön ist, dass D. über einige 
Aeusserungen Felixens bei dieser Gelegenheit zu fürchten 
anfing, er möchte katholisch geworden sein, und diese Besorg- 
niss S. mittheilte, der sie wieder einem Anderen einfiösste, so 
dass wir schon besorgten, die Sache würde sich als Stadt- 
gespräch gestalten, was aber doch glücklicherweise nicht ge- 
schehen ist. — 

Wären Sie hier, so würden Sie Ihi'en Witz an der dies- 
jähiigen Gelehrsamkeit des gebildeten Publikums üben. Dass 
Alexander von Humboldt ein Kollegium an der Universität 
liest (physikalische Geographie), ist Ihnen vielleicht bekannt, 
wissen Sie aber auch, dass er auf Höchstes Begehren einen 
zweiten Kursus im Saal der Singakademie begonnen hat, an 
dem Alles Theil nimmt, was nur einigermassen auf Bildung 
und — Mode Anspruch macht, vom König und ganzen Hof, 
durch alle Minister, Generale, Offiziere, Künstler, Gelehrte, 
Schriftsteller, schöne und hässliche Geister, Streber, Studenten 
und Damen bis zu dero unwürdigen Correspondentin herab? 
Das Gedränge ist fürchterlich, das Publikum imposant und das 
Kollegium unendlich interessant. Die Herren mögen spotten 
soviel sie wollen, es ist herrlich, dass in unseren Tagen uns 
die Mittel geboten werden, auch einmal ein gescheutes Wort 
zu hören, wir geniessen dies Glück und müssen uns über das 
Spötteln zu trösten suchen. Um uns nun vollends Ihrem Spotte 
Preis zu geben, mnss ich Ihnen bekennen, dass wir noch eine 
zweite Vorlesung hören und zwar eine von einem Ausländer 
gehaltene über Experimentalphysik. Auch dieser Kursus wiid 
grösstentheils von Damen besucht. Holtey's Vorlesungen wer- 
den dies Jahr ausserordentlich stark gehört. Er hält sie in 
einem neuerbauten, mit Gas sehr stark erleuchteten Saal. 
Apropos von Gas, denken Sie sich, dass die Crelle'sche Finster- 
niss sich in das hellste, nämlich in Gaslicht verwandelt hat 



174 Leipziger Strasse Nr. 3. 

und dass man jetzt nicht nur die Hand vor Augen, sondern 
alle Hände im Saal vortrefflicli sieht. In England sind wohl 
alle Häuser ohne Ausnahme mit Gas erleuchtet? Hier nimmt 
es auch sehr überhand, wie auch die Trottoirs, für die Sie so 
gütig sind, sich zu interessiren. In diesem Herbst hatte Holtey, 
dem Einiges aus der Grartenzeitung zu Ohren gekommen war, 
nach deren Muster eine sogenannte Thee- und Schneezeitung 
gestiftet, zu der Beiträge in eine blecherne, bei uns wohnende 
Schachtel geworfen wurden. Sie ward durch äusserst witzige 
Aufsätze von Eichhorn und Frank eine Zeit lang gehalten, 
ist aber bald genug, wie alles Menschliche, in sich zerfallen. 
Die Einleitung bestand in einem Gedicht an — Sie, als einen 
trotz seiner Abwesenheit unter uns Lebenden. An meinem 
Geburtstag war hier ein sehr hübscher Ball mit einer Masse 
von dito Mädchen. Sie hätten hier sein müssen. Könneu oder 
wollen Sie sich denn nicht einmal als Courier herschicken 
lassen, wie in einen Kuckkasten ein Paar Tage lang in unser 
Treiben sehn und sich wieder m Ihren englischen Nebel hüUen ? 
TJnsre Sonntage sind garnicht mehr so märchenhaft, der wahre 
Humor ist entwichen und Sie müssen am Besten wissen, wer 
ihn mitgenommen hat? Schade! 

Ihre Aufführung von Don Juan gefällt mir. War er deutsch 
oder italiänisch? Es muss eine Wonne sein, einen Engländer 
itaüänisch singen zu hören. Sie haben jetzt hier beim König- 
städter Theater eine Italiänerin, — Alles, was Sie je in Ro- 
manen und Eomanzen von südlicher Gluth, versengender 
Gewalt der Augen, junonischer Gestalt, unwiderstehlichem 
Zauber der Sprache und Accentuation gelesen haben, vereinigt 
Costanza Tibaldi. Sie tritt grösstentheils in Männerrollen auf, 
nie gab es einen schöneren Jüngling, auch die Frauenldeidung 
ziert sie und ich muss gestehen, ich sah wenig schönere Frauen. 
Ihre Stimme ist ein tiefer Alt, ohne besondem Reiz, aber jeder 
Laut aus ihrem Munde begeistert. Wenn ich ein Rossini'sches 
Duett zweimal mit Entzücken höre! — Zu Ihren englischen 
Ohren ist wohl auch noch nicht die musikalische Kunde gedrun- 
gen, dass Nägeli Bach's grosse fünfstimmige Messe aus h-moU 
herausgiebt! Triumph für die Berliner Enthusiasten, Marx an 



Briefwechsel mit Klingemann. 175 

der Spitze. Der Mann erwirbt sich wirklich ein grosses Ver- 
dienst, denn es kommt ihm nichts dabei heraus und das weiss 
er sehr gut." — 



Klingemann an Fanny: 

London, 22. Januar 1828. 

„Wenn ich es hier auf kein ausführliches Schreiben an- 
lege, so mag mich der Generalbrief entschuldigen, den ich der 
ganzen liebevollen Familie gegenübersitzend geschrieben habe; 
hier sollen bloss die Ehrfurcht und der Dank ausgedi'ückt werden, 
mit welchen von mir die beglückenden Zeilen meiner zugleich 
so gestrengen und so gütigen Gönnerin empfangen sind — kein 
Generalbrief kann mich davon dispensirea — auch nicht der 
insolente Gedanke, wie viel eine junge Dame, die eine so aus- 
gezeichnete Wohlthat erweist, davon nothwendigerweise im 
Augenblick des Erweisens selbst schon antecipiren muss. Es 
wäre zu hergebracht xmd philisterhaft gewesen, wenn ich dar- 
über hätte in Verse verfallen wollen, es würde Ihnen unge- 
fähr ebenso originell vorgekommen sein, als wenn Sie Ihr 
Partner (muthmasslich ein Offizier) m einem Fränkel'schen 
Cotillon fragt: „Mein Fräulein, haben Sie schon viel getanzt 
in diesem Winter?" oder, was jetzt dasselbe sein mag: „Mein 
Fräulein, wie gefallen Ihnen die Humboldt'schen Vorlesungen?" 
— Fangen Sie nur in diesem Augenblick um's Himmelswillen 
nicht an, zu glauben, dass ich mich in Ironie gegen die Fort- 
schritte auslassen werde, die meine jungen Freundinnen in der 
Erkenntniss der chemischen Bestandtheile eines Kragens oder 
einer Nusstorte machen, — es sind heilige und nothwendige 
Dinge — warum soll eine junge Dame nicht ebenso gut wissen, 
wo und wie der Shawl wächst, den sie umhat, wie der Professor, 
der ihn in der Anwendung kaum versteht, — und ist es nicht 
ganz vortrefflich, wenn wir z. B. den Fall annehmen, Sie würden 
mit einem Male nach der Mongolei verschlagen, dass Sie nur 
irgend einen Berg oder einen Fluss oder eine Erdart in die 
Hand zu nehmen brauchen, um mit der gewissesten Gewissheit 



176 Leipziger Strasse Nr. 3. 

sagen zn können: Hier bin ich in der Mongolei, folglich so 
und so viel Poststationen weit von der Leipziger Strasse Nr. 3 
— nnd nun ganz ruhig Pferde bestellen lassen können? Ueber 
den Nutzen der Geographie weiss ich keine schönere Geschichte, 
als die von dem französischen Employe, der während der Kaiser- 
zeit nach Groningen versetzt wird und der nun mit seinen 
Angehörigen und Freunden bitter darüber wehklagt, wie es 
dort so grausam kalt sei und so weit weg, — weil er statt nach Hol- 
land nach Grönland zu kommen glaubt. Nein, meine einzige 
Furcht und mein einziger Einwurf liegen anderswo — ich fürchte, 
dass jeder noch so gelehrte und würdige Mann Damen gegenüber 
etwas närrisch wird, dass hier das Subjekt mit dem Objekt 
davonläuft. Zürnen Sie darüber dem Mann nicht, es ist viel 
weniger Mangel an Zutrauen in das weibliche Fassungsver- 
mögen, als das uns Allen tief innewohnende Verlangen, Hmen 
viel lieber zu gefallen, als Sie zu belehren. „Es ist mein 
Beruf, Heinz." — Wehe den Zeiten, wo der chevaleresque Süm 
ausgerottet ist! — Nur habe ich Ihnen den Vorwurf zu machen, 
dass Sie, nach einem falschen, unter Frauen herrschenden 
Princip, nichts von der Wissenschaft in's Leben und in den 
Brief übergehen lassen — kein Vergleich, kein Büd aus der 
Chemie — und sie machen sich doch so gut — ich sollte nur 
was davon verstehn! — 

Der Tag, wo wir den Messias aufführten, war einer der 
schönsten, die man nur sehn kann, ein wahrer Maitag an 
Wärme, Sonnenschein, blauer Luft und grünem Rasen — wären 
die Bäume grün gewesen, so war das schönste Sehnsuchtswetter 
fertig — mein Kollege und ich, wir sassen auf einer Bank am 
Serpentine River im Hyde Park und sonnten uns bedeutend — 
Schwäne und Engländerinnen zogen zu Wasser und zu Lande 
bedeutsam und zierlich an uns vorüber, wir dachten nicht an's 
neue Ministerium, sondern führten gute vaterländische Gespräche. 
Nachher holte mich St. nach Deptford ab, es war das erste 
Mal, dass wir bei Tage hiuausfahren, wir setzten uns also 
oben auf die Stage und es war mir, als hätte man mir einen 
Scepter in die Hand gegeben, so glorreich und königlich kam's 
mir vor, von oben herab auf die vollen Strassen und auf der 



Eriefwechsel mit Klingemann. 177 

kolossalen Westminster-Brücke in die reiche Themse zu sehn; 
trotz der fünf Meilen hörte freilich die uniforme Häuserreihe 
nur selten auf, aber wenn man durchblicken konnte, sah man 
wieder die unbeschreiblich schönen grünen Wiesen, die in 

blauen Hügellinien endigen. Meines Freundes X. Theil- 

nahme an meinem Verlust theile ich, ich wusste nur nicht, 
dass ich ihm schreiben sollte, — er war abwesend, als ich 
davonging, und ich glaube, dass ein Brief von ihm ebenso 
gut anfangen könnte: „Bei meiner Eückkehr fand ich Sie 
nicht mehr — ,^ als einer von mir mit: „Das grausame 
Schicksal riss mich fort, ohne Abschied von Ihnen nehmen 
zu können." — 



Fanny an Klingemann. 

Berlin, 15. Februar 28. 

„ Als dero angestellte musikalische Zeitung kann 

ich Ihnen wenigstens Einiges berichten: Die Singakademie, in 
ziemlich verwickelten Zinsenangelegenheiten befindlich, hat sich 
endlich entschlossen, ihrer Würde soviel zu vergeben, um zu 
ihrem eigenen Besten zu singen. Mein Symphonie verein schloss 
sich diesem löblichen Unternehmen an (bei dieser Gelegenheit 
bekam ich ihn doch auch einmal zu hören), und die Ausführung 
wäre ganz tadellos gewesen, wären nicht zufäUig — aUe Solo- 
sänger verhindert worden, Theil zu nehmen und so geschah's, 
dass Köpke die ganze Bass- wie auch Tenorparthie 
fast vom Blatt sang. Er leistete viel, das Publikum war 
zufrieden und die Aufführung ward wiederholt und soll das 
zweite Mal das achte der sieben Weltwunderwerke gewesen 
sein. — Wir tanzten indess bei Heyne's einen Walzer und 
Galopp nach dem anderen, auf diese Art unverkennbaren Kunst- 
und Musiksinn an den Tag legend. — Das Wichtigste im 
Musikfache, was seit Ihrer Abwesenheit aufgetaucht ist, ist ein 
Galoppwalzer mit Text, von dem die ganze Stadt wiederhaUt, 
kein Ball ohne die Melodie, ja man kann nicht zwei Minuten 
leben, ohne von ihr verfolgt zu werden, es ist wie der weiland 

Die Familie Mendelssohn. L 12 



178 



Leipziger Strasse Nr, 3 



Jägerchor oder voriges Jahr das Gespräch über Mlle. Sonntag. 
Ich setze Ihnen das Manuskiipt her: 




i 



Lott ist todt, Lott ist todt, Ju - le liegt in Ster - ten. 

Schech-ner*) todt, Schech-ner todt, Sonn-tag schwimmt in Kan - ten. 



f 



ß-0^ 



^ m- 

Lot-te hat ein grü - nes Kleid, das will die Ju - le er - ben. 
Wo hat sie sie her, wo hat sie sie her, vom englischen Ge - sandten. 

Unzählige andere Verse circulii'en, die aber zum Theil nicht 
vor weibliche Ohren gelangen." — 

Im Jahre 1828 am 18. April fand zum ersten Mal wohl 
in Deutschland eines jener allgemein an vielen Orten zugleich 
gefeierten Feste statt, die später und namentlich in der Zeit 
von 1848 — 1866 so sehr überhand nahmen und dazu dienen 
sollten, die Deutschen über die politische Zerrissenheit zu 
trösten. Jenesmal handelte es sich um das Dürerjubiläum und 
Fanny berichtet darüber an Klingemann ; 

Berlin, 14. Aprü 28. 
^ — Diesen Winter haben wir bei Moser die meisten Beet- 
hoven'schen Symphonien, wenn auch höchst unvollkommen, 
gehört. Es ist immer ein Schritt. Sowie wii' überhaupt in 
einer Zeit leben, wo in jeder Beziehung Unglaubliches geleistet 
wird, so auch in der Kunst, wir mögen es gestehen oder nicht. 
Die Passion erscheint unfehlbar im Lauf des Jahres bei Schle- 
singer, Schelble in Frankfurt hat einen Theil der Messe mit 
Beifall aufgeführt, an allen Ecken rührt es sich, in allen 
Zweigen rauscht's, da halte sich einer die Ohren zu und wolle 
es nicht vernehmen! Der alte abgelebte Vogel Phönix erwartet 
nur seinen Scheiterhaufen, er wii'd ihn schon finden, die Zeit 
ist nicht mehr fern, und wir werden grosse Dinge erleben. 
Ich weiss nicht, warum mir heut so historisch zu Muthe ist, 
dass ich Lust habe, aUes nach Jahrhunderten und Völkern zu 



*) Eine damals bekannte Sängerin an der Berliner Oper. 



Briefwechsel mit Klingemann. 179 

messen? Vielleicht weil Spontini am Busstage den ersten Theil 
der Beethoven- und den zweiten der Bach'schen Messe giebt? 
"woran ich sehen kann, dass die grössten Talente mit klein- 
lichem Sinn das verkehrteste Treiben füliren und dass die Welt 
doch mit Siebenmeilenstiefeln vorwärts schreitet und das EHeine 
nicht braucht? Ist das mein Trost? Nein, mein Trost ist, 
dass Felix noch ein Jahr in Berlin bleibt, dass er vom Militär- 
jahr so gut wie ganz frei ist und dass der Rest sich findet. — 
Den 2 0. Nie hätte ich geglaubt, dass das Dürerfest einen 
so frohen Tag bereiten und eine so schöne Erinnerung zurück- 
lassen würde. Felix hat in 6 Wochen eine grosse Cantate 
für Chor und volles Orchester geschrieben mit Arien, Eecita- 
tiven und allem Plunder. Dass die flüchtige Arbeit keinen 
W^erth für ihn hat, können Sie sich denken; anfangs war er 
so wüthend darauf, dass er die ganze Geschichte gleich nach 
dem Gebrauch verbrennen wollte, als aber die Proben vorwärts 
schritten, die Chöre von der Akademie trefflich gesungen 
wurden, bekam er Lust und die wundervolle Dekoration des 
Saales und die Liberalität der Anordnungen vollendete die 
Freude. Donnerstag Abend war die Hauptprobe, die ziemlich 
konfus und unbefriedigend ging, wobei aber Felix sehr ruhig 
blieb und Allen versicherte, es werde prächtig gehen. Und 
«s ging prächtig! Freitag, den 18. April, am oOOjährigen Todes- 
tage Dürer's begab sich die ganze Akademie der Künste, deren 
Senat und sämmtliche Eleven der Bau-Akademie am himm- 
lischsten Frühlingstag nach dem Saal der Singakademie, der 
auf folgende Weise verziert war: die Rückwand des Orchesters 
war durch einen roth und gold gemalten Grund abgetheilt, in 
der Mitte stand Dürer's kolossale Statue, zu jeder Seite zwei 
kleinere weibliche Figuren, einzelne Zweige seiner Kunst dar- 
stellend, oben darüber ein Bild in Form der Raphaellogen nach 
einem Holzschnitt Dürer's von Dähling, zu beiden Seiten durch 
weite grüne Draperien beendet. Die Dekoration machte einen 
überraschend schönen Effekt. Das Orchester, aus den besten 
Leuten beider Orchester und aus Dilettanten bestehend, folgte 
Felixens und Rietzens Leitung, Zelter führte den Chor am 
Flügel. Die Damen waren gegen ihre Gewohnheit sehr elegant 

12* 



180 Leipziger Strasse Nr. 3 

und schön gekleidet und sahen fast alle gut ans, das Orchester 
gewährte einen herrlichen Anblick. Auch das Publikum war 
äusserst festlich und eine feierlichere Stimmung habe ich selten 
tei einer so grossen Versammlung gesehen. Felixens c-dur- 
Trompeten-Ouvertui-e , vortrefflich ausgeführt, eröffnete das 
Fest. Dann folgte eine von T. gehaltene, dreiviertel Stunden 
lange und ein Säculum dauernde Rede. Fast nie sah ich eine 
freudigere Bewegung im Publikum, als da er von Dürer's 
nahendem Tode sprach, ein Gemurmel des Beifalls erhob sich 
im Volk und als er nun wirklich endlich schloss, fuhr Alles 
wie toll von seinen Sitzen auf. Dann folgte die Cantate, die 
gute fünfviertel Stunden dauerte. Die Solos wurden von der 
Milder, Stümer, der Türrschmiedt und Devrient gesungen, Alles 
gelang so vollkommen und die Aufnahme war so erfreulich, 
dass ich mich keiner angenehmeren Stunden erinnere. Gegen 
drei Uhr schloss die Feier und gegen vier begann ein Diner 
von etwa 200 Personen, grösstentheils Künstler, Gelehrte und 
höhere Beamte, wo wir als Gäste des Direktors und Tisch- 
präsidenten Schadow geladen waren. Wieviel Ehre und Freude 
Felix von bekannten und unbekannten bedeutenden Leuten 
widerfuhr, kann ich Ihnen garnicht erzählen, aber das muss 
ich hinzufügen, dass er gegen Ende der Mahlzeit von Zelter 
und Schadow bei der Hand genommen, von Letzterem herzlich 
angeredet und feierlich zum Ehrenmitgliede r'es Künstlervereins 
proklamirt wurde, wovon er das Diplom bekam. Zugleich ward 
seine Gesundheit ausgebracht und lebhaft aufgenommen. Gestern 
verging uns der ganze Tag mit Annahme von Gratulations- 
besuchen. Am meisten freut es mich, dass er selbst so sehr 
erfreut über diesen Tag und empfänglicher für die ihm er- 
wiesenen Eliren als w^ohl sonst war. Ich versichere Sie, er 
wird alle Tage vortrefflicher und liebenswürdiger und es ist 
kein schwesterliches Vor-, sondern eüi unpartheiisches Urtheil. 
Schliesslich bitte ich Sie, Niemandem, weder Bekannt noch 
Unbekannt, aus meiner Erzählung mitzutheilen, theils wird mir 
Niemand (Sie auch nicht) die nöthige Unbefangenheit zutrauen 
und theils würde Felix brummen, wenn er wüsste, dass ich so 
viel von ihm ges".hrieben habe. 



Briefwechsel mit Klingemann. 181 

Schliesslich muss ich Urnen noch sagen, dass wir uns sehr 
nach Ihnen sehnen — ach! Herr Klingemann, wer recensirt 
denn unsere Stickereien, unsere neuen Kleider, unsere Hüte? 
Wer kommt im Vorbeigehn heran und plaudert ein halbes 
Stündchen? Wer versteht Unsinn und weiss, wie es einem 
andern ehrlichen Menschen zu Muth ist? Alle diese unschätz- 
baren Eigenschaften nebst Hirer löblichen Handhabung der 
deutschen Sprache müssen nun in London verkommen." — 

Dieselbe an Denselben. 

18. Juni 1828. 

„Ein gelind herab tröpfelnder Eegen aus weicher, warmer 
Xuft, ein frischgrüner Rasenplatz, von einem dichten Kranz 
herrlichst blühender Eosen umzogen (eine Riesenerdbeere, die 
Paul mir eben in den Mund steckt), Frühling von innen und 
aussen, Humor und freundlichstes Gedenken der Abwesenden, 
das sind etwa die Grundzüge unseres Heut. Sie haben also 
auch eine Fussreise gemacht, lieber Klingemann ? Nicht spottend 
frag' ich das, sondern wahrhaft erfreut, dass Sie, das stein- 
kohlene London auf Augenblicke hinter sich lassend, einmal 
geathmet haben, vielleicht gar frische Luft und Flieder. Der 
unsrige war schön, Maiblumen und Veilchen in stolzer Fülle, 
jetzt treiben die rothen Sommerkinder, Rosen und Erdbeeren, 
ihr Wesen und wetteifern im Glühen und Duften. Der Sommer 
ist doch schön! 

Unsere Pfingsttage waren so beschaffen: Paul hatte sich 
mit sieben Schulgenossen und einem Lehrer zu einer Fuss- 
wandernng nach Neustadt-Eberswalde in fabriklicher und eisen-, 
kupfer- und messinghämmerlicher Rücksicht engagirt, aber der 
Magistrat (durch Vater bei dieser Gelegenheit repräsentirt), 
der den Lehrer nicht kannte und gerne der Aufsicht eine Auf- 
sicht stellen wollte (erkennen Sie daran Hire Preussen?), be- 
orderte Felix zu diesem ebenso hohen als geheimen Posten, 
der denn auch pflichtschuldigst den unüberwindlichsten Wunsch 
äusserte, sich der technologischenJugend anzuschhessen ; aber auch 
nicht gesonnen, sich drei bis vier Tage lang grausam zu ennüyiren, 



182 Leipziger Strasse Nr. 3. 

l)eordert er wiederum drei Freunde, ihm insgeheim zu folgen 
und ihn zufällig drüben zu treffen. Arend und Droysen nehmen 
wirklich einen Wagen und bereden den kleinen David mitzu- 
fahren, der läuft Abends um elf mit Droysen zu Blume, zu 
Stegmayern und schafft sich Urlaub, das Geld — so kurz vor 
dem Ersten etwas knapp — wird gepumpt, und die lustigen 
Brüder treffen kurz nach der Fussgesellschaft drüben ein, man 
schwimmt, man fährt, geht, reitet, sieht, David phantasirt 
allen Hämmern auf der Geige vor, man vertilgt für sechszehn 
Thal er Bierkalteschaale (eine Wahrheit, die ich heut noch 
nicht fasse), und indessen hat Vater hier das kalte Fieber, 
wie fast alle Menschen, aber leicht und kurz und, als die Jüng- 
linge nach acht Tagen ermüdet vom Plaisir nach Hause kamen, 
war es bereits vorüber. Was werden Sie aber sagen, dass 
am vorigen Sonntag die Frl. M.'s hier waren, dass wir spät 
im Garten umhergingen und unter 1826 Seufzern des Jahres 
1826 dachten (eine Jünglingsschaar folgte in unbedeutender 
Entfernung) und dass wir plötzlich, wie von heiligem Erimieruiigs- 
wahnsinn ergriffen, dem Redaktionsplatz zueilten, um die Redak- 
tionspappelweide einen Kreis schlössen (wir konnten's mühsam) 
und nun feierlich dreunal riefen: Klingemann! Klingemann!! 
Klingemann!!! Es war schön, Ihnen hätt' es gewiss gefallen. 
Warum wir Urnen von Börne's Hierseiu nichts sagten? 
Weil in der Gotteswelt nichts von ihm zu sagen ist. Wir 
waren oft der Meinung, dass irgend ein Quidam diesen hüb- 
schen Namen angezogen und damit in die Welt gegangen. Dies 
ist nicht etwa ein Urtheü nach einmaligem Sehn — wir haben 
ihn lange hier gehabt, und allein, mit andern Leuten, Mittags, 
Abends und in allen Beleuchtungen kennen gelernt, und nie 
hat er sich verläugnet als ein kleiner, schwerhörender und 
schwerer begreifender Mann, dem die einfachsten Dinge fremd 
und neu sind, der sich wie der gemeine Haufen der Frankfurter 
wundert, dass die Berliner auf den Hinterfüssen stehn und mit 
den Vorderpfoten essen, und dass die Bäume wirklich hier auch 
grün werden, nachdem der Schnee wirklich auch weiss war, 
der mir eines Tages ein Buch vorlegte und mich die Zahl 
10,430 aussprechen üess, und als ich nun, irgend eine Rechen- 



Briefwechsel mit Klingemann. 183 

aufgäbe erwartend, ängstlich schwieg, die Prüfung beendet und 
sich verwundert erklärte, dass ich eüie fünfstellige Zahl aus- 
sprechen könne. Nie haben wir irgend ein bemerkenswerthes 
"Wort von ihm gehört, nie auch nur einen Funken, einen Blitz 
oder Blick bemerkt, der ihn als bedeutenden Mann bezeichnet 
hätte. — 

In Deutschland sind merkwürdige Dinge ans Tageslicht 
getreten, der zweite Theil zu Faust, sich unmittelbar an den 
ersten schliessend. Da ich es erst einmal und schnell gelesen, 
so entsage ich jeder näheren Bezeichnung und füge bloss hin- 
zu, dass es sich im Ton und Geist bei weitem mehr dem alten 
Faust nähert, als Helena, die Sie vielleicht auch noch nicht 
gelesen haben ? Leider siud die Sachen nicht einzeln zu haben 
und die Subskribenten zur grossen Ausgabe haben erst jetzt 
die erste Lieferung erhalten, während von der kleinen schon 
drei erschienen sind. Der neue Faust ist ebenfalls Fragment 
und schliesst mit der Andeutung: „ist fortzusetzen" — ich 
bin auch überzeugt, dass er am Faust schreiben wird, so lange 
er lebt, und lang wird er leben, davon bin ich ebenfalls über- 
zeugt. Dieser ist bestimmt, das Loos eines Menschen nach 
jeder Eichtung hin auf's vollkommenste zu erfüllen, und da er 
nicht vor dem Werther gestorben ist, kann ihm das höchste 
mögliche Alter nicht entgehen. Aber nun hören Sie eine Nach- 
richt, die mich so lange zu lachen gemacht hat, als ich sie 
nicht glaubte: 

Holtey hat Goethe's Faust für das Königstädter 

Theater bearbeitet. 

H. JRösicke: Mephistopheles. 

Es ist aber wahr! — Wenn Sie ausgestaunt haben, will 
ich weiter erzählen. Goethe in seiner jetzigen recht könig- 
lichen und weisen Milde und Erhabenheit hat selbst seine Ein- 
willigung gegeben. Ich behaupte, er habe bei Holtey's Antrag 
nach seiner Weise freundlich in den Bart brummend gesagt: 
„Nu — nu — " und hierauf habe Holtey entzückt seine Hand 
ergriffen und mit Enthusiasmus geschrieen: „Ich verstehe Sie 
und danke Ihnen" — und siehe da, der alte König war zu 
stolz, das absichtliche Missverständniss zu heben, denn er dachte: 



184 Leipziger Strasse Nr. 3. 

„Bringt Ihr mich wohin Ihr wollt, herunterbringen könnt Ihr 
mich nicht nnd aufbringen auch nicht mehr, bringt mich also 
aufs Königstädter Theater." Spott der HöUe! Ironie 
des Schicksals!! In unserm Hause, wo, wie Sie wissen, jede 
unschuldige Wettermeinung hartnäckige Partheikämpfe in's 
Leben ruft, finden sich alle Nuancen der Beurtheilung, denn 
von Mutter an, die für Holtey und jene Bühne eingenommen, 
lobt und sich freut, bei Vater vorbei, der ebenfalls für Holtey 
eingenommen, gelinde missbilligt, bis zu uns herunter, die wir, 
nicht für Holtey eingenommen, aber nicht aus Antipathie, empört 
schreien, findet und empfindet Jeder anders. Sobald das Ver- 
brechen wirklich begangen worden, sollen Sie das Nähere er- 
fahren. 

Ihre englischen musikalischen Nachrichten sind ja unbe- 
zahlbar. Von Allem, was Sie vierhändig zu besitzen wünschen, 
existirt noch nichts so, wer weiss aber, vielleicht nehme ich 
mir einmal viele Müsse und mache Ihnen die Ouvertüre zum 
Sommemachtstraum; so Heb wie eine Börse oder Brieftasche 
würde es Ihnen wohl auch sein. FeUx schreibt ein grosses 
Instrumentalstück „Meeresstille und glückliche Fahrt" nach 
Goethe. Es wird sehr seiner würdig. Er hat eine Ouvertüre 
mit Introduktion vermeiden wollen und das Ganze in zwei 
nebeneüianderstehenden Bildern gehalten." 

Dieselbe an Denselben. 

12. Septbr. 28. 

^ A propos Königstadt etsch! Herr Klingemann, ich 

schabe Ihnen Rübchen mit dem Finger, Goethe hat sich den 
Faust verbeten und es ist nicht mehr davon die Rede. Dies- 
mal hat also „die Jugend, die leicht liebende und zürnende", 
Recht behalten. 

D. 15ten. Einen ganzen Sack voll Neuigkeiten habe ich 
wieder über Sie auszuschütten: Erinnern Sie sich noch aus 
der präadamitischen Zeit Ihres Aufenthalts in Deutschland einer 
sich jährlich an einem anderen Orte versammelnden Gesell- 
schaft von Aerzten und Naturforschem? Dieses Jahr haben 
sie ihren Sitz in Berlin aufgeschlagen, Humboldt ist ihr Prä- 



Briefwechsel mit Klingemann. 185 

sident, Lichtenstein ihr Sekretär und ihre Existenz das Ge- 
spräch des Tages. Dies ist aber noch nicht Alles. Hmnholdt 
der Kosmopolit, der grosssinnigste, liebenswürdigste, gelehr- 
teste Hofmann seiner Zeit, giebt ihnen ein Fest, wie es gewiss 
diese Stadt noch nicht gesehen hat. Das Lokal ist der Concert- 
saal, der Gäste 700, unter ihnen der König, sechs Studenten, 
drei Primaner von jeder hohem Schule, sämmtliche Schuldirek- 
toren, sämmtliche Naturforscher et le reste. Felix ist ersucht 
worden, zu ihi'em Empfange eine Kantate zu schreiben (Sie 
sehen, er kommt in Mode) und Eellstab, der glücklicher Weise 
ßben zur rechten Zeit aus Spandau zurückkam, hat gedichtet. 
Da das Naturforscher-Paradies ein frauenleeres, mahomed'sches 
ist, so besteht der Chor nur aus den besten Männerstimmen 
hiesiger Residenz und da Humboldt, kein starker Musiker, seine 
Komponisten auf eine geringe Personenzahl beschränkt hat, so 
hat das Orchester eine kuriose Figur bekommen; es agtren 
nänüich nur Bässe und Cellos, Trompeten, Hörner und Klari- 
netten. Gestern ist eine kleine Probe gehalten worden und die 
Sache soU von gutem Effekt sein. Das Aergerliche dabei ist nur, 
dass wir nicht dabei sind. Sie können sich garnicht denken, was 
bei dieser Gelegenheit hier für ein komisches Gemisch von Kräh- 
winkelei und Grossstädterei zum Vorschein kommt. Die ganze 
Anlage, die Aufnahme der fremden forschenden Gäste, die Ver- 
einigung grosser Namen zu einem (wenn immerhin auch nur 
geselligen) Zweck ist unläugbar grandios, nun weiss, verbreitet 
und erforscht aber Jedermann, wieviel Beyermann für die ge- 
nannte Summe liefert, was Humboldt die Aufnahme seiner Gäste 
kostet und wie die Erfrischungen beschaffen sein werden, die 
man von Conrad! zu erwarten hat und „die Jugend" ärgert 
sich jedesmal, wenn diese Miseren zur Sprache kommen." 

Dieselbe an Denselben. 

Berlin, 8. December 1828. 
„ Was übrigens Ihre Gratulation zu meinem Geburts- 
tage betrifft, so haben Sie vielen Dank dafür, die Reime waren 
ein wahres Gedicht. Man hat ihn mir sehr angenehm gemacht, 
diesen Geburtstag, xmd ich kann nicht läugnen, dass ich am 



186 Leipziger Strasse Nr. 3. 

Abend ganz ermattet war, von vielem Besuchempfangen und 
Reden und Danken. Felix hat mir dreierlei gegeben, ein Stück 
in mein Stammbuch, ein ^Lied ohne Worte", wie er in 
neuerer Zeit einige sehr schön gemacht hat, ein anderes Kla- 
vierstück, vor kurzem komponirt und mir schon bekannt, und 
ein grosses Werk, ein vierchöriges Stück Antiphona et Respon- 
iorium^ über die Worte Hora est^ jam nos de somno mrgere etc. 
Die Akademie wird es aufführen. Ich gebe gar gern Ihrer Auf- 
forderung nach, mich über Felixens Arbeiten näher zu äussern, 
obgleich das nicht so leicht ist, wie es wohl aussieht. Im 
Ganzen genommen wird er wohl unläugbar mit jedem Werk klarer 
und tiefer. Seine Richtung befestigt sich immer mehr und er 
geht bestimmt einem selbst gesteckten, ihm klar be^vussten 
Ziel entgegen, welches ich mit Worten nicht deutlich zu be- 
zeichnen wüsste, vielleicht weil sich überhaupt eine Kunstidee 
nicht wohl in Worte kleiden lässt, denn sonst würde Wort- 
poesie die einzige Kunst sein, vielleicht auch weil ich mehr mit 
Augen der Liebe seinen Schritten folgen, als auf Flügeln des 
Geistes ihm vorangehen und sein Ziel ersehen kann. Aller sei- 
ner Mittel ist er vollkommen mächtig und so erweitert er von 
Tage zu Tage sein Gebiet, als Feldherr die ihm zu Gebote 
stehende Gesammtheit der Kunstmittel beherrschend. 

D. 27ten December. Weihnachten ist vorübergegangen, 
ohne dass es mir möglich gewesen wäre, zur Fortsetzung un- 
serer Unterhaltung zu gelangen. Unsre Arbeiten, zwar selir 
früh angefangen, aber auch weit ausgedehnter als gewöhnlich, 
häuften sich sehr am Ende und alle Zeit musste angewendet 
werden, sie fertig zu schaffen. Dazu kommt, dass "svir Frauen- 
zimmer, unsern Beschäftigungen zu Folge, weit länger als die 
Männer an diese Weihnachtszeit gefesselt, uns mit wirklich 
kindischem Sinn so darin gebannt fühlen, dass wir wirklich in 
der letzten Zeit vorher keine andere Bestimmung kennen als 
stickerliche. Ich bin wenigstens erst in den Feiertagen gewahr 
geworden, dass es andre Instrumente giebt als Nadeln und 
andre Fäden als seidene. Hätten Sie aber auch unsre Meister- 
werke gesehen, wir haben eine Decke gearbeitet, die uns viele 
Bewunderung zugezogen hat, und Sie würden gewiss Ihren 



Briefwechsel mit Klingemann. 187 

Brill mehr als einmal in Bewegung gesetzt hahen, um uns bei 
der Arbeit zuzusehen. Unser Weihnachtsabend war äusserst 
angenehm und belebt; da unser Haus, wie Sie wissen, nicht 
lange ohne junge Garde bestehen kann und die belebende An- 
wesenheit der Brüder immer neue Jugend anzieht, so ist auch 
jetzt die Zahl wieder voll, und zwar ist die diesjährige Gene- 
ration garnicht zu schelten, sie ist geistreich und lebendig im 
höchsten Grade. Gans steht als General und beliebter Pro- 
tektor der jüngeren Leute oben an. Er ist ein Mensch von 
Geist und Wissen und ein sehr belebendes Princip, seine un- 
zähligen Ungeschliffenheiten suchen wir Schwestern ihm einiger- 
massen abzugewöhnen, wenn er's nur nicht immer wieder ver- 
gässe, den guten Willen sich zu bessern hat er wirklich. 
Neulich auf einem (beiläufig gesagt, sehr hübschen) Diner bei 
den Breslauer Mendelssohn's war er mein Nachbar und bediente 
mich mit vieler Artigkeit, als aber die Kirschen kamen, fuhr 
er mit der ganzen Hand hinein und frug: „Befehlen Sie?" 
Sie dankten aber. 

Gans gegenüber steht der senr hübsche und liebenswür- 
dige, lebenslustige, studentenhafte, gelehrte Professor der Mathe- 
matik Dirichlet, mit dem sich Gans zu prügeln, oder auf gut 
Deutsch, zu balgen pflegt, wie ein Schuljunge. Unter dem 
Nachwuchs nenne ich Ihnen noch den seit zwei Monaten 
zurückgekehrten Hensel, der, ebenfalls sehr munter, manches 
zur Belebung beiträgt ; dass die Neuhinzukommenden von Binen 
einestheils zu leiden haben, ist keine Frage, da Dir Name sie 
beständig wie ein Schatten umschwebt, anderentheils aber 
freuen sie sich der Theilnahme am Entfernten und hoffen auch 
einst als solche einer ähnlichen theilhaftig zu werden. Droysen, 
ein neunzehnjähriger Philolog mit aller Frische und lebendigen, 
thätigen Theilnahme seines Alters, einem Wissen über sein 
Alter und einem reinen poetischen Sinn und gesunden, liebens- 
würdigen Gemüth, für jedes Alter begabt, sagte mir gestern, 
wie hübsch sich ihm jetzt Ihr Bild gerundet. Ich forsche die- 
sem nach und erfahre, dass er Sie sich ungefähr wie Kietz 
denkt!! Nur dass dessen trockener Ernst auf Ihrem Gesicht 
zu trockener Komik erwächst. Ich musste laut auflachen und 



188 Leipziger Strasse Nr. 3. 

entwarf ilim nun ein möglichst lebhaftes Bild Ihres Aeusseren, wel- 
ches nächstens noch durch einige Mittheilungen gehoben wer- 
den soll. — Diese und noch viel mehr junge Leute waren am 
Weihnachtsabend hier. Felix hatte denselben Tag eine aUer« 
liebste Kindersymphonie *) komponirt, die zu allgemeinem Spass 
zwei Mal gespielt wurde, ein grosser Baumkuchen, den Di- 
richlet zum Geschenk erhielt (er ist ein leidenschaftlicher 
Liebhaber davon) und der als Dame maskirt ihm erst eine 
Liebeserklärung überreichte, lieferte ebenfalls zu tausend Scher- 
zen den Stoff. 

Felix hat viel und mancherlei Allheiten vor: Er bearbeitet 
für die Akademie Acis und Galatea, eine Händel'sche Kantate, 
dafür singt die Akademie ihm und Devrient die Passion, die 
im Laufe des Winters zu einem wohlthätigen Zweck (dass der 
Zweck hier Mittel ist und das Mittel Zweck, begreifen Sie) 
aufgeführt werden soU. Zugleich erscheint das Werk bei Schle- 
singer, eine Anzahl Platten ist schon fertig, und wird das Jahr 
1829 wohl Epoche in der Geschichte der Musik machen. Felix 
hat sich noch eine Reihe von Arbeiten bis zu seiner Abreise 
vorgesetzt, diese wird im frühen Frühling stattfinden und dann 
wird's nicht hübsch in der Welt aussehen für mich." — 

Wilhelm Hensel war im Oktober 1828 aus Italien zurück- 
gekehrt. Es war zwischen ihm und Fanny ein eigenthünüiches 
Verhältniss: Als junge Leute von 28 und 17 Jahren hatten 
sie sich kennen und lieben gelernt. Darauf war eine Pause 
von fünf Jahren eingetreten, während der die mächtigsten und 
verschiedensten Büdungselemente auf beide einwirkten und jede 
direkte Mittheilung zwischen ihnen untersagt war. Er hatte die 
Zeit im sonnigen Süden im Anschauen und in der Nachbildung des 
Höchsten, was in seiner Kunst geschaffen worden, zugebracht ; 
sie war in dem belebtesten, geistig angeregtesten Familien- 
kreise vom Kinde herangereift zur Jungfrau. Nun fanden sie 
sich wieder: der Mann von drei und dreissig Jahi-en, das Mäd- 



*) Felix hat demnach — siehe S. 172 — zwei Kindersympho- 
nieen komponirt. Nur die eine hat sich erhalten, von der zweiten 
war keine Spur aafzufinden. 



Brautzeit Fannys. 189 

chen von zwei mid zwanzig', — sie waren doch himmelweit ver- 
scMeden von den Wesen, die sich fünf Jahr vorher getrennt 
hatten; dieselben nur in ihrer Liebe und in ihrem Entschluss 
den Vereinigungspunkt für ihre verschiedenen Naturen zu fin- 
den. Er, ein auf dem Höhepunkt des Lebens stehender, gereifter 
Mann, dem die besten Jugendjahre schon dahingeflossen waren, 
jetzt andringend, mit dem Wunsch des langersehnten Besitzes ; 
sie, schüchtern, Anfangs wohl scheu über den ihr wieder un- 
gewohnten und fremd gewordenen Mann, sich zurückziehend 
in den geliebten Kreis der Eltern, Geschwister, Freunde. Die 
Eltern, wohl fühlend, dass der Entscheidungsmoment nahe, 
dass sie bald die Tochter nicht mehr allein besitzen würden, 
dem Fremden vielleicht nicht ganz freundlich begegnend; der 
Kreis der Freunde, den Bruder an der Spitze, zuerst mit der, 
solch harmonisch geschlossenem Kreise eigenen Exclusivität 
sich wehrend gegen den Eindringling, der die Hand ausstreckte 
nach einem Besitz, den sich wohl mancher der Genossen selbst 
gewünscht haben mochte. Und es waren doch auch auf beiden 
Seiten Fehler zu überwinden. Hensel war anfangs eifersüchtig 
in hohem Grade, eifersüchtig auf alles, Eltern, Geschwister, 
Freunde, Bekannte, ja auf Fanny's Kunst selbst. Er kam 
fremd in einen Kreis, der, wie es wohl immer zu geschehen 
pflegt, mannigfache, ernsthafte und scherzhafte Beziehungen 
hatte und von diesen in einer, dem Uneingeweihten unver- 
ständlichen Coteriesprache redete. Dagegen ist der Fremde in- 
tolerant, er fühlt sich genirt und beengt, er findet manchen 
Witz fade und kann sich in den Gedankengang nicht fügen. 
Dem Kreise nun wieder kommt der Fremde steif und hölzern 
vor, exclusiv schliesst er sich gegen ein neues, ungewohntes 
Element ab, mancher witzige Pfeil wird abgeschossen, den der 
Eindi'ingling nicht abwehren kann, weil er die Spitze erst 
fühlt, wenn sie längst getroffen. Fanny dagegen war ab und 
zu launenhaft, sie konnte sich ihrerseits nicht gleich in den 
ihr fremden, alles gar zu ernst und schwer nehmenden Gedan- 
kengang des Mannes finden und mochte wohl manchmal mit 
einem Scherz abgethan glauben, was ihm ernst war. Auf den 
sonnigen Höhen eines sorgenfreien Lebens war sie gewandelt, 



190 Leipziger Strasse Nr. 3. 

er hatte im harten Kampf um das Dasein gedarht. Und in 
angeborener Bescheidenheit, in Geringschätzung des eigenen 
Werthes, allerdings auch in ünkenntniss der felsenfesten uner- 
schütterlichen Zuverlässigkeit von Fanny's Natur fürchtete er 
doch, es möchte unter den andern, glänzenderen jungen Leuten 
des Mendelssolm'schen Hauses, in den langen fünf Jahren der 
Abwesenheit, ihn der eine oder der andere aus ihrem Herzen 
verdrängt haben und argwöhnischen Blickes musterte er an- 
fangs den ganzen Kreis. Aber das dauerte doch nicht lange. 
Sie hatten beide den ernsten Willen, sich gegenseitig zu ver- 
stehen und das half über alles hinweg, beiien war es um volle 
Wahrheit, um dauerhafte Aufstellung eines guten Verhältnisses 
zu thun, nicht um Vertuschung und äusseren Schein. Eührend 
schön sind Fanny's Brautbriefe, die ein günstiges Geschick ihrem 
Sohn aufbewahrt hat, die aber leider der Oeff'entlichkeit vorent- 
halten bleiben müssen. Täglich Morgens kam Hensel's 
Diener und brachte und holte ein Zettelchen des Grusses, oft 
ernsten Lihaltes; die ganzen Kämpfe zweier gewissenhaften 
Naturen spiegehi sich darin wieder. — Nur ihre Briefe sind 
erhalten: den Bruder hält sie der anfänglichen Eifersucht ge- 
genüber unerschütterlich fest, aber den Freundeskreis, selbst 
die Kunst ist sie bereit aufzugeben. Oft wird sie durch die 
Gegenwart gestört, aber sobald sie allein ist, in der Stille der 
Nacht, nur dem ideellen Bild des Geliebten gegenüber, wie sie 
gewohnt ist, es anzuschauen aus den Trennungsjahren her, fin- 
det sie sich sofort zurecht, und allmälig gelingt es ihr, Bild 
und Wii'klichkeit in einen Gesichtspunkt zu bringen. Jenen 
Brief ilires Vaters hat sie fest im Auge, der ihr die Hausfrau 
als den einzigen Beruf des Mädchens aufgestellt hatte, und 
sie arbeitet emsig daran, sich mit Hinblick auf den Mann ihrer 
Wahl dazu zu bilden. Ernstes Studium seiner Natur, unzwei- 
felhafte Verpflichtung der Frau, in dieselbe einzugehn, dabei 
aber kein weichliches Nachgeben in Dingen, die sie nicht für 
recht und gut erkennen konnte; stete Arbeit an der Lebens- 
aufgabe : aus zwei Natui-en ein harmonisches Ganzes zu bilden 
und dieses Ganze im Zusammenhang mit den Uebrigen zu er- 
halten, — die Erfüllung dieser Pflicht klingt aus allen diesen 



Brautzeit Fanny 's. 191 

Brautbriefen, zieht sich wie ein rother Faden durch dieselben. 
Und so hat sie es erreicht, dass er, der Anfangs sie mit Aus- 
schluss der ganzen übrigen Welt allein besitzen wollte, die 
Berechtigung der andern Beziehungen gelten liess und selbst 
als geliebtes und von ihr über Alles geliebtes Mitglied in den 
Kreis eintrat. 

Aber auch Hensel arbeitete in seiner Weise ebenso eifrig 
daran. Zwar von seinen Briefen ist aus der Brautzeit, wie 
schon erwähnt, nichts erhalten ; doch hat der Erfolg bewiesen, 
dass er in der Ehe mindestens ebensoviel von seiner Natur 
aufgegeben hat, als Fanny von der ihrigen. Er erkannte ihre 
hohen und edeln Eigenschaften vollkommen an und liess sie 
ungestört walten. Auch aktiv betheiligte er sich an der Arbeit; 
und auch hier wieder war es, wie während des italiänischen 
Aufenthalts, seine Kunst, die die Brücke wurde und Bresche 
für ihn schoss in Aller Herzen. Hauptsächlich wirkte dazu 
Felixens Portrait, das Allen sehr gefiel, und das jetzt, wo 
Felix selbst im Begriff stand, das Vaterhaus zu verlassen, 
doppelten Werth hatte. Fanny schreibt in ihrem Tagebuch, 
das seit dem ersten Januar 1829 bis zu ihrem Tode vollständig 
vorliegt und von jetzt ab Hauptquelle der Darstellung ist: 
^Hensel brachte die Skizze von Felix' Bilde mit, die sehr hell 
und schön und prächtig aufgefasst ist. Felix selbst ist ganz 
entzückt davon und ich finde, dass er seit diesem Bilde ganz 
anders gegen Hensel ist." — 

Hatte Hensel durch dies Bild abermals bewiesen, was er 
im Ernst zu leisten vermöchte, so zeigte er sich durch eine 
kleine Zeichnung dem im Mendelssolin'schen Kreis herrschenden 
witzigen Coterieton vollständig gewachsen. Dieselbe ist zu 
charakeristisch, um nicht einige Augenblicke dabei zu verweilen. 
Sie heisst „das Rad," so nannten nämlich die Eingeweihten den 
ganzen Kreis nächster Freunde. Diesen Gedanken fasste der 
Künstler auf und stellte nun die ganze Gesellschaft als ein 
wirkliches Rad dar: die Nabe, um die sich Alles dreht, ist 
Felix in schottischem Kostüm, wegen der englischen Reise, 
und Musik machend, der die Delphinen lauschen, ein zweiter 
Arion. Die Speichen des Rades sind Fanny und Rebecka, beide 



192 Leipziger Strasse Nr. 3. 

umschlungen mit dem Notenblatt in der Hand und unten in 
Fischottern endigend (so nannte Felix die Schwestern), und 
eine grosse Anzal von Personen aus dem Freundschaftskreise 
paarweise mit allen möglichen Coteriebezeichnungen in Tracht 
und Attributen. So steht das Rad in sich fest geschlossen, ab- 
geschlossen gegen die Aussenwelt, AUes auf sich bezogen. Von 
Aussen aber, gewissermassen als Ixion auf das Rad geflochten, 
gefesselt an einer Kette, deren Ende Fanny hält, ist ein Fremder, 
im Begriff, sich iu das Rad hineinzuschwingen, Hensel selbst. 
Diese reizend erdachte und reizend ausgeführte kleine Symbolik 
der Vorgänge des Jahres 1829 verfehlte denn auch ihren Zweck 
nicht. Das Rad öffnete sich und nahm Wilhelm Hensel auf. 

Die Verlobung erfolgte am 22ten Januar 1829, und die 
Brautschaft und Felixens bevorstehende Abreise waren in der 
nächsten Zeit die hellen und dunklen Fäden, aus denen sich 
das Gewebe der Tage zusammensetzte. Gleich nach der Ver- 
lobung fingen die Proben der Matthäus-Passion von Sebastian 
Bach an, deren Aufführung Felixens glänzender Abschied von 
Berlin wurde. Es war jener Zeit in den tiefsten Meisterwerken 
von Bach und Beethoven ein noch fast vollständig unbekannter 
Schatz vermacht worden. Aber grade damals fingen die besten 
musikalischen Köpfe an, inne zu werden, dass für die Hebung 
dieses Schatzes etwas geschehen müsse, dass dies die vielleicht 
grösste musikalische Aufgabe der Zeit sein werde. Wie sie 
in den Mendelssohn'schen Kreisen gewürdigt wurde, konnten 
wir schon aus Aeusserungen Fanny's in. den Briefen an KUnge- 
mann sehn ; FeUx hat an dieser Aufgabe, neben eigenem Schaffen, 
sein ganzes Leben lang ernst und gewissenhaft gearbeitet, und 
wenn Beethoven und Bach jetzt Gemeingut der deutschen Nation 
sind, so ist dies zu einem guten Theil ihm zuzuschreiben. Dies- 
mal handelte es sich, wie gesagt, um die Passionsmusik, und 
Fanny berichtet darüber an Klingemaiin in folgendem Brief, dem 
einige wenige Züge aus dem Tagebuch eingeüochten sind: 

Berlin, 22. März 29. 

„ Felix schicken wir Ihnen nun bald, er hat sich 

ein schönes Gedächtniss hier gestiftet durch zweimalige über- 



Erste Aufführung der Matthäuspassion. 193 

füllte Aufführung der Passion zum Besten der Armen. Was 
wir uns alle so im Hintergründe der Zeiten als Möglichkeit 
geträumt haben, ist jetzt wahr und wirklich, die Passion ist in's 
öffentliche Leben getreten und Eigenthum der Gemüther ge- 
worden. Indem ich Ihnen davon weiter erzählen wiU, schiebt 
sich mir Felixens Reise vor und die wird wiederum verdrängt 
durch meine Brautschaft und in diesem Cirkel von Begeben- 
heiten würde ich keinen Anfang zu finden wissen, wenn ich 
nicht aufs Gerathewohl hineingriffe und sagte: Ihr voriger 
Brief, in dem Sie so viel, ahnungslos und unbefangen, von den 
Miseren und Lächerlichkeiten des Brautstandes erzählen, hat 
uns ungemein ergötzt und ich versichere Sie, wir haben uns 
nicht im Mindesten getroffen gefühlt. Sie können sich darauf 
verlassen, dass wir zu den besseren unseres (Braut-)Standes 
gehören und dass andere Leute dabei bestehen können. Fragen 
Sie nur meüie Geschwister. Ich finde es übrigens gar nicht 
schwer, äusserlich heiter zu sein, wenn man innerlich vergnügt, 
ist und sich bei irgend einer Gelegenheit schicklich zu betragen, 
wenn man eine leidliche Erziehung genossen hat, und ich bleibe 
dabei, die aus „Gefühl" unausstehlichen Brautpaare begreife 
ich nicht. Uebrigens kann und wül ich Ihnen nicht verhehlen, 
dass Ihre Briefe Ihnen Hensel gewonnen haben, der Sie vor- 
her wie die meisten Ihrer entfernten Bekannten nicht kannte. 
Schliesslich und letztens danke ich Ihnen, sich in die Keihe 
meiner Freundinnen gestellt zu haben, und betheure Urnen, 
dass an der Sache nichts geändert wird, wie Ihnen vorläufig 
meine rasche Antwort beweisen mag. Mein Gedächtniss, so 
todt für Erlerntes, ist unerschütterlich für Erlebtes und alle 
Freunde und Genossen einer frischen Jugendzeit sollen wahr- 
lich durch keiae Verhältnisse und Verhängnisse daraus ver- 
drängt werden. Zudem wird unsre Korrespondenz jetzt durch 
Felixens Aufenthalt dort einen neuen Schwung erhalten und 
somit gebe ich Ihnen zu bedenken, welcher breite Schatten- 
streif in die Sonnenseite meiner Brautzeit fällt. Ich weiss, 
Sie lieben ihn für sich und ihn, lieben Sie ihn aber noch mehr, 
da er dort Niemand hat, der ihn sonst liebte und Sie der Erste 
und Letzte sind, der sich ihm und vor dem er sich zeigen darf 

Die Familie Mendelssohn. L 13 



^94 Leipziger Strasse Nr. 3. 

und wird. Bereiten Sie ihm manche ruhige Stunde, in der er 
alte Jahre und neue Augenblicke und tönende Ahnungen künf- 
tiger Stunden ausbreite und lenken Sie das Gespräch oft auf 
uns, oder vielmehr lenken Sie es nicht ab, denn er wird oft 
genug mit dem Herzen und seinem eigenthümlichen, feucht- 
glänzenden BUck bei uns sein. Zur Stunde weiss ich noch 
nicht, wie es sein wird, wenn er fort ist, aber öde und stumm 
denke ich mir's und ich würde mich vor meinem ganzen früheren 
Leben schämen, wenn Braut- und Ehestand mich gegen diese 
Leere schützen könnten. Hegen und pflegen Sie ihn (geistig) 
und lassen Sie ihn für so viele warme Herzen, die er verlässt, 
eins wiederfinden. — Und nun verzeihen Sie mir, dass ich so 
weich vor Ihnen geworden, oder vielmehr, dass ich's so grade 
herausgesagt, denn Sie sind's wohl nicht weniger, aber ironischer. 
Ein schönes Andenken, was wir von ihm hierbehalten, ist sein 
Bild von Hensel, Lebensgrösse, Kniestück; die Aehnlichkeit 
vollkommen, wie man sie nur wünschen kann, em wirklich er- 
freuUches, liebenswürdiges Büd. Er sitzt auf einer Gartenbank, 
(der Hintergrund eine Fliederparthie aus unserm Garten), den 
rechten Arm über die Lehne gelegt, den Linken auf dem Schooss, 
mit erhobenen Fingern; dem Ausdruck des Gesichts und der 
Bewegung der Hände zu Folge komponirt er. — Von der 

Passion also: 

Felix und Devrient sprachen schon lange von der Mög- 
lichkeit einer Aufführung, aber der Plan hatte nicht Form 
noch Gestalt, an einem Abend bei uns gewann er Beides und 
den Tag darauf wanderten die Zwei in neugekauften gelben 
Handschuhen (worauf sie sehr viel Gewicht legten) zu den Vor- 
stehern der Akademie. Sie traten leise auf und fragten be- 
scheidentlich, ob man ihnen zu einem wohlthätigen Zweck wohl 
den Saal überlassen würde ? Sie wollten alsdann, dadieMusik 
wahrscheinlich sehr gefallen würde, eine zweite Auf- 
führung zu Gunsten der Akademie veranstalten. 

Aber die Herren bedankten sich höflich und zogen vor, 
ein gewisses Honorar von fünfzig Thalern zu nehmen und den 
Concertgebem die Verfügung über die Einnahmen anheim zu 
stellen. Beiläufig gesagt, kauen sie noch heut an der Ant- 



Erste Aufführung der Matthäuspassion. 195 

wort. Zelter hatte nichts da'\;sider einzuwenden und so be- 
gannen die Proben am folgenden Freitag. Felix ging die ganze 
Partitur durch, machte einige wenige zweckmässige Abkürzungen 
und instrumentirte das einzige Recitativ: „Der Vorhang im 
Tempel zerriss in zwei Stücke." — Sonst ward Alles unberührt 
gelassen. Die Leute staunten, gafften, bewunderten, und als 
nach einigen Wochen die Proben auf der Akademie selbst be- 
gannen, da zogen sie erst die längsten Gesichter vor Staunen, 
dass solch ein Werk existirte, wovon sie, die Berliner Akade- 
misten, nichts wussten. Als das begriffen war, fingen sie mit 
wahrem und warmem Interesse an zu studiren Die Sache 
selbst, das Neue, Unerhörte der Form interessirte, ier Stoff 
war allgemein ansprechend und verständlich, Devrient trug die 
Recitative wunderschön vor; v^ie alle Sänger schon von den 
ersten Proben an ergriffen waren und mit ganzer Seele an das 
Werk gingen, vsde sich die Liebe und Lust bei jeder Probe 
steigerte und wie jedes neu hinzutretende Element, Sologesang, 
dann Orchester, immer vom Neuem entzückte und erstaunte, wie 
herrlich Felix einstudirte und die früheren Proben am Forte- 
piano von einem Ende zum Andern auswendig akkompagnirte, 
das sind lauter unvergessliche Momente. Zelter, der in den 
ersten Proben mitgewirkt hatte, zog sich nach und nach zurück 
und nahm in den späteren Proben, sowie in den Aufführungen 
mit musterhafter Resignation seinen Sitz unter den Hörern. 
Nun verbreitete sich durch die Akademie selbst ein so günsti- 
ges Urtheil über die Musik, das Interesse ward in jeder Be- 
ziehung und durch alle Stände hindurch so lebhaft angeregt, 
dass den Tag nach der ersten Ankündigung des Concerts alle 
Billets vergriffen waren und in den letzten Tagen über tausend 
Menschen zurückgehen mussten. Mitwoch, den zehnten März *) 
war die erste Aufführung, die man, unbedeutende Versehen der 
■Solosänger abgerechnet, durchaus gelungen nennen konnte. 
Wir waren die Ersten auf dem Orchester; gleich nach Oeflf- 
nung der Thüren stürtzten die Menschen, die schon lange ge- 
wartet hatten, hinein und der Saal war in weniger als einer 



") Es war der elfte. 

13* 



196 Leipziger Strasse Nr. 3. 

Viertelstunde voll. Icli sass an der Ecke, dass ich Felix genau 
sehen konnte und hatte die stärksten Altstimmen neben mich 
genommen. Die Chöre waren von einem Feuer, einer schla- 
genden Kraft und wiederum von einer rührenden Zartheit, wie 
ich sie nie gehört, ausser bei der zweiten Aufführung, wo sie 
sich selbst übertrafen. In der Voraussetzung, dass Ihnen die 
dramatische Form noch erinnerlich ist, schicke ich Ihnen ein 
Textbuch mit, wobei ich bemerke, dass Stümer die Erzählung 
des Evangelisten, Devrient die Worte Jesu, Bader den Petrus, 
Busolt den Hohenpriester und Pilatus, und Weppler den Judas 
sang. Die Schätzel, Milder und Türrschmiedt sangen die Sopran- 
und Altsolos vortrefflich. — Der überfüllte Saal gab einen Anblick 
wie eine Kirche, die tiefste Stille, die feierlichste Andacht herrschte 
in der Versammlung, man hörte nur einzelne unwillkürliche 
Aeusserungen des tief erregten Gefühls; was man so oft mit Unrecht 
von Unternehmungen dieser Art sagt, kann man hier mit wahrem 
Hecht behaupten, dass ein besonderer Geist, ein allgemeines, 
höheres Interesse diese Aufführung geleitet habe und dass ein 
Jeder nach Kräften seine Schuldigkeit, manche aber mehr tha- 
ten. So Rietz, der das Ausschreiben aller Instrumentalstimmen 
mit Hülfe seines Bruders und Schwagers übernommen und denen 
Dreien man nach beendeter Arbeit kein Honorar aufzudringen 
vermochte; die meisten Sänger wiesen die ihnen zugedachten 
Freibillets zurück oder bezahlten sie, sodass im ersten Concert 
nur sechs Freibillets waren (wovon Spontini zwei hatte), im 
zweiten gar keins. Noch vor der Aufführung war durch die 
Vielen, die unberücksichtigt bleiben mussten, das laute Geschrei 
um eine Wiederholung ertönt und die Erwerbschulen hatten 
sich als Supplikanten gemeldet, allein diesmal war Spontini 
erwacht nnd bemühte sich mit der grössten Freundlichkeit, die 
zweite Aufführung zu hintertreiben, Felix und Devrient schlu- 
gen dagegen den gradesten Weg ein und verschafften sich Be- 
fehle vom Kronprinzen, der sich von Anfang an sehr für das 
Werk interessirt hatte und so ward es Sonnabend, den ein und 
zwanzigsten März, an Bach's Geburtstag wiederholt: dasselbe 
Gedränge, noch grössere Fülle, denn der Vorsaal sogar war 
eingerichtet und alle Plätze verkauft, ebenso der kleine Probe» 



H. Heine. Gans. 197 

«aal hinter dem Orchester. Die Chöre waren fast noch vor- 
trefflicher als das erste Mal, die Instrumente herrlich, nur ein 
arger Fehler, den die Milder machte, und andre kleinere in 
den Solostimmen verdarben Felix den Humor, im Ganzen kann 
man aber sagen, dass gute Unternehmungen sich keinen erfreu- 
licheren Erfolg wünschen können. — 

Heine ist hier und gefällt mir garnicht; er ziert sich. 

Wenn er sich gehn Hesse, müsste er der liebenswürdigste un- 
gezogene Mensch sein, der je über die Schnur hieb, wenn er 
sich im Ernst zusammennähme, würde ihm der Ernst auch wohl 
anstehen, denn er hat ihn, aber er ziert sich sentimental, er 
ziert sich geziert, spricht ewig von sich und sieht dabei die 
Menschen an, ob sie ihn ansehn. Sind Ihnen aber Heine's 
Reisebilder aus Italien vorgekommen? Darin sind wieder prächtige 
Sachen. Wenn man ihn auch zehnmal verachten möchte, so 
zwingt er einen doch zum elften Mal zu bekennen, er sei ein 
Dichter, ein Dichter! Wie klingen ihm die Worte, wie spricht 
ihn die Natur an, wie sie es nur den Dichter thut. 

Beinahe hätte ich vergessen, Ihnen zu danken, dass Sie 
erst aus meiner Verlobungskarte geschlossen haben, ich sei ein 
Weib wie andere, ich meinestheils war darüber längst im Kla- 
ren, ist doch ein Bräutigam auch ein Mann wie andre. Dass 
man übrigens seine elende Weibsnatur jeden Tag, auf jedem 
Schritt seines Lebens von den Herren der Schöpfung vorgerückt 
bekommt, ist ein Pimkt, der einen in Wuth und somit um die 
Weiblichkeit bringen könnte, wenn nicht dadurch das üebel 
ärger würde. — 

Hensel fängt jetzt ein lebensgrosses Bild, fast ganze Figur, 
von Gans an, der, überhaupt halb Mensch und halb Kind oder 
Wilder, eine unendliche Freude hat, sich auf der Leinewand 
zu sehen. Er kommt viel zu uns und findet grossen Geschmack 
an Eebecka, der er auch eine griechische Lehrstunde aufge- 
zwTingen hat, in der diese beiden gelehrten Personen den Plato 
lesen. Groteskeres kenne ich nicht. Dass man aus dieser pla- 
tonischen Verbindung eine reelle macht und sie in der ganzen 
Stadt versprochen sagt, versteht sich von selbst, es ist aber 
garnicht daran zu denken. 



198 Leipziger Strasse Nr. 3. 

Und nun sagen Sie mir, ob je ein plauderhafterer Brief 
geschrieben ward? Sie wollten in einen Brautbrief keine Zei- 
tungsnachrichten setzen, ich bitte Sie aber in Ihrem nächsten 
ein Wort über die Rolle der Katholiken-Emancipation in der 
Londoner Gesellschaft zu sagen, davon wissen die Zeitungen 
nichts. Ich verfolge diese Sache aufmerksam und antheilvoll, 
was mich aber dabei wie bei aller Politik ennüyirt, ist, dass 
ich fürchte, es kommt nicht viel dabei heraus; halbe Jahre 
lang sclireien sie und am Ende muss man die Resultate mit 
der Laterne suchen. Uebrigens interessiren einen die Nachi^ich- 
ten doppelt, wenn sie aus einem Lande kommen, wo man einen 
Freund hat. Ich meinestheils kann nie die Ueberschrift „Lon- 
don" lesen, ohne zu vermuthen, dass ich Ihren Namen unter 
denen der Peers, oder als Bittsteller wider die Katholiken oder 
auf andre Art lesen werde, und ich traue Ihnen soviel Gefühl 
zu, dass Sie bei der Lesung der Berliner Zeitung oft er- 
warten werden, mich als Inhaberin des Rothen Adlerordens 
oder als Hofrath oder Auktionskommissarius figuriren zu 
sehen." — 

In dieser Zeit verkehrte eine grosse Menge der interessan- 
testen Personen im Mendelssohn'schen Hause : ausser H. Heine 
zeigt der Band VITL. der Portraitsammlung Hensel's noch die 
wohlgetroffenen Bilder von Paganini, der Müder, des Dichters 
Ludwig Robert und seiner berühmt schönen Frau Friderike 
Robert und Hegels ; Alexander von Humboldt, der damals sich 
viel mit Magnetbeobachtungen beschäftigte, hatte hinten im 
Garten ein eigenes Observatorium wegen der dort herrschenden 
Stille und Ruhe, und er und Professor Encke waren so fast 
tägliche und manchmal auch nächtliche Besucher des Gartens, 
wenn die Beobachtungen es erforderten. — Es gab dabei ein- 
mal einige Jahre später eine sehr komische Scene, die Fanny 

Hensel folgendermassen beschreibt: ^ Eine romantische 

Geschichte, die neulich hier vorgefallen ist, muss ich Euch doch 
erzählen. Ich höre in der Nacht, dass Jemand zu einer Seite 
der Schlafstube hereintritt und zu der anderen wieder hinaus- 
geht, ich rufe — keine Antwort — Wilhelm wacht auf und 
schreit: In's drei Teufels Namen, wer ist da? und herein mit 



Nachtabenteuer von Professor fincke. 199 

bedächtigem Schritt Luise *) tritt und sagt, wie sie schon eine 
ganze Weile Diebe im Saal höre, sie seien auch mit der La- 
terne in den Garten gegangen und sie habe es für ihre Schul- 
digkeit gehalten, zu wecken, sie habe aber bloss das Mädchen 
wecken wollen und es sei ihr leid, uns gestört zu haben. 
Wilhelm steht auf, nimmt die rothe Bettdecke um, lässt sich 
von Luisen in Nachtjacke und Mütze vorleuchten und marscliirt 
mit gezogenem Säbel dem Saal zu. Die Thüre wird aufgerissen 
und es war auch hohe Zeit, denn eben war der Dieb mit der 
Laterne im Begriff, nach der Gartenseite zu entweichen. Als 
er aber Geräusch hört, sieht er sich um und wie er einen 
blossen Säbel erblickt, läuft er fort. Wilhelm ihm nach. Der 
Dieb musste aber sehr gut Bescheid wissen, denn er nimmt 
seinen Weg grade nach des Gärtners Wohnung hin. Erst als 
sich Beide in seiner Stube befinden, stehen sie still und Ver- 
folger und Verfolgter brechen in ein lautes Gelächter aus: 
Herr Professor Hensel — Herr Professor Encke sind Sie's? 
Bitte tausendmal um Vergebung, ich habe Sie für einen Eäuber 
gehalten — und meine Schwester Sie für einen Dieb. Wie 
Luise mit ihrer Wachsamkeit geneckt worden ist, könnt Ihr 
Euch denken." — 



") Hensel's Schwester und damalige Hausgenossin. 



Felix in England 1829. 



Am 10. April 1829 reiste Felix nach England ab, sein 
Vater und Eebecka begleiteten ihn bis Hambui'g und dahin 
richtete Fanny folgenden Abschiedsbrief: 

Den 15. April 1829. 

„Obschon wir erst gestern geschrieben haben, treibt mich 
doch die Lust, Dir am letzten Tage vor Deiner Einschiffung 
noch ein paar Zeilen zu schicken. Nenne es, wie Du ^vollst, 
nenne es meinetwegen Sentimentalität, ärger kannst Du es 
doch nicht nennen und es macht mir Vergnügen, aus unserer 
jetzigen Zweisamkeit hinüberzugucken in Dein jetzt vielfach 
bewegtes Leben, wenn Du auch weit entfernt bist, in diesem 
Augenblicke Zeit für meine Anschaulichkeit zu haben, so thut 
das nichts, es ist schon eine alte Rede: jeder schreibt an sich; 
ich schreibe an mich. 

Also wenn Du diesen Brief bekommst, so heisst es: mor- 
gen nach England. Du hast es mir einmal bei einer Gelegen- 
heit gesagt, wie man sich leicht überwältigt fühlt, wenn man 
so ein Stück Leben in der Hand hält, so ist es jetzt wieder. 
Oiebt es wohl eiuen grösseren Buchdruckerstock, als dies zwar 
verbindende, aber denn doch sehr scheidende Meer, das 
eigentliche Scheidewasser, die Chemie sage was sie wolle. Und 
da so allein, frei, jung zu sein^ mit Deinen Kräften und mit 
Deinen Aussichten. Es ist gewiss unser eigenster Vortheil 



Abschiedsbrief an Felix. 201 

und eine nicht genug zu berücksichtigende Artigkeit vom 
Himmel, dass Du Du bist und so möge es denn bleiben. — 

Was Dich, und wärest Du eben spleenisch trotz dem 
besten Engländer, zum Lachen bringen muss, ist, dass die 
Milder gestern Deine Arie mit mir im Nebenzimmer probirte 
und sehr entzückt davon ist, — dass ich sie ihr aber dennoch 
punktiren soll. Giebt es etwas Tolleres? Ich fand die Zu- 
muthung lächerlich genug, werde sie aber dennoch erfüllen, 
da ich an der Handschrift der Partitur untrüglich erkannt 
habe, wie Dir die Sache zum Halse herauswuchs. 

Ich adressire den Brief an Dich, o Beckchen, damit Du, 
im Falle er Felix nicht mehr trifft, damit verfahren mögest, 
wie Du meinst. — 

Tausend Grüsse an Vater von mir und Mutter, die in den 
Garten gegangen ist, um es grün werden zu sehen. Ach! 
dass man das Alles jetzt ohne Dich (ich meine Felix) gemessen 
soU!" — 

Fanny. 

London, 2L April 1829. 

Liebster Vater und liebstes Beckchen! 

^Soeben in London glücklich angekommen, will ich nichts 
Anderes eher thun, als Dir von meiner Ankunft sogleich Nach- 
richt zu geben. Unsere Fahrt war nicht schön und sehr lang, 
denn wir sind erst heute (Dienstag) um 12 Uhr im Cmtom- 
hotise gelandet, von Sonnabend Abend bis Montag Nachmittag 
hatten wir den Wind entschieden entgegen und solchen Stui^m, 
dass die ganze Schiffsgesellschaft seekrank wurde; wir mussten 
einmal des dicken Nebels wegen, ein andermal, um die Maschine 
in Ordnung zu bringen, einige Zeit still liegen; noch vorige 
Nacht mussten die Anker an der Mündung der Themse ge- 
worfen werden, um nicht auf andere Schiffe zu stossen ; dazu 
nimm, dass ich von Sonntag früh bis Montag Abend mich von 
Ohnmacht zu Ohnmacht schleppte, vor Ekel an mir selbst und 
an allen Uebrigen auf Dampfschiff, England und namentlich 
auf meine« Meeresstille fluchend, den Auf Wärter nach Kräften 



202 Felix in England 1629. 

scheltend und ihn endlich Montag Mittag fragend, ob man nun 
endlich London sehen könne, worauf er gleichgültig erwiderte, 
dass wir vor Dienstag Mittag nicht daran zu denken hätten, 
dann aber, um auch von der Lichtseite zu sprechen, gestern 
Abend den Mondschein auf dem Meere, und viele Hunderte 
von Schiffen um uns herumschleichend, heute früh die Falirt 
auf der Themse, zwischen grünen Wiesen, rauchigen Städten, 
mit zwanzig Dampfbooten um die Wette rennend, alle Kähne 
bald überflügelnd und endlich der fürchterlich massenhafte An- 
blick der Stadt! Meine Ideen sind noch so ungeordnet, wie 
die vorige Phrase, und ich schreibe diesen Brief nur, um Dich 
von meiner glücklichen Ueberfahrt zu benachrichtigen, drum 
mach auch weiter keine Ansprüche daran; ich will sogleich 
nach Berlin schreiben, weil eine Post über Eotterdam in vier 
Tagen da ankommt, muss auch nach meiner Wohnung gehen 
(denn ich sitze hier noch in Klingemann's Stube, den Geschäfte 
abhalten, sich eigenhändig zu empfehlen), muss Moscheies auf- 
suchen, der mich erwartet, muss zu Mittag essen, was ich 
seit drei Tagen nicht gethan habe (o ich bin sehr elend), muss 
mich rasiren lassen, kurz, muss erst wieder Menschengestalt 

annehmen. Auf Wiedersehen." 

Felix. 

London, 25. April 29. 

^Es ist entsetzlich! Es ist toll! Ich bin confus und ver- 
dreht! London ist das grandioseste und complicirteste Unge- 
heuer, das die Welt trägt. Wie kann ich in einen Brief 
zusammendrängen, was ich in drei Tagen erlebt habe ? Kaum 
weiss ich mich noch der Hauptsachen zu entsinnen und doch 
darf ich kein Tagebuch führen, sonst würde ich wieder etwas 
weniger erleben müssen ; das will ich aber nicht, sondern Alles 
mitnehmen, was sich mir darbietet. Es geht um mich herum 
wie in einem Strudel und dreht sich und reisst mich fort, im 
letzten halben Jahre in Berlin habe ich nicht so viel Contraste 
und so viel Verschiedenes gesehen, als in den drei Tagen. Aber 
geht nur einmal von meiner Wohnung rechts ab Regent Street 
hinunter, seht die glänzende, breite, mit Säulenhallen besetzte 



Erster Eindruck von London. 203 

Strasse (leider liegt sie heut schon wieder im dicken Nebel) 
und seht die Läden mit mannshohen Inschriften und die stage 
coaches^ auf denen die Menschen sich aufthürmen, und wie hier 
eine Reihe Wagen von den Fussgängern hinter sich gelassen 
wird, weil es sich dort vor eleganten Equipagen gestopft hat, 
und wie sich hier ein Pferd hochbäumt, weil der Reiter Be- 
kannte in jenem Hause hat, und wie die Menschen gebraucht 
werden, um Ankündigungszettel herumzutragen, auf denen man 
uns die graciösen Kunstleistungen gebildeter Katzen verheisst 
und die Bettler und die Mohren und die dicken John BuUs 
mit ihren dünnen, schönen zwei Töchtern an den Armen. Ach 
diese Töchter! üebrigens seid ruhig, es ist keine Gefahr in 
dieser Hinsicht, weder in dem damenreichen Hydepark, wo ich 
gestern fashionabler Weise mit Mad. Moscheies umherfuhr, 
noch in den Concerten, noch in der Oper (denn da war ich 
schon überall), nur an den Ecken und Querstrassen ist Gefahr 
und ich sage mir da oft mit wohlbekannter Stimme leise vor: 
nehmen Sie sich in Acht, dass Sie nicht unter die Wagen 
kommen. Das Gewirre! Der Strudel! Ich will nur historisch 
werden und ruhig erzählen, sonst erfahrt Ihr gar nichts, aber 
könntet Ihr mich nur sehen, neben dem himmlischen Flügel, 
den mir Clementi's eben für die Dauer meines Hierseins ge- 
schickt haben, am lustigen Kaminfeuer in meinen vier Pfählen, 
mit Schuhen und grau durchbrochenen Strümpfen und oUven- 
farbenen Handschuhen (denn ich muss nachher Besuche machen) 
imd nebenan mein immenses Himmelbett, in dem ich Nachts 
spazieren liegen kann, mit den bunten Gardinen und alter- 
thümlichen Möbeln, meinen Frühstücksthee mit trockenem toast 
noch vor mir, die servant girl mit PapiUoten, die mir eben 
meine neugesäumte schwarze Binde bringt und nach Befehlen 
fragt, worauf ich englisch höflich mit dem Kopf nach hinten 
zu nicken versuche und die vornehme, in Nebel gehüllte Strasse, 
und könntet Ihr nur die erbärmliche Stimme hören, mit der 
dort unten eben ein Bettler sein Lied anstimmt (er wird aber 
von den Verkäufern fast überschrien), und könntet Ihr ahnen, 
dass man von hier nach der city drei viertel Stunden fährt 
und nun auf dem ganzen Weg und bei allen Durchsichten nach 



204 Felix in England 1829. 

den Querstrassen denselben und noch weit grösseren Skandal 
erlebt und dass man dann etwa ein Viertel des bewohnten 
London erst durchschnitten hat, so mögt Ihr Euch erklären, 
dass ich halb verrückt bin. Aber historisch! 

Nachdem ich den letzten maladen Brief an Euch abge- 
schickt hatte, führte mich Klingemann vor Allem nach einem 
englischen Kaffeehaus (denn hier ist Alles englisch), natürlich 
las ich gleich die Times, und da ich als guter Berliner zuerst 
nach dem Theater sah, erfuhr ich, denselben Abend sei Othello, 
und die f,rst appearance der Mde. Malibran; trotz Müdigkeit 
und Seekrankheit entschloss ich mich also hinzugehen ; Klinge- 
mann lieh mir die nöthigen grauen Strümpfe, da ich die 
meinigen in der Eile nicht finden konnte und doch in der Ita- 
liänischen Oper in vollem Staat mit schwarzer Binde erscheinen 
musste, wie alle noble Welt ; dann gings nach meiner Wohnung, 
von da nach der Italiänischen Oper kings theatre, wo ich in 
den pits Platz fand (kostet eine halbe Guinee). Grosses Haus, 
ganz mit purpurnem Zeuge besetzt, sechs Reihen Logen 
übereinander, mit pui'purnen Vorhängen, aus denen die Damen- 
gesichter herausschauen, mit weissen grossen Federn, Ketten, 
Juwelen aller Art überdeckt, ein Geruch von Pomade und 
Parfüms strömt einem beim Eintreten gleich entgegen und 
machte mir Kopfschmerzen, in den pits alle Herren mit neu- 
frisirten Backenbärten, überall gedrängt voll, das Orchester 
recht gut, dirigirt von Herrn Spagnoletti (im December will 
ich ihn nachmachen, es ist zum Todtlachen), Donzelli (Othello) 
voll Bravour, sinnreichen Verzierungen, schreit und stösst 
schrecklich in die Stimme, singt fast immer ein wenig zu 
hoch, aber mit unendlichem haut goüt (dahin rechne ich z. B., 
dass er in der letzten Wuthscene, wenn die Malibran fast un- 
angenehm stark schreit und raset, alle Schlussfälle der Reci- 
tative, die er sonst heraustrompetet, nur ganz matt und leise 
und kaum hörbar hinwirft und dergl.). Die Malibran, eine 
junge, schöne, herrlich gewachsene Frau mit toupirten Scheiteln, 
voll Feuer, Kraft, Coquetterie dabei, die Verzierungen theils 
sehr gewandt und neu erfunden, theils der Pasta nachgeahmt 
(so "v^Tirde mir ganz wunderlich, als sie die Harfe nahm und 



Italiänische Oper. 205 

ich merkte, wie sie der Pasta alles in der Scene genau nach- 
sang und endlich auch die sehr umherschweifende Stelle am 
Ende, die Dir, lieber Vater, gewiss noch im Gedächtniss sein 
muss), dabei spielt sie schön, macht gute Stellungen, nur über- 
treibt sie alles das leider sehr oft und grenzt oft an das 
Lächerliche und Unangenehme. Doch will ich sie immer hören, 
nur morgen nicht, weil sie wieder Othello giebt, und den werde 
ich nur hören, wenn die Sonntag etwa drin auftritt, die man 
in diesen Tagen erwartet. Levasseur ist übrigens ein ziem- 
licher Bierbass und Curioni ein Halbbiertenor, doch wird Alles 
wüthend applaudirt, mit Händen und Füssen. Nach dem zweiten 
Akt kam ein langes Divertissement mit Sprüngen und Abge- 
schmacktheiten, ganz wie bei uns, das dauerte bis halb zwölf 
Uhr, ich war halb todt vor Müdigkeit, hielt aber doch aus bis 
ein Viertel auf eins, wo die Malibran eben abgestochen wurde 
und dabei widrig ächzte und schrie, da hatte ich genug und 
ging nach Hause. Aber das Theater war noch lange nicht 
aus, denn es kam nachher noch das berühmte Ballet la somnam- 
lule: ich hatte mich aber inzwischen immer an der Bank fest- 
gehalten, weil mir noch war, als schaukelte das ganze Haus 
hin und her, und dies Gefühl hat mich bis gestern nicht ver- 
lassen und mich heut Nacht zuerst nicht im Schlafe gestört. 
Tags drauf, als ich noch fest schlafe, fasst mich eine weiche 
Hand leise und sehr bedächtig an, und das konnte Niemand 
sein als Moscheies, der wohl eine Stunde vor meinem Bette 
sass und mir alle möglichen Nachweisungen gleich gab .... 
Wie sich Moscheies und seine Frau gegen mich benehmen, 
dafür kann ich keinen Ausdruck finden; was mir nur irgend 
angenehm, nützlich, ehrenvoll sein kann, wissen sie mir zu 
verschaffen ; er fuhr gestern Vormittag trotz seiner überhäuften 
Geschäfte mit mir herum, zu Latour, Gramer, Clementi's, Neu- 
komm, und da ich gestern Abend bei ihm durchaus meine Cello- 
Variationen spielen musste und mit der Abschrift der Stimmen 
nicht ganz fertig geworden war, so schiieb er mir die fehlende 
Hälfte dazu, während ich zum Essen aus war; sie führte mich 
gestern in ihrem eleganten Cabriolet nach Hyde Park, heut 
will sie mir ebenso Regents Park zeigen; denkt Euch mich 



206 Felix in England 1829. 

in einem Cabriolet mit einer Dame spazieren fahrend! mich! 
(in meinem neuen Dress verstellt sich). Dann brachte sie 
mich zu Bülow, und als ich die lange Visite beendigt hatte 
und herunterkam, hatte sie im Wagen auf mich gewartet, weil 
ich den Weg nicht allein finden könne; kurz, Beide sind die 
Freundlichkeit selbst." — 

1. Mai 1829. 

„Es geht mir übrigens sehr gut, die Lebensweise bekommt 
mir vortrefflich, die Stadt und die Strassen finde ich ganz \^Tin- 
derschön, auch bekam ich wieder einigen Respekt, als ich 
gestern im offnen Cabriolet nach der City auf einem andern 
Wege fuhr und überall dasselbe Leben fand, überall die Häuser 
von oben bis unten mit grünen, gelben, rothen Zetteln beklebt, 
oder mit mannshohen Buchstaben bemalt, überall das Geschrei 
und der Rauch, überall das Ende der Strassen in Nebel gehüllt 
und alle Augenblicke eine Kirche, oder ein Markt, oder ein 
grüner square, oder ein Theater, oder eine Durchsicht auf die 
Themse, auf der die Dampfschiffe jetzt durch die Stadt fahren 
können, unter allen Brücken fort, weil man die Erfindung ge- 
macht hat, die grossen Röhren - Schornsteine wie einen Mast 
niederzulassen. Gucken nun noch die Mastbäume aus den West- 
indischen Docks hinüber, und sieht man einen Hafen, etwa so 
gross wie der Hamburger, hier als Teich behandelt, mit 
Schleusen versehen, und die Schiffe nicht einzeln, sondern nur 
haufenweise geordnet, wie die Regimenter aufmarschirt, so 
muss man sich freuen über die grosse Welt. — Neulich war 
ich im Kabinet des Dr. Spurzheim, das ein junger Arzt zeigte. 
Eme Partie Mörder gegen eine Partie Musiker gehalten, inter- 
essirte mich sehr, und meine Physiognomik erhielt starke 
Bestätigung ; auch ist wirklich der Unterschied zwischen Gluck's 
Stirn und der eines Vatermörders höchst auffallend und wohl 
nicht zu bezweifeln. Wenn aber die Leute nun so in's Detail 
gehen, mir zeigen zu w^ollen, wo Gluck's Musik sitzt und wo 
seine Erfindungskraft, oder wo des Sokrates Philosophie am 
Schädel sich zeigt, so ist das zwar sehr precär und (wie mir 
scheint) unwissenschaftlich, führt aber doch zu sehr interessanten 



Ball bei dem Herzog von Devonshire. 207 

Resultaten, nämlich zu folgenden: eine junge hübsclie Englän- 
derin, mit der ich da war, bekam Lust zu wissen, ob sie zum 
Stehlen oder sonst zu Missethaten Neigung habe, und es kam 
dahin, dass die ganze Gesellschaft sich phrenologisch untersu- 
chen liess ; wie nun der Eine gutmüthig befunden wurde und der 
Andere kinderliebend, jene Dame muthig, diese habsüchtig, und 
wie besagte Engländerin sich die langen blonden Haare auflö- 
sen musste, weil der Doktor sonst kein Organ fühlen konnte, 
und wie sie dabei sehr hübsch aussah und sich's dann vor dem 
Spiegel wieder ordnete, so liess ich die Phrenologie sehr hoch 
leben und lobte Alles ungemein. Dass ich Musiksinn haben 
musste und Einbildungskraft, konnte nicht fehlen; der Doktor 
fand später, ich sei ziemlich habsüchtig, liebe die Ordnung und 
kleine Kinder und machte gern die Cour; die Musik sei aber 
vorherrschend. Uebrigens muss ich am Dienstag von meinem 
ganzen Kopf, mit Schädel, Gesicht und Zubehör, die Maske in 
Gips nehmen lassen und dann will ich Hensel's Aehnlichkeit 
kontrolliren!" 

London, 15. Mai. 

^ Montag Abend Ball in Devonshirehouse beim 

Herzog von Devonshire; die Pracht aus den morgenländischen 
Märchen kommt zur Erscheinung; was Reichthum, Luxus, Ge- 
schmack an Schönheiten für ein Fest erlinden können, ist da 
gehäuft. Mit meinem hack kam ich an die Reihe der Equipagen, 
die fast die ganze Piccadilly herunterstanden, daher zog ich's 
vor, zu Fuss einzuziehen ; kam in den Saal, wo der Herzog die 
Gäste freundlich empfing; ich hatte auf der Treppe hinter mir 
Leute hmaufgehen hören, mich aber nicht umgesehn, jetzt 
gewahrte ich zu meinem Schrecken, dass es Wellington und 
Peel gewesen waren. Im Haupttanz saal war statt des Kron- 
leuchters ein dicker breiter Kranz von rothen Rosen, etwa 
vierzehn Fuss im Durchmesser, der zu schweben schien, 
weü die dünnen Fäden, die ilin hielten, sorgfältig versteckt 
waren ; auf dem Kranze brannten nun kleine Lichter zu Hun- 
derten, an den Wänden lauter Portraits in Lebensgrösse und 
ganzer Figur von van Dyk, rings umher eine Erhöhung, auf 



208 Felix in England 1829. 

der die alten Damen, mit Brillanten, Perlen und allen Edel- 
steinen überladen, Platz nahmen; in der Mitte tanzten die 
schönen jungen Mädchen, unter denen man die himmlischsten 
Gestalten sieht; ein Orchester mit einem eigenen Direktor 
spielt dazu; die Nebenzimmer waren geöffiiet, deren Wände 
mit Tizian's, Correggio's, Leonardo's und Niederländern behängt 
sind; unter den schönen Bildern nun die schönen Gestalten 
sich bewegen zu sehn und unter all dem Treiben und in der 
allgemeinen Aufregung ganz ruhig und sehr unbekannt überall 
herumzuschleichen und Vieles ungesehn und unbemerkt zu sehn 
und zu bemerken — es war einer der schönsten Abende, die 
ich erlebt. Das Bild eines jungen Mannes von Tizian und das 
einer jungen Frau von Leonardo ergriffen mich sehr und 
rührten mich etwas. Nirgends findet Ihr im ganzen Palast 
etwas Unvollkommenes, Ungeordnetes, die Bibliothek war ge- 
öffnet und Prachtwerke lagen auf den Tischen umher; ein 
kleines Treibhaus wurde neben dem Tanzsaal aufgemacht und 
verbreitete den Duft und die Kühlung! Alle Früchte aller 
Jahreszeiten im Uebermass auf den Büffets gehäuft; und nun 
die Adligen raspeln zu sehn, und wie sie so schlecht walzten, 
und wie die Damen auf den Tischen sassen und die Herren 
auf den Sophas mit den Füssen lagen und sich dehnten während 
einer zarten Conversation mit Damen! Auf einer ebenso grossen 
Fete war ich gestern beim Marquis of Landsdowne, der arme 
Mann hatte seinen Antikensaal aufgemacht und empfing darin 
die Gesellschaft. Ein grosser gewölbter Saal, an dessen zwei 
Enden zwei Rotunden sind, die von oben her erleuchtet waren ; 
in den Eotunden nun purpurne Nischen, in deren jeder eine 
grosse graue antike Statue steht und droht. Zu deren Füssen 
sassen hier die alten Damen im Halbkreise und in der Mitte 
des Saals drängten sich die Leute hin und her. Ln Neben- 
zimmer war eine neugekaufte Landschaft von Claude Lorrain 
ausgestellt, der Aufgang der Sonne über einem Meereshafen. 
Die Treppe ist so gelegt, dass man, wie in den Hamburger 
Häusern, bis unter das Dach sehn kann, und sie war ganz 
dick mit Blumen überkleidet, unter denen liegende oder schla- 
fende Statuen vorsahen. Tausend Einzelheiten will ich Euch 



Erstes öffentliches Auftreten in England. 209 

einst mündlich mittheilen, ich werde sie nicht aus dem Ge- 
dächtniss verlieren, denn mir war Alles so neu und bewunde- 
rungswürdig, dass es einen tiefen Eindruck auf mich gemacht 
hat, der sich nicht leicht verwischen kann. Dass solche Herr- 
lichkeit in unserer Zeit wirklich bestehn könnte, hatte ich 
nicht geglaubt. Es sind das keine Gesellschaften, es sind 
Feste und Feierlichkeiten." 

London, 26. Mai 1829. 

^ Als ich zur Probe meiner Symphonie in die Argyll 

rooms trat und das ganze Orchester versammelt fand, und gegen 
zweihundert Zuhörer, meistens Damen, aber lauter Fremde, 
und man erst die Symphonie von Mozart aus es probirte, um 
dann die meinige vorzunehmen, so wurde mir zwar nicht ängst- 
lich, aber sehr gespannt und aufgeregt zu Muthe; ich ging 
während des Mozart'schen Stücks in Regent Street etwas spa- 
zieren und sah mir die Leute an; als ich wiederkam, war 
Alles bereit und man wartete auf mich. Ich stieg dann aufs 
Orchester, zog meinen weissen Stock aus der Tasche, den ich 
mir ausdrücklich dazu habe machen lassen (der Riemer dachte, 
ich sei ein Alderman und wollte durchaus eine Krone darauf 
befestigen), und der Vorgeiger Fr. Gramer zeigte mir, me das 
Orchester stände, die Hintersten mussten aufstehn, damit ich 
sie sehen könne, und stellte mich ihnen Allen vor, und wir 
begrüssten uns, einige lachten wohl ein bischen, dass ein kleiner 
Kerl mit dem Stocke jetzt die Stelle ihres sonst immer ge- 
puderten und perrückten Conductors einnähme. Dann ging's 
los. Es ging für das erste Mal recht gut und kräftig und 
gefiel den Leuten schon sehr in der Probe. Nach jedem Stück 
applaudirte das ganze zuhörende Publikum und das ganze 
Orchester (das zum Zeichen des Beifalls mit den Bogen auf 
die Listrumente schlägt und mit den Füssen trampelt), nach 
dem letzten Stück machten sie einen grossen Lärm, und da 
ich das Ende musste repetiren lassen, weil es schlecht gegangen 
war, machten sie denselben Lärm wieder ; die Direktoren kamen 
zu mir an's Orchester, und ich musste herunter, eine Menge 
Diener machen, J. Gramer war ganz erfreut und überschüttete 

Die Familie Mendelssohn. I. 14 



210 Felix in England 1829. 

mich mit Lob nnd Komplimenten, ich ging anf dem Orchester 
umher und musste an zweihundert verschiedene Hände schüt- 
teln — es war einer der glücklichsten Momente meiner Er- 
innerung, denn alle die Fremden waren mir m einer halben Stunde 
zu Bekannten und zu Befreundeten umgewandelt. Der Erfolg 
nun gestern Abend im Concert war grösser, als ich ihn mir 
je hätte träumen lassen. Man fing mit der Symphonie an; 
der alte J. Gramer führte mich an's Ciavier, wie eine junge 
Dame, und ich wurde mit laut und lange anhaltendem Beifall 
empfangen. Das Adagio verlangten sie da capo, ich zog vor, 
mich zu bedanken und weiter zu gehn, aus Furcht vor Langer- 
weile ; das Scherzo wurde aber so stark noch einmal verlangt, 
dass ich es wiederholen musste, und nach dem letzten applau- 
dirten sie fortwährend, so lange ich mich beim Orchester be- 
dankte und hands shakte, bis ich den Saal verlassen hatte.* — 

Fanny an Klingemann. 

Berlin, 4. Juni 1829. 

j, Sie werden es nicht missverstehen, wenn ich Urnen 

sage, dass Felixens Erfolg mich nicht überrascht, nicht ver- 
blendet oder erschüttert hat, dass ich überhaupt, was ihn be- 
trifft, einen an Bornii'theit grenzenden Prädestinationsglauben 
habe; das Alles ist schön und gut und so ein Brief wie sein 
gestriger und Ihr heutiger ist doch eine unendliche Freude 
und eine ebensolche ist's, zu sehen, dass Sie ihn genau so 
hätscheln und verziehen, wie ich's wünsche und Sie in einem 
(wenn mir recht ist, ziemlich jämmerlichen) Briefe darum bat. 
Nun abermals eine kleine Bitte: Felix erhält mit nächster Ge- 
sandtschaftsgelegenheit ein Päckchen, kleine Sentimentalitäten 
und Entfernungsanstalten enthaltend. Sein Sie so freundlich 
und bringen es ihm selbst und sehen zu, dass es ihn in guter 
Laune antreffe, und sollte ihm gerade ein Notenschreiber oder 
eine Fliege Verdruss gemacht haben, so behalten Sie's lieber 
zurück bis auf einen besseren Tag. Ach! bester Klingemann, 
je mehr Sie seine Anwesenheit empfinden und das Leben, das 
er überall hinträgt, je mehr müssen Sie begreifen, wie wir 



Concert in Argyll Eooms. 211 

die Lücke empfinden und je mehr bitten wir, schreiben Sie uns 
recht oft, denn Ihre Briefe sind wahre Speise für die Hungrigen, 
und wie es uns krank macht, etwas Liebes von Anderen ver- 
spottet zu sehen, so ist es stärkend und erfreulich, über Ge- 
liebte Liebes zu hören, die eigene üeberzeugung sei so fest 
wie sie wolle, die fremde thut doch wohl." — 



Felix an die Familie. 

7. Juni 1829. 

„ Sonnabend sollte ich im Concert auftreten und hatte 

auf dem wildfremden neuen Clementi'schen Flügel, den mir die 
Fabrik geschickt hatte, noch nie gespielt. Ich ging in den 
leeren Saal, wo die Leute meine Symphonie aufgeführt haben 
und wo nun jeder Fusstritt stark hallte und wo ich etwas ge- 
rührt wurde ; das Piano war geschlossen ; man musste nach dem 
Schlüssel schicken, er kam aber nicht; unterdessen setzte ich 
mich an das alte graue Instrument, worauf sich die Finger 
mehrerer Generationen mögen getummelt haben, und wollte 
mein Stück sehr exercieren, verfiel aber unmerklich in sonder- 
liche Phantasieen und blieb darin so lange, bis Leute kamen, 
die mich durch üire Gegenwart erinnerten, dass ich hätte stu- 
diren sollen; aber der grosse Saal hatte mich zerstreut ge- 
macht, kurz die Concertstunde (zwei Uhr) kam und ich hatte 
nie auf dem Instrument gespielt. Ich blieb aber ganz wohl- 
gemuth und zog meinen grossen Dress an (für Beckchen'a 
Modejournal: weisse, sehr lange Beinkleider, braune seidene 
Weste, schwarze Binde und blauer Frack). Als ich aber aufs 
Orchester kam und es ganz mit Damen gefüllt fand, die im 
Saal keinen Platz mehr hatten, und nun den Saal so voll sah, 
wie noch nie seit ich hier bin, lauter bunte Damenhüte und 
sclireckliche Hitze und das unbekannte Listrument, da überfiel 
mich ein panischer Schrecken und ich hatte bis zum Augen- 
blick, wo ich vortrat, die längsten Manschetten und Mohren, 
ja ich glaube, dass ich Fieber besass; da mich selbige bunten 
Hüte nun aber gleich beim Kommen empfingen und klatschten, da 
eie selir aufmerksam still waren (was beim plaudernden Concert- 

14* 



212 Felix in England 1829. 

pnblikum hier eine Seltenheit ist) und da ich das Instrument 
sehr trefflich und leicht zu spielen fand, so verlor ich obige 
Mohren, bekam Pomade und amüsii'te mich nun prächtig, wie 
die Hüte bei jeder kleinen Verzierung sehr sich bewegten, wobei 
mir und vielen Eecensenten das Gleichniss vom Wind und 
Tulpenbeet in den Sinn kam, und wie einige Damen auf dem 
Orchester sehr hübsch waren, und wie Sir George, den ich ge- 
rührt anblickte, eine Prise nahm. Es ging ziemlich gut und 
sie machten grossen Lärm, als es aus war; auch haben 
mich die Times, die ich beim Thee des Morgens studire, sehr 
gepriesen (Paul kann mit Eietz zu Stehely gehen, wofür ich 
ihm bei meiner Eückkunft Sixpence verspreche, und daselbst 
solche Times vom Montag, 1. Juni, nachlesen). Mich freute 
es höllisch, dass mir das Publikum hier gut ist und mich 
leiden mag, und dass ich meiner Musik nun viel mehr Be- 
kanntschaften danke, als meinen Empfehlungsbriefen, die doch 
wahrhaftig kräftig und zahlreich genug waren — kurz, ich war 
sehr froh am Sonnabend und auf dem Diner, nach dem ich nun 
ging, habe ich mich betrunken, aber nur in zwei sehr bedeutend 
braunen Augen, wie sie die Welt noch nicht sah oder nur 
selten. Sie hier zu beschreiben oder zu loben ist unnöthig; 
denn wenn sie Euch gefallen, bin ich par distance eifersüchtig 
und wenn sie Euch missfallen, ärgerlich. Letzteres ist aber 
unmöglich. Die Dame neben mir hatte besagte braune Augen 
und diese sind wunderschön und heissen Luise und sprachen 
englisch und zogen sich beim Käse zurück, worauf ich un- 
mittelbar Ciaret trank, denn ich bekam nun nichts mehr zu 
sehen, sondern musste fort aufs Land, fand keinen Wagen und 
musste in der Kühle zu Fusse gehn; mir fiel manches Musi- 
kalische ein, das ich mir laut vorsang, denn ich ging einen 
Wiesenweg, wo mir kein Mensch begegnete ; der ganze Himmel 
war grau, mit einem Purpurstreif am Horizont, und die dicke 
Eauchwolke lag hinter mir. Sobald ich nur zu Euhe komme, 
sei es hier oder in Schottland, da will ich mancherlei schreiben 
und der schottische Dudelsack existirt nicht umsonst. Die Nacht 
blieb ich auf dem Lande und fuhr nun mit G. am frischen 
feuchten Morgen nach Eichmond in einem kleinen Cabriolet. 



Festlied für Ceylon. Bildergallerie. 213 

Der Weg ging über die hängende eiserne Brücke, durch Dörfer, 
an deren Häusern man statt der Weiiistöcke hochstämmige 
Rosen hinaufzieht, so dass sich die frischen Blumen auf den 
rauchigen Mauern seltsam ausnehmen. Und in Richmond, 
auf einem Hügel, der die Aussicht auf die unermessliche grüne 
Ebene hat, die mit Bäumen besäet, in der Nähe blendend, 
warm, grün und gleich darauf in einer Ferne von tausend 
Schritt blau, duftig und verschwimmend ist, und wo Windsor 
auf der einen Seite, London auf der andern in Nebel steht, da 
lagerten wir uns uud brachten unsern Sonntag sehr still und 
sehr feierlich zu. 

Ich habe einen Auftrag erhalten, über den Dir Euch todt- 
lachen werdet und der mich freut, weil er ein unicum ist und 
nur in London möglich. Ich componire ein Festlied für eine Feier, 

-die in Ceylon stattfinden wird. Die Eingeborenen sind 

vor einiger Zeit emancipirt worden und begehen den Jahrestag 
dieses Ereignisses, dazu soUen sie nun ein Lied singen und Sir 
Alexander Johnston, der Gouverneur ist, hat mir den Auftrag 
gegeben. Es ist wirklich sehr toll und komisch, ich habe zwei 
Tage lang innerlich darüber gelacht." — 

London, 19. Juni 2ö. 
^ Bilder giebt es hier, wie die Welt sie nicht gese- 
hen hat! Die Privatleute haben eben einige ihrer Schätze zu- 
sammengestellt und da siad in drei Sälen die göttlichen Gestalten 
vereinigt; ich kann Euch nicht beschreiben, wie es da aussieht. 
Rubens hat den Zinsgroschen gemalt und Tizian seine junge 
Tochter ; der alte Kerl mag sich viel dabei gedacht haben, wie 
das blonde Kind so artig und gerade dasteht und so hübsch 
nachlässig geputzt ist und einen Apfel in der Hand hält und 
eben an gar nichts denkt. Auch giebt's zwei Prachtstücke von 
Vandyck und eiue Menge Rembrandt's, Mui'ülo's, Ruisdal's und 
Claude's, dass es eüie Lust ist. Tizian hat den Ignaz Loyola 
aufgefasst, dass einem katholisch zu Muth wird, wenn man's 
ansieht, er sieht sehr finster, schwarz und ernsthaft aus dem 
Bude heraus und die Juden von Rubens süid wie losgelassene 
Bären und Wölfe. — Lebt wohl. Mittwoch spiele ich zum 



214 Felix in England 1829. 

Schrecken aller Musiker das es-dur-Concert von Beethoven, ich 
bin des trockenen Tons nun satt, muss wieder mal den Beetho- 
ven spielen. 

London, 25. Juni. 

,Ich sehne mich nach Euch! Und namentlich heute. Es ist 
Sommer und die Saison geht zu Ende; der erste Abend, den 
ich nun allein auf meiner Stube sitzen kann, drum will ich ihn 
auch anwenden, mit Euch einen Congress zu halten. Draussen 
gehen die lieute spazieren, pfeifen aus der Stummen von Portici 
und dem Freischütz und die Wagen in Regentstreet rasseln 
heftig. Ihr sitzt in den Ecken des Sophas, ich klemme mich 
in die Mitte und nun geht's los. Das Tagebuch wird ein Ta- 
geblatt und folgt auf der nächsten Seite. Aber vor allen 
Dingen: was ist Eure Meinung über das Programm zur sil- 
bernen Hochzeit im December? Schickt mir umgehend Eure 
Ideen darüber; wenn die Sache aber nicht wenigstens so glän- 
zend wird, wie Euer kaiserlicher Einzug, so sage ich mich von 
Allem los und feiere nicht mit. Eine grosse Musik mit neuen 
schottischen Compositionen , wozu Du, o älteste Otter, auch 
etwas schreiben musst, fhear, hear! cheers, hurray — Order y 
Order!) schlage ich unmassgeblich vor; auch kann Braham eine 
Arie singen und Neate ein Concert spielen etc. ; auch kann 
Nichts ohne Comödie, Maskerade, Diner und einen Ball (die 
linke Seite hear) geschehen; wenn ich auch stiUe Hochzeiten 
lobe, so müssen silberne Hochzeiten doch laut sein. Braucht 
Ihr eine Dampfmaschine dazu, so kann ich sie Euch mit der 
Gesandtschaft schicken, die Kosten sind imbedeutend, da seit 
kurzem hier eine Dampfmaschine eingerichtet ist, die Dampf- 
maschinen fabricirt; oder wollen wir einen kleinen Ostindien- 
fahrer Vätern verehren? Oder wollen wir den Hof heimlich 
chaussiren oder makadamisiren lassen? Fanny: „Hätte nur 
Einer statt der zwanzig dummen Vorschläge einen vernünftigen 
etc." Macht letzteren, Ihr Volk! Und schreibt mii' eine ordent- 
liche Uli mit a, b, c und 1, 2, 3, kurz einen systematischen 
Feierplan. Ich brüte Grosses, kaijn's Euch nur heut aber nicht 
mittheilen, denn ich bin so müde, dass Ihr mich über den Hof 



Hamletaufführung. 215 

führen und dann vom offnen Fenster wegweisen müsstet, das 
kommt aber vom Tanzen. — — 

Abends ging ich mit Rosen, Mühlenfels und Klin- 
gemann nach Coventgarden : Hamlet. Ich glaube, Kinder, dass 
Jener Recht hatte, der behauptete, die Engländer verständen 
den Shakespeare zuweilen nicht. Wenigstens diese Vorstellung 
war toll und doch spielte Kemble den Hamlet und sogar gut 
in seiner Art, leider ist diese Art aber verrückt, hebt das ganze 
Stück auf. Dass er z. B. mit einem gelben und einem schwarzen 
Bein erscheint, um Tollheit anzudeuten, dass er vor dem Geist 
auf die Knie fällt, um eine Stellung zu fischen, dass er das 
Ende jeder kleinen Phrase in dem bekannten, Beifall er- 
pressenden, hohen Tone herausstösst, dass er sich überhaupt 
beträgt, wie ein in Oxford studirender John Bnll und nicht wie 
ein dänischer Kronprinz, das möchte noch hingehen, dass er 
aber die ganze Intention vom armen Shakespeare, mit dem 
beabsichtigten Königsmorde, garnicht anerkennt und deshalb 
z. B. die Scene, wo der König betet und Hamlet währenddessen 
ungesehen erscheint und wieder, ohne entschlossen zu sein, 
weggeht (für mich eine der schönsten Stellen des Stücks), ohne 
Weiteres herausstreicht, dagegen sich fortwährend wie ein 
hravado beträgt, namentlich den König so behandelt, dass der 
ihn auf der Stelle müsste todtschiessen lassen, dass er ihm 
z. B. während des Schauspiels auf dem Theater fortwährend mit 
der Faust droht imd ihm die Worte, die er hinwerfen sollte, in's 
Ohr schreit, das ist doch unverzeihlich. Natürlich springen 
Laertes und Hamlet nicht in das Grab der Ophelia und ringen 
da, denn sie sind weit entfernt zu ahnen, was das bedeuten 
soll; und am Ende, als Hamlet hinfällt und eben gesagt hat, 
„der Rest ist Schweigen" und ich einen Trompetenstoss und 
Fortinbras erwartete, so lässt Horatio den Prinzen liegen, kommt 
eilig an die Lampen und spricht: Ladies and Genthmen^ to- 
morrow evening the deviVs elixir. — So endigte der Hamlet in 
England. Von dem, was sie auslassen oder abkürzen, könnte 
man eine Tragödie für sich machen; die Lehren des Polonius, 
der Abschied des Laertes von der Opheüa, ein halber Monolog 
des Hamlet u. s. w. kommen garnicht vor. Einzelnes gaben 



216 Felix in England 1829. 

sie aber vortrefflich, z. B. die Todtengräberscene. Der alte 
Clown machte göttlich grobe Spässe und sang sein Lied im 
Grabe sehr unmusikalisch und sehr schön, auch sang Ophelia 
im Wahnsinn einmal ganz toll; sie mui-melte während des 
Sprechens der Anderen leise eine Melodie; endlich machten sie 
das Fechten und den Rappierwechsel geschickt. Aber was 
will das sagen? Es ist wenig Poesie in England. Wahr- 
haftig." — 

London, 10. Juli 29. 

„ Was mich fast ausschliesslich in dieser Zeit be- 
schäftigt, ist das Concert für die Schlesier ; es wird der Wahl 
der Stücke nach unstreitig das glänzendste des Jahres; was 
irgend in der Saison Aufsehen erregt hat, wirkt mit, die 
meisten unentgeltlich ; viele Anerbietungen von guten performers 
haben müssen abgewiesen werden, weil es ohnehin schon bis 
den andern Tag dauern wird. Den unermesslichen Zettel schickt 
Euch Klingemann, er ist wahrlich interessant. Meine Ouvertüre 
zum Sommernachtstraum macht den Anfang, auf Begehren, und 
dann spiele ich das Doppelconcert aus E mit Moscheies. Gestern 
hatten wir in der Clementi'schen Fabrik die erste Probe, 
Mad. Moscheies und Herr Collard hörten zu, und ich amüsirte 
mich himmlisch dabei, denn man hat keinen Begriff von unsren 
Coquetterien , und wie Einer den Andern fortwährend nach- 
ahmte, und wie süss wir waren. Das letzte Stück spielt 
Moscheies ungeheuer brillant, er schüttelt die Läufe aus dem 
Aermel. Als es aus war, meinten sie Alle, es sei so schade, 
dass wir keine Cadenz machten, und da buddelte ich gleich 
im letzten Tutti des ersten Stücks eine Stelle heraus, wo das 
Orchester eine Fermate bekommt, und Moscheies musste nolens 
volens einwilligen, eine grosse Cadenz zu komponiren. Wir 
berechneten nun unter tausend Possen, ob das letzte kleine 
Solo stehn bleiben könnte, da die Leute doch applaudiren 
müssten. „Wir brauchen ein Stück Tutti zwischen der Cadenz 
und dem Schlusssolo ", sagte ich. „Wie lange Zeit sollen sie 
denn klatschen?" fragte Moscheies. „Zehn Minuten, I dare sai/"^ 
sagte ich. Moscheies handelte herunter bis auf fünf. Ich ver- 



Concertprobe für die Schlesier. 217 

sprach, ein Tutti zu liefern, und so haben vdr förmlich Maass 
genommen, gestickt, gewendet und wattirt, Aermel ä la mameluke 
eingesetzt und ein brillantes Concert zusammengeschneidert. 
Heut ist wieder Probe, da giebt's ein Musikpicnic, denn Moscheies 
bringt die Cadenz mit und ich das Tutti. Morgen um zwei ist 
die grosse Instrumentalprobe, nachher habe ich Plaisir vor. Ich 
bin nämlich in StamfordhiU, einem grasigen Dorf voll Bäume, 
Gärten und Rosen, bei einem Herrn Richmond mit vielen 
Töchtern zu Mittag und Abend; Rosen und Mühlenfels mit 
mir; da wir drei nun an demselben Ort zu Frühstück des 
Sonntags bei einem andern Bekannten sein sollen, so wurde 
gestern beschlossen, die Nacht in dem Wirthshaus des Dorfs 
zuzubringen, dann Morgens früh in's Feld zu gehen und die 
Leute durch unsere frühe Gegenwart in Staunen zu setzen, 
das wird ausgeführt, und wir werden uns als ächte Londoner 
höllisch vornehm in solcher Kneipe betragen. 

Sonnabend ist der Tag der allgemeinen Abreise nach 

allen vier Weltgegenden : Klingemann und ich nehmen den Weg 
nach Norden; Rosen geht nach dem Rhein, und Mühlenfels 
geht — nach Berlin. — Ja, ja! Der kriegt Euch eher zu 
sehn als ich. Bitte, habt ihn lieb und seid freundlich zu ihm. 
Wenn ich Euch sage, dass er mir hauptsächlich die Lücke, die 
durch das erste Alleinsein und den Mangel an vertraulicher 
Mittheilung entsteht und die durch Gesellschaften und Zer- 
streuungen nur noch grösser wird, ausgefüllt oder doch weniger 
fühlbar gemacht hat; dass ich ihm hauptsächlich das gesunde 
und frohe Gefühl verdanke, welches mich bis jetzt hier auch 
in dem grössten Lärm und Gewirr selten verlassen hat, so bia 
ich gewiss, Ihr werdet Euch freuen, wenn er hineinkommt, 
und werdet ihm auch gut sein. Er ist ein kräftiger, tüchtiger 
und aufrichtiger Kerl. Viel lustige Geschichten wird er Euch 
aus dieser Zeit erzählen, denn wü' sind reich daran und haben 
uns vorgenommen, uns in den wenigen Tagen, die wir noch 
zusammen bleiben, recht an einander zu freuen. Neulich gingen 
wir drei von einem höchst diplomatischen Diner bei Bülow 
zurück und waren satt an fashionablen Speisen, Gesprächen 
und Thaten. Da kamen wir bei einem appetitlichen Wurst- 



218 Felix in England 1829. 

laden vorbei, in welchem German samage für two pence aus- 
gestellt war; der Patriotismus überkam uns, Jeder kaufte sich 
eine lange Wurst, wir flüchteten uns in die weniger belebte 
Portlandstreet und verzehrten da unsern Einkauf, indem wir 
vor Lachen kaum die dreistimmigen Lieder begleiten konnten, 
die Mühlenfels im Bass anstimmte. Beide Professoren hatten 
ihre Vorlesungen denselben Tag geschlossen und brauchten also 
nichts zu fürchten. Rosen wird zu Zeiten ganz wild." 

Das Jahr 1829 zeichnete sich durch Unglücke mannigfacher 
Art in Folge elementarer Ereignisse aus. Namentlich die 
Danziger Gegend und Schlesien waren schwer heimgesucht. 
Nathan, der jüngste Sohn Moses Mendelssohn's, der in Schlesien 
lebte, hatte über die dort herrschende Noth an seinen Bruder 
Abraham geschrieben, und dieser Felix in London davon Mit- 
theilung gemacht. Das wui'de die Veranlassung des Concerts 
für die Schlesier, von dessen Probe oben die Rede war, und 
dessen Erfolg Felix in folgendem Brief an Nathan beschreibt: 



London, den 16. Juli 29. 

„Lieber Onkel! Es ist lange her, dass ich Dir nicht 
geschrieben habe. Um so mehr freue ich mich, die Gelegen- 
heit jetzt ergreifen zu können, um Dir Angenehmes und Tröst- 
liches zu melden. Deine Landsleute haben Deinem Briefe an 
meinen Vater, worin Du das Unglück durch V^^olkenbruch und 
Ueberschwemmung beschreibst, eine sehr beträchtliche Unter- 
stützung zu danken, die in wenigen Wochen auf offiziellem 
Wege dort anlangen wird. Ich kann Dir nicht sagen, wie 
herzlich lieb es mir ist, dass sie es zunächst Deinem Schreiben 
schuldig sind, und dass ich auch Gelegenheit hatte, dazu be- 
hülflich zu sein. Es verhält sich so mit der Sache: Die Sontag 
hatte auf vieles Zureden versprochen, im Mai ein Concert für 
die Danziger zu geben, es schien ihr aber die Lust zu fehlen, 
denn sie verschob es auf den Juni, dann auf den Juli, und 
endlich, da ihr Benefiz so schlecht ausfiel, dass sie noch Geld 
zusetzen musste, gab sie es gänzlich auf; mir that es leid, ich 



Concert für die Schlesier. 219 

ging mehreremal zu ihr, sprach mit ihrem komme d^ affaires und 
ihrer Gesellschaftsdame (denn sie ist ordentlich von einem 
kleinen Hofstaat umgeben, und man wii'd selten vorgelassen), 
beide erldärten sich aber so entschieden dagegen und wurden 
am Ende so unhöflich, dass ich fortging, mit dem Vorsatz, nie 
wieder zu kommen. Tags darauf erhielt ich den Brief meiner 
Eltern mit der Abschrift des Deinigen, und ich weiss nicht, 
wie es kam, aber ich schwor mir zu, es sollte und müsste 
nun gehn und das Concert müsse gegeben werden. Mir kam 
dabei in den Sinn, wie Du mir einmal Geld liehest für den 
Ealgentreter an der Orgel in Eeinerz und es nicht wieder- 
nehmeu wolltest; wie Du erst sagtest, meine Musik habe Dir 
für acht Groschen Vergnügen gemacht, und nachher ernsthaft 
zusetztest, wenn ich mir durch mein Spiel mal was verdienen 
könnte, möchte ich's an die Armen geben. Auch wie wir so 
vergnügt damals zusammen gewesen sind und vieles Andre 
kam mir in den Sinn, und ich lief sogleich zur Sontag, liess 
mich nicht abweisen, weigerte mich, den homme d'affaires und 
die Dame zu sprechen, setzte ihr sehr arg zu, versicherte, sie 
müsse nun ein Concert geben, da es in der Staatszeitung ge- 
standen habe, und die Schlesier hätten es nöthiger als die 
Danziger, kui^z, sie entschloss sich, es zu unternehmen. Nur 
sie mit ihi-en ausgebreiteten Connexionen, bei ihrer Beliebtheit 
unter allen Ständen konnte es wagen, den Engländern in einem 
Augenblick, wo das Elend in London entsetzlich gross ist und 
wo man nicht weiss, wie es zu erleichtern oder ihm abzuhelfen 
sei, ein Concert fiir fremde Verunglückte anzukündigen. Alles 
war dagegen; die Musiker prophezeiten, zumal bei dem vor- 
gerückten Sommer, einen leeren Saal, benahmen sich zum Theil 
sehr kalt und unfreundlich, machten auf die Kosten aufmerk- 
sam, die man nicht herausbringen würde ; ich trieb aber immer- 
fort; es \vurde angezeigt; eine Menge hoher Herrschaften 
nahmen die Patronage an, alle ausgezeichneten Sänger mussten 
schon honoris causa umsonst singen, viele Instrumental- Spieler 
hatte die Sontag sich verpflichtet, viele thaten es mir zu Ge- 
fallen, kein Name, der nur liegend in der Saison geglänzt hatte, 
fehlte auf dem Programm, und auf einmal war die Sache 



220 Felix in England 1829. 

fasJiionalle. Von nun an war der gute Ausgang entscMeden, 
die ganze Stadt sprach davon. Als icli eine Stunde vor dem 
Anfang des Concerts am vorigen Montag vor den Argyll rooms 
(die der Besitzer gleichfalls umsonst gab) vorbei kam und die 
Menschenmasse sah, die mit ihren fremden Gesichtern hinein- 
strömte und sich drängte, als ich dann später aufs Orchester 
ging und das ganze Orchester mit schönen, geputzten Damen 
besetzt, alle Logen gefüllt, die Vorsäle sogar voll Menschen 
fand, so war mir unbeschreiblich froh und freudig zu Muthe, 
und es that mir nur leid, dass man hier keinen grössern Con- 
certsaal hat, denn an hundert Menschen mussten abgewiesen 
werden. Es sind zwischen 250 und 300 Guineen eingekommen, 
die dem preussischen Gesandten hier übergeben und durch ihn 
nach Schlesien geschickt werden. Wie die Sache entstanden 
sei, konnten sich die Engländer nicht erklären. Auf dem Zettel 
stand, die Sontag hätte von vielen hohen Personen in ihrem 
Vaterlande Brief und Aufforderung erhalten: das warst Du. 
Die Times merkten gar, dass der König von Preussen sich an 
die Sontag gewendet habe: das warst wieder Du. Bei den Ein- 
ladungen an die Patronages wurden lebhafte Beschreibungen 
der Verwüstungen beigelegt, wörtlich in's Englische übersetzt, 
aus dem Bericht eines Augenzeugen: das warst Du auch. Mit 
einem Wort, es ist in die Trompete ganz gehörig gestossen 
worden, und es ist geglückt. Das Concert war unstreitig das 
beste im ganzen Jahi-e; zu einer Arie war nicht Zeit; die 
vielen Sänger konnten nur in Quartetten u. dergl. verwendet 
werden, und dennoch dauerte es beinah vier Stunden. Die 
Sontag hat sechs Mal gesungen, Drouet flötete, Moscheies 
spielte ein Concert für zwei Claviere von meiner Composition 
mit mir, meine Ouvertüre zum Sommernachtstraum kam auch 

vor etc. etc. 

Genug davon; das Beste ist, dass es gewesen und voll 
gewesen ist. Bitte, lieber Onkel, schreib mir einmal ein paar 
W^orte; mein Vater wird sie mir schon nach dem schottischen 
Hochlande, wohin ich in ein paar Tagen gehe, zukommen 
lassen. Lass mich von Dir wissen, und von allen den Deinigen, 
wie Ihr lebt und ob Arnold noch immer Lust und Liebe zur 



Concert für die Schlesier. Edinburg, 221 

Musik zeigt und ausbildet. Grüss sie mir Alle recht herzlich 
und bleibe mir gut. Lebe wohl. 

Dein 
Felix Mendelssohn Bartholdy. 

P. S. Nimm nicht übel, dass in dem Briefe eigentlich nichts 
steht, als Concert und wieder Concert. Es ist das Neueste 
und hat mich so lebhaft beschäftigt, und wess das Herz voll 
ist etc. Seit dem Anfang der Geschichte habe ich mich dar- 
auf gefreut, Dir diesen Brief schreiben zu können. Da ist 
er nun." 

Auch die Briefe an die berliner Familie sind voll davon. 
Folgende Episode soll nicht unerwähnt bleiben: 

17. Juli 29. 

„ Das Concert für die Schlesier war prächtig, das 

beste in der Saison; Damen guckten hinter den Contrabässen 
hervor, als ich aufs Orchester kam, Hessen mich Johnston's 
Ladies rufen, die zwischen die Fagotten und das Basshorn 
gerathen waren, und fragten mich, ob sie da wohl gut 
hören könnten; eine Dame sass auf einer Pauke, die Eoth- 
schild und die K. Antonio campirten auf Bänken im Vorsaal, 
kurz, die Sache war äusserst brillant." 

Edinburg, 28. Juli 29. 

„In Edinburg ist es Sonntag, wenn man eben ankommt; 
da geht man denn über die Wiesen auf zwei höllisch steile 
Felsen zu, die Arthur's Sitz heissen, und klettert hinauf. Unten 
gehn die buntesten Menschen, Frauen, Eünder und Kühe im 
Grün herum, weit umher breitet sich die Stadt aus, wo in 
der Mitte die Burg wie ein Vogelnest am Abhang steht, über 
die Burg hinweg seht Ihr Wiesen, dann Hügel, dann einen 
breiten Fluss, über den Fluss hinweg wieder Hügel, dann 
kommt ein ernsterer Berg, auf dem Stü'lings Gebäude er- 
scheinen, das ist schon blaue Ferne, dahinter steht ein 
schwacher Schatten, den sie Ben Lomond nennen. Alles das 
ist aber nur die eine Hälfte von Arthur's Sitz; die andi-e ist 



222 Felix in England 1829. 

einfach genug, es ist die hohe, blaue See, unermesslich weit, 
bedeckt mit weissen Segeln, schwarzen Dampfschornsteinen, 
kleinen Insekten von Kähnen und Böten, Felsinseln und der- 
gleichen. Was soll ich's beschreiben? Wenn der liebe Gott 
sich mit Panoramen malen abgiebt, so wird's etwas toll. Wenige 
Schweizer Erinnerungen können dies schlagen, es sieht Alles 
60 ernsthaft und kräftig hier aus, es liegt Alles halb im Duft 
oder Rauch oder Nebel; dazu ist gar morgen ein Wettstreit 
der Hochländer auf der Bagpipe^ und so kamen Viele m üirem 
Anzug aus den Kirchen, führten ihre geputzten Mädchen sieg- 
reich am Arm, sahen stattlich und wichtig in die Welt hiuein; 
mit den langen, rothen Barten, den bunten Mänteln und Feder- 
hüten, den nackten Knieen und ihre Sackpfeife in der Hand, 
gingen sie ganz ruhig vor dem halbzerstörten grauen Schloss 
auf der Wiese vorbei, wo Maria Stuart glänzend gelebt hat 
und wo sie Rizzio hat ermorden sehn. Es kommt mir vor, 
als ginge die Zeit sehr schnell, wenn ich soviel Vergangenheit 
neben der Gegenwart vor mir habe. 

Es ist aber hier schön ! Abends weht kalte Luft von der 
See her, und dann sehn alle Gegenstände höchst scharf und 
klar aus, schneiden sich gegen den grauen Himmel deutlich 
ab, die Lichter aus den Fenstern blinken sehr hell, imd so 
war es gestern, als ich mit Herrn Ferguson, einem Edinburger 
friend of mine, an den mich Herr Droop, ein Londoner frimi 
of mine, empfohlen hat, die Strassen auf- und abging und mir 
auf der Post Euren Brief vom loten holte, den las ich mit 
besonderem Behagen auf Princes' Street in Edinburg mir durch. 
In Edinburg ein Brief vom Taxus her aus der Leipziger Strasse ! 
— Ebenso behaglich war es mir, als ich heut in die See hin- 
einschwamm und nun ein paar Augenblicke allein im Meer 
mich herumtrieb und dabei dachte, wie genau wir doch eigent- 
lich mit einander bekannt wären, und doch steckte ich tief im 
schottischen Meer, das sehr salzig schmeckt, Dobberan ist 
Limonade dagegen. 

Ob ich Sir Walter Scott hier sehn werde, ist, obwohl ich 
einen Brief an ihn von einem seiner genauen Freunde aus 
London habe, noch ganz ungewiss, doch hoffe ich's, meistens 



Edinburg. 223 

tun von Dir, liebe Mutter, nicht gar zu sehr ausgescholten zu 
werden, wenn ich, ohne den Hon gesehen zu haben, wieder- 
komme. Auch den Blumensamen kann ich erst nach der Reise 
besorgen, ich schäme mich ordentlich, ihn nicht geschickt zu 
haben, statt Scheeren, Nadeln und dergleichen, aber man ver- 
gisst am Ende in London wirklich, dass eine Natur in der 
Welt ist, und sowie man fest, kalt und menschengleichgültig 
da wird, beim Feuerlärm nur aus dem Fenster nach der Flamme 
aussieht, aber ruhig weiterschläft, wenn sie nicht in der Nähe 
scheint, so fällt es auch Keinem ein, dass Blumen zur Welt, 
oder gar Samen zu den Blumen gehören, man riecht daran, 
steckt sie in's Knopfloch und vergisst sie. — 

Die Hochlandsfahrt geht so : über Stirling, Perth, Dunkeid 
und die Wasserfälle nach Blair Atholl; von da zu Fuss über 
die Berge nach Inverary, nach Glencoe, der Insel Staffa und 
der Insel Isla; hier wird ein Paar Tage geblieben, weil mir 
Sir Alexander Johnston noch ein Empfehlungsschreiben an Sir 
Walter CampbeU nachgeschickt hat, den Herrn, Besitzer und 
Tyrannen der Insel, den ein Wort von Johnston zähmt und 
zum Führer macht. Von da den Clyde hinauf nach Glasgow, 
dann nach Ben Lomond, weil es mit Loch Lomond die Hoch- 
lands lions sind, nach Loch Earn, Ben Vorlich, Loch Katrin, 
dann heraus nach Cumberland. Was soU ich weiter erzählen ? 
— Die Zeit und der Raum gehen zu Ende und Alles läuft 
wieder auf den Refrain hinaus: wie freundlich die Menschen 
und wie freigebig der liebe Gott in Edüiburg sind. Auch sind 
die Schottländerüinen zu beachten, und wenn Mahmud Vaters 
Bath befolgt und ein Christ wird, so werde ich an seiner 
Statt ein Türke und lasse mich in der Nähe hier nieder." — 



Edinburg, 30. Juli 1829. 
Ihr Lieben! 
„Es ist jetzt Nachts spät und heut war mein letzter Tag 
in dieser Stadt; morgen früh gehen wir nach Abbotsford zu 
Sir Walter Scott, übermorgen in die Hochlande. Die Fenster 



224 Felix in England 1829. 

stehen offen, denn es ist schön Wetter und Sternhimmel, 
Klingemann schreibt neben mir in Hemdsärmeln; so weit die 
Scene. 

Der Euch den Brief bringt, das ist ein junger Mann, 
J. Thompson, der mir hier viel Freundlichkeit erwiesen hat 
und mit dem ich oft und gern mich bei einem gemeinschaft- 
lichen Bekannten traf. Ich bitte Euch herzlich, ihm die grosse 
Unbequemlichkeit seines Aufenthaltes zu erleichtem, soweit es 
geht; er spricht leider weder Deutsch noch Französisch, Ihr 
müsst also mal thun, als ob Ihr in Edinburg wäret und drauf 
los Englisch konversiren durch Dick und Dünn. Er liebt die 
Musik sehr, ich kenne von seiner Composition ein hübsches 
Trio und Gesangstücke, die mir ganz gut gefallen haben, und 
er unterzieht sich der Unannehmlichkeit, nach einem Lande 
zu gehen, dessen Sprache er nicht kennt, nur um sich an dem 
Guten, was wir dort haben, zu ergötzen. Ich bitte Euch um- 
somehr, ihm recht freundlich zu sein, und glaube umsomehr, 
dass Ihr meine Bitte erfüllen wollt, da ich nun aus Erfahrung 
weiss, wie tröstlich es ist, in der Fremde zuvorkommend und 
herzlich empfangen zu sein und da das namentlich einem Eng- 
länder fast unentbehrlich ist, der den grössten Unterschied 
zwischen seinem abgeschlossenen Land und einem fremden 
stündlich fühlen muss, den daher jede Ausgleichung doppelt 
freut und der gewohnt ist, Fremde in seinem Wohnort gast- 
frei aufzunehmen. 

Zeigt ihm, was ihn interessirt und was ihm gefallen kann; 
Fanny mag ihm viel vorspielen, er muss ihre Lieder von Beck- 
chen performed hören, gebt Ihm einen guten Begriff von der 
Musik abroad; Vater tadelte mich einmal in Paris, dass ich 
gegen Fremde nicht freundlich genug sei und, ich glaube, mit 
Recht. Aber ich habe den Fehler abgelegt, seit ich von Euch 
entfernt bin; man lernt es da schätzen. Drum habe ich ihm 
auch die Briefe nach Berlin angeboten, um die er mich nicht 
bat; setzt Ihr nun weiter fort. 

In der tiefen Dämmerung gingen wir heut nach dem 
Palaste, wo Königin Maria gelebt und geliebt hat; es ist da 
ein kleines Zimmer zu sehen, mit einer Wendeltreppe an der 



Besuch bei Walter Scott. 225 

Thür ; da stiegen sie liinanf iind fanden den Rizzio iin kleinen 
Zimmer, zogen ihn heraus, und drei Stuben davon ist eine 
finstere Ecke, wo sie ihn ermordet haben. Der Kapelle daneben 
fehlt nun das Dach, Gras und Epheu wachsen viel darin, und 
am zerbrochenen Altar wurde Maria zur Königin von Schott- 
land gekrönt. Es ist da Alles zerbrochen, morsch und der 
heitere Himmel scheint hinein. Ich glaube, ich habe heut da 
den Anfang meiner Schottischen Symphonie gefimden. Nun 
lebt wohl." — 

Klingemann schreibt: 

Abbotsford, 31. Juli 29. 
Staunendste! 

„Unt^r uns schnarcht der gTOSse Mann — seine Doggen 
schlafen und seine gewappneten Eitter wachen — es ist 12 
Uhr und die süsseste Geisterstunde, die ich je erlebt, denn 
Miss Scott bereitet die göttlichste Marmelade — die Bäume 
des Parks rauschen — die Wellen des Tweed flüstern dem 
Barden die Geschichten der Vorzeit und das Geheimniss der 
Gegenwart — und Harfentöne, von zarter Hand geg-riffen, klingen 
dazwischen in's fi'emde, alterthümliche Gemach hinein, in das 
der Gefeierte uns gelagert, — mit walirerem Hochgeschmack 
ist überhaupt nie ein Brief begonnen worden und auf Europa 
wird sehr herabgesehen. Schon wie mr heut Morgen fünf und 
dreiviertel Uhr aus Edinburg schlaftrunken abfuhi-en, tönte es 
närrisch um uns herum — die Stage war schon in Bewegung 

— ich voran ihr nach — ein Eckensteher — immer ein 
Highlander hier — brachte sie zum Stehen nnd rief mit Eifer: 
Run my man^ run my man, ü wonH wait! Was bedeuten denn 
ferner vierzig Meilen, wenn man dabei die Quellen des Nil 
entdeckt? Wir waren in Melrose, Felix fuhr nach Abbotsford, 

— ich blieb zurück, als einer ohne letter of Introduction, der 
nachkommen könne, wenn der Walter den Andern durchaus 
nicht fahren lassen wollte. Melrose Abbey ist eine Ruine voll 
Erhaltung und Unterhaltung, der König David (von Schott- 
land) und der Zauberer Scott (Michael, nicht Walter) sind da 
in Stein und die ganze Gegend ist von Sagen und alten Feen- 
reigen durchwoben — Thomas tJie Rymer und die Feenkönigin 

Die Familie Mendelssohn. I. 15 



226 Felix in England 1829. 

haben im dimkelii Glen, etwas weiter hinauf, Tänze gehalten, 
und sogar im Kastellan springt noch was davon, wenn er wie 
ein Gems auf die höchsten Pfeilerruinen klettert. Man wird 
80 hungrig in solchen Ruinen, die einem dui'ch Kontrast 
zuletzt sehr die Gegenwart auf die Nase stossen, dass ich mich 
in die Kneipe zurückzog zu Brot und Käse und Ale und einer 
Zeitung — so lag ich geniessend und ruhend auf dem Sopha 
— da kam die Kutsche zui'ück, man stüi^mte in unser Zimmer ; 
ich dachte nur an Felix und sagte Skurriles. Da unterschied 
ich einen ältlichen Mann: Sir Walter! rief ich aufspringend 
und fügte erröthend, entschuldigend hinzu: Nur ähnliche Kupfer- 
stiche entschuldigen ähnliche Vertraulichkeit! y^Nemr mind!"" 
so erwiderte er, der so sehr als breit veiTufene, kurz, — 
„werther zukünftiger Parnassbruder und Historien Romancier, 
ich freue mich Ihi*er Begegnung: Ihr Freund hat mir schon 
und schön auseinandergesetzt, was und wieviel Sie alles noch 
schreiben werden, wo nicht geschrieben haben!" Dabei wurden 
Hände aus- und wieder eingeschwenkt, und wir Alle zogen im 
überseligen Taumel nach Abbotsford. Noch heute Abend schrieben 
Felix und ich Töne und Verse in ein grosses Stammbuch mit 
Zittern, ich Folgendes: 

Hohe Berge steigen himmelaufwärts 
Und die Moore liegen rabenschwarz dazwischen, 
Felsen, Schluchten, Schlösser, Trümmer reden von 

uralter Vergangenheit, 
Und sinnverwirrend umrauscht es die Neuen, 
Die davon träumen, ohne es zu verstehn, — 
Aber an den Pforten des Landes wohnt Einer, 
Der, ein Weiser, der Räthsel kundig ist 
Und der alles Alte neu an's Licht bringt — 
Nun ziehen die Frohen 
Und rauschen und lauschen 
Und reisen und weisen, 
Verstehen imd sehen 

Die Felsen und Schluchten und Schlösser und Trümmer. — 
Der Weise aber hebet noch immer die Schätze 
Und münzt sie ein in goldne, klingende Batzen! 

Dies zum Andenken von etc. etc. 



Im Hochland. 227 

Nachschrift von Felix: „Klingemann lügt obea wie 
gedruckt Wir fanden Sir Walter Scott im Begriffe, Abbots- 
ford zu verlassen, sahen ihn an wie ein neues Thor, fuhren 
achtzig Meilen und verloren einen Tag um eine halbe Stsmde 
unbedeutender Conversation, Melrose tröstete wenig, wir ärgerten 
uns über grosse Männer, über uns, über die Welt, über Alles. 
Der Tag war schlecht. Heut war ein Tag!! Wir haben des 
gestern vergessen und lachen darüber." 



Felix: 

Blair Atholl, 3. August, 

„Heut ist der trübste, ti*aurigste Regentag. Aber wir 
helfen uns, so gut es geht. Das ist freilich schlecht genug. 
Granz durchnässt ist Erde und Himmel, imd Regimenter von 
Wolken ziehen noch in Reih' und Glied heran. Greatem war 
ein wunderschöner Tag; wir gingen von Felsen zu Felsen, 
viel Wassei^älle, schöne Thäler mit Flüssen, dunkler Wald 
und Haide mit rothem Kraut ; wir fuhren im offenen Einspänner 
des Morgens und gingen später einundzwanzig (englische) 
Meilen zu Fuss. Ich zeichnete sehr viel und Klingemann kam 
auf den göttlichen Gedanken, der Euch gewiss grosse Freude 
geben wird, an jeder Stelle, die ich zeichnete, einige Zellen in 
Knittelversen zu entwerfen, und das haben wir denn auch 
gestern und heut ausgefiihrt. Es geht ganz prächtig, er hat 
schon wundemiedliche Sachen gedichtet. 



Abends 3. August, an der Tummelbrücke. 

Wilde Wirthschaft. Der Sturm heult, saust und pfeift 
draussen hin und her, schlägt unten die Thüren zu und die 
Fensterladen auf, ob der Wasserlärm vom Regen oder dem 
reissenden Schaumstrom herkommt, kann man nicht wissen, 
weil beide zusammen wüthen ; wü' sitzen hier ruhig am Kamin- 
feuer, das schüre ich von Zeit zu Zeit an, dann flackert es auf; 

15* 



228 Felix in England 1829. 

übrigens ist der Saal gross und leer, an einer Wand tröpfelt's nass 
herunter; der Fussboden ist dünn, da hallt das Gespräch aus 
der Knechtstube unten herauf, die singen betrunkene Lieder 
und lachen ; dazu Hundebellen, zwei Betten mit purpurnen Vor- 
hängen, an unsern Füssen statt der englischen Pantoffeln 
schottische Holzschuh, Thee mit Honig und Kartoffelkuchen, 
eine enge, gewundene Holztreppe, auf der uns die Magd mit 
Schnaps entgegenkam, trostloser Wolkenzug am Himmel, und 
trotz alle des Wind- und Wasserlärms, trotz des Knecht- 
gesprächs und Thüi'klappens ist es still! Still und sehr ein- 
sam ! Ich möchte sagen, dass die Stille durch den Lärm durch- 
klingt. Eben geht die Thür von selbst auf. Es ist Hoch- 
landsschenke. Die kleinen Jungen mit dem Plaid und den 
nackten Knieen und bunten Mützen, der Aufwärter im Tartan, 
alte Leute mit Zöpfen sprechen alle unverständlich Gaelisch 
durcheinander. Das Land ist weit und breit dick bewachsen 
und belaubt, von allen Seiten stürzen reiche Wasser unter den 
Brücken vor, wenig Korn, viel Haide mit braunen und rothen 
Blumen, Schluchten, Pässe , Kreuzwege, schönes Grün überall, 
tiefblaues Wasser, aber alles ist ernst, dunkel, sehr einsam. 
Was soll ich's beschreiben? Fragt Droysen danach, der kennt 
es besser und kann es malen, wir haben uns immer Zeilen 
seines „Hochlands" hergesagt. Lieber Droysen, woher kennst 
Du Schottland? Es ist so, wie Du sagst. — 

Ich lese heut Abend noch in den Flegeljahren, denn die 
gehn mit, und die Schwestern gucken mich sonderlich an. *) 
Hensel hat's los, er kann Gesichter sehen und festhalten. Aber 
das Wetter ist trostlos. Ich habe mir eine eigne Manier zu 
zeichnen dafür erfunden, und habe heut Wolken gewischt und 
graue Berge gemalt mit dem Bleistift; KHngemann reimt mun- 
ter und ich führe im Regen weiter aus." 



*) Die Schwestern hatten Felix nach England die Jean Paul- 
schen Flegeljahre, sein Lieblingsbuch, geschickt, in das Hensel sio 
als Titelblatt gezeichnet hatte. 



Auf den Hebriden. 229 

Klingemann: 

Gegeben in den Hebriden, am 7. A.ug, 

„Die Jugend von Tobermory, der Hauptstadt der Insel 
Mull, lärmt vergnüglich am Hafen, das atlantische Meer, in dem 
sich reichlich Wasser zu befinden scheint, liegt ganz still vor 
Anker, gleich unserm Dampfschiff, wir sind in ein respektables 
Privathans einquartiert und stiften nnserm Tagwerk gern ein 
erquicklich Denkmal , indem wü-, gleich Napoleon , nnsre Armee- 
bülletins immer nur von bedeutenden Punkten aus erlassen. 
Ordentlich reizend ist's hier, ich habe von jeher die Hebriden 
mit den Hesperiden verwechselt und das macht's, — fanden 
sich auch die Orangen nicht an den Bäumen, so lagen sie doch 
im Whisky-Punsch. — Gestern zogen wir bergauf, bergab, der 
Karren meist zur Seite und wir nebenhersteigend, durch Haiden 
lind Moore und Pässe aller Art, — die Natur hat hier so sehr 
für Letztere gesorgt, dass das Gouvernement weiter garkeine 
fordert, — unter Wolken nnd im dichten Staubregen dnrch's 
Hochland, räucherige Hütten klebten auf Abhängen, hässliche 
Weiber schauten durch die Fensterlöcher, Viehheerden mit 
Bob Roy's sperrten zu Zeiten unsern Lauf, gewaltige Berge 
steckten bis auf die Kniee, im Hochlandskostüm in den Wolken 
imd guckten wohl oben wieder heraus, — man sah aber manch- 
mal wenig. Gestern Abend spät aber fielen wir ganz unverhofft 
wieder in einige Kultui-, nämlich in eine Strasse, aus der das 
Fort William besteht, und heute Morgen warfen wir uns der 
neuesten, nämUch dem Dampf, in die Arme, waren wieder 
unter vielen Menschen und schlürften Sonnenschein mit Meer- 
grün, weite Seelinien, die Felsen in bescheidener Entfernung, 
gute Kost und mancherlei Gesellschaft, ein neuer Freund er- 
zählt uns gleich, wie das junge Ehepaar dort seinen Eoney- 
moon verreise, und wie er sie auf dem Ben Lomond, kurz nach 
der Hochzeit, einen Scotch Reel hätte tanzen sehen, die Braut 
mit Abschiedsthränen in den Augen, — am Hafen von Oban 
steht Bruce's Felsen, wo er irgend eine That verrichtet, — 



230 Felix in Ecgland 1829. 

der Laird Mac Donald geht mit seinen Damen nach seinem 
Hanse, einem neuen, das hinter den Ruinen des alten Castle's 
steht und worin noch eine silberne Broach von Bruce auf- 
bewahrt wird, — unser Edinburger Freund, der Seekapitain 
Nelson, mit dem wir auf dem Schuf zusammentreffen, und Eand% 
shdkm erzählt wunderliche Geschichten darüber, wie diese 
Reliquie verloren gewesen und theuer wieder erkauft sei, — 
sie sei einmal geraubt mit anderen Sachen und habe sich zu- 
letzt im Besitz einer Dame gefunden, die von Rob Roy 
abstamme." 



Glasgow, 10. August. 

„Da liegen wieder Meere dazwischen, an jenem 7ten 
musste Ruhe gesammelt werden, um am nächsten Morgen um 
fünf Uhr wieder in See zu stechen. Wenn man, wie wir jetzt, 
im besten Wirthshause einer Handelsstadt von hundertsechzig- 
tausend Einwohnern sitzt, die eine Universität und Kattun- 
fabriken hat und Kaffee und Zucker aus der ersten Hand, so 
schaut man mit Behagen auf erlittenes Ungemach zurück, — 
die Hochlande und das Meer brauen sich aber Nichts wie 
Whisky und schlecht Wetter. Hier ist's anders und glatt, aber 
comfortable; mit blauem Himmel über sich und gutem Soplia 
unter sich, geniessbaren Victualien vor sich und dienstbaren 
Geistern um sich bietet man aUen Gefaliren Trotz, besonders 
aber den überstandenen. Am besagten frühen Morgen wui'deu 
die angenehmen Dampfpersonen, die zuerst mit lauter Oel- 
blättem auf uns zugeflogen waren, immer niedriger, je tiefer 
der Barometer fiel und je höher die See ging. Das that näm- 
lich die Atlantische — das reckte seine tausend Fülilfädeii 
immer ungeschlachter und quiiite immer mehr — die Schiffs- 
regierung behielt ihr Frühstück fast allein, denn AVenige ver- 
mochten die Tassen zu handhaben, und überhaupt fielen die 
Ladies um wie die Fliegen, und ein und der andre Gentleman 
that's ihnen nach ; ich wollte, mein Reisepechbruder wäre nicht 
unter ihnen gewesen, aber er verträgt sich mit dem Meere 



Auf den Hebviden. 231 

besser als Künstler, denn als Mensch oder als Magen; zwei 
hübsche kalte Töchter eines hebridischen Aristokraten, auf die 
Felix wüthen mag, blieben allein mhig oben sitzen und machten 
sich nicht einmal viel ans der Seekrankheit ihrer Mutter ; noch 
sass eine zweiundachtzigjährige Frau gelassen an der Dampf- 
maschine und wärmte sich im kalten Winde. Die Frau hat 
mich sechsmal gerührt und siebenmal geärgert — sie wollte 
Staffa noch sehen vor ihrem Ende. Staffa, mit seinen närrischen 
Basaltpfeilern und Höhlen, steht in allen Bilderbüchern; wir 
wurden in Böten ausgesetzt und kletterten am zischenden 
Meere auf den Pfeüerstümpfen zur sattsam berühmten Fingals- 
höhle. Ein grüneres Wellengetose schlug allerdings nie in 
eine seltsamere Höhle — mit seinen vielen Pfeilern dem Innern 
einer ungeheuren Orgel zu vergleichen, schwarz, schallend und 
ganz, ganz zwecklos für sich allein daliegend — das weite 
graue Meer darin und davor. Da kletterte mühsam die alte 
Frau hart am Wasser, sie wollte doch noch vor ihrem Ende 
die Höhle von Staffa gesehen haben. Sah sie auch. Wir 
Anderen kehrten im kleinen Boot zum Dampfschiff, zum un- 
erquicklichen Steam-Duft zurück. Beim zweiten Boot, was 
ankam, sah ich erst, wie wahr Theater in Opern das Auf- und 
Abschwanken eines Kahns, in dem der Geliebte die Werthe 
aus einiger Noth errettet, darzustellen vermögen. — Es ge- 
währte einigen Trost, dass die beiden vornehmen Gesichter 
doch blass geworden waren, so sah ich's durch meinen schwarzen 
Brill. Aber die zweiundachtzigjährige Alte sass auch darin 
und zitterte, das Boot schwankte, mit Mühe hob man sie 
heraus — sie hatte doch vor ihrem Ende Staffa noch gesehen ! 
Das Vergnügen wurde immer ernsthafter, da wo gestern nett 
conversirt war, wurde mehr geschwiegen heute, der blanke 
Mohr, der auf dem Verdeck sass und mit Tambourin und Wald- 
pfeife den Jägerchor im Atlantischen vortrug, wenn er nicht 
rauchte, und der Abends pfeifend die Jugend von Tobermory 
mit sich henunzog, war dort geblieben; der gelbe Mulatten- 
koch, dessen gleissendes Calibansgesicht wir gestern mit Jubel 
zwischen Kesseln und Heringen und Zugemüse hatten herum- 
hantieren sehen, briet heute alten Schinken und brachte mit 



232 Felix in England 1829. 

diesem Grernch einzelne leidende Seefalirer zui* Verzweiflung, 
wo nicM zu was Schlimmerem; die noch lebenden Passagiere 
verschworen sich gegen den Kapitän, der dem Sir James zu 
Grefallen den alten längeren Weg zuiiick nehmen wollte, statt 
auf einem kürzeren um Jona hemm nach Oban zu gehen. 
Jona, eine von den Hebridenschwestern, klingt doch wohl sehr 
ossianisch und weichmüthig, und es ist was dran — sitze ich 
mal in einer toll- vollen Assemble'e mit Musik und Tanz und 
ich habe Lust, mich in die ödeste Einsamkeit zu begeben, so 
denke ich an Jona, woselbst die Ruinen einer Cathedrale, 
die mal geglänzt hat, die Reste eines Nonnenklosters und die 
Gräber der alten schottischen Könige und älterer nordischer 
Seefürsten sind ; auf manchen Denksteinen sind zwischen groben 
Verzierungen Schiffe ausgehauen. Wohnte ich aber gar auf 
Jona und lebte dort von Melancholie, wie Andre von ihren 
Renten, so wäre mein dunkelster Augenblick der, wo ich im 
weiten Räume, der Nichts fiihrt als Klippen und Möven, mit 
einem Male einen Schnörkel von Dampf sähe, dann das Schiff 
selber und zuletzt eine bimte Gesellschaft in Schleiern und 
Fräcken heranträte, sich eine Stunde lang die Ruinen und die 
Gräber und die di'ei kleinen Hütten für die Lebendigen ansähe 
und dann wieder davon zöge — und dieser höchst unmotivirte 
Spass sich nun wöchentlich zweimal erneuerte, als das Einzige 
beinahe, woran zu erkennen ist, dass es eine Zeit und Uhren 
in der Welt giebt; es müsste sein, als zögen die alten Be- 
grabenen in einer possenhaften Vermummung um. Jona gegen- 
über liegt eine Felseninsel, die sieht zum Ueberfluss noch aus 
wie eine zerstörte Stadt. 

Nach und nach genasen die Seeleidenden, ein Segel wurde 
über dem Verdeck ausgespannt, weniger gegen die Sonne, als 
gegen die Feuchtigkeit, über die wir Pechbrüder immer im 
Streit liegen, weil FeUx es Regen nennt, ich aber „Mist*'*), 
und man hielt im Angesicht sämmtlicher Seeungeheuer offene 
Tafel im Atlantischen, selbst Felix biss wieder ein und um 



*) Englisch; Nebel. 



Auf den Hebriden. 233 

sich, der Sir trank Wein mit Denen, die nicht über und gegen 
ihn gemurrt hatten — wir entzogen uns dem. Um sieben Uhr 
Abends hätten wir wieder in Oban, unserem Continent, sein 
sollen, wir kamen aber blos bis Tobermory, Einzelne landeten, 
der Mohr zog nicht lustig mit der Inseljugend umher; denn 
es regnete, und er hätte keine geneigten Gehöre gefunden. Es 
\mrde Nacht und dunkel, der Capitain legte in irgend einem 
Winkel ruhig vor Anker und wir uns in die Cajüte — Betten 
gab's nicht, und Heringe wohnen in römischen Sälen gegen 
uns — ich wollte in der Schlaftrunkenheit zu Zeiten Fliegen 
aus meinem Gesicht vertreiben, und es waren nur die gereiften 
Locken des greisen Schotten; wäre der Papst dabeigewesen, 
so hätte ihm ein und der andere Protestant unbesehens den 
Pantoffel geküsst; denn man machte oft unbekannte Stiefel zu 
seinem Kopfkissen. Es war ein wüstes Gelag ohne Trinken, 
zu dem Regen und Wind abgeschmackte Lieder sangen. 

Um halb sieben Uhr Morgens am Sonntag landeten wir in 
Oban unter Regen; eine gälische Predigt wollten wir nicht 
hören und setzten uns also, vom Regen beschattet, auf eins 
der liebenswürdigen Fuhrwerke von offenem Bergcharakter, die 
CaHs heissen; zuletzt aber schien die Sonne und erwärmte 
Herzen und trocknete Mäntel. In Inverary war ein treffliches 
Wii'thshaus und braves Unterkommen; eine schwarzlockige, 
schöne Wirthstochter schaute als Schild über dem. Schilde in 
den Hafen hinein, in dem die frischesten Heringe um neun 
Uhr Morgens noch lebendig schwimmen, um eine Viertelstunde 
darauf schon gebraten in den Kaffee getunkt zu werden. 
Künftige Reisegefähi-ten fragten uns theilnehmend unsere ge- 
habten Leiden und zerrissenen Stiefel ab. Das Schloss des 
Herzogs von Argyll schaute stolz aus den hohen Bäumen 
heraus, und von allen Bergen ringsum besprachen sich die 
belaubten Bäume oben mit den behauenen Verwandten unten, 
die, schon im Schiffswesen angestellt, im Wasser umher- 
schwammen. 

Unsere Sehnsucht nach Kultur und Briefen trieb uns 
hierher nach Glasgow in wunderbarer Fahrt diuxh verschiedene 



234 Felix in England 1829. 

„Löcher", nämlich Seen, und über Land. Aus einem Dampf- 
hoot, in das wir stiegen, während die schwarzlockige Wirths- 
tochter Klavier schlug, sollten wir in eine Dampfkutsche ge- 
setzt werden, wir wurden aber von Pferden gezogen und 
erstere stand schon gehraucht, aber noch nicht ganz prakti- 
kabel, müssig am Wege, ein lächerliches Fuhrwerk mit einem 
hohen Schornstein und einem Steuer. Dann wurden wir wie- 
der in ein Dampfschiff gesetzt, was von Eisen sein sollte, die 
Wände aber, an die wir klopften, waren von Holz ; dann fuhren 
wir abermals eine Strecke zu Lande, bis wir wieder an einen 
Loch Heck kamen, da abermals in ein Dampfboot abgesetzt 
wurden, das uns zu endlicher guter Letzt an ein letztes ab- 
gab, an der Mündung des Clyde, mit dem wir nach Glasgow 
den Clyde hinauffahren. Prächtige Fahrt, keine oder kleine 
Wellen, Seeörter am Fluss mit grossen Seeschiffen, Möven, 
vorübersausende Dampfschiffe, Landhäuser, ein Felsen mit Dum- 
barton Castle und einem Blick in's Helle, Weite, vom blauen 
thürmenden Ben Lomond stattlich beschlossen — wir be- 
grüssten ihn zum ei*sten Mal. Das Land wui'de flacher und 
sanfte Kornfelder nickten uns nach den langen, stolzen, schwei- 
genden Bergen, wie alte Bekannte vertraulich zu, Alles war 
dabei still und friedlich. Dreierlei Stillen regieren hier über- 
haupt — in den Bergen rauscht's voll Wasser, aber es ist 
ernsthaft still — im Meere zwischen den Inseln schlagen die 
Wellen, aber es ist trostlos still — in den vollen Ebenen 
fliegen die Dampfschiffe, aber es ist sanft und in Erholung still 
— das erste sind wüste Gesellen, die wollen nichts lernen 
und nicht arbeiten, das zweite sind abgesetzte Götter, die 
schmollen, das letzte sind fromme Kinder nach gutem Tage- 
werk. Li Glasgow aber sind siebenzig Dampfböte, von denen 
täglich vierzig auslaufen und viele lange Schornsteine dampfen, 
ein treffliches Wirthshaus erquickt uns, in dem aber noch die 
Au%ärter mit zwei Händen und ebensoviel Füssen bedienen, 
weil's mit Dampf noch nicht ausgefonden ist. 

Am Uten, Morgen, geht's zum Loch Lomond und zu den 
übrigen Punkten, die eigentlich als Beilagen zu Walter Scott's 



GlaBgow. 235 

sämmtlichen Werken ausgegeben und verpackt werden sollten. 
Einstweilen ist Glasgow besehen und vortrefflich. Heute Mor- 
gen waren wir in einer stupenden Baumwollenspinnerei voll 
tollen Lärmens, so vielem, wie bei'm göttlichen Wasserfall 
von Monass, wo sitzt denn der Unterschied für's Ohr? Eine 
alte Arbeiterin bei dem Kratzfache hatte einen Baumwollen- 
kranz auf und eine andere hatte ihr Zahnweh damit verbun- 
den. Hunderte von kleinen Mädchen quälen sich da früh und 
sehen gelb aus. Aber poetisch bleibt solche Geschichte 
immer. Die Ordnung wird erhaben und das Ganze verschlingt 
sich wie Jahreszeiten und Vegetation. Ich spasse wenig und 
bewundere viel — die Zeiten sind gamicht so schlecht, wo 
Alles, es mag wollen oder nicht, weiter muss und Bewegung 
ist die beste Verdauung. Die Zeit eilt schrecklich und vom 
Hochland ist noch Alles, die Weite und die Enge, nachzuholen, 
aber man ist zu weit voraus, beste, ja noch bessre Gedanken- 
und Briefquadern haben wir aller Orten und Ecken liegen 
lassen müssen und die Hochländer verstehen's nun nicht und 
doch verdienten Sie Alle unser Bestes und nicht unser 

Eiligstes." 

Klingemann. 



Felix: 

Auf einer Hebride, den 7. August 1829. 

„Um Euch zu verdeutlichen, wie seltsam mir auf den 
Hebriden zu Muthe geworden ist, fiel mir eben Folgendes bei: 
(Siehe folgende Seite.) 



Glasgow, 11. August. 

„Was liegt da Alles dazwischen, die grässlichste See- 
krankheit, Staffa, Gegenden, Eeisen, Menschen, Klingemann hat 
AUes beschrieben und Dir werdet mich entschuldigen, wenn ich 
mich kurz fasse, auch steht das Beste, was ich zu melden habe, 
genau in den obigen Musikzeilen." 



236 



Felix in England 1829. 



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Glasgow. 237 

Felix: 

Glasgow, 13. August. 

,,Hier ist denn das Ende unserer Hochlandsreise und der 
letzte unserer Doppelbriefe. Wir waren froh zusammen, haben 
munter gelebt, und sind so vergnügt durch die Gegend gewan- 
dert, als ob der Sturm und Eegen, von dem alle Zeitungen 
berichten (und vielleicht endlich auch die Berliner), garnicht 
da wäre. Er war aber da, Wetter hatten wii^ dass die Bäume 
und die Felsen krachten. Noch vorgestern auf dem Loch, Lo- 
mond sassen wir in der tiefen Dämmerung auf einem kleinen 
Euderboot, woUten über's Wasser kreuzen, weil ein Lichtchen 
blinkte, das uns einlud, da stiess der Wind aus der Bergecke 
sehr rauh und heftig, das Ding fing an so arg zu schwanken, 
dass ich meinen Mantel zusammennahm, um mich zum Schwim- 
men fertig zu machen, dass aUe unsere Sachen durcheinander 
fielen und Klingemann mich ängstlich anfuhr: „Eühr dich! 
Rühr dich!" Doch kamen wir glücklich durch, wie wir denn 
überhaupt Trefier haben, mussten mit einem fluchenden, jungen 
Engländer, der halb Jäger, halb Bauer, halb Gentlemann und 
ganz unausstehlich war, sowie mit drei anderen gleichen Ka- 
libers in einem Zimmer wohnen und in einem anderen Hause 
unter dem Dach schlafen, so dass wir von der Wohn- zur 
Schlafstube mit Regenschirm, Mantel und Mütze gingen. Das 
Elend, die unwohnliche, ungastliche Einsamkeit des Landes zu 
heschreiben reicht aber Zeit und Raum nicht zu; wir wander- 
ten zehn Tage, ohne einem einzigen Reisenden zu begegnen; 
was auf der Karte als Städte oder doch Dörfer angegeben, 
sind einzelne Ställe nebeneinander, in denen Thür, Fenster 
und Schornstein aus einer Oeffnung bestehn, die Menschen, 
Vieh, Licht und Rauch zugleich ein- und auslässt, in de- 
nen Ihr auf aUe Fragen ein dürres „Nein" hört, in denen 
dunstiger Branntwein das einzig bekannte Getränk ist, ohne 
Kirche, ohne Strasse, ohne Gärten, die Stuben pechfinster am 
hellen Tag, Kinder und Hühner auf einem Strohlager, viele 



238 Felix in England 1829. 

Hütten ohne Dach, viele noch unfertig daliegend, mit zer- 
bröckelten Manern, viele Brandstellen; und diese Wohnplätze 
sind nur sparsam einzeln zerstreut über das Land ; sehr lange, 
ehe Ihr ankommt, hört Ihr von solchem Ort sprechen, der Rest 
ist Haide mit rothem oder braunen Kraut, abgestorbenen 
Fichtenästen und weissen Steinen dazwischen, oder schwarzer 
Moor, in dem sie Trappen schiessen. Dann ündet Ihr auch 
wohl schöne Par-ks, aber unbesucht, breite Seen, abea: un- 
beschifft; die Landstrassen verödet, und nun über alles das der 
Glanz der reichen Sonne gebreitet, die die Haide tausendfarbig 
verändert und alles so göttlich bunt und warm beleuchtet, und 
die Wolkenschatten, die sich hin und her jagen. Es ist kein 
Wunder, wenn die Hochlande melancholisch genannt sind. 
Gehn aber zwei Gesellen so lustig durch, lachen, wo's nur 
Gelegenheit giebt, dichten und zeichnen zusammen, schnauzen 
einander und die Welt an, wenn sie eben verdriesslich sind, 
oder nichts zu essen gefunden haben, vertilgen aber alles 
Essbare und schlafen zwölf Stunden: so sind das eben wir und 
vergessen es im Leben nicht." 



Klingemann: 

Glasgow, 14. August. 

^Mein Gegenüber hat nicht allein die Seite, sondern auch 
das Hochland so gründlich beschrieben, dass ich mich schäme, 
anzufangen und höchstens ein Stück Oatcahe^) liierher nageln 
möchte, als schlagendes Aktenstück und niederschlagendes 
Wahrzeichen, ünvergessliches Land! das Gedächtniss der 
Nase ist bekannt, und so gut wie Walt**) Aurikelngeruch 
nicht vergessen konnte, wird der Hochlandsgeruch in uns fort- 
wohnen — eine gewisse räucherige Atmosphäre, die jeder 
Bergschotte um sich hat. Ich schloss unterwegs einmal die 
Augen und meldete darauf, fünf Hochländer seien vorüberge- 



♦) Hafermehlbrot. **) Flegeljahre von J. PauL 



Schilderung des Hochlands. 239 

gangen — meine Nase hat's gesehen. Die Häuserzahl dort 
ist gleichfalls danach bequem zu bestimmen. Im Uebrigen ist 
das Land gar so übel nicht, wie es gewisse Leute aus grossen 
Residenzen machen wollen, — es hat sich fast ausschliesslich 
aufs Bergfach gelegt und leistet doch darin Einiges — Abends, 
wenn es dunkel wird und der Stunn sich aufmacht, findet man 
doch ein Wirthshaus mit Betten und einen Raum, den man 
nicht gerade mit den Viehtreibem zu theilen braucht, sondern 
mit schiessenden John Bulls — läuft auch mal ein Huhn durch 
die Stube, schreit auch mal unt^r uns ein Schwein, so beweist 
das doch, dass man am nächsten Morgen ein frisches Ei und 
etwas Schinken zum Fiühstück haben wird, — stösst der 
Karren, auf dem man ächzt, auch etwas mörderlich, so ist das 
doch nur etwas mehr Aufmunterung zum Fusswandem, — findet 
sich auch gerade kein industriöser Kerl, der die Sachen trägt, 
wenn man gern zu Fuss gehen will, so ist das nur ein freund- 
licher Wink, dass man sich's bequem machen möge und fahren 
— hat man einmal nichts weiter als frischen Hering und schöne 
fette Sahne, so bedeutet das den patriarchalischen Urzustand, 
den wir Neueren immer im Munde haben — machen die Leute 
etwas ungeschickt Anstalten zu Mehrerem, mit versetztem Wein 
und übersetzten Rechnungen, so ist das doch ein erfreulicher 
Ansatz zur Kultur, sowie überhaupt die einzelnen Wirthshäuser, 
die auf den Karten als Städte aufgeführt sind, wohl nichts 
weiter vorstellen, als eben Samenkörner zu jenen, hier und da 
iR die weite, breite Moorerde gesteckt, die schon einmal auf- 
laufen werden. — 

Und nun kamen wir heraus aus den Hochlanden, denn 
wir sehnten uns nach der warmen Sonne, die wir seit Tagen 
nicht gesehen, wir wiegten uns in gutem Fuhrwerk, das wir 
lange nicht gekostet, durch ebene Gegend und muntere Dörfer, 
in denen wir lange nicht gewesen, die Sonne schien draussen 
wirklich im blauen Himmel, nur über dem Hochlande lagen 
noch schwarze Wolken, je länger und öfter wir aber zurück- 
schauten, desto blauer und duftiger wurden die Berge, zu deren 
Füssen wir gelegen, alle tiefen Farben spielten und wir hätten 
sehnsüchtig werden und uns nach ihnen zurückwünschen mögen, 



240 Felix in England 1829. 

wenn wir nicht gewnsst hätten, dass es drinnen doch grau 
und kaltmajestätisch hergehe. Anf alle Fälle war's aber doch 
ein süsses Ade von jenen Höhen, die wir verlänmden nnd 
lieben." — 



Felix: 

19. August, Liverpool. 

„Da flog man weg von Glasgow, oben auf der Mail, zehn 
Meilen die Stunde, durch Wiesen und Schornsteine, die beide 
dampfen, in die Cumberland-Seen, nach Keswick, Kendal, den 
niedlichsten Städten und Dörfern, das ganze Land ist wie eine 
Wohnstube, Felswände, aber wohltapeziert mit Büschen, Moos 
und Tannen, die Bäume sorgfältig in Epheu gewickelt, keine 
Mauern oder Zäune, nur hohe Hecken, und diese bis auf die 
flachen Berggipfel hinauf, von aUen Seiten fliegen Wagen mit 
Eeisenden über den Weg, Korn steht in Garben aufgepflanzt, 
und Abhänge, Hügel, Schluchten, alles mit dem warmen, dicken 
Grün bedeckt, darauf gleich wieder die dunkelblaue engUsche 
Ferne, manche alte Adelsburg dazwischen, so ging's bis Am- 
bleside, da wurde der Himmel wieder finster. Regen und Sturm, 
wir aussen auf der Stage^ durch die Hohlwege, an den Seen 
vorbei, bergauf, bergab wie toU jagend, so in die Mäntel und 
Schirme gehüllt, dass wir nur die vorüberfliegenden Gitter, 
Steinhaufen oder Gräben zählen konnten, dann wieder hinaus- 
guckend auf veränderte Berge und Seen, mit den Regen- 
schirmen an die Häuserdächer zuweilen anstossend, durch und 
durch nass in ein schlechtes Wirthshaus mit hohem Kaminfeuer 
und englischen Gesprächen von Fussgehen, Steinkohlen, Abend- 
brot, Wetter und Bonaparte handelnd, dann gestern durch Zu- 
fall auf getrennten Ä^ay^plätzen, so dass ich Klingemann kaum 
sprach, denn in vierzig Sekunden ist umgespannt, ich auf dem 
Bock neben dem Kutscher, der mich frug, ob ich viel die Cour 
machte und sich Manches erzählen liess, während ich die Pferde- 
sprache von ihm lernte,. Klingemann neben zwei alten Weibern, 
denen er ein Stück Schirm abtrat, wieder Fabriken, Wiesen, 
Parks, Landstädte, hier ein Canal, da eine Eisenbahn, dahinter 



Liverpool. 241 

das Meer mit ScMffen, sechs volle Kutschen mit anfgethürmten 
Menschen nacheinander, Abends dicker Nebel, die Stages rasen, 
wenn's dnnkel wird, durch den Nebel am Horizont weit und 
breit Laternen zerstreut, Windmühlenflügel, Fabrikenrauch von 
allen Seiten, einzelne Herren zu Pferde vorübersprengend, das 
erste StagehoTR tutet iu b-, das zweite in d-dur, noch andre aus 
der Feme hinterher, und da sind wir nun iu Liverpool. — 

Heut Abend geht Klingemann nach London, ich nach Holy- 
well, die Schottische Reise ist vorüber, es geht Alles sehr 
schnell, viel ist mir seit Kurzem vorbeigezogen und es steht 
noch nicht stül. Wir gehn nun auseinander und legen schöne 
Zeit zur Vergangenheit." — 



Klingemann: 

Liverpool, 19. Aug., Abends halb zehn. 

„Um zehn Uhr ist das Vergnügen aus, ich setze mich, 
nachdem sich zwei nachdenkliche Reisegesellen auseinander- 
gesetzt, auf die Maü und fahre nicht fort, wie ich gewollt, 
im Briefe, sondern nach London! Darum hier kurzer warmer 
Abschied von Doppelcorrespondenzgenossen und all' dem grünen, 
bergigen Durcheinander, nach einem Tage, wie dem heutigen, 
im Städtchen Liverpool, wo wir uns auf Börse und im Hafen, 
auf neuen Kirchhöfen und in Rathhaussälen haben herumtreiben 
müssen und sogar noch für unser Dinner zu guter Letzt im 
Dampfboot über die rauhe, regnigte Mersey schiffen, von wo 
wir eben, in dunkler Kajüte sitzend, zwischen unsichtbaren, 
schweigenden, schwatzenden, angetrunkenen, nüchternen Liver- 
poolern zurückkommen, und mit Packen und Berechnen den 
vierwöchentlichen nassen aber tapfem Festtag ausläuten. So 
mögen denn die Glocken kHngen und stille fortbrummen, bis 
das wunderliche Schicksal sich's 'mal wieder in den Kopf setzt, 
Leute, Gott weiss wie, auseinanderzubringen und Gott weiss 
wo zusammenzuführen. Auf einem närrischen Umwege reden sich 
Leute, die sich auf mehr wie eine Weise gegenübersitzen, an, 

Die Familie Mendelssolm. L 16 



242 Felix in England 1829. 

wenn sie sich in einem Doppelbrief anschreiben und etwa sagen: 
Gottlohn und schönen Dank für geleistete gute Gesellschaft! 
Wir zogen in der That ehi'lich und wacker genug durch Hoch- 
und Tieflande, wehe aber all den schlechten Inn's und alle 
den Regenschauern, die uns so oft zum Schweigen gebracht 

haben! Basta! Felix beneidet mich jetzt um das elende 

Fleckchen Platz, was ich noch habe, weil ich nun unter vielen 
andern pikanten Dingen noch das herausheben kann, wie wir 
heute an Bord eines amerikanischen Schiffes waren, von New- 
York, das „Napoleon" heisst, und auf dem sich, ausser allem 
erdenklichen Mahagonicomfort, auch ein Piano von Broadwood 
befand, zum Trost für lange See-Augenblicke, und wie er, im 
Hafen von Liverpool, unfern des Atlantischen, sich hinsetzte 
und mir aus dem ersten Satz Ihrer Ostersonate, o Fräulein 
Braut, vorspielte, von der wir früher bloss gesprochen, — die 
kalte Luft wehte dazu von oben herein, und Matrosen sangen 
von Weitem zur Ai'beit ein eintönig Moll-Lied. — Adieu. — " 



Felix: 

LI angollen, den 25. Aug. 29. 

„Nur keine Nationalmusik! Zehntausend Teufel sollen 
doch alles Volksthum holen! Da bin ich hier in Welschland, 
und, wie schön, ein Harfenist sitzt auf dem Flur jedes Wirths- 
hauses von Ruf und spielt in einem fort sogenannte Volks- 
melodieen, d. h. infames, gemeines, falsches Zeug, zu gleicher 
Zeit dudelt eben ein Leierkasten auch Melodieen ab, zum 
ToUwerden ist es, Zahnschmerzen habe ich leider davon; die 
Schottischen Dudelsäcke, die Schweizer Kuhhörner, die Wel- 
schen Harfen, die alle den Jägerchor mit Variationen als 
Improvisationen von grässlicher Art vortragen, ferner die 
schönen Gesänge auf dem Flur, überhaupt alle ihre reelle 
Musik! Es ist über die Begriffe! Wenn man wie ich Beet- 
hoven's Nationallieder nicht ausstehen kann, so gehe man doch 
hierher und höre diese von kreischenden Nasenstimmen ge- 



Schlimme Musik. 



243 



grölilt, begleitet von tölpelliaften Stümperfingern, und schimpfe 
nicht. Während aller dieser Zeilen spielt der Kerl auf 
dem Flur: 




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und das varürt er und dazwischen spielt der Leierkasten ein 
geistliches Lied aus Es-dur. Ich werde toll und muss das 
Schreiben auf nachher lassen. — — 

D. 26. Aug. Und daran that ich auch Eecht; icb ging 
in Verzweiflung gestern Abend zu den drei Wirthstöcbtern, 
die ein Klavier haben, und bat sie, mir darauf etwas vorzu- 
spielen; sie sind recht hübsch und thaten's, Leiermann und 
Harfenist (letzterer ist übrigens zugleich der Barbier, wie ich 
heut früh sah) verstummten, die Töchter orgelten los, ich war 
selig, die mttette de Fortid, einige Quadrillen thaten mir wohl, 
nachher baten sie mich, sie zu „begünstigen" und darauf be- 
günstigte ich denn nach Herzenslust, raste umher und spielte 
mir Zahnschmerzen fort; der Abend war ganz angenehm und 
ich kam zu spät, um zu schreiben, nach meinem Zimmer zurück. 
Dazu war ich gestern auf einen hohen Berg, mit den Trüm- 
mern einer Nonnenburg auf seinem Gipfel, geklettert, hatte 
mich von da weit umgesehen, in die blaue Ebene, und in 
dunkle, einsame Thäler am Fuss; war gleich in eins dieser 
stillen Thäler hinabgestiegen, in dem die Mauern und Fenster 
einer alten Abtey von zarten grünen Bäumen verdeckt und 
ausgefüllt werden, die Abtey liegt am lärmend laufenden Bach, 
Berg- und Felssteine liegen umhergestreut, der Chor der Kirch© 

16* 



244 Felix in England 1929. 

ist znm Stall, der Altar zur Küche verwandelt, über die 
Spitzen der Fensterzierrathen ragen weit die Gipfel der Buchen, 
die im sonstigen Kapitel stehen, und der Himmel war ruhig 
grau; ich componirte ein wenig, statt zu zeichnen in Hensel's 
Weihnachtsbuch ; es war ein hübscher Tag. 

Blauer Himmel und Sonnenschein thuen mir herzinnig 
wohl und sind mir so unentbehrlich ! Hier sind sie nicht. Das 
macht mich eigentlich ernsthaft oder fast betrübt. Der Sommer 
ist fort, und ohne einen Sommertag gesendet zu haben. Gestern 
war ein guter Tag, d. h. ich wurde nur dreimal nass, behielt 
den Mantel fortwährend um die Schultern und sah die Sonne 
ein paarmal durch die Wolken; von schlechten Tagen nun 
hat man keine Vorstellung; ein wüthend pfeifender Sturm weht 
mit wenig Unterbrechung seit vier Wochen, dazu fallen die 
Wolken herunter und würden schrecklich regnen, wenn der 
Sturm sie ruhig fallen Hesse ; der fängt sie aber auf, wirft sie 
in der Luft umher, peitscht sie als Wasserstaub in's Gesicht, 
es ist nichts dagegen zu thun, als still in den Häusern liegen 
zu bleiben; statt der sonstigen munteren Eeisegespräche hört 
Ihr um Euch nur einzelne verdriessliche Worte: seit Menschen- 
gedenken, oder überschwemmter Weg, oder Ausbleiben der 
Posten und Schiffe, verdorbener Eeiseplan. Und so ist auch 
meiner nun verdorben, heut wollte ich den letzten Versuch 
machen, und im Fall blauer Himmel wäre, noch einmal in die 
Berge gehen, aber es ist wieder der Regensturm oder Sturm- 
regen und ich gebe es heute auf. Die Eeise nach Irland ging 
mir in Bangor und auf der Insel Anglesea zu nichte, trotz 
aller Nässe dacht ich noch daran, es auf ein Paar Tage drüben 
zn versuchen; da kam aber das Dampf boot, war statt sechs 
Stunden fünfzehn gegangen, und wie die einzelnen seekranken 
Passagiere nass, schwach und fluchend umherwankten, da liess 
ich mich zur Kutsche in's Land einschreiben. Ich habe mit 
dem Wetter gekämpft, wie man nur kann, bin fast täglich 
bis auf die Haut durchnässt gewesen, habe die Berge gesehen 
wie Möbel, Kronleuchter und Teppiche eines alten Palastes, 
mit grauen Leinwandüberzügen zugedeckt, nur einzelne Pracht- 
spitzen unverhüllt, nun aber ist es aus. Morgen geh ich zu 



Abschied von Klingemann. Liverpooler Tannel. 245 

meiner Familie auf s Land (siehe unten) und Mitte der nächsten 
Woche bin ich wieder in London. 

Dazwischen stehen aber zwei helle, frohe Tage wie Son- 
nenschein, und sonderbar, dass alles so anders kommt, als man 
sich's ausmalt, es waren grade die beiden ersten, wo ich so 
ganz aUein, ganz in der Fremde war. Am Abend, wo ich den 
vorigen Brief schrieb, hatte Klingemann gepackt, sich fertig 
gemacht und ich begleitete ihn in der Nacht durch den rasen- 
den Regensturm nach dem Posthause, er stieg aufs Deck, wir 
sprachen noch einzelne deutsche Worte herab und hinauf, dann 
stiess der guard, gräulich in die Trompete, die stage rasselte 
ab, mir kam London so heimisch vor, als sei es die Vaterstadt, 
und ging nun allein in die leere Stube durch den Regen zurück 
und legte mich im Zimmer mit zwei Betten schlafen ; aUes das 
war noch vor einer Viertelstunde anders gewesen, kurz, denkt 
Euch den schlechtesten Abend und Ihr kommt nicht an die 
Wirklichkeit. Dazu schlechte Wirthsleute, theure Rechnungen, 
eine verunglückte Zeichnung und dergleichen Kleinigkeiten. — 
Am andern Morgen reiste ich erst um Zwei ab, ging also doch, 
um etwas zu thun, nach der Eisenbahn, die nach Manchester 
fünfunddreissig Meilen weit führt, und kam an die beiden 
Tunnels, fing an spazieren drin zu gehen und wie ich vom 
grossen das Ende durchaus nicht absehen konnte, imponirte mir 
das Ding ein wenig, ich redete den Aufseher an und brachte 
ihn endlich durch Vorstellungen und Bitten dahin, dass er mir 
einen Wagen erlaubte, um unter Liverpool durch bis an den 
Hafen zu fahren; der schwere Wagen kam, hinten auf stieg 
ein Arbeiter und los ging's, fünfzehn Meilen in der Stunde war 
die Geschwindigkeit, kein Pferd, keine Maschine ist da, der 
Wagen läuft von selbst und treibt sich nach und nach zur 
tollsten Schnelligkeit ; das kommt, weil es ein wenig, ganz un- 
merklich, bergab geht, zwei Lichter brannten vorne, das Tages- 
licht verschwand, der Zug blies die Lichter aus und nun war 
dichte Finsterniss, ich habe zum ersten Male in meinem Leben 
nichts gesehen, dazu raset der Wagen immer schneller und 
rasselt stärker, es war etwas für meinen Magen. In der Mitte 
des Ganges kamen wir an einem Kohlenfeuer vorbei, da hielt 



246 Felix in England 1829. 

der Arbeiter still und steckte sich eine Lampe an, streng 
kalt war es auch im Gang, dann kam das rothe, warme Ta- 
geslicht von fern geströmt und ich stand am Hafen, als ich 
herausstieg. Es stärkte mich sehr, und als ich auf dem Heim- 
weg durch's Marktgebäude ging, so wurde ich vergnügt. Dies 
ist nur ein leichtes Fachwerkgebäude, aber viel grösser als die 
katholische Kirche, mit ganz niedrigem Dach, drin laufen in 
der ganzen Eeihe etwa acht Reihen Büffets, die mit auf- 
gethürmten Früchten, Fleisch, Gemüse, Kuchen beladen sind, 
so dass ein langer weiter Spaziergang zwischen Victualien- 
aUeen sich aufthut ; Menschen aller Art wimmeln, viel Schwarze, 
Amerikaner, Italiener, Welschsprechende, Marineofficiere, unzäh- 
lige hübsche Köchinen, in der Mitte hängt eine grosse Uhr, an den 
Wänden Pläne von Liverpool; ich wui'de lustig und fuhr nach 
ehester. Unterwegs überlegte ich mii% was mir schon lange 
im Kopf gelegen hat, ob es nämlich auch ganz recht sei, dass 
ich so auf's Gerathewohl, ohne eigentlichen Zweck, nur für's 
Plaisir, schon seit vier Wochen umherführe und viel Geld und 
Zeit ausgäbe. Die Idee hatte mich melu-mals seit einigen Ta- 
gen verdriesslich gemacht. Da sagte ich mir aber, dass ich 
etwas sähe, was ich nie wieder sehen würde, dass ich mir 
England frei und ohne Geschäftsideen anguckte, dass diese 
Unabhängigkeit nüi- hier nicht noch einmal werden könnte, 
denn wenn ich wieder komme, so hab ich zu viel zu thun, als 
dass ich so munter umherfahi^en könnte; und da ich wohl nie 
wieder einen Sommer liier zubringe, da mir Schottland sehr 
unvergesslich ist, da ich noch nie Zeit habe verloren nennen 
können, in der ich froh und erfrischt war (und wenn ich faul 
war, so war ich eben nicht froh),besonders aber da mir manches 
Neue sich im Kopf zusammenbaut, was mir beweist, dass ich 
die Fischblütigkeit der Gesellschaften und Menschen in London 
verdaut habe, und dass ich wieder loscomponiren muss, Avoran 
ich zuletzt halb verzweifelte, so warf ich die Verdriesslichkeit 
weg und sprach mich fast los ! (Es ist nun die Frage, ob Du, 
lieber Vater, es auch thust?) — Nun, und dann wurde ich 
froh, und in ehester war ein heiterer Augenblick; auf den 
dicken, breiten Stadtmauern läuft ein Spaziergang um die Stadt, 



ehester. Coed Du. 247 

oben sah ich eme Mädchenpension gehen, ich mit meinen 
Zeichenbüchern hinterher, die Mädchen waren ganz hübsch, die 
Ferne sehr blau, die nahen Häuser und Thürme dunkelbraun, 
Abends regnete es leise und in der Dunkelheit jagten wir nach 
Holywell. Mein Nachbar sprach viel von seinem jüngst ge- 
storbenen Sohn und lud mich ein (ich komme auch und er 
weiss noch nicht meinen Namen), dunkle Klumpen auf beiden 
Seiten versprachen Hohlwege, Bäume und Berge, und ich legte 
mich zu Bette, nachdem ich dem Jungen befohlen, morgen ja 
mit dem Frühesten nach der Post zu gehen. Der weckte mich 
drauf mit Briefen, die mir den vergnügtesten Tag bereiteten; ich 
erhielt einen lieben von Droysen, dem Ihr meine Freude und 
meinen Dank vorlesen müsst und den Eurigen, voll Plaisir und 
Mühlenfels! — Der Gedanke, dass Vater vielleicht nach Lon- 
don kommen könnte, machte mich fast toll vor Lust; lieber 
Vater, wenn Du kämst! die Stadt solltest Du gut sehen, ich 
wollte sie zeigen, und wie würdest Du sie lieben! Das sagten 
Klingemann und ich schon immer zu einander; Du sagst, Du 
brauchest Erregungen; bei Gott, das ist eine; ich will garnichts 
mehr sagen, sonst vergesse ich das üebrige. Aber wenn es 
wäre ! — Eben das nun, und die ganzen Briefe machten mich 
so vergnügt und glücklich und heimisch in der Einsamkeit; da 
fuhr ich denn nun hinaus zu Taylors, um mich für übermorgen 
anzusagen; die wohnen da im Landhause, das auf weitem, 
geschornem Grasplatze zwischen Blumen steht, Bewegung, Lärm, 
Menschen sind nirgends, in der Ferne die Bergwerke, denen 
der Vater vorsteht. Berge überall, und nun kam ich zu Fuss 
durch die Wiesen und fand die elegante, förmliche Londoner 
Familie, aber wie verwandelt: Vater und Bruder waren verreist 
never mind^ zwei Töchter pflanzten im Garten, die Mutter ritt 
zu Ese^ hei me wurde Hand geschüttelt, die hübscheste Toch- 
ter vermisste ich ; auf dem Spaziergang hörten wir aber Pferde 
trappeln, und gleich darauf kam selbige an in einem blauen 
Reitkleid, und ein langer Cousin hinter ihr; sie war ausser 
Athem, sehr hübsch und heisst Susanna. Den Cousin fing ich 
an zu hassen — bis sichs fand, dass er sich ein Vergnügen 
draus machte, mit mir nach Wales zu reisen ; das nahm ich an. 



248 Felix in England 1829. 

wir schlössen ewige Freundschaft (aber auf Englisch, denn er 
versteht kein Französisch und gar Deutsch!) und aUes wurde 
verabredet. Als ich drauf den guten englischen Flügel da fand 
und mir manches darauf vorspielte, als besagte Reiterin mir ihr 
Gartenhaus (sie hat eins von Tannenborke im Park) versprach, 
um drin bei meiner Rückkehr zu komponiren, wofür ich ilir 
versprechen musste, selbiges Rindenhaus zu zeichnen (es ist so 
eine Art Länmierei im beliebten Genre), als zum Essen die 
Mädchen alle mit weissen Kleidern erschienen, für die ich eine 
entschiedene Vorliebe habe (ob die auf Mädchen oder Kleider 
geht, bleibt unentschieden), als ich mir drauf in der Dämmerung 
beim Kaminfeuer wieder etwas vorspielte und dann Nachts nach 
Holywell zurückfuhr, so schlief ich natürlich im Wagen ein, 
träumte aber Angenehmes. Das waren die zwei Sonnentage. 
Den Morgen drauf war wieder Regensturm, doch reisten der 
Engländer und ich ab, schliefen die Nacht am Meere in Bangor 
(Wales ist ein schönes Land, aber das Format ist so klein, 
dass ich mündKch die Beschreibung Hefem muss), den nächsten 
Tag über Caernawon nach Beddgellert und dem Thal von 
Festiniog, dann nach Capel Carrig, endlich gestern nach Corwen, 
wo er nach dem Landgut (es heisst Coed Du) zurück und ich 
hierher ging. Wir haben uns recht gut vertragen und viel 
conversii't; hätte er mich nicht einmal, als ich Fanny's erstes 
Lied „Hören möcht ich" auf der Stage sang, beim Aermel ge- 
zupft und mir einen Lachsfang gezeigt, wo man die dicksten 
Lachse fängt, so hätte ich ihn nie angefahren oder angebrummt. 
Diese Lieder aber sind schöner, als gesagt werden kann. Ich 
spreche bei Gott als kalter Beurtheüer und finde sie sehi' hübsch. 
Aber es giebt doch wirklich Musik, die ist, als ob die Quintes- 
senz aus der Musik genommen wäre, als ob es die Seele von 
der Musik wäre. So die Lieder. Jesus! Besseres kenne 
ich nicht! Aber lebt wohl! Wohin ich heut gehe, nach Osten, 
Westen oder Nord, ist noch nicht ganz gewiss, vielleicht 
bleibe ich gar sitzen, es regnet zu sehr. Doch ist dies der 
letzte Reisebrief, denk' ich, der nächste kommt aus London, 
dem Rauchnest. — Betrachte ich meine heutigen Thaten, so 
sage ich mit Vater zu mir selbst: Donde diavolo etc. Nehmt's 



Englisches Landleben. . 249 

auf, wie ich's lunschreibe und seid mir gegrüsst. Sonderbar 
ist's, dass der Tag, an dem Ihr Euem Brief schriebt, wo im 
Grarten die Sonne schien und Ihr mir Gleiches wünschtet, einer 
der wenigen hellen Tage auch für uns war. Guten, frohen, 
heitern Morgen denn Euch Allen!" 

Felix. 

Coed Du, den 2ten Sept. 29. 
„An die Schwestern will ich ihn richten, habe meine Gründe 
dazu; es ist der Wendepunktsbrief für dies Jahi^, denn von 
nun an werden sie posttäglich näher und näher adressirt, bis 
sie ganz aufhören; dies der eine; es ist eben nichts Wichtiges. 
Ernsthaftes, Geschäftsmässiges zu berichten, sondern mehr von 
Gärten, Zeichnen, Länmiern, dies der andere ; und zum ersten 
Mal seit Deutschland bin ich wieder mal herzlich und zutrau- 
lich mit Menschen zusammen und freue mich ihrer und denke 
Eurer: dies der Hauptgrund. Denn viel ist von Euch Schwes- 
tern hier die Eede, sie machen Euerm Bilde schrecklich die 
Cour und kennen Euch sehr gut mit Vornamen und allem und 
ich beschreibe Euch pünktlich. Zwar hätte ich Euch alles dies 
schon von London aus schreiben können, denn wie ich im letzten 
Brief meldete, werde ich gegen Ende dieser Woche da sein; 
weil ich aber nicht weiss, wie viel Zeit und Lust die schnelle 
Eeise und vieles andere bei meiner Ankunft in London zum 
Schreiben lassen werden, weil ich zweifle, dass ich Euch so 
heiter von da aus anreden kann, wie ich es nun gerade jetzt 
mag, so ist es besser, dass ich den Brief noch von hier aus 
schicke, wenn er auch ein Paar Tage älter ist; hier nämlich 
ist Coed Du, das Landgut in England. Den Tag meines letzten 
Briefes aus Llangollen fuhr ich allein in der Mail durch furcht- 
baren Eegen; ging dann zu Fuss in's Thal von Llanrust und 
fuhr im offenen Wagen nach Conway, wo ich so nass ankam, 
wie ich vielleicht noch nie in meinem Leben gewesen bin. Den 
folgenden Tag fuhr ich nach Holywell, wo ich Briefe von 
Euch erwartete und keine fand; ich kam nasser an, als den 
vorigen Tag, diesmal war meine Stube schlecht, der Kopf 
brummte mir vom Sturm, die gehofften Nachrichten von Hause, 



250 Felix in England 1829. 

an denen icli immer einen Tag lang kaue und zehre, blieben 
aus, das Kamin rauchte, kui-z so behaglich ich es das erste 
Mal im Wirthshaus fand, so unbequem langweüig war es das 
zweite Mal und wie ich denn überhaupt alle Zweitenmale hasse 
oder fürchte, so zitterte ich vor der Rückkehr nach Coed Du. 
Dazu hatte ich nichts zu lesen, weil der erste Theil von Guy 
Mannering, den ich mir in der neuen Fünf-Schilling-Ausgabe 
kaufte, zu Ende war und der zweite erst heut in London er- 
scheint; nahm also die Zeitungen und las vom Irländischen 
Dampfschiff, das der Capitain schon aufgegeben hatte, dem alle 
Kohlen fehlten, das statt sechs und zwanzig, sechs und fünfzig 
Stunden ging, in dem die Passagiere auf der Erde lagen, die 
Aufwärter auf den Vieren kriechen mussten, die Damen nicht 
aus der Ohnmacht erwachten und das nur durch ein augen- 
blickliches Anhalten des Wüthewindes gerettet ist ; dann wieder 
von zwei Personen, die trotz alles Läugnens und mancher Uu- 
wahrscheinlichkeiten in drei Tagen verdammt und gestorben 
sind und so mehrere hässliche Sachen. Am andern Tage aber 
kam das Landgut und nun möchte ich doch so gerne beschreiben, 
aber wie soll ich es machen ; wenn jeder Schritt, jeder Augen- 
blick, alles so ganz von Deutschland verschieden ist, was soll 
ich hinausheben? 

Ich wollte, ich wäre ein berühmter Schi'iftsteUer, es wäre 
was für mich. Doch lege ich los mit Beschi-eiben, für Euch 
Kinder ist es gut genug. Englisch spricht man hier, so fein 
wie nur möglich, und ich nehme mich sonderlich aus zuweilen, 
aber das thut wenig. Der Vater also, Herr Taylor, ist der 
englischste Engländer, den Ihr erdenken könnt. (A propos, 
Hamilton & Co. kenne ich nicht, habe sie nicht gesehen, und 
sie zu nichts als einem Singakademiebillete empfohlen.) Der 
Hausherr also ist der Inhaber ungemein bedeutender Bergwerke 
in vielen Theilen Englands und scheint sehr angesehen in seinem 
Fach; hier hat er sechs Bleiwerke und inspicirt die mit seineu 
Söhnen, die waren in Deutschland, sprechen deutsch mit mir, 
jagen auf Mord (Dick hat gestern fünfzehn Eebhühner und 
einen Fasan geschossen), reiten Carriere über die Wiese vor 
dem Haus, fischen, richten die Hunde gut ab und necken ihre 



Englisches Landleben. 251 

Schwestern. Diese haben ihre Meriten, hübsch ist eigentlich 
nur die zweite, diese aber sehr und spricht einen guten Ton, aber 
gut sehen sie Alle aus, und die älteste ist ein prächtiges 
Mädchen, so wie auch an der jüngsten nichts getadelt werden 
muss. Zum Glück spielt hauptsächlich die zweite Klavier und 
ich gab ihr schon manchen guten E,ath, wie sie das Gelenk 
lose halten müsse und die Finger: so! Aber die älteste zeichnet 
vortrefflich Landschaften und kann auch Männer und Frauen 
im Vordergrund anbringen ; da das mir nun nicht gegeben ist, 
so macht sie mir zu einigen schottischen Gegenden gute Staffage, 
unter andern gestern ein paar wundernette Hochländer; die 
jüngste aber hat mir eben ein kleines Nadelkissen geschenkt. 
Die Mutter ist ruhig und still und gut; man sieht wohl, dass 
sie das Ganze führt und regelt, ob sie schon wenig spricht; 
ich bin ihr von Herzen gut und sie mir auch, denk ich; sie 
erinnert mich oft lebhaft an Dich, liebe Mutter, sogar im Ge- 
sicht ist zuweilen die Aehnlichkeit sehr auffallend. Ausserdem 
sind da: di*ei lange, dürre, hässHche, moquante Cousinen aus 
Irland, unverheirathet, alt, heimlich Idchernd, in papageigrünen, 
kurzen Kleidern; wir stehen in offener Fehde gegeneinander 
und hassen uns sehr; item ihr Bruder, ein stiller, grämlicher, 
junger Mann, spielt das Hörn und versteht was vom Berg- 
bau; ferner ein anderer Cousin, mein Reisegefährte, schiesst 
viel Kaninchen, zeichnet und macht der jüngsten Cousine fast 
den Hof; item ein ruhiger Seekapitain, item 3 Ponys und 
Donkeys (ist ein Esel), ein Phaeton, ein in Sammt und Seide 
gehüllter Bedienter, Gärtner, Bauern etc. Die Scene ist zwi- 
schen Mold und Ruthin in Flintshire, Zeit zwölf Uhr Mittags. 
Die vielen Fremden sind aber erst seit gestern hier und wollen 
der grossen Fete beiwohnen, die in einer Stunde losgeht. In 
einem engen Thale, sechs Meilen von hier, ist nämlich ein Zelt 
aufgebaut, unter dem heut zu Mittag gegessen wird; da ist 
nun die ganze Nachbarschaft gebeten, versammelt sich hier 
um eins und bewegt sich dann zu Fuss nach dem besagten 
Zelt zu; wo es hübsch ist, wird stiU gehalten und nach allen 
vier Weltgegenden hin gezeichnet, die Mutter reitet zu Esel, 
für Honorazioren ist der Phaeton angespannt, der gestern ge- 



252 Felix in England 1829. 

schossene Fasan steckt sclion in der braunen Pyekruste, viel 
Blumen muss der Gärtner bringen, ich sehe aus meinem Fenster 
weisse Kleider auf der Wiese umherschimmern, ist's gut Wetter, 
so lachen wir, sollt' es regnen, so lachen wir noch mehr, auch 
ist eine Dampfmaschine in der Nähe, an der wir uns wärmen 
können und unterki'iechen im schlimmsten Falle ; wenn wir zu 
Hause kommen heut Abend, so finden wir den Saal erleuchtet 
und offen, weil getanzt werden soll (das haben mir die Mäd- 
chen heimlich verrathen, sagt's also nicht weiter), und so ist's 
auf einmal heut ein Festtag, aber ganz ohne Anlass, nur bloss 
um sich Vergnügen zu machen; das gefällt mir nun gar zu 
sehi', und es soll mir Keiner so gleich auf die Engländer schimpfen. 
Ausserdem leb' ich hier prächtig, vor Allem giebt's viel Musik, 
ich spiele wohl drei bis vier Stunden den Tag und komponire 
mancherlei, unter Anderm einen J^usgangssatz für die nächste 
Hochzeitsfeier. Auch ist das veniickte Lied an die Tragödinn 
abgegangen. Du, Fanny, machst die Correkturen. Ferner 
habe ich Miss Anne voreilig versprochen, das Bouquet Nelken 
mit einer Eose in der Mitte, was sie mir neulich schenkte, zu 
komponiren, und laborire etwas daran; ich muss es in ihr Buch 
schreiben und den Strauss darüber zeichnen, es wird, wie Seidel 
sagt, sehr zart. Mein Violüiquartett schicke ich bald fertig 
hinüber, und zur Vollendung meiner Reformations - Symphonie 
war ich neulich fünfhundert Fuss unter der Erde, vielleicht 
nicht ohne Erfolg. Die Hebridengeschichte kann auch toll 
werden, und zur silbernen Hochzeit braue ich viel Getränk. 
Das ist die Musik explicüe. — hwplicite ist sie nun, wenn wir 
Alle zusammen drüben an der Schleuse sitzen und zeichnen: 
Miss Anne und ich die Schleuse, Susan ihre Schwester Anne, 
die jüngste, mit dem Rücken gegen ims, den weitern Lauf des 
Bachs, der Cousin die ganze Gruppe, und dann kommt der 
Vater aus seinem Bergwerk über die Brücke und lächelt sehr 
behaglich, und plaudert mit uns, die wii* uns nicht stören lassen ; 
am Abend, wenn genug Musik gemacht ist, werden dann die 
Zeichnungen genommen und gebessert, Anne führt die ihrigen 
gut aus und hat Licht und Schatten, ich nehme die Sachen 
breiter und wichtiger, Susan's Staffage wird in unsere Land- 



Englisches Landleben. 253 

schaffe eingetragen, sie hrancht unsere Bäume als Hintergrund 
und so fort. Oder wenn wir zusammen spazieren reiten, denn 
die Mädchen nehmen sich in den blauen Eeitkleidem erträg- 
lich aus; so war ich neulich mit dem Bruder John und der 
ältesten Schwester und machten in der Nachbarschaft einen 
Besuch an zwei alte Damen, so ritt ich gestern mit dem Cousin 
und Susan weit durch die Gegend über zwölf Meilen ; hat man 
nun eine Weile tüchtig Weg gemacht, über mein deutsches 
Leben gesprochen, und reitet dann langsam und conversirt, 
und fängt dann so eine stille Engländerin auf einmal an, von 
Dir, Beckchen, zu sprechen und mir zu beschreiben, wie sie 
Dich reiten lehren woUe, wenn Du nach Coed du kommst (denn 
dass Ihr kommt, ist seit einigen Ta£:en den Mädchen ganz 
unzweifelhaft), und wie Du viel besser reiten werdest als Fanny 
(ich glaube es fast selbst), und welche Zimmer Ihr dann be- 
wohnen soUt. — Oder wenn alle Mittag von demselben lieben 
Hausfreund geredet wird, der jetzt grade nach Mexico ist und 
Captain Lion heisst ; Vater wird sich aus Eitter's Colleg seiner 
erinnern; es ist Derselbe, der die Wüste Sahara schnell ver- 
liess, um nach dem Nordpol zu gehen; und wenn der Vater 
dann die schönsten Züge von Lion's Reisen erzählt und die 
Töchter die Amerikanischen Dinge zeigen, die er jeder ge- 
schenkt, und die Mutter mir gern die Lieder der Esquimaux 
beschreiben möchte, die er ihnen an Sommerabenden im Freien 
vorsang. — AUes das ist freilich Musik und recht schön; wisst 
Ihr noch, dass ich bei Potsdam mal für Heliotrop schwärmte? 
ich thue es hier für eine grosse Nelkenart (Samen davon wird 
mitgebracht) und alle Morgen bekomme ich die schönsten ge- 
schenkt; mein Zimmer duftet gar zu süss; und wenn ich am 
Sonntag nicht Ciavier spiele, weil ich deutlich merke, dass 
es ihnen unangenehm ist, und dann am Abend ihnen was 
Ernsthaftes, Geistliches von Händel oder dergleichen spielen 
muss, so ist das vielleicht doppelte Musik. Morgen ist in 
HolyweU ein public dinner^ Herrn Taylor von den Leuten in 
der Umgegend gegeben; dem wohne ich noch bei, als Haus- 
freund, denn ich glaube, ich darf mich fast so nennen, und 
fahre dann übermorgen nach London zurück. Von da aus mache 



254 Felix in England 1829. 

ich mehrere Dmge richtig, bedanke mich bei allen Freunden 
und Gönnern, schreibe an Moscheies, Johnston etc., führe meine 
Zeichnungen aus, gehe über den Canal etc. etc. Dies Ende 
schreibe ich schon neben der Dampfmaschine, von der ich sprach, 
denn in der Mitte wurde ich abgerufen und spazierte mit den 
Damen hierher in's Thal, wo's Zelt steht. Das Weitere will 
ich eben erleben und Euch dann schreiben." 

London, 10. Sept. 29. 

^ Mein Aufenthalt bei Taylor's war eine von den 

Zeiten, die ich nie aus dem Gedächtniss verlieren werde, und 
es wird mir blumenmässig zu Muth werden und die Wiesen 
und Waldkräuter und Bachkiesel mit dem Rauschen vergess 
ich nicht ; wir sind Freunde geworden, denk ich, und ich habe 
die Mädchen so recht herzinnig lieb, glaube sogar, dass sie mir 
auch gut sind, denn wir waren fröhlich zusammen; drei mei- 
ner besten Ciavierstücke verdank ich ihnen übrigens; als die 
beiden Schwestern sahen, dass ich mit den Nelken und der 
Rose Ernst machte und zu componiren anfing (natürlich in 
Susan's Haus), so kam die Jüngste mal mit gelben, offnen, 
kleinen Kelchen im Haar, versicherte mich, das seien Trom- 
peten und ob ich die nicht in's Orchester einführen wolle, da 
ich doch geäussert hätte, ich brauchte neue Instrumente, und 
da wir am Abend nach Bergmannsmusik tanzten und die Trom- 
peten sehr schrillten, meinte sie, nach ihren Uesse sich's wohl 
besser tanzen; da componirte ich ihr denn einen Tanz, wozu 
die gelben Trompetenkelche aufspielen; und der mittelsten gab 
ich den Bach, der uns während des Spazierrittes so gefiel, 
dass wir abstiegen und uns dran hinsetzten (ich glaube, ich 
hab's Euch schon geschrieben?) Dies letzte Stück, glaube ich, 
ist das beste, was ich in der Art mir ausgesonnen habe, es ist so 
langsam laufend und ruhig und ein bischen langweilig einfach, 
dass ich es mir alle die Tage vorgespielt habe und sentimen- 
tal dabei geworden bin. Ich würde Euch die Stücke schicken, 
aber da ich am nächsten Posttage mein Quartett beendigt zu 
haben hoffe und Euch zusenden will, so muss ich doch auch 
etwas Neues im December mitbringen und behalte meine fünf 



Rückkehr nach London. 255 

Stücke, nicht Uons, wie Beckchen fälschlicli sagt, sondern da/T' 
Ungs von mir, für mich. Besitze ich doch das eine nicht ein- 
mal in meinem Manuscript. Ja, ärgert Euch nur, Kinder! Es 
wird nichts anderes als Süssholz geraspelt und zwar Englisches. 
— Im Ernst aber, die Zeit war froh und verlief schnell, dann 
am Abend spät fuhr ich fort, die Lichter im Hause flackerten 
noch hell in der Ferne durch die Büsche; in meinem offenen 
Wagen kam ich dann an verschiedenen Lieblingsplätzen, an 
besagtem langsamen Bach, an dem letzten Zaun der Besitzung 
vorbei und nun ging's fort in der rasenden, englischen Ge- 
schwindigkeit; ich brummte aUe meine unangenehmen Reise- 
gefährten an, sprach kein Wort, sondern blieb ruhig halb 
träumend, halb denkend, halb verdriesslich wie man immer wird, 
glaub' ich, wenn man in einer Mail so seine zwei hundert Mei- 
len abraset. Und fast eine laterna magica des ZufaUs war es, 
dass kurz vor der zweiten Nacht, die ich durchfuhr, um den 
andern Morgen in London zu sein, die Mail still hielt, weil sie 
der Mail von London nach Chester begegnete, und dass ich 
während des Gesprächs der beiden Kutscher meinen Kopf aus 
dem Fenster steckte und in der tiefen Dämmerung aus der 
andern Mail Fr. Gramer mit seiner Tochter herausgucken sah 
(ihr erinnert Euch doch Miss Marian?) Wie man sich denn so 
ein Paar W^orte zuwirft und dann auseinander fährt, für Jahre 
oder länger, das ist nun eben die Welt, und treibt und begeg- 
net und nähert und entfernt sich. Hier wieder angekommen, 
fing ich mein ruhiges Leben an, das aus Componiren und Eng- 
lisch Lesen besteht. Mein Quartett ist in der Mitte des letzten 
Stückes und ich denke, es wird in diesen Tagen fertig ; ebenso 
das Orgelstück für die Hochzeit; meine Reformations-Symphonie 
denke ich dann, so Gott will, hier anzufangen und die Schot- 
tische Symphonie, sowie auch die Hebridengeschichte baut sich 
nach und nach zu. Auch Vokalmusik habe ich viel im Kopfe 
und vor, hüte mich aber schon zu sagen, w^elche Art und wie? Die 
Clementi'sche Fabrik schickte mir am Tage meiner Ankunft 
wieder das schöne Klavier, das ich bei meinem vorigen Auf- 
enthalt hatte; und da ich Herrn Collard bat, es mir diesmal 
zui' Miethe zu geben, so schickte er mir ein paar englische 



256 Felix in England 1829. 

Strophen und bat mich, sie zu componiren. Es wird mir schwer, 
indess ich muss." 

üeber den Eindmck, welchen Felix auf seine Wirthe in 
Coed Du machte, spricht sich ein Brief der einen Tochter sehr 
anschaulich aus, der nach Felix' Tode geschrieben wurde:*) 
„Im Jahre 1829 wurden wir zuerst mit Herrn Mendelssohn 
bekannt. Eingeführt wurde er durch meine Tante, Mrs. Austin, 
welche seinen Vetter Professor Mendelssohn in Bonn gut ge- 
kannt hatte. Er besuchte uns Anfang der Saison in Bedford- 
Kow, aber wirklich befreundet wurden wir in Coed Du, einem 
Hause nahe bei Mold in Flintshire, welches viele Jahre von 
meinem Vater gepachtet war. 

Herr Mendelssohn verlebte gelegentlich einer Tour durch 
England und Schottland dort einige Zeit bei uns. Meine Eltern 
empfingen ihn freundlich wie Jeden, aber seine Ankunft er- 
regte kein besonderes Aufsehn, da viele Fremde in unser Haus 
kamen, um die von meinem Vater geleiteten Bergwerke zu 
sehen und wir oft Ausländer aufnahmen. Bald aber wurde es 
uns klar, dass ein ausserordentlicher Geist von scharfer Be- 
obachtung und feiner Empfindung unter uns weüte. Er war 
etwas schüchtern und sehr bescheiden. Wir wussten wenig 
von seiner Musik, aber ihr wunderbares Wesen kam über uns 
und ich erinnere mich an einen Abend, als wir drei Schwestern 
nach unseren Zimmern gingen, wie wir zu einander sagten: 
„Gewiss muss das ein genialer Mann sein, . . . wir können 
uns in dieser Musik nicht irren; noch nie haben wir einen 
Menschen so spielen hören, und doch kennen wir die besten 
Londoner Musiker. Sicher werden wir einmal hören, dass 
Felix Mendelssohn Bartholdy ein berühmter Mann gewor- 
den ist." 

Meines Vaters Geburtstag fiel in die Zeit seiner Anwesen- 
heit. Es wurde eine grossartige Expedition nach einem ent- 
fernten Bergwerke oben in den Hügeln veranstaltet, ein Zelt 
dort aufgeschlagen und den Bergleuten ein Festessen gegeben. 



*) Veröffentlicht in Ä Bictionary of Music and Musicians by 
G, Grove, 



Brief von Miss Taylor. 257 

Es wurden Eeden gehalten, Gesundheiten ausgebracht, und 
Mendelssohn ging mit einem Feuer auf die Sache ein, als ob 
er Einer von uns wäre. Er Hess sich mit Interesse von den 
Verhältnissen und dem Leben der Walliser Bergleute erzählen. 
Nichts entging seiner Aufmerksamkeit. Ein Brief, den er kurz 
nach seiner Abreise aus Coed Du an meinen Bruder John 
schrieb, schildert in reizender Weise die Eindrücke, die er von 
unserer Gegend mitnahm. Mitunter ging er mit uns Mädchen 
aus zeichnen, dann setzte er sich ernsthaft an die Arbeit, 
amüsirte sich aber unendlich über Versuche, die seiner Meinung 
nach misslungen waren. Eine Zeichnung eines Walliser Mäd- 
chens, fand er, sähe wie ein Kameel aus, und sie wurde nun 
nie anders als „das Kameel* genannt. Obgleich er seine 
eigenen Zeichnungen verspottete, hatte er doch ächten Künstler- 
sinn und grosse Freude an Gemälden. Ich brauche nicht erst 
zu sagen, wie tief er die Schönheit der Berge und Wälder 
empfand. Er stellte sie nicht mit dem Bleistift dar, aber an den 
Abenden zeigte seine improvisirte Musik, was er im Laufe 
des Tages empfunden oder beobachtet hatte. Das Stück, was 
er in dieser Zeit für meine Schwester Susan schrieb und „den 
Bach" nannte, zeigt, was ich meine; es war eine Erinnerung 
an einen wirklichen Bach. 

Wir bemerkten, wie äussere Gegenstände ihn zur Musik 
anregten. In dem Garten meiner Schwester Honora wuchs 
eine hübsche Schlingpflanze mit kleinen trompetenförmigen 
Blüthen, die damals etwas neues wai*. Sie frappirte ihn, und 
er spielte für meine Schwester das Stück, welches (wie er 
sagte) die Elfen auf diesen Trompeten blasen würden. Als er 
das Stück (Capriccio in e-moU genannt) aufschrieb, zeichnete 
er einen kleinen Zweig jener Blumen um den ganzen Rand 
des Blattes. Das Stück (Andante und Allegro), welches Herr 
Mendelssohn für mich schrieb, fiel ihm beim Anblick eines Strausses 
Rosen und Nelken ein. Wir hatten das Jahr wunderschöne 
Nelken, sie waren seine Lieblingsblumen und er trug oft eine 
im Knopfloch. Die Arpeggio- Passagen in der Komposition 
sollten den süssen^ aufsteigenden Duft der Blumen vor- 
stellen. 

Die Familie Mendelssolm. I. 17 



258 Felix in England 1829. 

Er war nicht die Spur sentimental, trotz seines tiefen 
GefüMs. Niemand freute sich mehr über Unsinn als er, und sein 
Lachen war das Lustigste, was man hören konnte. Einen 
Abend im Sommer blieben wir später als gewöhnlich in dem 
Wald oberhalb unseres Hauses. Wir hatten in Susan's Garten 
oben im Wald ein Haus von Fichtenästen gebaut. Wir machten 
ein Feuer in einiger Entfernung davon in einem Dickicht 
zwischen den Bäumen. Mendelssohn half mit dem höchsten Eifer 
und schleppte mehr und mehr Holz herbei ; wü' wurden müde von 
der lustigen Arbeit, lagerten uns um unser Feuer, der Rauch 
wehte darüber hin, die Kohlen glimmten ; es wurde dunkel, aber 
wir konnten uns nicht entschliessen, unser Feuer zu verlassen 
„Wenn wir nur etwas Musik hätten", sagte er „Könnte nicht 
irgend Jemand etwas zum Spielen besorgen?" Nun fiel es 
meinem Bruder ein, dass wir in der Nähe des Gärtnerhauses 
wären, und dass der Gärtner eine Violine hätte, und unsere 
Jungen stürzten fort, diese zu holen. Als sie kam, war sie 
das elendeste Ding von der Welt, mit nur Einer Saite. Mendelssohn 
nahm das Instrument in die Hände und schüttete sich vor 
Lachen aus, als er die Töne hörte, welche entstanden. Sein 
Lachen war sehr ansteckend, er brachte uns alle in die herz- 
lichste Lustigkeit ; aber dann lockte er doch schöne Musik aus 
der armen alten Geige, und wir sassen und horchten auf 
eine Melodie nach der anderen, bis die Dunkelheit uns nach 
Hause trieb. 

Mein Vetter John Edward Taylor wohnte zu der Zeit bei 
uns. Er hatte ein imitirtes Waliiser Stück komponii't und 
spielte es eines Morgens vor dem Frühstück durch, ohne zu 
wissen, dass Herr Mendelssohn (dessen Schlafzimmer an das Wohn- 
zimmer stiess) jeden Ton hörte. Am Abend, als wir wie gewöhnlich 
musizirten, setzte sich Mendelssohn an's Klavier. Und nach einem 
zierlichen Vorspiel hörte John Edward sein armes kleines Lied- 
chen so vortheilhaft als möglich als Musikstück des Abends 
eingeführt. Und als er dabei verweilt und es in der graziösesten 
Weise ausgeschmückt hatte, verbeugte er sich in seiner liebens- 
würdigen, muthwilligen Art gegen den Componisten imd erkannte 
diesem alle Ehre zu. 



Brief von Miss Taylor. 259 

Vielleicht lag etwas von dem Eeiz seiner Rede in den 
ungewöhnlichen Worten, die er als Deutscher beim EngUach- 
sprechen wählte. Er lispelte ein wenig. Er hatte ein.e Art, 
rasch mit dem Kopf zu nicken, bis die langen Haarlocken ihm 
über seine hohe Stirn fielen, in der Nachdrücklichkeit seiner 
Zustimmung zu Sachen, die inn ireuten. Manchmal unterhielt 
er sich sehi' ernsthaft mit meiner Mutter. Da er sah, dass 
wir Geschwister uns untereinander und die Eltern herzlich 
liebten, so sprach er darüber mit meiner Mutter, erzählte ihr, 
dass er Familien gekannt hätte, wo es nicht so sei, und sagte : 
„Sie wissen nicht wie glücklich Sie sind." 

Er war so entfernt von jeder Prätension, oder davon, sein 
Musikmachen als eine Gunst zu betrachten, dass an einem 
Abend, wo eine Nachbarfamilie zu Mittag kam und wir nachher 
tanzten, er sich mit den Andern im Spielen von Quadrillen und 
Walzern abwechselte. Er war der Erste, der uns Galopp 
tanzen lehrte, und wir hörten von ihm zuerst Weber's letzten 
Walzer. Er tanzte eben so gern wie jeder andere junge Mann 
seines Alters. Damals war er 20 Jahre alt. Er hatte die 
Ouvertüre zum Sommernachtstraum vor jener Zeit geschrieben. 
Ich erinnere mich genau, wie er sie spielte. 

Er verüess Coed Du Anfang September. Wir sahen ihn 
aber, so oft er nach England kam, indessen die Besuche, die 
er uns in London machte, haben mir keinen so tiefen Eindruck 
hinterlassen wie der in Coed Du. Doch erinnere ich mich einer 
Gesellschaft bei meinem Vater, welcher er beiwohnte. Sir 
George Smart war auch da ; als derselbe zum Spielen aufgefordert 
•wurde, sagte er zu meiner Mutter: „Nein, neüi, lassen Sie nur 
das alte Postpferd bei Seite, wenn Sie einen muthigen jungen 
Renner bei der Hand haben." Das Resultat davon war ein 
von Sir George Smart und Herrn Mendelssohn gespieltes Quatre- 
mains. Unser lieber alter Lehrer, Mr. Attwood, traf ihn oft bei uns. 
Einmal besuchte er mit uns eiaen Ball bei Mr. Attwood in 
Norwood. Auf der Rückfahrt war es schon hell, und ich erinnere 
mich, wie er den Anblick von St. Paul in der Morgen- 
beleuchtung, den wir von Blackfriars Bridge aus hatten, be- 
wunderte. Aber sein fröhlichster Besuch bei uns war der, wo 

17* 



260 Felix in England 1829. 

er zuerst seine süsse junge Frau zu meiner Mutter brachte. 
Frau Felix Mendelssolin war damals ganz jung verheirathet, und 
wir sagten Alle, er hätte keine finden können, die seiner würdiger 
gewesen wäre. Und mit der entzückenden Erinnerung an sein 
damaliges Glück will ich schliessen." 

In London warf Felix am 17. September mit dem Wagen 
um und verletzte sich das Knie so bedeutend, dass seine Ab- 
reise von England um zwei Monat bis Ende November ver- 
zögert und alle seine Pläne zerstört wurden. Er hatte seinen 
Vater in Holland ti-effen und mit diesem zusammen die Rück- 
reise durch Holland und Belgien machen wollen, um am 3. Oc- 
tober bei der Hochzeit von Fanny anwesend zu sein. Statt 
dessen langes, schmerzhaftes Krankenlager, aber erleichtert 
und versüsst durch die aufopfernde Liebe von Klingemann, der 
sogleich zu Felix zog, und durch die Freundschaft und Theil- 
nahme aller englischen Bekannten. 



Felix an Fanny. 

London, 25. September 29. 

^Dies ist denn also der letzte Brief, der vor der Hochzeit 
nach Euch gelangt, und zum letzten Male rede ich Fräulein 
Fanny Mendelssohn Bartholdy an, und wohl viel hätte ich zu 
sagen. Aber noch immer will es nicht recht gehn. Zwar 
sitze ich seit gestern alle Tage ein wenig auf und kann daher 
besser und kleiner schreiben, aber der Kopf ist mir noch gar 
so wüst von dem vielen im Bett liegen und von der langen 
Gedankenlosigkeit, und je mehr ich zusammenfassen möchte 
in diesem Augenblick, desto schneller entschlüpft es mir und 
will sich nicht halten lassen. Dass es nun mit mir dasselbe 
ist, ob ich's gut oder schlecht sage, oder verschweige, das 
wisst Ihr wohl recht gut; mir aber ist's als hätte ich ganz 
und gar die Zügel verloren über das, was ich sonst schon zu 
bemeistem wusste ; und die Gedanken über Alles, was sich 
nun verändern und festsetzen vn]l, die sich mir sonst gleich 



Hoclizeitsbrief für Fanny. 261 

in Einen verschmolzen hätten, wenn ich angefangen hätte, 
Euch zu schreiben, die fahren mir nun einzeln, unbestimmt und 
halb wild umher und sind nicht zu ordnen. Aber es ist nun 
so, und wenn man täglich sieht, wie alle Kleinigkeiten, die 
man sich ausmalt, durch die Wirklichkeit verschoben, ver- 
grössert oder vernichtet werden, so steht man vor einem wirk- 
lichen Lebensereigniss mit rechter Ehrfurcht und Demuth. 
„Mit Ehrfurcht, damit meine ich aber frisch und fröhlich und 
mit Vertrauen. Lebt und webt, heirathet Euch und seid 
glücklich, baut Euch das Leben zu, auf dass ich es schön und 
wohnlich finde, wenn ich zu Euch komme (und das geschieht 
ja nun recht bald), und bleibt Ihr dieselben, dann lasst es 
draussen rütteln wie's mag; übrigens kenne ich Euch beide 
ja, und somit gut. Ob ich die Schwester dann Fräulein oder 
Madame anrede, bedeutet wenig. Der Name thut wenig. 

Freilich habe ich das nun gelernt, wie man doch auch aufs 
kleinste Vorhaben mit Scheu hinsehn und sich über das kleinste 
Gelingen schon fi'euen müsse, denn auch dazu gehört ein Zu- 
sammentreffen des Glücks; aus Llangollen schrieb ich's Euch, 
wie mir die beiden ersten Tage ohne Klingemann zwei freu- 
dige geworden sind, Tage, vor denen ich mich seit dem Anfang 
der Eeise fürchtete; Menschen, Gegenden, Stunden, auf die 
ich mich lange gefreut hatte, auf welche Alles gut und günstig 
vorbereitet war, denen nichts fehlte, was sich berechnen liess, 
gingen kalt, ungenossen, oft unangenehm vorüber ; die kleinsten 
Freuden schlugen fehl aus Zufällen, grosse gelangen aus dem- 
selben Grunde, und Alles, Alles kam anders als ich es er- 
wartet, gewünscht, gefürchtet hatte; so ist mir es gegangen 
und wird auch so bleiben. Aber statt dass mich das furchtsam 
oder ängstlich machen sollte, macht es mich recht muthig und 
wohl; und weit entfernt, desswegen nun an die kleinen Voraus- 
bestimmungen mit Besorgniss zu denken, gehe ich vielmehr 
an grosse mit Zuversicht. Und somit auf Wiedersehn im 
Winter. 

Viel Besseres hätt' ich wohl schreiben sollen, aber es geht 
eben nicht. Sagt, was Ihr wollt, der Körper hängt gar zu 
eng mit dem Geiste zusammen; ich sah's neulich zu meinem 



262 Felix in England 1829. 

rechten Aerger, als sie mir zur Ader Hessen und mir alle 
freien frischen Gedanken, die ich vorher gehabt, mit dem Blut 
in die Tasse tropften und ich matt und gelangweilt wurde. 
ffiJngemann's Epigramm beweist auch, wie sie mir das bischen 
Poesie wegkapern und der Brief hier zeigts auch; ich wette, 
in jeder Zeile steht, dass ich das Bein nicht krümmen darf. 
Bin ich aber nur erst wieder wohl, dann will ich wegfliegen 
von hier, denn nun hab' ich genug vom Eauchnest, und will 
mich wieder auf den Weg machen, und will nach Süden, und 
will dann nach Westen;*) wie es zu Hause am Mittagstisch 
aussieht, kann ich mir gar nicht mehr recht denken, ebenso 
am Sonntag Abend, und unter allen den lieben Gesichtern. 
TJeberhaupt wird mir nie sehnsüchtiger nach Haus zu Muthe, 
als wenn ich an Kleinigkeiten von daher denke : an den runden 
Theetisch, Vaters türkische Stiefel, die grünen Lampen, oder 
wenn ich mir meine Reisemütze ansehe, die über meinem Bett 
hängt, und die ich zu Hause abzunehmen gedenke. Nun, die 
Tage werden ja schon kalt imd kurz, die Kohlen stehen wie- 
der auf der Wochenrechnung wie als ich herkam, Alles spricht 
schon von der nächsten Saison und die ist im Frühling; was 
sonst nach Vierteljahren, ^vird jetzt nach W^ochen, bald nach 
Tagen gerechnet; bald bin ich wieder frei, bald sehn wir uns. 
Sei mir's vergönnt, froh in die nächste Zukunft zu schauen, 
und was der blaue Himmel Freudiges, Beglückendes seinen 
Menschen senden kann, das werde Euch und schmücke Euch 
die Zeit, und mache sie Euch unvergesslich." 



Klingemann. 

„Schönsten Gruss zuvor ans ganze Haus! Dahin musste 
es kommen, dass Sie alle anfangen werden, die Doppelbriefe 
zu verwünschen, die immer nur darauf ausgehen, zu beweisen, 
dass Sie einen süssen Hochzeitsgast weniger haben werden, 
dass der noch immer in der grossen Stadt London sitzt oder 



♦) Auf die grosse E-eise nach Italien und Frankreich. 



KliDgemann an Fanny. 263 

liegt, wie's fällt, und noch immer nicht selbstständig und 
galopptanzend einhergeht oder springt. Die armen Doppel- 
briefe können aber nicht dafür — er braucht seine acht Tage, 
ehe er wieder aufstehen kann (wir verbrauchen sie jetzt), seine 
anderen acht, ehe er im Zimmer ambulirt, und dann noch acht 
letzte, ehe er zum Abreisen flott wii'd; dabei könnt' ich noch 
ein eigennütziger Verräther werden und meinen Freund, den 
Dr. Kind, bestechen, dass der aus den vierzehn Tagen drei 
Wochen machte, in denen ich mir vom scheidenden Genossen 
noch die schönsten Henkersschmäuse und Kehrausse aufspielen 
liesse — ich wül's aber nicht thun. Einmal des Tages ver- 
fällt er in bittere Ironie gegen das Schicksal, wenn er sein 
massiges Dinner bestellt, er giebt seine Aufträge in ver- 
höhnenden Ausdrücken, etwa sprechend: To dmj I want for 
my luxurious dinner etc., wobei die dicke Magd, die keinen 
Unterricht in der Ironie gehabt hat und nicht versteht, etwas 
verdutzt fragt: Sir? Hört sie aber, dass in der BesteUung 
Mutton cJtops mit enthalten sind, so lächelt sie freundlich, denn 
sie versteht diese rein menschliche Scala leiblichen Wohlseins 
und erkennt darin eine Variation des süssen Themas: Genesung. 
Ueberhaupt soll mir Keiner die Engländer der unteren Klasse 
schelten, die Wirthsleute im Hause sind bei allem diesen 
Trouble freundlich und hülffertig, dass es einem Freude macht, 
es zu sehn, und auch die meinigen erkundigen sich täglich 
angelegentlich nach dem Befinden des Freundes. Goldschnüdt 
hilft uns täglich zu irgend einer Ergötzlichkeit — ich selbst 
that viel für meinen Kranken und seine Aufheiterung, indem 
ich mir heute einen schönen und seltenen Backenbart abschnitt 
und mich so umgekehi^t maskirte. Dafür fiiert mich nun. 

Die Braut-Epigramme sind nun aus; ich projektirte aber 
eine Sammlung „über ernsthafte Vorfälle des Lebens" und 
machte somit folgendes Krankengedicht; das Ganze gründet 
sich auf eine wahi-e Geschichte: 

Jalappe (Sie kennen doch das Gewächs?). 
Der Kranke blättert im Lieblingsbuch 
Und findet die Blume, die blaue, 
Die sie vor Kurzem am Herzen trug — 
Er sehnt sich, dass er sie schaue. 



264 Felix in England 1829. 

„Was seufzt Ihr?" — fragt der Doktor kalt — 
„So sehr bei der Blume, der blauen? 
Ihr kriegt sie zu schlucken in Pillengestalt, 
Da hilft sie Euch trefflich verdauen.*' 

Und so ist dies denn der letzte Brief — sage icli mit 
Felix und spreche mit Fräulein Fanny — der Sie noch in- 
mitten von uns und anderen jungen Leuten, Springinsfelden, 
begrüsst. — Haben Sie himmlischen Sonnenschein aussen, so 
wie innen und nichts wie schönen Klang um sich her. Neben- 
bei halte der Prediger eine möglichst kurze Rede und wolle 
Sie nicht zu unmässig rühren! Im Herbst, etwa am dritten 
October, sollte sich aber klüglicher Weise Jedermann verhei- 
rathen — das wäre ein tüchtiger Satz, den man aus dem 
Sommer gleich in den Frühling liinein thäte; wo der Winter 
als Winter bleibt, sehe ich wenigstens nicht ein; was kann 
so jungem Volke der warme Ofen anders sein, als ein lustiger 
Meilerstein, in dem es Paradiesäpfel brät? — 

Himmel, warum sind die Zeiten so ruhig, und warum 
mischt sich Hannover so wenig in die tüi'kische Sache? Ab- 
gesehen, d^ss damit so wenig für die Geschichte geschieht, 
giebt's auch gar keine Courierreisen für hiesiges Gesandtschafts- 
personal ; ein Krieglein, das mich im December mit Depeschen 
nach Berlin brächte, sollte dafür von mir aus warmer Dank- 
barkeit in Gold gefasst und nett beschrieben werden. Felix 
und ich haben heute Morgen schon mehrfach überlegt, aber 
wir bringen die politische Verwirrung, aus der diese poetische 
Ordnung hervorgehn könnte, schwerlich zu Stande, und ich 
wäre doch insofern so sehr nöthlg in Berlin, dass ich mich so 
überaus göttlich amüsiren würde. Die Sachen geschehen nie, 
me man sie calculirt, darum trifft's vielleicht einmal. Es 

schweigt 

Klingemann." 

Felix. 

London, 9. Oct. 29. 

^ Bei Euch muss es jetzt wohl bunt, lebhaft und 

schön aussehn, könnte ich nur emen Augenblick herübergucken, 



Freundlichkeit der Engländer. 265 

um die neuen Herrliclikeiten kennen zu lernen, und das ganze 
frische Leben und die Veränderungen und jede Kleinigkeit, 
die mir schon bedeutend wäre ; denn nun ist ja Alles das vor- 
bei, woran ich lange gedacht, und die Flitterwochen stehn im 
Glänze. — 

Es geht die Zeit pfeilschnell, obgleich die Minuten schlei- 
chen; der Morgen verfliegt, am Mittag kommen Besuche, 
Klingemann ist immer bei mir und ich werde ihm nie danken 
können, was er mich jetzt beglückt; dann wird's wieder 
Dämmerung, dann erscheint wieder das dicke Mädchen mit 
dem Essen, dann brennt das lange magere Nachtlicht wieder 
vor meinem Bette und dann sehe ich wieder nach, ob der 
Tag bald dämmern will. Noch so und so viel magere Nacht- 
lichter und ich bin wieder bei Euch; ich möchte, ich wäre 
schon da. 

Wie freundlich sich die Engländer gegen mich nehmen, 
glaubt Ihr nicht. Da ich Bücher nicht brauchen kann und 
Fleisch nicht essen darf, so überhäufen sie mich mit Früchten, 
Süssigkeiten aller Art; wir müssen von den fremden Schüsseln 
Buch halten und einen Keller anlegen, sagt Klingemann. 
Namentlich legt es Lady MoUer förmlich darauf an, mich zu 
verfüttern, und da Sir Lewis, der mich fast täglich besucht, 
ein berühmter Gustronom ist, so denkt Euch, wie die Puddings 
und Gelees aussehn, die sie schickt. Gestern kam ein grosser 
Korb von Attwood aus Surrey; oben auf lagen herrliche Blu- 
men, die eben neben mir am Kaminfeuer duften, unter den 
Blumen lag ein grosser Fasan verborgen, unter dem Fasan 
eine Menge Aepfel für pyes und dergleichen; Mr. Hawes er- 
schien heut mit Weintrauben, die ich nie schöner und male- 
rischer gesehn habe. Dance schickt zwei eigenfabricirte Torten 
von seiner alten Frau, „weil sie mir einmal bei ihr geschmeckt 
haben", Göschen schöne Erdbeeren, und Jeder thut mir Liebes 
und Freundliches an. Was Euch fast rühren muss, ist, dass 
meiu voriger Wirth neulich Morgens kam und mich im Bett 
fand, ganz still fortging und denselben Abend wieder erschien 
mit den Complimenten seiner Frau, die mir meine Lieblings- 
gerichte sandte, die sie sich von damals her gemerkt hatte; 



266 Felix in England 1829. 

einen Rosinenpndding und eine Art Zwieback; ja dass er sich 
ffestem zur Essenszeit wieder einfand mit einem Seefisch nnd 
einer ^german sok^^, die mir königlich geschmeckt hat. Ver- 
zeiht die vielen Essgeschichten, es sind meine einzigen Amüse- 
ments jetzt." 



London, 6. Novbr. 1829. 

„Ehen komme ich von der ersten Spazierfahrt zurück, 
die ich mit Klingemann gemacht ; es ist nun einmal ein liebes 
Ding um Luft und Sonne. Sie haben mich müde imd matt 
gemacht und doch fühle ich, wie ich erquickt bin, und mir 
ist gesunder als je zu Muthe. Schon als ich die Treppe so 
recht langsam herunterstieg und sich die Hausthüre wieder 
einmal vor mir aufthat und die Wirthsleute aus ihren Zimmern 
traten und mir gratulirten und der Fuhrmann mir seinen Arm 
zum Einsteigen bot, wurde mir warm imd wohl: als es aber 
nun um die Ecke ging und die Sonne mich so warm beschien 
und der Himmel mir den Gefallen that, tief blau zu sein, da 
fühlte ich die Gesundheit zum ersten Male in meinem Leben ; 
denn ich hatte sie früher nie auf so lange Zeit entbehrt. 
London war unbeschreiblich schön; wie die rothen und braunen 
Schornsteine sich scharf vom dunkelblauen Himmel abschnitten 
und alle Farben so stechend glänzten, wie die bunten Läden 
schimmerten, und der blaue Duft mir aus jedem Querwege so 
dick entgegenquoll und allen Hintergrund einhüllte und me 
statt der grünen, beweglichen Blätter auf den Sträuchern, die 
ich mii' aus meinem Gig heraus damals anguckte, nun rothe 
Ruthen steif dastanden und nur der Rasen noch grün war, 
und wie schön der Hügel in Piccadilly von dem Sonnenschein 
bestrahlt wurde und wie lebendig mir Alles vorkam, — das 
gab einen seltsamen, aber sehr wohlthuenden Eindruck und 
ich fühle die Kraft der wiederkehrenden Gesundheit. Ich 
nehme liebe Erinnerungen von der Stadt mit und wenn ich 
auf der Stage (oder vielmehr in derselben, denn ich bin ein 
gebrannt Kind) hinausfahren werde, so sehe ich wohl manch- 



Genesung. 267 

mal noch zurück und denke an die Freude, die ich hier gehabt. 
Denn es thut einem doch gar zu wohl, wenn die Leute freund- 
lich sind und was auf einen halten und es gereicht mir zum 
innigsten Vergnügen, mit Aufrichtigkeit mir sagen zu können, 
dass sie es hier thun; mein Aufenthalt ist also nicht um- 
sonst gewesen und die Zeit wird mir immer lieb bleiben, wenn 
ich an sie zui'ückdenke. 

Da Euch die Geschichte meines vorigen Wirths gefällt, 
so gebe ich hier die Fortsetzung: ich hatte diesen Ironmonger 
seit acht Tagen nicht gesehen, da kam er neulich, entschuldigt« 
sich, dass er so lange nicht hier gewesen sei, er habe aber 
eine neue Küche mit Ofen in seinem Hause gebaut, das hätte 
ihn abgehalten: heut habe aber seine Frau zuerst in dem Ofen 
gebacken und schicke mir nun das erste Produkt daraus, damit 
ich entscheide, ob es nicht noch besser sei, wie die Kuchen 
aus der vorigen Küche. — 

Neulich kamen auch Eure Briefe, in denen Ihr, liebe Eltern, 
so besorgt um mich seid, und Du, liebster Vater, Dich gar auf 
die entsetzlich lange Reise machen A\illst. Was soll ich Dir 
darauf nun sagen? Aber so stehe ich ja doch nun einmal zu 
Dir, leider! oder vielmehr Gottlob! dass ich ein für aUe Mal 
Dir meinen Dank und meine Liebe verschweigen muss, sonst 
müsste ich Dii^ ja Alles nur in solchen Worten sagen und 
käme zu nichts Anderem, denn ich verdanke Dir ja eben Alles 
und so soll denn auch dies verschwiegen sein. Wären doch 
nur Worte nicht so kalt! Und nun gar geschriebene! — 

Lti dem Brief vom 27. Oct., den ich erst heut über Ham- 
burg empfing, stichelt Fanny auf meine Ungeduld ; das ist fehl- 
geschossen, denn seit der dritten Woche bin ich in eine faule 
Apathie gerathen, die alle Grenzen übersteigt: ich könnte jetzt 
den ganzen Tag auf dem Sopha sitzen und nichts thun, neulich 
sass ich eine halbe Stunde lang in der Dämmerung allein, sah 
in's Feuer und dachte an garnichts — ein Unternehmen, bei 
dem ich sonst unfehlbar eingeschlafen wäre, — hier blieb ich 
aber wach und bequem dabei ; — ich lese das ganze Ende des 
achtzehnten Jahrhimderts : Kotzebue, Iffland, Meissner, Engel; 
einen Theil Schilling und drei Seiten Clauren habe ich auch 



26S Felix iu England 1829. 

gelesen etc. Kurz, wenn ich nur noch aus einer langen Pfeife 
rauchte und eine Nachtmütze aufhätte, so könnte man mich 
mit meinen Krücken im Hintergrunde recht gut für einen 
rüstigen alten Onkel halten, der das Zipperlein hat.*' 

Schliesslich verlebte Felix noch einige Zeit zur Stärkung 
seiner Gesundheit in Norwood Surrey bei seinem alten Freunde 
Attwood und schrieb von da am löten November: 

^Bei Gott! Nicht umsonst sollen mir Attwood's diesen 
Bogen Papier auf meinen Tisch hingelegt haben, nebst Siegel- 
lack, Federn und Allem: ich wiU Euch nach dem letzten Brief 
von vorgestern noch einen allerletzten schreiben, zumal, da ich 
Euch sagen muss, wie sehr ich mich freue, dass Ihr meine 
„Hora'' leiden möget; besonders Deine Zeüen, liebster Vater, 
haben mich gar zu sehr ergriffen, und jedesmal, wenn Du mir 
sagst, dass Dir ein Stück von mir recht ist, so ist's mir, als 
hätt' ich's noch einmal so lieb, oder als hätt' ich's gar von 
neuem komponirt und eben fertig gemacht. Nun muss ich das 
Lokal erstlich besclu-eiben: Hier ist Norwood, berühmt wegen 
guter Luft, denn es liegt auf einem Hügel, so hoch, als das 
Kreuz auf St. Paul, sagen die Londoner, und ich sitze Abends 
spät auf meinem Stübchen, wo der Wind entsetzlich wild um's 
Fenster heult, während das Kaminfeuer ruhig brennt, habe heut 
einen Spaziergang von zwei Meilen gemacht, die Luft hat 
wirklich sehr wohlthätig auf mich gewirkt, und schon in den 
drei Tagen, die ich hier bin, fühle ich, wie ich stärker und 
gesunder geworden bin. 

Ich freue mich ungemein darauf, von der Akademie die 
Hora zu hören, das Stück gefällt Attwood sehr; aber nichts 
macht hier so viel Glück als die Portraits von Euch Schwestern ; 
die jungen Engländer tanzen den Veitstanz, wenn ich sie unterm 
Arm heiTinterbringe und jeden Abend einmal zeige ; die jungen 
Engländerinnen sagen einmal über das andere: ^Sweet creature^y 
und ich sage: y^They a/re indifferent fretty indeed'^ ^ kurz, wenn 
Hensel nach England gehn will, so ist ihm die Familie Attwood 
und ihr Cirkel gewiss: er muss sie alle zeiclmen, denn sein 
j^dyle"- ist nicht das Letzte, worüber sie ausser sich sind. 

In meiner Schlafstube steht zum Glück gerade der Musik- 



Landaufenthalt. Enryanthepartitur. 269 

schrank des alten Attwood, und der Schlüssel steckt darin, da 
krame ich denn hemm, und wie ich neuHcli ein Tedeum von 
Croft über's andere und zwanzig Anthems von Boyce finde und 
in Psalmen von Purcell wühle, — was fällt mir da in drei 
dicken Bänden auf? — Euryanthe, score 1"^) Das war ein Fund! 
Nun lese ich's sehr aufmerksam durch und erquicke mich darin; 
der alte Herr hat sich's von Deutschland aus kommen lassen, um's 
besser kennen zu lernen, als aus dem Auszug ; eine Stelle schreibe 
ich mir Merkwürdigkeit halber ab, es ist die in ges ^Der du 
die Unschuld kennst". Du weisst, Fanny, dass ich immer 
behauptete, da klänge es nach Blech wie nirgends; und was 
ist's ? der Herr von Weber hat dazu drei Posaunen, die Trom- 
peten, zwei Hörner in es und — zwei Hörner in des!!! Das 
ist doch wohl toll? und süsse Flöten giebt's überall. S'ist 
eine liebe Musik und mir konunt's sonderbar vor gerade hier 
in England, wo kein Mensch sie kennt und kennen kann, und 
wo sie den Weber doch eigentlich schändlich behandelt haben, 
und wo der Mann gestorben ist, gerade da sein Lieblingswerk 
so genau mir ansehn zu können. Auch Cherubini's Eequiem 
und Anderes habe ich gefunden, und so geht die Zeit sehr 
angenehm vorbei. 

P. S. von Klingemann. 

In Berlin hätte ein Aufzug achttägiges Stadt- und 

Theegespräch veranlasst, der gestern durch die Felder um 
Norwood ohne weitere Störung der öffentlichen Kühe und der 
Sabbathordnung zog. In Norwood lebt nämlich einer der 
distinguirtesten Esel, die je Disteln gefressen haben (er kriegt 
aber nur Korn) — ein milchweisses rundes Thier voller Leb- 
haftigkeit und Gaben, von einem der Attwood'schen Söhne, dem 
Theologen William, grossgezogen und nun selber ziehend, 
nämlich ein ganz kleines vierrädriges Fuhrwerk: In diesem 
sass FeKx, munter trottirte der Donkey die Heerstrasse entlang, 
einige Hunde sprangen nebenher, und zu beiden Seiten oder 
hinterher schritten durch Dick und Dünn, Hügel auf, Hügel 

t 

*) Partitur. 



270 Felix in England 1829. 

ab der Theologe und ich , jener stolz und hewusst auf seinen 
trabenden unermüdlichen Esel blickend und nur beklagend, dass 
er, der Theologe nämlich, so viel trockene Bücher lesen müsse, 
um sein theologisches Examen zu machen. Auf dem Heimweg 
stiessen wir auf noch einen Bruder mit der Schwester und noch 
einem Hunde, Felix stieg aus und ging mit uns, und eine 
Caravane von einer Dame, vier jungen Leuten, dem Fuhrwerk 
mit dem milchweissen Esel und drei Hunden zog gelassen den 
Hügel hinauf in's Dorf hinein, — ein ewiger Vorwurf füi' Maler 
und eins ihrer unsterblichsten Kunstwerke. Die ganze Familie 
besteht übrigens aus Portraits, und wir Neueren müssen wieder 
einmal den Herrn von Göthe nachahmen und an den Vicar von 
Wakefield denken, wenn auch nur eine Tochter da ist. — 
Keiner sieht dem Andern ähnlich und jeder treibt sein Wesen 
für sich, und doch geht der Famüienzug durch das Ganze. 

Dann kam unser Dinner in London, es ist wenig davon 
zu sagen, als dass Felix nachher sich vierhändig mit Mrs. 
Anderson und mit Glanz vernehmen liess und darauf nach Nor- 
wood wieder entschwand, — er liess, im Gegensatz des Bösen, 
den Duft seiner high talents und des perfect gentleman hinter 
sich — man kann in der Fremde kaum fassen, wie viel eine 
Engländerin damit sagt, es steckt ein ganzer Foliant von An- 
erkennung darin, — ich kann mii* den Fall denken, dass der 
grosse Apollo selber käme und unwiderstehlich auf der Guitarre 
spielte, und doch, wenn er etwa als freidenkender Grieche nicht 
Wein tränke mit der Frau vom Hause, mit dem Bannfluch: 
^He ü no gentleman"' belegt wüi'de, dem grössten der civilisir- 
ten Welt." 

Felix. 

Hotel Quillacq. Calais, 29. Novbr. 29. 
„Und so liegt England hinter mir und gehört mit zur 
Vergangenheit. Es ist ein schönes, liebes Land, und wie die 
weisse Küste eben untertauchte und die schwarze französische 
auf, da war mir's, als hätte ich von einem Freunde Abschied 
genommen, und alle lieben, freundlichen Menschen nickten mir 



Abreise von England. 271 

noch einmal zu. Das war ein grosses Bild. Aber nun ist es 
Vergangenheit. Ich kann die letzten vierzehn Tage in London 
die glücklichsten und reichsten nennen, die ich da genossen 
habe. Hörn, dem ich alles zeigen konnte und der sich über 
Alles mit mii* freute und erstaunte, durch den ich die grossen 
Eindrücke der Stadt wieder neu empfing, der sich unter mei- 
nen Freunden bald wohl und einheimisch fühlte, trug viel 
dazu bei; dann versammelte sich alle Abende spät bei mir 
ein Kreis von Leuten, wie er sich wohl selten zusammen- 
finden mag: Rosen, Mühlenfels, Klingemann, Kind und Hörn, 
das war hübsch zu hören, wie da das Gespräch belebt und 
froh ging, und wie nichts Mattes oder Falsches durchgelassen 
wurde, sondern zu Zeiten ein Geschworenengericht darüber 
zur Entscheidung gebildet, und wie alle die Menschen von 
Funken und Feuer sprühten, wenn man sie anregte, und wie 
alle so verschieden und abweichend und doch über gewisse 
Punkte einig waren, ohne sich je darüber verständigt zu 
haben: wahrlich, wenn ich so in der Nacht zu Hause kam 
und nun wusste Alle bei mir im Zimmer um's Kamin sitzend 
zu finden, (denn um elf versammelten wir uns gewöhnlich 
erst), so gab mir das ein sonderbares, glückliches Gefühl. 
Vorher war ich dann nicht in Gesellschaften, wie damals in 
der tollen Season, sondern in den engeren, herzlicheren 
Kreisen meiner englischen Bekannten, und ein merkwürdiger, 
interessanter, ehrenvoller Augenblick folgte dem andern. Man 
merkt zuweilen, dass man etwas ünvergessUches eben erlebt, 
und so ein Gefühl dui'chfuhr mich oft. 0! was will ich Euch 
nicht Alles erzählen! Wie werde ich mit einem Munde 
durchkommen?" — 



1830 — 1834. 



Im Laufe der Zeit nahte denn auch für Hensel und Fanny 
das Ziel ihrer Wünsche: der Termin der Hochzeit wurde be- 
stimmt, am 6. September wurden sie zuerst aufgeboten. Abra- 
ham machte noch eine Reise nach Hamburg und den Nieder- 
landen, von wo er wunderschöne Hochzeitsgeschenke schickte ; 
der Dankbrief der Tochter ist interessant in Bezug auf die 
damaligen Trachten: 

Berlin, 19. Septbr. 1829. 

"VVir sind nun schon so lange ohne Nachrichten 

von Dir, lieber Vater, dass wir aufs Ungefähr in die Welt 
hineinschreiben müssen; vorgestern haben wir einen Brief nach 
Frankfurt geschickt und wenn wir heut keinen von Dir er- 
halten, so wandert dieser denselben Weg. Statt von Dir zu 
hören, haben wir aber von Dir gesehen, denn die weltberühmte 
Kiste ist angekommen und ihr Inhalt hat freilich jede Vor- 
stellung übertroffen, Du hast einmal wieder Deinen Geschmack 
und Deine Pracht sehr glänzend gezeigt und jedes in seiner 
Art ist das Schönste, was ich gesehen, Stickereien, Stoffe, 
Muster, alles vollkommen, Nathan der Weise hat gewiss nichts 
Schöneres von seinen Reisen mitgebracht! Was den wunder- 
schönen Schleier betrifft, so hat er hier die weiblichen Ge- 
müther sehr in Aufregung gebracht; es ist nämlich allein hier 







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Hochzeit von Fanny Hensel. 273 

nicht Mode, dass Bräute Schleier tragen; ich finde es aber so 
schön, so passend und es wäre mir besonders meines rothen 
Halses wegen so vortheilhaft, dass ich die grösste Lust habe, 
es doch zu thun und die Erste zu sein, da ich gewiss die 
Letzte nicht wäre; so riethen mir auch Alle hier im Hause, 
Hensel und viele Andere, dann fürchteten wir aber wieder, es 
würde zu viel Aufsehen machen — kurz, der Process schwebt 
noch. Bänder, Shawls, alles ist von der schönsten Sorte und 
nochmals schönsten Dank für Alles. 

Wir sind jetzt hier sehr beschäftigt und bringen die 
meisten Vormittage in Läden zu, wobei ich Mutter's Unermüd- 
lichkeit nicht genug bewundern kann. Es ist, als wäre sie 
nie wohler, nie mehr in ihrem Element, als wenn sie vor 
Geschäften kaum zu Athem kommen kann. Es ist fast un- 
möglich, so gradezu zu danken, am allerwenigsten, wenn man 
eigentlich den ganzen Tag danken müsste, so will ich's denn 
hier thun, sie wird es lesen, und ich bin Dir doch denselben 
Dank schuldig, der sich, wenn er auch immer empfunden 
worden, doch gewiss nie so koncentrirt hat, als in dieser 
Zeit, wo ich zwar Eure unmittelbare Aufsicht, aber doch, 
dem Himmel und Euch sei Dank, nicht das väterliche Haus 
verlasse." 

Am 3. October 1829 war die Hochzeit. Fanny hatte sich 
selbst ein Orgelstück komponii't, welches in der Kirche vor 
der Trauung gespielt wurde. Wilmsen hielt die Traurede. 
Natürlich waren alle Bekannten und Freunde versammelt und 
wohl nur die einzige Wolke am Himmel Fanny's war Felix' 
Abwesenheit. Sonst aber liess sich alles zum glücklichsten 
Leben für das junge Paar an und die Erwartung wurde nicht 
getäuscht. 

Hensel hatte für das erste Jahr grosse Pläne gehabt, 
denen Fanny zwar nicht sehr gläubig, doch ein williges Ohr 
lieh. Wir wissen, wie heftig ihre Sehnsucht nach Italien 
schon während der Schweizer Reise des Jahres 1822 gewesen 
war. Nun war sie verheirathet mit einem Mann, der das 
Land in fünfjährigem Aufenthalt gründlich kennen gelernt 
hatte und den es jetzt mit fast unwiderstehlicher Gewalt trieb 

IHe Familie Mendelssohn. L 18 



274 1830—1834. 

es seiner Frau zu zeigen. Und wie denn Hensel mit erreg- 
barer Künstlerphantasie sich Illusionen über reale Verhältnisse 
gern hingab, (er hielt eme Anstellung in Italien für leicht er- 
reichbar, etwa nach dem Muster der französischen Akademie 
in Rom, eine preussische,) so war der Entschluss gereift, bald 
Berlin zu verlassen und eine Heise nach Italien zu unter- 
nehmen. Wäre das an und für sich schon lockend genug ge- 
wesen, so kam eine weitere Kombination dazu, die den Eeiz 
des Gedankens noch sehr erhöhen musste. Felix sollte von 
England aus seinerseits, nach kurzem Aufenthalt in Berlin, 
nach Italien gehen und fasste den Plan, seine Eltern mit der 
ganzen Familie auch zu überreden, dass sie reisten. Er schrieb 
darüber an Eebecka: 

Mein liebstes Beckchen! 

Glasgow, den 10. Aug. 29. 
^Höre an! Wir wollen jetzt mit emander froh plaudern 
und von der Zukunft sprechen, von der ich vielleicht jetzt 
mehr weiss als Du, denn ich male viel daran herum und will 
Dir nun hier meinen Hauptplan mittheilen, darum schreibe ich 
an Dich, oder vielmehr darum setze ich mich auf den Sopha 
und spreche Dir in's Ohr, leise. Von Glasgow tönt's hinüber 
und im Augenblick ist die Entfernung weg, denn Du hast gar 
keinen Begriff, wie ich Dich liebe und wie nahe ich mich Dir 
denken muss, um froh zu sein, und wie jede frohe Stunde Du 
mir verschaffst, und wie ich in meinem Leben nie anders den- 
ken und fühlen werde. Nie! — Kannst ein dickes Haus auf 
mich bauen, ich halte fest. Aber es ist sonderbar, dass ich 
keine Note schreiben könnte, wärst Du nicht in der Welt, 
möcht' auch nicht leben. Guten Abend, liebes Beckchen! Hör' 
meinen Hauptplan; aber sag' ihn nicht weiter, denn kein 
Mensch erfährt ihn, als Du, und keiner soll ihn erfahren, bis 
ich ihn erfülle. Niemand muss das wissen, als wir beide, und 
dann soll's auf einmal losbrechen. Willst Du's Fanny und 
Hensel sagen, so ist's gut, vielleicht findest Du's sogar noth- 
wendig ; diese sind aber die Eüizigen, denen Du's sagen darfst, 



Keisepläne. 275 

bei allen anderen ^eb das erste Beispiel. — Nun geht der 
Kongress zwischen uns Beiden an. — Von liier aus verschweigst 
Du Alles: — 

I. Ich werde in Berlin wohl etwas früher eintreffen, als 
ich dachte; die Gründe, warum ich früher komme und länger 
bleibe, sage ich Dir und Euch Allen mündlich, wenn ich komme. 
Ihr werdet dann zufrieden sein. Im Februar gehe ich darauf 
nach Italien, werde aber dann nicht, wie ich dachte, drei 
oder vier Jahre ausbleiben, sondern nicht einmal so lange als 
jetzt. Der Grund ist einfach der: ich werde komponiren 
müssen, viel und fleissig und gut ; das kann und will ich aber 
nirgends als bei Dir. Und so werde ich denn, im Fall ich 
meine Reisen später fortsetze, immer nach BerKn gehen und 
da komponiren, was ich dann aussen den Leuten spiele und 
aufführe, dann wieder bei Dir komponiren, dann wieder auf- 
führen, das mag eine Zeitlang so gehen, dann aber bleiben 
wir zusammen und für lange, denn ich wül womöglich in Berliu 
mich festsetzen. So dächt' ich, sähen wir uns oft, froh, immer 
neu, in der nächsten Zeit, und die Sache wäre ganz hübsch. 
— Nun aber 

n. Ich, von Gottes Gnaden, Ich F. M. B. Esquire, Ich 
will die Eltern dazu bringen, im nächsten Frühling nach 
Italien zu gehen und mit Dir mich in Rom zu besuchen, zu 
Ostern. Ich will's. Und ich glaube, ich werde es können. 
Zweifle nicht an der Möglichkeit, denn ich hab's reiflich über- 
legt und es geht. Will Dir auch sagen, wie? Vater hat es 
längst gewünscht, das Land zu sehen, nur fehlte ihm der 
Entschluss und er scheute die Unbequemlichkeit, auch hielt 
ihn Mutter ab. Komme ich nun wieder, so bin ich Schooss- 
kind und kann viel mit Quälen durchsetzen, wie Du weisst, 
auch geht Mutter v/ohl schon lieber, wenn sie einen Theil ihres 
Hauses da findet, den Entschluss erstürme ich dann (weiss 
auch schon wie?) und die Unbequemlichkeit kann ich sehr er- 
leichtem, denn ich kenne nun aus den Hochlanden schlimmes 
Reisen, weiss, wie ihm abzuhelfen, und komme Euch weit ent- 
gegen. Ich bringe übrigens noch für Euch AUe wahrscheinlich 
eine üeberraschung mit, die mir viel Kredit geben und zum 

18* 



276 1830-1834. 

Erstürmen helfen wird; es ist noch nngewiss, also kann ich 
noch nichts sagen, Du wirst aber sehen. Am Uten December*) 
oder an der silbernen Hochzeit mach' ich's. Alles ist vorbereitet 
in mir, es ist mein höchster Wunsch. Ich werde es klug an- 
fangen. Gott wird helfen, da wird es gehen. Nun höre, was 
Du dabei zu thun hast: Nichts. Schweige von Allem und 
sprich, als hätte ich nicht geschrieben. Brich das Gespräch 
ab, wenn von Italien die Hede kommt ; ferner lass auch Fanny 
und Hensel die Eltern garnicht mit Bitten darüber angehen. 
Ich wiU aus den Wolken damit fallen, dann schlägt es besser 
ein. Und sieh zu, dass Du gelegentlich erfährst, wie es mit 
Hensel's Hinkommen steht; ich treibe ihn tüchtig dazu in diesem 
Briefe, und wenn Du mir antworten willst, so schreibe an 
Klingemann und gieb den Brief selbst auf die Post. Hast Du 
Nichts zu antworten, so antworte lieber nicht. Und nun sage, 
was Du dazu meinst? Eine goldene Zeit soll's werden und 
ein Blumenkranz von Tagen. Wir wollen uns im Vatican 
amüsiren, denn hinkommen werdet Ihr, und dann ist Alles recht 
hübsch. Du sagst, Du kennst „die Eltern und den Garten und 
deshalb würde nichts daraus?" Ich aber sage, ich kenne die 
Eltern auch, und Italien ist auch ein Garten und es wird was 
daraus. Nun ist's vorbei; ich gehe aus der Stube, Du willst 
mich am Flausrock festhalten, ich laufe aber doch fort, kucke 
aber natürlich gleich wieder durch die Thüre. Noch fragst 
Du, ob Du nächsten Winter zwei Stuben bewohnen sollst? 
Nein, denn ich brauche eine davon und will während meines 
Aufenthaltes meder malen. Gesegnete Malzeit! Denk' an Italien! 
Es geht nun stark zum Wiedersehen. Ich bin wieder frisch 
und es saust mir mancherlei Musik durch den Kopf. Mündlich! 
So möge denn gelingen, was wir hoffen. — 

Dein Bruder." 

Dasselbe Thema wird in einem späteren Brief an die Ge- 
schwister weiter behandelt, in dem auch die ersten näheren 
Andeutungen über das Mittel, wodurch Felix seinen Zweck zu 
erreichen hofft, das „Liederspiel", gemacht werden. 



^) Des Vaters Geburtstag. 



Pläne zur silbernen Hochzeit. 277 

35, Bury Street, St. James, 

10. Sept. 1829. 

„Die Sache ist die — fängt ein junges Frauenzimmer, das 
wir beide hochachten, lieber Bruder, ihre Berichte gern an, und 
es folgt dann nichts nach, liier brauch ich's mit dem Unter- 
schiede, dass ich ihr Bruder bin und dass etwas Wichtiges 
folgt — die Sache ist also die, dass ein Comite' niedergesetzt 
werden muss zur Anordnung silberner Feierlichkeiten. Früher 
hatte ich mir Fanny als Präsident gedacht, sie hat aber bei 
ihrem ersten Vorschlage soviel auf eine gewisse Familie Eück- 
sicht genommen (z. B. Abends sind wir allein bei Hensel's, 
Mittag essen wir bei Hensel's etc.), dass ich sie der Parthei- 
lichkeit schuldig erkläre, perhon-escire, absetze, und Beckchen 
muss CJiairman sein. Du und Fanny und ich, wir sind ordent- 
liche Mitglieder, Droysen ist ein Ehrenmitglied und Klingemann 
ist auswärtiges Mitglied. Nun geht's los. Ich bitte um's Wort 
imd habe einen Vorschlag zu machen: wie wär's, wenn wir 
den Polterabend so feierten: drei Liederspiele, jedes in einem 
Aufzug, mit Kostüm, Gesang etc. ordentlich dargestellt, und 
ein vollständiges Orchester unten (letzteres will ich übrigens 
zn allen Hochzeitsfeierlichkeiten aus eigenen Mitteln bestreiten 
und zu dem Ende hier eine kleine Musikspeculation machen), 
die Titel folgende: No. 1 Soldatenliebschaft, nämlich mein be- 
rühmtes Machwerk des Namens*), das den Eltern immer noch 
lieb ist, gegeben ohne Veränderung einer Note und ganz mit 
der Besetzung von damals. Was meint Ihr? Ist's nicht lu- 
minös? Dann ein neues Liederspiel von Fanny, das Hensel 
dichten muss, nett, luftig, lieblich an allen Ecken, sehr zart 
und schön. Dann eine Idylle von mir, zu der mir vieles im 
Kopf herimfährt; es muss hübsch werden, und soU ein gesetztes 
Ehepaar drin vorkommen, das Ihr beide Hensels agiren müsst, 
ferner eine Nachbarstochter, ein toller Flurschütz, ein verklei- 
deter Seemann oder Soldat oder was weiss ich? Ein Bauern- 
zuff und a dwr über und über. Dazwischen kann dann Eis und 



*) Es war eine der ersten Compositionen von Felix. 



278 1830-1834. 

Kuchen, und Allegorie und Pro- und Epilog passend Statt 
finden; ich denke, es amüsirt die Eltern weit mehr, als ein 
blosses Instrumentalconcert. Mit meinen übrigen Plänen rücke 
ich heut noch nicht heraus, sondern ^vill erst Euem Gegen- 
vorschlag, Beifall für den meinigen und Ideen für den Hoch- 
zeitstag vernehmen, die Ihr mir gleich umgehend mittheilen 
müsst. — Und hei der Gelegenheit werde bezeugt, o Hensel, 
dass Du ein grosser Mann bist. Deine Zeichnung ist ganz 
himmlisch und macht mir wahre Freude, wenn sie mich anguckt ; 
denn das thut sie; es ist so genial und schön und doch ähn- 
lich und doch komisch und so fort, wo, Teufel, kriegst Du 
solche Einfälle her? Auch Fanny's grosses Portrait ist schön, 
aber es gefällt mir nicht. Ich sehe, wie herrlich es gezeich- 
net, wie sprechend ähnlich es ist; aber in der Stellung, Klei- 
dung, im Blick, in der ganzen sybiUigen Prophetenhaftigkeit 
oder schwärmenden Begeisterung ist mein Cantor nicht ge- 
troffen! Da liegt die Begeisterung nicht so oben auf, mehr 
innen drin und zeigt sich nicht in gen Himmel sehn, oder im 
Ausstrecken des Annes, oder im wilden Blumenkranz, denn 
alles das sieht einer auf den ersten Blick! Das muss er aber 
nicht, sondern erst nach und nach di-aus klug werden. Nimm 
mir das nicht übel, Hofmaler; aber ich kenne meine Schwester 
doch länger als Du, habe sie als Kind in meinen Ai^men ge- 
tragen (üebertreibung!) und bin nun mal ein ungeleckter, un- 
dankbarer Brummbär, der Dir für die Sonnenstrahlen, die Du 
mir so von Zeit zu Zeit herüberwirfst, nicht einmal genug 
danken kann; wenn Du mich sehn könntest, wie ich oft still 
Deinen Zeichnungen gegenüber sitze und dann in ihrer Gesell- 
schaft bin und nirgends weniger als in London, so wäre das 
eben der Dank, der Dir gebührte ; aber sagen ! ? Pfui über die 
Worte. So nimm denn meine Freude als Dank hin darüber, 
dass es Dir gegeben ist, in Formen hinzustellen, was unser 
einem so wohl als Bild vorschwebt, aber doch nur nebelig. Du 
kannst es festhalten. 

D, 11, Heut frühstückte ich bei Klingemann, und unser 
idyllisches Liederspiel rückt sehr vor und fängt an. Form und 
Gestalt zu gewinnen; ich denke, es soll nett werden, und Du 



Abermals Reisepläne. 279 

wirst prächtig eingeführt, Hensel; fürchte Dich nicht vor dem 
Singen, es ist für Dich gesorgt; der Flurschütz ist ein Haupt- 
kerl, und Devrient soll wüthen. 

Nun ein Paar Worte an Dich, Beckchen, meine ruhige 
Bundesgenossin. Aber ein Paar wichtige: Ich habe nämlich 
in diesen Tagen fast die Gewissheit eingesehen, dass unser 
Plan zu Stande kommt, dass wenigstens die Eltern keine 
Hindemisse in den Weg legen werden, und die habe ich durch 
einen Brief von Vater erlangt. Vater hat erstlich die Reiselust 
wieder bekommen, das ist ein grosses Moment. Zweitens würde 
es ihm lieb sein, mit mir ein Weilchen in Holland umherzu- 
reisen, woraus diesmal wohl leider nicht viel werden wird, das 
ist ein grosses; endlich scheint er die Idee, ich müsse allein 
umherfahren, um Selbstständigkeit zu lernen, fast aufgegeben 
zu haben, und giebt viel auf meinen glücklichen Erfolg in 
diesem Lande. Das ist die Hauptsache. Ich sage Dir, Du 
sollst Orangenbäume sehen. Wie mild und weich und freund- 
lich Vaters Brief ist, kann ich Dir garnicht beschreiben, und 
sein eigentlicher Eeiseplan ist auch zu weitläufig, als dass ich 
ihn Dir anders als mündlich mittheilen sollte, aber das genüge 
Dir, dass er mir ein Beweis ist, dass es gelingen wird. Ja, 
ein unumstösslicher Beweis. Freue Dich einmal ein Bischen. 
Brauche übrigens mein Eecept aus dem vorigen Briefe fort und 
sprich von Nichts. Noch dies eine: Aus Vaters Brief folgt 
auch, dass ich solange im Winter bei Euch bleiben werde, als 
wir mögen. (Schweig!) Vieles Gute folgt daraus und Schönes 
und Liebes. Kurz, ich denke, wenn wir im December zu- 
sammenkommen, so ist für's Auseinandergehen garnicht sehi' 

gesorgt. 

Wenn ich wiederkomme, werdet Ihr mich gewiss sehr viel 
Englisch anreden, um meine Aussprache zu prüfen, Fehler zu 
jagen und dergleichen. Ich werde Euch nicht anworten und 
keinen einzigen meiner gebildeten Laute von mir geben, kein 
y^never mmd'\ kein „/ sm/'. „Dieser Rock ist gut genug, um 
drin zu trinken", sagt Toby; „diese Zunge ist gut genug, um 
drin zu raspeln," sag ich, und ist sie das nicht, so mögt Du* 
sie räuchern und essen. A propos, was ich esse? Neulich 



280 1830—1834. 

erwähnte einer der frischen Austern und da wnrde ich senti- 
mental, weil ich mich erinnerte, wie sie im Frühling hier schlecht 
worden nnd ausgingen. Seitdem esse ich sie aus Melancholie 
und denke dran, wie die Zeit vergeht. In E-egentstreet stand 
ich gestern still, wo eine Karte von Holland aushing und 
machte mir auf der bunten Strasse meinen ruhigen Reiseplan, 
wie er im Familienbrief steht, und sah mir den Weg zwischen 
Elherfeld und Berlin an. — Das Liederspiel wird nett, denke 
ich: Hensel und Fanny ein altes Ehepaar, Hensel hasst die 
Musik, Fanny hasst die Soldaten und ihr Sohn kommt nun in 
einen fahrenden Musikanten verkleidet zurück, ist aber eigent- 
licher Soldat und vergisst sich alle Augenblicke und lässt den 
Kriegsmann durchgucken ; nun mag ihn der Vater nicht wegen 
der Verkleidung, die Mutter nicht wegen der durchguckenden 
Wirklichkeit, Beide haben ihn doch aber lieb^ und der Flur- 
schütz macht sich Alles zu Nutze; er ist auch ein Fremder 
und da die alten Schulzen Nachi'icht vom Wiederkommen des 
Sohns erhalten, so halten sie diesen für den Sohn und sparen 
sich gegenseitig die üeberraschung für den folgenden Tag auf, 
wo Geburts- und Amtsjubiläumstag von Hensel ist, bemühen 
sich auch, den Eüpel Ueb zu haben, versperren ihrem Sohne 
die Gelegenheit, zur Nachbarstochter zu kommen und klemmen 
immer den Flurschützen ein, der dann statt des Soldaten ihr 
ein tolles Ständchen auf seiner Fiedel bringt ; am Morgen erklärt 
sich Alles und erheitert sich; das Stück fängt nämlich den 
Abend unter der Linde an, spielt die Nacht durch, wo das 
Ständchen und der Zank der beiden jungen Leute vor sich 
geht, und schliesst am Jubiiäumsmorgen. Was meinst Du zu 
diesen rohen Entwürfen? Mehr zur Zeit; froh soU es sein und 
wir nicht minder." — 

So gingen denn im Winter 1829/30 zwei Dinge mit ein- 
ander vorwärts: die Vorbereitungen zur silbernen Hochzeit der 
Eltern, am 26. December, und die, wenn man so sagen darf, 
„Verschwörung" der Jugend, wegen der italiänischen Reise, 
Ersteres, die Aufführung, gelang vollkommen ; aus jenem „rohen 
Entwurf", den Felix im letzten Brief mittheilt, hatte er da» 
reizende Liederspiel „die Heimkehr aus der Fremde" gemacht. 



Das Liederspiel: Die Heimkehr. 281 

Der Text war von Klingemann. Ganz besonders machte Hensel 
in seiner Eolle als Schulze Furore, für den, da er absolut un- 
musikalisch war, Felix ein Musikstück auf einen Ton kom- 
ponirt hatte. Mantius gab den Sohn, Devrient den Kauz, 
ßebecka die Lisbeth, Wilhelm und Fanny die Schulzen. Es 
war ein in seiner Art einziges Fest und Alles ging vortrefflich 
und sehr nach Wunsch. 

Nicht dasselbe kann man von dem italiänischen Projekt 
sagen: Es scheiterte vollständig an dem entschiedenen Wider- 
spruch der Mutter Lea, die keine grosse Eeisefreundin war 
und sich in dem schönen Haus und Garten viel zu behaglich 
fühlte, um es ohne zwingenden Grund zu verlassen. Dass das 
Aufgeben des lockenden Plans, der wirklich geeignet genug 
war, den Kopf zu verdrehen, nicht ohne viel Herzbrechen ab- 
ging, versteht sich ; es kam dazu, dass im März Eebecka zuerst, 
dann FeUx und Paul die Masern bekamen, um diesen Winter 
so voll petites mishres de la vie privSe zu machen , wie sobald 
keiner in der Mendelssohnschen Familie gewesen war. — 

Im Sommer 1830 wurde Hensel's ein ungemein schwäch- 
licher Knabe*) zwei Monat vor der Zeit geboren. An der 
Lebensfähigkeit dieses Kindes wurde lange gezweifelt und nur 
die sorgfältigste Pflege konnte es erhalten. Dass dies Ereig- 
niss von bestimmendem Einfluss auf das Leben und die Pläne 
des Henselschen Paares wurde, versteht sich. Vor allen Dingen 
wurden damit alle italiänischen Eeise-Ideen auf Jahre hinaus 
vertagt. Das war in einer Beziehung gewiss ein Glück: es 
schied damit ein Moment der Unruhe und Ungewissheit aus 
ihrem Leben, was sich in Fanny's Tagebuch aus dem ersten 
Ehejahr recht deutlich erkennen lässt; und es ergab sich dafür 
die Nothwendigkeit, feste Pläne für das heimathliche, häusUche 
Leben zu entwerfen, welches sie sich gar behaglich und erfreu- 
lich zurechtzimmerten. Abraham hatte im Anschluss an den 
Gartensaal ein Atelier bauen und zweckmässig einrichten lassen, 
was füi* Hensel den unschätzbaren Vortheil hatte, dass er nicht, 
wie die meisten Maler, genöthigt war, seine Arbeit ausser dem 



*) Der Verfasser dieses Buches. 



282 1830—1834. 

Hause zu thun, dass er jeden freien Augenblick seiner Frau 
widmen, dass sie häufig im Atelier sein, mit ihrer Arbeit da- 
selbst sitzen und doch den Haushalt und ihr Kind im Auge 
behalten konnte. Im Januar 1831 bezog er dies Atelier und 
eröffnete gleichzeitig ein Schüleratelier, was an das seinige 
anstossend gebaut war und sogleich von mehreren jungen Leuten 
besucht wurde, die übrigens auch, wo es anging, zu allen 
Festen, Geburtstagen, Weihnachten zugezogen wurden und durch 
Heiterkeit und witzige Einfälle viel zu dem Gelingen aller 
Vergnügungen beitrugen. 

Hensel entwickelte in diesen glücklichen Verhältnissen 
eine unter so günstigen Bedingungen sehr erfolgreiche Thätig- 
keit. Gleich Morgens nach dem Frühstück ging er ins Atelier 
und arbeitete hier fast ohne Unterbrechung bis zum Dunkel- 
werden. Nach dem Essen, was um halbfünf Uhr stattfand, 
wurde entweder im Sommer noch gemalt, oder, wenn es schon 
zu dunkel war, im Garten die nothwendige Bewegung und 
Genuss der frischen Luft gewöhnlich bei dem durch ihn nach 
Berlin verpflanzten und mit Leidenschaft kultivirten Bocciaspiel 
gesucht. Für die Abende aber, namentlich im Winter, wo 
der Garten keine Zerstreuung bot, hatte er wieder künst- 
lerische Beschäftigung mit dem Bleistift. Die Portraitsammlung 
wuchs durch diese Abendthätigkeit zu achtungswerther Grösse. 
Aus unbedeutenden Anfängen war sie entstanden; kleine 
Büchelchen nahmen hin und wieder das Bild irgend eines 
Freundes, flüchtig gezeichnet, auf. AUmälig aber vergrösserte 
sich das Format und mit des Künstlers wachsender Virtuosität 
in der Behandlung des Bleistifts und im Auffassen der Aehn- 
lichkeit wurden auch die Portraits schöner und ausdrucksvoller. 
Bald -viTirden diese Sammlungen bekannt, die Bände mehrten 
sich und er hinterliess deren siebenundvierzig mit über tausend 
Köpfen.*) Die früheren Zeichnungen sind ausschliesslich mit 
dem spitzen und ziemlich harten Bleistift gemacht: die Formen 
scharf mit Linien umschrieben, aber noch ziemlich steif, die 
Ausführung des Details sehr sauber und fein, aber ängstlich; 



•) Im Besitze des Verfassers. Einige der interessantesten Blätter sind in vor- 
xäglicher phototypischer Nachhildung veröffentlicht. 



Portraitsammlung Wilhelm Hensels. 283 

es fehlt an Rundung und Weiche, die Lichter sind mit Weiss 
aufgesetzt. Man merkt der ganzen Zeichenart die frühere Be- 
schäftigung mit Radirungen an, es hat etwas von der Schärfe 
und Härte des Kupferstichs. Bald aber tritt der Gebrauch 
des Wischers und die Anwendung des w^eichen und immer 
weicheren Bleistifts ein und diese Zeichenart wird aUmählig 
zu hoher Vollendung, namentlich in Verbindung mit Papier 
pelU und ausradirten Lichtem ausgebildet. Die Behandlung 
wird immer freier und genialer, der Strich tritt immer mehr 
zurück, die gewischte Fläche immer mehr in den Vordergrund, 
die Fonn wird nicht mehr durch umschreibende Linien, son- 
dern dui'ch weiche Schatten dargestellt, namentlich die Be- 
handlung des Haares ist von grosser Schönheit. Es sind 
schliesslich kaum mehr Zeichnungen, sondern Gemälde, schwarz 
in schwarz. — So die Technik. Damit Hand in Hand geht 
eine grosse Veränderung in der Auffassung der darzustellenden 
Menschen, eine andere Ansicht von der Aufgabe des Portraits. 
Li den ersten Bänden wird eine möglichst treue, wenn man so 
will, daguerreotypartige Wiedergabe des Gesichts erstrebt. 
Daher völlige Vernachlässigung alles Anderen, nur objektive 
Kopirung der Gesichtszüge. Allmäüg aber tritt die individuelle, 
künstlerische Auffassung mehr in den Vordergrund, der zu 
Portraitirende wird gewissermassen nur Rohmaterial, Motiv zu 
einem Bilde. Ist nun ein Gesicht recht charakteristisch, so 
machte Hensel auch wohl in den letzten Jaliren ein voll- 
kommen treues Bild von ihm. Gewöhnlich aber gewinnt 
eine idealisirende und namentlich verschönernde, verjüngende 
Richtung die Oberhand — Fanny nannte das einmal treffend: 
-Wilhelm zeichnet eine Grossmutter in's Stechkissen." — Durch 

77 

Umgebung oft landschaftlicher, oft symbolischer Natur (\vie 
z. B. b3i dem Astronomen Quetelet der gestirnte Himmel) soll 
der Charakter des Menschen näher bezeichnet werden, es sind 
auch hierin, wie in der Technili, mehr Bilder nach gegebenen 
Motiven, als Portraits, freie Phantasien auf ein Gesicht. Und 
bei alledem haben selbst diese, auf den ersten Anblick kaum 
ähnlichen Zeichnungen das Eigenthümliche, dass man sich im- 
mer mehr und mehr in sie hineinsieht, weil sie eben die ver- 



284 1830—1834. 

geistigte Auffassung eines geistreichen, künstlerischen Auges 
darstellen und so eine zv/ingende Gewalt auf den Beschauer 
ausüben. — Die gelungeneren unter den Zeichnungen dieser 
letzten Bände gehören wohl zu dem Vollendetsten, was in 
solcher Art von irgend einem Künstler geschaffen worden ist. 
— Aber noch in anderer Beziehung haben die Albums grossen 
Werth; und zwar einen Werth, der sich mit der Zeit sehr 
steigern wird; sie sind interessante Kostüm- und Trachtendar- 
Stallungen über einen Zeitraum von beinahe fünfzig Jahren. 
Und schliesslich gewähren die fast ausnahmslos den Bildern 
beigefügten Autographen der dargestellten Personen noch ein 
ganz besonderes Interesse; — allerdings fast nur in formeller 
Hinsicht ; denn unter den vielen Hunderten von Unterschriften 
sind kaum ein Dutzend wirklich hübsch und charakteristich. 
Uns aber giebt die Sammlung ein lebendiges Bild von 
der ausgebreiteten Geselligkeit des Henselschen Hauses. Alle 
diese, gewöhnlich durch ii-gend eine hervorragende Eigenschaft — 
Geist, Talent, Schönheit, und wäre es auch nur Eang — aus- 
gezeichneten Personen standen in mehr oder weniger nahen 
Beziehungen zu Hensels und Mendelssohns. Dass die Künstler- 
welt am reichhaltigsten vertreten ist, liegt in der Natur der 
Sache. Von bedeutenderen Musikern wären zu nennen: 
C. M. V. Weber, Zelter, Paganini, Henselt, Gounod, Hiller, 
Ernst, Liszt, Clara Schumann, natürlich Felix in verschiedenen 
Bildern; die Malerei ist u. A. vertreten durch Cornelius, Ingres, 
Horace Vemet, Magnus, Kopisch, Verboekhoven, Kaulbach und 
Max V. Schwindt; das Theater durch die Müder, die Rachel-Felix, 
Seydelmann, die Novello, Lablache, die Grisi, die Pasta, die 
Ungher-Sabatier, die Schröder-Devrient. Die Litteratur sendet 
als Repräsentanten La Motte Fouque, Theodor Körner, Cl. 
Brentano, Bettina von Arnim, E. T. A. Hoffniann, Tieck, Vam- 
hagen, H. Heine, Goethe, Steffens, die Austin, Paul Heyse; 
Thorwaldsen, Rauch und Kiss repräsentii-en die Bildhauer, 
Schmkel die Architekten; während von Männern der Wissen- 
schaft Hegel, Gans, Bunsen, Humboldt, Jacob Grimm, Lepsius, 
Böckh, Quetelet, Jacoby, Dirichlet, Ranke und Ehrenberg sich 
linden. Sie wurden fast Alle Abends, während Musik gemacht 



Portraitsammlung. Sonntagfsmusiken. 285 

wurde, oder die lebhafteste Unterhaltung im Gang war, ge- 
zeichnet, manchmal sogar, ohne dass sie es selbst wussten. 
Das eben gab die Lebendigkeit und Natürlichkeit von Hensels 
Auffassung, dass er kein steifes, gelangweiltes „Sitzen" ver- 
langte, sondern den Menschen frei gewähren, sprechen und 
sich bewegen Hess. Und hatte er so ein eigenes Talent, das 
Leben aufzufassen, so besass er andererseits die Gabe, den 
Tod würdig, ernst und schön darzustellen, eine Gabe, die sich 
selbst in den schwersten Momenten des Lebens bewährte. 
Wie vielen hat er so noch die letzten Züge geliebter Menschen 
zu bleibender Erinnerung festgehalten — der Familie nicht am 
wenigsten. Schöneres kann man kaum sehn, als die Todten- 
bilder von Schlnkel, von Fanny, von Felix, letzteres ist das 
einzige wirklich gute Bild, was von ihm existirt. 

Die Sonntagsmusiken fingen auch in dieser Zeit an, eine 
stehende Institution zu werden, und wie alles Derartige, ein- 
mal angefangen, die Tendenz hat zu wachsen, so war es auch 
hier. Sie waren für Fanny, was für ihren Mann die Albums 
waren. Aus kleinen Anfängen, aus der Vereinigung der 
nächsten Freimde am Sonntag Vonnittag, dem arbeitfi-eien 
Tage, entwickelten sich allmälig wohlvorbereitete Aufführungen 
mit Chor und Sologesang, auch Trio und Streichquartett von 
den besten Kräften Berlins, vor einem zahlreichen, alle Räume 
ausfüllenden Riblikum. Viele Jahre gehörte es zum guten 
Ton in Berlins musikalischen und leider! auch nicht musika- 
lischen Kreisen, zu diesen Musiken Zutritt zu haben. Am 
meisten Freude hatte Fanny dabei an dem trefflich geschulten 
kleinen Chor und an dem Elinstudiren der Sachen mit diesem, 
was gewöhnlich Freitag Nachmittags geschah. — An einem 
schönen Sommermorgen konnte es aber auch nichts Hübscheres 
geben, als den Gartensaal, mit dem Blick auf die herrlichen 
Laubparthien des Gartens, angefüllt mit einer dichtgedrängten 
Menge munterer, festlich gekleideter Menschen, und sie am 
Flügel mit ihrem Chor irgend ein altes oder neues Meisterwerk 
aufführend. Hatte Hensel ein Bild der Vollendimg nahe, so 
standen wohl die Atelierthüren offen und ein ernster Christus 
sah auf die bimte, moderne Welt hernieder, oder Mirjam, den 



286 1830-1834. 

Ihren voranschreitend, drückte symbolisch auf der Leinwand 
ans, was im Saal lebendig vor sich ging. Viele gute Musik- 
stücke wurden durch Fanny Hensel zuerst in Berlin bekannt. 
Eine Auffülirung im Jahr 1834 muss ganz besonders gut ge- 
wesen sein, sie schreibt darüber: „Ich habe im vorigen Monat 
(Juni) eine wunderschöne Fete gegeben: Iphigenie in Tauris 
von der Decker, Bader und Mantius gesungen. Es war wirk- 
lich etwas so vollkommenes, wie man nicht leicht wieder 
hören wird, besonders Bader war hinreissend, aber alle drei 
trieben sich einander so, und die drei schönen Stimmen bildeten 
einen Strom von Klang, der mir unvergesslich bleiben wird. 
Auch aUes Andere ging sehr gut und erfreulich. Es waren 
gerade hundert Personen hier, unter Andern Bunsen, dem es 
eigentlich galt, melirere Engländer, Lady Davy; Eadzi-würs 
hatten sich gemeldet, konnten aber dann nicht kommen, etc. 
Alles war sehr schön und gelungen, noch schöner als Orpheus 
voriges Jalir. — Den Sonntag drauf hatte ich Musik mit 
ganzem Orchester aus der Königstadt und Kess meine Ouver- 
türe spielen, die sich sehr gut ausnahm." — Als Schluss dieser 
ersten Ehejahre mag eine Stelle aus einem Brief Fanny's an 
ihren Vater stehn, am Tauftage ihres Knaben geschrieben: 

,, Ich kann einen so frohen und schönen Tag un- 
möglich beschliessen, ohne mich an Dich zu wenden, lieber 
Vater, und Dir zu sagen, wie sehr wir Dich dabei vermisst 
haben; ja, da man bei solchen Veranlassungen mehr als sonst 
auf sein ganzes Leben zurückgeführt wird, so kann ich nicht 
umhin. Euch, denn dieser Brief ist eigentlich für Mutter mit- 
gemeint, wieder einmal, und wohl nicht zum letzten Mal in 
meinem Leben, von der Stufe aus, auf der ich stehe, zu dan- 
ken, dass Ihr mich hierher gefülu't habt, Euch zu danken für 
mein Leben, für meine Erziehung und für meinen Mann, und 
Euch zu danken, dass Ihr gut gewesen seid, weil guter Eltern 
Segen auf den Kindern ruht, und ich mich in jeder Beziehung 
so glücklich fühle, dass ich varklich nichts als Fortdauer zu 
wünschen weiss. Bei allem Glück habe ich besonders das, es 
so recht zu wissen und zu empfinden, und es ist doch wohl 
der nöthipre Schlussstein." — 



Briefe Abraham's aus Paris. 287 

Abraham Mendelssohn war nach Paris gereist, und mögen 
einige seiner Briefe an Lea hier eine Stelle finden: 

Paris, 13. JuU 1830. 
^Ich möchte Euch gern eine andre, als die trockene Nach- 
richt, dass ich gestern Abend um 11 hier angelangt bin, geben; 
allein ich kann nicht. Ich bin so ermüdet von allem, was ich 
seit diesem Morgen bereits gethan, geselm und gesprochen, dass 
mir die Sinne vergehn. Also ich bin hier; jede Einfahrt in 
Paris ist ein wichtiger und merkwürdiger Abschnitt im Leben, 
und wie alt, kalt und abgespannt einer auch sei, er muss den 
letzten Eest seiner Kräfte hergeben, um mit allen Sinnen sich 
zu freuen, dass er in Paris ist. Bist Du liberal — die Wahlen 
faUen alle antiministeriell aus; bist Du ein Ministerieller — 
gleich werden die Kanonen wegen der Eroberung von Algier 
gelöst; bist Du ein Philosoph (ich nämlich bin keiner), so wird 
Dir heute Mittag Gustav Eichthal die neuen theosophisch- 
industriellen Systeme expliciren; bist Du ein Kaufmann, so 
kehrst Du eben von dem allerwunderwürdigsten Monumente 
zurück, welches der Eeichthum sich je und irgendwo in der 
Welt selbst gesetzt hat, von der Börse, an welcher übrigens 
auch die Damen jetzt Theil nehmen können — und nehmen; 
bist Du Rike Robert, so kaufst Du Dir einen der 1500 Mille 
Hüte, welche Dir zu Gebote stehn; und bist Du endlich der 
Stadtrath Mendelssohn Bartholdy, so thust Du dasselbe, da der 
einzige Fehler, der Paris verunstaltet, der ist, dass Mützen 
nicht tolerirt werden. Sie haben da etwas von honnet rotige 
sagen hören und lassen daher niemand mit einem honnet Um 
nur an den Tuileriengarten ; mit der Nachtmütze ginge es 
vielleicht, weil das ein honnet hlanc oder hianc honnet ist. (Am 
allerwenigsten ginge es wohl mit einer Mütze aus allen diesen 
drei Farben.) Du willst Dich etwa, ohne aus dem Hotel des 
Princes zu gehn, im Klavierspiel oder der Komposition vervoll- 
kommnen, und ich habe beides nöthig, da ich ein wenig auf 
der Reise aus der Hebung gekommen, — Herr Kapellmeister 
Hummel und Herr Meyerbeer wohnen Wand an Wand mit 
Dir. — 



288 1830—1834. 

Paris, 21. Juli 1830. 

Das sicherste Mittel, welches ich bis jetzt aus meinem 
Aufenthalt hier gezogen hahe, ist, dass die Frauen sehr viel 
weiss und sonstige einfache Farben, nur die jungen Mädchen 
sehr viel Eosa und alle insgesammt sehr vernünftige Kopf- 
trachten tragen, und auf keine Weise so lächerlich angezogen 
sind, als es unsere Modejournale berichten und unsere Frauen 
pflichtschuldigst nachahmen. Ich kann alle meine geliebten 
und verehrten Landsmänninnen, alt und jung, gross und klein, 
versichern, dass die sicherste Weise, dem gewünschten Pariser 
Ideal gleichzukommen, Eiofachheit in Farbe und Schnitt ist, 
und dass eine Berlinerin, welche mit Gigots, Imb6cile, unsem 
Locken und Hüten hierher käme, kein einziges Vorbild und 
auch gewiss keine einzige Nachahmung finden würde. — Ver- 
diene ich Geld hier, so bringe ich Euch sinen acht eleganten 
Pariser Anzug, damit Ihr Euch schämen und kleiden lernt; ich 
ärgere dann unsere ganze ^elegante" Welt — pauvres gens du 
nord, auxqueh on n'envote que le rebut — ich habe es immer 
geahnt und gesagt. 

Im Museum war ich schon mehreremal. Es sind noch immer 
die alten herrlichen Bilder, aber es sind leider nicht mehr die 
nämlichen Augen, mit welchen ich sie betrachte: fast noch nie 
hat mich die Abnahme meiner Sehkraft so geschmerzt; doch 
ist die Erinnerung alter Liebe, alten Genusses noch lebendig 
genug in mir, um das Eindringen schlechter Gesellschaft in 
diese Götterversammlung auf das bitterste zu empfinden. Im 
ersten Theil der Gallerie, in der Ecole francaise, hat man, 
wahrscheinlich um leeren Platz auszufüllen, alle Davids Brutus, 
Horazier, Sabinerinnen, Leonidas, Belisar und einen schauer- 
lichen Paris mit der Helena, aUe Girardets Endymion, Sünd- 
fluth (welche mir einmal im Luxemburg gefallen, hier aber ganz 
unerträglich geworden), Einnahme von Cairo, kurz den Teufel 
und seine ganze Familie hingehängt; glücklicher Weise ist 
diese Barbareninvasion bis jetzt nur bis zum ersten Achtel 
ungefähr der Gallerie gelangt, und lässt man sich von diesen 
IJngethümen nicht abschrecken , so kommt man endlich auf 
geheiligten Boden. Schön ist die Menge Arbeitender zu sehn, 



Pere la Chaise. Juli-Revolution. 289 

am meisten freilich Frauen alles Alters und aller Gestalt. 
Obenerwähnter gräulicher Paris von David und die grosse hei- 
lige Familie au berceau von Raphael werden von Dreien auf 
einmal copirt. Im Mmee des Statiies habe ich nichts Neues 
entdeckt als eine Venus von Milo, der beide Arme fehlen; weiter 
weiss ich nichts von ihr. 

Heute war ich, vde alle Engländer, wieder einmal im Pere la 
Chaise. Diese ungeheure Todten Stadt wird immer ungeheurer, 
wichtiger, interessanter; an Bevölkerimg fehlt es ihr nicht, und 
Thorheit und Uebermuth machen die Denkmäler immer mehr 
Häusern und Pallästen ähnlich. Nun fand ich Talma und viele 
schöne Frauen meiner Zeit. Mein Führer (ein alter bonapar- 
tistischer Soldat) sagte mir: ^ Voulez vous savoir le fin mot de 
toiä cela? Plus dJorgueü ^ue de sentiment!'^ (wörtlich.) 

Heut haben die Pairs de France lettres closes erhalten, 
pour V Ouvertüre des cJiamlres au 3 aoüt; ich halte mich, nach 
allem, was ich mir abnehmen kann, für tiberzeugt, dass sich 
alles für jetzt in Wohlgefallen auflöset. Auf beiden Seiten 
hat man zu viel zu verlieren, und keiner hat recht Courage, 
va tout zu spielen." 

Unmittelbar nach Absendung dieses Briefs wurde Abraham 
krank, und es fehlen daher Nachrichten von ihm über die „drei 
Tage". — Erst am 16ten August konnte er wieder schreiben : 

„ Ich habe mich nun entschlossen, bis Ende dieses 

lionats oder die ersten Tage September hierzubleiben, um alles 
selbst zu ordnen, was hier geordnet werden muss. Ich habe 
gestern zum ersten Mal seit mehr als drei Wochen in Gesell- 
schaft gegessen, bei Leo's mit Koreff, welchen ich wahrlich 
nicht genug loben und danken kann. 

Da, wo ein so mächtiger Revolutionsinstinkt sich im Volke 
entwickelt und geäussert hat, da scheint mir ein legaler Zu- 
stand in dem Sinne, wie wir dieses Wort nehmen und verstehen 
können , ganz und gar unmöglich. Ganz neue Formen und 
Verhältnisse müssen sich bilden, um einem solchen Volke zu 
entsprechen und zu genügen; alles Vorhandene ist abgenutzt 
und wird langweilig und lächerlich, und ich irre mich sehr, 
oder dies Gefühl fängt schon an sich zu äussern. Ein Volk, 

Die Familie Mendelssolm. I. 19 



290 1830-1834. 

wie das Pariser sich gezeigt hat, ist entweder im Gefühl eige- 
ner Stärke und Mündigkeit aUen Einflüssen und Einwirkungen 
individueller Ueherlegenheit entwachsen, und dann steht es 
schlimm um das Bestehende, oder aber es wird eine furchtbare, 
unwiderstelüiche Waffe in den Händen derer, die es zu ge- 
brauchen wissen, und dann steht es wieder schlimm um das 
Bestehende. Mir scheinen die drei Tage ein ungeheiu-es, gehemi- 
nissvoUes Wort ausgesprochen zu haben, dessen Deutung jetzt 
zu errathen ist. Eins ist klar; mit Charles X. ist nur der 
allerkleinste Theil der Verderbniss, der Niederträchtigkeit, der 
Habsucht und Intriguen der höheren Stände vertrieben. Die 
rechte Grundsuppe ist geblieben, sie lastet wie eine undurch- 
dringliche Atmosphäre auf Frankreich, sie ist ein feindseliges 
Element, schwerer und nothwendiger zu bekämpfen als die 
garde royale. Mir scheint qu'il n'y a rien de change en France, 
quoiqyCil y ait heureusement un Francais de moins. 

Gefalle ich Euch nicht, so bedenkt, dass ich drei Wochen 
lang krank war. Gott gebe, dass ich mich iiTen möge, dass 
ich nicht in meiner Einsamkeit und gerade, weil ich darin war, 
richtiger sehe, als die im Treiben waren und sind. Gewiss 
ist, was geschehen war nothwendig, unumgänglich; wird, was 
darauf und daraus folgt, gut und recht sein? Ich kann's 
kaum hoffen, aber Gott geb's, sagt Jacobi. ! ich werde alt! — " 



Paris, 25. Angibst 1830. 

„Tausend Dank für Deinen liebenswürdigen Brief vom 17ten. 
Gott erhalte Dir Deinen Enthusiasmus und Deine Lebendigkeit. 
Du irrst aber sehr, wenn Du glaubst, die Aerzte hätten mir 
verboten, Journale zu lesen ; das verbot sich von selbst. Wenn 
ich einen Brief von Dir 24 Stunden uneröffnet lassen muss, so 
kann ich gewiss in 8 Tagen keine Zeitung lesen; ich war, 
bevor das Fieber kam, in einem vollkommenen Marasmus, einer 
wahren Nichtigkeit, aus welcher mich nur Unwohlsein und 
Leiden mancher Art weckten; es war nicht schön. 

In Auxerre war ein Auflauf; das Volk riss die Barrieren 
«in, um keine Abgaben mehr zu zahlen, und erklärte, sich an 



Juli-Revolution. 291 

die Worte des Königs zu halten: ^^que desormaisy ü rCy awa 
pizis de larriere entre le roi et le pewple. Es ist historiscli wahr 
und doch wirklich Shakespearisch. 

Ein Kabrioletkutscher, welcher mich dieser Tage fuhr, er- 
zählte mii% am fürchterlichen Mittwoch hahe er mit einem 
Haufen Bürger in der rue St. Honor6 gefochten; unter sie 
hätten sich mehrere Kinder von 12 — 14 Jahren, mit Stöcken 
bewaffnet, gemischt; er habe zu dem Aeltesten, der sie an- 
führte, gesagt: ^^MaJheureux ^ quo fais-tu ici\ tu n'as pas meme 
d'armes?^'- ^^J^cdtends que tu sois ttce, pvur prendre les timneSy'-'' 
war die Antwort, welche kein Kabrioletkutscher erfindet; mich 
hat es schaudern gemacht, und ich kenne kein ähnliches." — 



Paris, 27. August 1830. 

^ Hiller gefällt mir am besten. Er ist gutmüthig, 

lebendig, obwohl auch ein bischen scharf. Er hat mir vor- 
gestern Hector Berlioz zugeführt, den Verfasser, oder Kom- 
ponisten des Faust; er schien mir angenehm, interessant und 
viel vernünftiger als seine Musik. Ihr könnt Euch nicht denken, 
wie alle die jungen Leute auf Felix warten. Berlioz hat kürz- 
lich den grand prix de composition erhalten und bekommt auf 
5 Jahr dreitausend Francs Pension zu einem Aufenthalt in 
Italien. Er will aber nicht hingehn, sondern sich Erlaubniss 
erwirken, hier zu bleiben (das ist Wasser auf Deine Mühle, 
Lea!). In allen den jungen Köpfen jedes Standes und Gewerbes 
gährt es, alle wittern Regeneration, Freiheit, Neues, und wollen 
daran Theil nehmen. Ich gestehe, dass ich noch mit mir zu 
keinem Resultat darüber gelangt bin, was aus allem dem 
sich gestalten wird. 

Ich habe gestern bei Gerard etwas gesehen, was mich 
unglaublich interessirt hat und so bald nicht aus meinem Ge- 
dächtniss weichen wird: er hat Bonaparte in seinem Cabinet 
mit historisch diplomatischer Genauigkeit der kleinsten Details 
gemalt; es hat mich gebannt! Nebenbei hat Gerard im Ge- 
spräch gesagt, er habe in seinem Leben 400 Portraits gemalt. 

Gebannt hat mich aber auch gestern die Taglioni. Das 

19* 



292 1830—1834. 

ist ganz neu. Ilir erinnert Euch alle noch, wie uns bei der 
Sonntag und Paganini die Gelassenheit, die Ruhe, die Sicher- 
heit oft und am meisten entzückte. Das ist die Taglioni; sie 
tanzt nie geschwind, wenigstens nie heftig. Mit vollkommener 
Ruhe, ohne Rücksicht auf das Publikum folgt sie den Ein- 
gebungen ihrer Grazie und Laune, sucht nie etwas und findet 
alles, strengt sich nie an und thut Unglaubliches. 

Aber Wilhelm Teil ! ! ! Ich reisse noch heut Leo den Kopf 
ab wegen seines ürtheils. Atroce! und leer. Ich bringe den 
Text mit, der allein eine Merkwürdigkeit ist. In einem zärt- 
lichen passionirten Duett fragt Melchthal seine Geliebte Ma- 
thilde (eine österreichische Prinzessin! welche mit ihm glück- 
liche Tage verleben will) vous reverrai-je? Oui demain^ ist die 
Antwort, ich habe es sogleich in oui gäteaiix übertragen; die- 
selbe Mathilde sagt : les rayons de Vastre de la nuit sont discrets 
comme mon Arnold. Wie der Mann, der den Barbier und 
OtheUo geschrieben, solch eine Musik hat machen könnei^,- 
bleibt mir unbegreiflich und eine solche Dissonanz nur in der 
Musik möglich. 

Die innere Ruhe ist vollkommen wieder hergestellt und 
morgen wird Revue über 50,000 Mann Nationalgarden gehal- 
ten. Jetzt ist man aber wegen der belgischen Unruhen un- 
ruhig, und ich fürchte eine stürmische Zeit, da sich eine neue 
gebären zu wollen scheint. Die jungen Leute woUen heran, 
das gefäUt den Alten nicht. '^ 



Paris, 30. August 1830. 

„Gestern (Sonntag) vor 5 Wochen war ich inMontmorency; 
es war gerade die Fete du village, 5 — 6000 Menschen waren 
dort zusammengekommen, tanzend, singend, fröhlich und guter 
Dinge, einige Gensd'armes waren müssige Zuschauer. Wie ich 
gegen 11 Uhr nach Paris zurückkam, war eben die Fete in 
Tivoli aus, und Tausende strömten in friedlichster Ordnung die 
Strassen entlang. Drei Tage darauf war Paris in Feuer und 
Flammen, und wohl an 10,000 Menschen verloren Leben und 
Gesundheit; alle Ordnung war aufgelöst, es hing an einem 



Juli-Eevolution. 293 

Haar, so siegte Tyrannei und Zerstörung, und Paris war seinem 
Untergang nahe. Gestern waren 50,000 Mann vollkommen 
exercirter und bekleideter Nationalgarden auf dem Champ de 
Mars versammelt, um vor dem König die Eevue zu passiren, 
150,000 — 200,000 Menschen waren auf demselben Platz Zu- 
schauer, von Lüiientruppen, von Polizei, von Gensd'armes keine 
Spur, und ich habe ein imposanteres, friedlicheres, ruhigeres, 
schöneres Fest nie in meinem Leben gesehen. Es waren die- 
selben Menschen, welche 3 Wochen vorher sich auf Tod und 
Leben geschlagen hatten, dieselben, welche ich in einem Zu- 
stande von überreizter, physisch und moralisch erhitzter Exal- 
tation und Wuth gesehn, der mir nie aus dem Gedächtniss 
kommen wird. In Paris selbst war nichts als alte, kranke 
Leute, kleine Kinder und die Hefe des Volks zui'ückgebUeben, 
und es ist weder ausser Paris noch in Paris der Schatten eines 
Excesses vorgefallen. 

Das ist allerdings ein wahres und imgeheures Wunder! 
Allein ich bleibe dabei, dass solch furchtbarer, schneller Wechsel 
der entgegengesetztesten Erscheinungen einenZustand, wenigstens 
dieses Landes, anzeigt oder als nahe verkündet, vor dem nichts 
bis jetzt Bestehendes dauern kann. Glücklich sind jetzt die 
Jungen, sie können und werden erwerben, und ihnen eröffnet 
sich ein unermessliches Theater. Wir treten hinter die Coulisseu 
und sehen Rauch und Schminke. 

— — Ich erhalte Deinen lieben Brief vom 24ten und 
bleibe dabei, es ist eine üble Sache um die Correspondenz auf 
150 Meilen weit; ich habe Dir vor 26 Jahren schon dasselbe 
von hier aus gesclirieben. Entweder ich habe total vergessen 
oder Du hast durchaus missverstanden, was ich Dir über meine 
Ansicht der hiesigen Angelegenheiten geschrieben habe. Ich 
bin mic Leib und Seele, mit Herz und Magen dem Princip der 
Journees de Juillet zugethan und halte sie für die ausser- 
ordentlichste Begebenheit der ganzen Weltgeschichte. Aber 
Jean Paul sagt, Niemand sei so gut als seine guten Aufwal- 
lungen und so schlecht als seine schlechten, und wenn letzteres 
unfehlbar von den Franzosen von 93 gesagt werden muss, so 
kann ich nicht umhin, auch erst eres von denen von 1830 zu 



294 1830-1834. 

besorgen. Und wenn Du aus diesem Gesichtspunkt das beur- 
theilst, was ich Dir geschrieben zu haben glaube, so wirst 
Du es vielleicht nicht mehr so räthselhaft finden. Ich bin 
übrigens 53 oder 63 Jahr alt, und es kann mir keiner ver- 
denken, wenn ich mii' Euhe wünsche. 

Der Marquis de Praslin geht nach Italien, um ü'gendwo 
die Thronbesteigung zu notificiren. Tel ministre Schwieger- 
vater, tel amhassadeur Schwiegersohn ! Dieser Minister Schwie- 
gervater könnte mn* die Jowrnees de Juillet verhasst machen." 

Am 13. Mai, nach überstandener Krankheit, begab sich 
Felix auf seine italiänische Reise, von der er die nach seinem 
Tode herausgegebenen „Eeisebriefe" nach Hause schrieb. Aber 
was er nicht schrieb, was seine grosse Bescheidenheit ihn zu 
schreiben und vielleicht sogar zu bemerken verhinderte, war 
der Zauber, den seine Person auf Alle ausübte, die mit ihm 
in Beruhigung kamen. Darüber aber schiieb Marx, der am 
Anfang der Eeise mit Felix in München zusammentraf, an 
Fanny Hensel folgendermassen: 

München, 21. Juli 30. 

„Ueber Haidegenist und Moor; bei der Kapelle vorbei, 
wo ein alter Beter von der Enkelin mühsam aufgerichtet -wird ; 
durch die selige Ebene, wo die lieben Engel aUen Wallfahrern 
den Tisch gedeckt haben; über alle geschäftigen Quellen und 
Bäche längs der grollenden Schwarza, wo das Eeh stutzt; 
über aU die Städte voll Arbeit und Lust zu den geliebten 
Schwestern. Ein Bück! Ein Gedanke an Sie, der den Norden^ 
hundert Meilen hinab in den helleren Süden verwandelt ! Und 
neben mir Felix, der sich wohl im Morgentraum Ihrer freut, 
wie ich im Schreiben, und wir Beide gestern und vorgestern 
Nacht im späten Plaudern! — Sehen Sie da, beste Fannj^ ob 
ich „einmal Sonnenschein zu einem Unternehmen" habe, wie 
das grüne Blatt neben mir wünscht ? und ob ich gar noch die 
Schneeberge brauche, die aus den Wolken, mü' zum ersten Mal, 
herüberwtuken? Obwohl man nicht verschmähen wird, sie am 
24. zu besteigen und am 25. zu Oberammergau „dem grossen 



Felix in München. 295 

VersöliiiTiiigsopfer auf Golgatha" beizuwohnen, nämlich einer 
Passionsmusik mit Handlung. Das haben sie vor Jahrhun- 
derten gestiftet und just so eingerichtet, dass alle zehn Jahr, 
genau 1830 am 25. Juli, wo wir bei der Hand sind, das Fest 
auf den Bergen begangen wird. Jetzt aber ist es Mittwoch 
früh am 21. und ich sende die ersten Zeilen, die ich seit Berlin 
schreibe, bald ab. 

Was wir aber bis dahero thun und gethan, ist bald ge- 
sagt: Wir regieren. Ich habe geruht, Vicekönig zu werden^ 

— Sie können sich vorstellen, beste Rebecka, wie mir's steht 
und lasse mir huldigen, ohne eine Miene zu verziehen. ,, Bester 
Herr von Marx" — oder „Hochgeacht'ter Herr" — oder 
„Liebwerthster" etc. etc. heisst's da und da, und dort: „wie 
unschätzbar" etc., „wir wollen Sie auf Händen tragen" etc. 

— „wenn Sie sich's recht lange bei uns gefallen lassen." — 
Die Leute haben sich nämlich (hören Sie auf zu staunen) in 
den Kopf gesetzt, dass meine Abreise das Signal von Felixens 
sein wird ; da wollen sie mir denn, wie die egyptischen Mütter 
\md Bräute dem Krokodil, Wein und Lämmer opfern und süss- 
betäubenden Weihrauch streuen, damit ich ihnen ihr Lamm 
nicht raube. War' ich keine noble Natur, sondern eine profi- 
table, ich könnt' eine Kontribution ausschreiben ; kurz, ich bin 
wirklich unwiderstehlich, ein Parvenü! Der Rückweg wird 
mich aber nicht über München führen; da will ich incognito 
reisen. — 

Alles Ernstes können Sie sich keine Vorstellung von 
Felixens Stellung hier machen; er kann nicht das Hundertste 
schreiben und auch mir wird es bei dem besten Vorsatze nicht 
gelingen. Die Anerkennung seiner Musik — nun, das haben 
wir vorausgewusst. Jetzt — er könnte die allerschlechteste 
Musik aufführen und Alles würde entzückt sein. Doch das 
muss man beobachten, wie er überall Kind im Hause, wie er 
recht eigentlich der Mittelpunkt jedes Kreises ist. Von Früh 
an bezieht sich alles auf ihn. Gestern z. B. hatte ich bis 
zum „Incognito" geschrieben und Felix geschlafen, da bringt des 
Gesandten Jäger ein Billet von der zärtlichst schreibenden 
Betty, die ich kenne: Felix möge doch, da er um drei nicht 



296 1830-1834. 

zu Tisch kommen könne, um zwölf oder Nachmittags, oder 
Morgens kommen, sie würde zu jeder Zeit glücklich sein etc. 
Wieder öffiiet sich die Thür ; nun tritt der Jäger eines Grafen 
ein (Protzschy oder Prutzschi heisst er, oder sonst anders,, 
nur nicht wie ein vernünftiger Mensch) und bringt eüien 
Nelkenstrauss, von Fräulein so und so. Ihm folgt der erst^ 
Klavierlehrer von München und möchte eine Lektion haben, — 
seine eigenen hat er ausgesetzt, solange Felix hier ist. Dann : 
Ein Kompliment von der dankbaren Peppi Lang (o ! was werde 
ich von der zu erzählen haben, ehe sie noch sechszehn Jahr 
alt wii'd) und sie wage die Bitte, er möge nicht übel nelimen, 
dass sie ihm ein Andenken (acht reizende Lieder) darbringe. 
Fräulein Delphine Schauroth — (sechszehuahnig wenigstens) 
hat zwar die Nacht durch an einem Lied ohne Worte für ihn 
komponirt, lässt aber bitten, ja nicht um halbelf, sondern wo- 
möglich schon um zehn zu kommen, oder womöglich noch 
früher; darum muss der Graf Wittgenstein eine halbe Stunde 
weit Pflaster treten. — Staatsrath Maui'er, Kapellmeister Stanz, 
Moralt und andere trockene Visiten und Bestellungen nicht zu 
erwähnen, lässt Herr v. Staudacher anfragen: Herr v. Mendels- 
sohn habe zwar bereits zugesagt, zum Diner zu kommen, ob 
man aber gewiss hoffen dürfe etc. etc. Dann kommt noch 
Bärmann mit der konfidentiellen Note: Staudacher's hätten zwei 
Mehlspeisen bestellt, um ihm zu gefallen. Sie werden diese 
unvollständige Liste für trockenen Spass halten; es ist aber 
lustiger Ernst. Und nun sollten Sie — o ! wie göttlich wär's ! 
— uns begleiten, wde man schon auf den um und um lächeln- 
den Gesichtern der Domestiken liest, was die Herrschaften 
unter sich gesprochen, wie man keinen dahin bringt, anzu- 
melden, wie — wer kann all' das Detaü schreiben, die tausend 
Blätter aufzählen am Baum der Freude und Liebe? Nur im 
Ganzen versteht und gouth't man, wie das Interesse auch die 
kleinsten Aederchen durchströmt. Ich habe den ernsten, hoch- 
trabenden Staudacher und Bärmann lange heftig streiten ge- 
hört, ob Felix bei irgend einem Anlass erst den Mund aufge- 
macht und dann gelacht, oder gleich gelacht habe? Wörtlich 
so! Mich haben sie mit Danksagungen und Händeschüttela 



Felix in München. 297 

erstickt, für die Komposition der E-Soaate — weil ich sie ihnen 
nämlich genannt. 

Aber es gehört auch dieses regsame, südländische Natui^ell 
dazu, um das Schöne und Liebenswürdige so warm und lebendig 
aufzunehmen. Die Menschen, das Laub, der Himmel, der Stein 
sind hier voll warmen Lebenshauches, der überall Fülle des 
Reizes und der Freude weckt und über den ausgebreitet reichen 
Teppich verklärende, schillernde, wechselnde Tinten giesst. 
Hensel! Wie oft hab' ich Dich hergewünscht, wie hundert- 
mal Dir meine Freude zu der Deinigen und mir Dein Auge 
zu meinem Neulingserstaunen. Was hab' ich mit Dir zu 
sprechen von meinen Quellenthälern, — ich habe viel geseh'n 
und viel nachgedacht — und ich glaube, viel gefunden. Ich 
brenne darauf, es Deiner Sichtung vorzulegen. Soweit; denn^ 
die Minuten sind gezählt. Nun geht's in's Gebirge und dann 
geh* ich, ich weiss selbst noch nicht, nach welcher Weltgegend. 
Lebewohl allen Theueni! Aber keine Antwort kann mich 
erreichen. 

Herzlich liebend 

Marx.^ 

Von Felix selbst mögen hier noch zwei Briefe aus München 
Platz finden: 

Mein liebes Schwesterlein! 

München, 11. Juni 1830. 

^Bist Du auch wieder recht gesund? Und nicht mehr 
böse auf den Rüpel von Bruder, der so lange nicht geschrieben 
hat? Er sitzt jetzt hier in einem netten Stübchen und hat 
Euer grünes Sammetbuch mit den Portraits vor sich und 
schreibt am oifenen Fenster. Hör' mal, ich wollte. Du wärest 
recht froh und heiter in diesem Augenblick, weil ich gerade 
an Dich denke, und so wärest Du es in jedem Moment, wo 
ich an Dich dächte: da solltest Du nie verdriesslich und un- 
wohl werden. Aber ein ganzer Kerl bist Du, das muss wahr 



298 1830—1834. 

sein und hast einige Musik los; gestern Abend sah ich es 
wieder recht ein, als ich stark Cour schnitt. Denn so weise 
Du bist, so habe ich doch mich sehr niedUch gemacht, d. h. 
so weise Du bist, so thöricht ist Dein Herr Bruder. Grosse 
Soir6e war nämlich gestern bei dem P. Kerstorf und Minister 
und Grafen liefen umher, wie die Hausthiere auf dem Hühner- 
hof. Auch Künstler und andere Gebildete. — Die Delphine 
Schauroth, die nun hier angebetet wu'd (und mit Eecht), hatte 
von aU' diesen Klassen ein Bischen; denn ihre Mutter ist 
Freifrau von und sie ist Künstlerin und sehr wohlgebildet; 
kui'z, ich lämmerte sehr. Nämlich so, dass wir die vierhändige 
Sonate von Hummel zu allgemeinem Jubel schön vortrugen, 
dass ich nachgab und lächelte und zusclilug und das As im 
Anfang des letzten Stückes für sie aushielt, „weil ja die kleine 
Hand nicht zureichte" und dass die Frau vom Hause uns 
nebeneinander setzte, Gesundheiten ausbrachte und so fort. — 
Aber eigentlich wollte ich ja nur sagen, dass das Mädchen 
sehr gut spielt und mii', als wir vorgestern zum ersten Mal 
zusammenspielten (denn das Stück ist schon dreimal gegeben 
worden), ganz ordentlich imponii'te; als ich sie nun gestern 
früh alleiu hörte und auch sehr bewunderte, fiel mir plötzlich 
ein, dass wir im Hinterhause ein Frauenzimmer besässen, das 
von der Musik doch eine gewisse andere Idee im Kopf hätte, 
als viele Damen zusammengenommen, und ich dachte, ich 
woUte ihr diesen Brief schreiben, woUte sie so herzlich grüssen ; 
die Dame bist Du nun freilich, aber ich sage Dir, Fanny, dass 
ich an gewisse Stücke von Dir nur zu denken brauche, um 
recht weich und aufrichtig zu werden, obgleich man doch in 
Süddeutschland viel lügen muss. Du weisst aber wahrhaftig, 
was sich der Hebe Gott bei der Musik gedacht hat, als er sie 
erfand; da ist es kein Wunder, wenn man sich darüber freut. 
Kannst auch Klavier spielen und wenn Du einen grössern 
Anbeter brauchst, als mich, so kannst Du Dir ihn malen oder 
Dich von ihm malen lassen. 

Da ich eben auf Hensel anspiele, so muss ich ilim doch 
erzählen, wie mich Göthe sehr nach ihm frug und wiederholt 
sich nach seiner Beschäftigung erkundigte ; das grüne Freund 



Felix in München. 299 

buch musste ich ihm melirere Tage da lassen und er lobte es 
dann sehr; die Lammgruppe in meinem Stammbuch sah er sich 
an und brummte: „die haben's gut — und sieht so zierlich und 
hübsch aus — und so bequem und doch schön und anmuthig^, 
so ging's dann weiter, kurz, o Hensel, er ist, mit Dir zu 
reden, sehr für Dich. 

Jetzt kommt eine Stelle aus einem seiner Gedichte für das 
Chaos (er sagt, woran ihn die unbekannte Geliebte erkennt): 

Wenn Du kommst, es muss mich freuen, 
Wenn Du gehst, es muss mich schmerzen, 
Und so wird es sich erneuen 
Immerfort in beiden Herzen. 
Fragst Du, werd' ich gern ausführlich 
Deinem Forschen Auskunft geben. 
Wenn ich frage, wirst Du wirklich 
Mit der Antwort mich beleben. 
Leiden, welche Dich berührten. 
Rühren mich in gleicher Strenge; 
Wenn die Feste Dich entführten. 
Folg' ich Dir zur heitern Menge etc. 

Hier ist auch ein sonderbarer Schluss eines Gedichtes an 
Fräulein von Schiller: 

Milde zum Verständlichen 
"Wird die Mutter mahnen, 
Deutend zum Unendlichen 
Auf des Vaters Bahnen. 

Beides ist aber nur aus dem Gedächtniss. 

Gestern lobte mich eine gnädige Gräfin wegen meiner 
Lieder und meinte frageweise, ob nicht das von Grillparzer 
ganz entzückend sei? Ja, sagte ich, und sie hielt mich schon 
für unbescheiden, als ich Alles erklärte, Dich als Verfasserin 
nannte und versprach, die Kompositionen, die Du mir nächstens 
schicken würdest, in Gesellschaften gleich mitzutheilen. Wenn 



300 



1830—1834. 



ich das thue, bin ich ein Pfefferkorn, ein Brauerpferd: Da 
schickst aber am Ende auch keine. 

Eben kommt Licht, und mein Quernachbar zermartert sein 
Klavier in der Dämmerung, indem er das GlÖckchen vcn Pa- 
ganini fast zu jämmerlich verarbeitet. 

Als ich auf meiner eiligen, verdriesslichen Reise liierher 
in der Nacht durch Feucht kam, hörte ich in einem Hause 
Mordlärm und der Postillon sagte: „Se sufen da!" — da 
horchte ich zu und die Bauern sangen ein grosses Lied vom 
Jäger, dessen Refrain so ging: 



Ällegro. 



9^ 



^^fr^ 



:p=pr 



V- 






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/TN 



=¥=¥= 



Nun, wenn ich von einer Staatsvisite komme oder aus 
einem BaUet (wie gestern) oder wenn ich Abends zu Hause 
gehe und an die feiosten Redensarten denken sollte, brülle 



ich: 



4* iSitt: 



aus Herzenslust, theilst Du nicht 



dies Gefühl? Ich glaube, es haben mich schon mehrere Mün- 
chener deshalb für roh gehalten; das bin ich aber nicht, son- 
dern habe eine feine Seele und mit der liebe ich Dich." 



München, den 26. Juni 1830. 

^ Liebe Fanny, sei sehr gegrüsst und nimm meinen 

Glückwunsch hin,*) wie Du AUes nimmst, was ich Dir geben 
kann, — denke nicht an die Sache, nur an mich, dessen Herz 
rosenroth ist; ich bin sehr bei Dir und so werde ich es immer 
auch bleiben, mag kommen wie es wolle. Ich hätte Dir gern 



') Zur Geburt ihres Sohnes. 



Felix in München. 



301 



ein Lied gescMckt, aber es ist zu schlecht gerathen.*) — Eben 
sehe ich es mir noch einmal an nnd denke: Ach was! das 
Herz war schwarz, Du verstehst Dich darauf: da ist es 
a yiypcK^a^ yiypacpa; ist Dir's zu schlecht, so kann ich nicht 
helfen, mir war so, als ich Euren ersten halb ängstlichen, halb 
erfreuten Brief bekam: 



Con moto agitato. ^^^ 




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*) Das Lied ist später etwas verändert als Nr. 2 im 2ten 
Heft Lieder ohne Worte herausgekommen. 



302 



1830—1834. 






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Felix in München. 305 

Den 27teii. Das Lied ist docli so schlecht nicht. Heute 
kam Euer froher Brief, der von haldigem Aufstehen und lauter 
Angenehmem spricht. liehste Geren! Wenn Ihr so viel 
schreibt und so durcheinander und miteinander und grosse 
Possen macht — das rührt manchen Landsmann von Euch so 
sehr wie Trauerspiele; wahrscheinlich, weil er Euch so genau 
tennt. Beckchen soU mir der Hensel malen, wie er will, wenn 
es nur göttlich wird, so bin ich zufrieden. Im Ernst aber 
möchte ich Dich, o W. H., nicht beschränken, will also weder 
liber Stellung, noch über Kranz oder Nichtkranz entscheiden; 
aber mach' nur kein Modebild und kein Knallbild; ich möchte 
keine feuerspeiende Berge in den Hintergrund und keine dicken 
Samimetgewänder, Diademe, Juwelen in den Vorgrund (ich 
spreche bildlich), sondern ein stilles, ruhiges, leuchtendes Eben- 
bild möcht' ich, durch nichts glänzend, als durch die Wahrheit 
innen, ohne jede Romantik oder Historie, die nicht im Gesicht 
liegt, und ohne irgend etwas anderes Anziehendes, als wieder 
das Gesicht. Dazu taugte, dächt' ich, die einmal gefundene 
Stellung nicht bitter; indess mach' es, wie Du willst; und wenn 
es ein Gegenstück zu meinem grossen Tizian wird, so sollst 
Du belobt sein. Aber einfach und still! — Du siehst, ich sehe 
das Bild schon vor Augen; war' es nur wahr! 

Was mich nun betrifft, so gehe ich Tag um Tag auf die 
Gallerie und zweimal in der Woche Morgens zur Schauroth, 
wo ich lange Visiten mache ; wir raspeln grässlich, es ist aber 
nicht gefährlich, denn ich bin schon verliebt. Und zwar in 
eine Schottin, deren Namen ich nicht weiss. Gestern war 
nämlich der Universitätsball, von dem Ihr wisst. Ich wollte, 
Ihr hättet mich mit der Frau Rektorin walzen sehen! Schön 
war's ! Ein Gartenplatz war gedielt und mit Zeug und Blumen- 
guirlandsn bedeckt, da wurde getanzt; die Bäume waren mit 
chinesischen bunten Lampen behängt ; als es ganz dunkel war, 
kam Feuerwerk, dann ein Transparent, die üniversitas vor- 
stellend, dann grosse Illumination ; mein Specieller, der Nuntius, 
war auch da, ferner der Erzieher des Herzogs von Bordeaux, 
Ml*. Martin, der sich theünehmend nach Tante Jette sehr er- 
kundigte und der ihr tausend „Sachen" sagen lässt (denn 

Die Familie Mendelssohn. L ^^ 



306 1830—1834. 

wir sprachen französisch), aus einer dunkeln Allee tauchte auf 
einmal Hensel's Portrait von Ringseis auf, dem ich mich der 
Aehnlichkeit wegen vorstellen liess und der freundlichst nach 
AUen fragte, rechts von mir sprachen sie russisch, die schönsten 
Bürgermädchen in Ringelhäubchen gingen unter den grossen 
Bäumen, weiter oben im Kreis sass der österreichische Gesandte 
und die Frau von So und so und Baronin So und so und Saphir 
ohne Halsbinde, auch eine Menge ernsthafte Professoren, süsse 
Offiziere, Posaunen und Trompeten für die Studentenlieder zur 
Begleitung — kurz, das Fest war gelungen und bunt. Ich 
ging allein nach Hause, kannte den Weg nicht, ging keck 
quer in's Korn hinein, nach der Richtung, wo ich mir die Stadt 
dachte, hörte noch von weitem die Tanzmusik und so, auf dem 
Fussweg, unter dem hellsten Sternenhimmel zwischen dem 
Kom im fremden Lande zu wandern, war doch gar zu hübsch. 
Der Weg führte mich auch ganz recht, ich kam an einen 
hohen Damm, der an den Ufern der Isar nach der grossen 
Brücke zu führte ; der Fluss rauschte tüchtig und vor mir lagen 
die Lichter von München ausgebreitet; hinter mir glänzten 
fmmer noch die Lampen und Lichter des Balles ; es ist da viel 
an Euch gedacht worden. — Aber ich bin heut sehr geschwätzig 
und vergesse über eins das Andere ; denn ich woUte eigentlich 
nicht vom Ball und meinem einsamen Nachhausegehen sprechen, 
auch nicht von den Bürgermädchen in silbernen Hauben, son- 
dern ich wollte erzählen, wie man mich der Schottin vorstellte, 
wie ich den ganzen Abend englisch mit ihr sprach, wie ich 
mich heut morgen höflich bewies und wie wir uns aus Zufall 
wieder begegneten. Die Schottin also — 

Felix.« 

Von München gmg er über Wien, Venedig und Florenz 
nach Rom, wo er den grössten Theil des Winters verblieb, 
dann nach Neapel; die beabsichtigte sicüianische Reise gestat- 
tete sem Vater nicht. Nach abermaligem Aufenthalt in Rom 
und Florenz ging die Rückreise über Genua und Mailand nach 
der Schweiz, die er im furchtbarsten Wetter grossentheils zu 



Rückreise aus Italien. 307 

Fuss durchwanderte, und über Südwest-Deutschland. Die „Reise- 
briefe " behandeln diese Zeit ausführlich. 

Aus Frankfurt schrieb er am 14ten November 1831, als 
er nacheinander die Verlobung von Rebecka und den Tod von 
Henriette erfahren hatte, an Fanny: 

„0 mein liebes Schwesterlein und Musiker! 

Heut ist Dein Geburtstag und ich wollte Dir gratuliren 
und froh sein, da kamen Eure Briefe über Tante Jette, und 
mit der rechten Freude ist es nun wohl vorbei. Gestern kam 
die Verlobungsnachricht, heute diese, es geht sonderbar 
hin und her. Ich will Dir eins von den neuen unbegreiflich 
rührenden Sebastian Bach'schen Orgelstücken schenken, die ich 
hier eben kennen gelernt, sie passen zu heut in ihrer reinen, 
weichen Feierlichkeit; es ist, als hörte man die Engel im 
Himmel singen. 

Den 17ten. Ich wollte das Stück schreiben, als ich den 
Brief anfing, legte das Papier Abends zurecht, und als ich 
Morgens aufstand, war das ganze schon fertig geschrieben, 
Schelble war früher aufgestanden, hatte mich davon sprechen 
hören und war mir zuvorgekommen. An diesem kleinen Zug 
kannst Du Dir mein übriges Leben mit ihm weiter ausmalen; 
er beschämt mich jeden Augenblick durch neue Güte, und von 
seinem klaren Urtheile lerne ich was. Wollte, Du könntest 
mein Leben hier einmal mit ansehn und mitleben, denn es wird 
noch lieber durch Philipp Veit, der einer der prächtigsten 
Menschen ist, die ich kennen gelernt habe, von einer Liebens- 
würdigkeit, Milde und doch Lebhaftigkeit, dass es eine Freude 
ist, und ein grosser Maler zugleich. Du solltest eiomal sein 
neues Bild sehn. Wir sind meist zusammen, Abends wird m 
corpore Musik gemacht, neulich im Cäcilienverein gab Schelble 
einige Händel, einen Chor von Mozart, dann „Es ist der alte 
Bund* von Bach, das himmlisch klang, das Credo aus der 
grossen h-moll-Messe und einen Chor von mir. 

Nun spiele diesen Choral mit Beckchen, so lange Ihr noch 
zusammen seid und denkt mein dabei. Wenn am Ende die 

20* 



308 1830-1834. 

Ohoralmelodie zn flattern anfängt und oben in der Luft endigt 
und Alles sich in Klang auflöst, das ist wohl göttlich. Es 
Bind noch viele andere von gleicher Kraft da, aber sie sind 
bitterer, heut passt dieser grade und so schicke ich ihn und 
grüsse und küsse Dich und Hensel und wünsche, Ihr mögt mir 
so bleiben wie ich Euch. 

Felix." 

Demnächst ging er nach Paris. 

Wenn ihm auch natürlich die wundervolle Natur Italiens 
und der Anblick der herrlichen Kunstschätze tiefen Eindruck 
machte und machen musste, so wird Jedem beim Durchlesen 
der Reisebriefe doch sofort klar, dass sein eigentliches Herz im 
Norden und zwar speciell in Deutschland war. Dafür ist der 
Brief an Zelter aus Paris vom löten Februar 1832 charak- 
teristisch, der aus den späteren Auflagen der Reisebriefe be- 
kannt ist. 

Aber es war nicht aUein der ihm mehr zusagende Zustand 
der Kunst, das ihn mehr anheimelnde Naturell der Menschen 
in Deutschland, was Felix diesem Lande so entschieden den 
Vorzug geben Hess, — auch zu der nordischen Landschaft 
fühlte er sich viel mehr hingezogen. So schreibt er aus Flo- 
renz: „Den Garten des Palastes (Pitti) habe ich gestern im 
Sonnenschein gesehen; er ist herrlich und die unzähligen Cy- 
pressen, die dichten Myrthen- und Lorbeerzweige machen 
Unsereinem einen seltsamen fremden Eindruck; wenn ich aber 
sage, dass ich Buchen, Linden, Eichen und Tannen zehnmal 
schöner und malerischer finde als Alles dies, so ruft Hensel j 
^Der nordische Bär." — Und in einem Brief an Devrient 
schreibt er über die Schweiz: „Alle Träume und Bilder können 
Dir nicht eine Ahnung von dem geben, was dies für eine 
Schönheit ist. Es ist auch so verschieden von allen Ländern, 
AUes so anders, von den Bergformen bis zu den Häusern, dass 
man es gesehen haben muss, um sich's zu denken. Wie jeder 
Berg seinen eigenen Charakter hat und seine eigene Phy- 
Biognomie, finster oder freundlich, alt oder jung, wie man der 
ganzen Natur gegenübersteht und alle Jahreszeiten mit einem 



Felix' Vorliebe für nordische Natur. 309 

Blick sieht, aus dem sommerlichen Thal zu den nackten Felsen 
und endlich zum Schnee und Eis mit allen Winternebeln und 
Stürmen, und dann wieder, wenn man auf diesem Eise steht, 
tief herunter in's grüne Thal mit allen Bäumen und Kräutern. 
— Ist denn nicht eine Möglichkeit, dass Ihr die Schweiz ein- 
mal sehen könnt ? Denn es giebt einem eine andere Idee vom 
lieben Herrgott und seiner Natur und ihrer unermesslichen 
Schönheit; jeder Mensch, der es könnte, müsste einmal in seinem 
Leben die Schweiz gesehen haben. Wo will da das dürre 
Italien hin, gegen diese Lebensfrische und die Kerngesundheit! 
Was grün heisst und Wiesen und Wasser und Quellen und 
Felsen, das weiss nur einer, der hier gewesen ist. Mir ist 
nirgends so ganz frei, so ganz der Natur gegenüber zu Muthe 
gcAvesen, als in diesen unvergesslichen Wochen, und ich habe 
mir es vorgenommen, wenn ich in meinem Leben einmal wieder 
einen Sommer herumschweifen kann, es nur hier in den Bergen 
zu thun." — Und er hat Wort gehalten: immer und immer 
wieder bis in das letzte Jahr seines Lebens lenkten sich seine 
Schritte nach der Schweiz, suchte er Erholung nach den An- 
strengungen der englischen Eeisen am Ehein, in den Wäldern 
des Taunus; Italien hat er nie wieder betreten. 

Mit jenem Brief an Zelter muss man zusammenhalten, 
was Felix an seinen Vater aus Paris am 21ten Februar schrieb: 

„Es ist nun aber einmal wieder Zeit, dass ich Dir, lieber 

Vater, über meinen Eeiseplan ein Paar Worte schreite, und 
zwar dieses Mal aus vielen Gründen ernster, als gewöhnlich. 
Da möchte ich denn erst einmal das Allgemeine zusammen- 
fassen und an das denken, was Du mir vor meiner Abreise 
als meine Zwecke hingestellt hast und fest zu halten befahlst: 
ich solle mir nämlich die verschiedenen Länder genau betrach- 
ten, um mir das auszusuchen, wo ich wohnen und wirken 
wolle; ich solle ferner meinen Namen und das, was ich kann, 
bekannt machen, damit die Menschen mich da, wo ich bleiben 
woUe, gern aufnehmen und ihnen mein Treiben nicht fremd 
sei ; und endlich, ich solle mein Glück und Deine Güte benutzen, 
um meinem späteren Wirken vorzuarbeiten. Es ist mir ein 
freudiges Gefühl, Dir nun sagen zu können, ich glaube, daa 



810 1830—1834. 

sei geschehen. Die Fehler abgerechnet, die man zu spät ein- 
sieht, denke ich diese Deine hingestellten Zwecke erfüllt zu 
haben. Die Leute wissen jetzt, dass ich lebe und dass ich 
etwas will, und was ich Gutes leiste, werden sie wohl gut an- 
nehmen. Sie sind mir hier entgegengekommen und haben 
von meinen Sachen verlangt, was sie sonst nie gethan haben, 
da sich alle Anderen, sogar Onslow, darum haben melden 
müssen. Von London aus hat mich das Philharmonie zum 
lOten März einladen lassen, um etwas Neues von mir aufzu- 
führen; meinen Münchener Auftrag (eine Oper) habe ich eben- 
falls bekommen, ohne den geringsten ersten Schritt zu thun, 
tind zwar erst nach meinem Concert. Nun will ich noch hier 
(wenn es sich macht) und gewiss in London, falls die Cholera 
mich nicht an dem Hinreisen im April verhindert, ein Concert 
für meine Rechnung geben und mir etwas Geld verdienen, 
damit ich mich auch darin versucht habe, ehe ich zu Euch 
zurückkomme, so dass ich hoffe, den Theil Deiner Absicht, 
mich den Leuten bekannt zu machen, erfüllt nennen zu können. 
Aber auch die andere Absicht, dass ich mir ein Land aufsuchen 
solle, wo ich leben möchte, ist mir, wenigstens im Allgemeinen, 
gelungen. Das Land ist Deutschland, darüber bin ich jetzt in 
mir ganz sicher geworden. Die Stadt aber wüsste ich nicht 
zu sagen, denn die wichtigste, zu der es mich aus so vielen 
Gründen hinzieht, kenne ich noch nicht in dieser Beziehung — 
ich meine Berlin, ich muss also erst bei meiner Rückkunft 
prüfen, ob ich da werde bleiben und stehn können, wie ich mir 
es denke und wünsche, nachdem ich alles Andere gesehen und 
genossen habe." 

Felix kam nicht mit leeren Händen aus der Fremde zurück : 
aber charakteristisch für seine Richtung, die eben eine durchaus 
germanische, nordische, wenn man so sagen darf, war, sind seine 
Hauptkompositionen, die er im Süden gemacht: die Hebriden- 
Ouverture und die Walpurgisnacht. Beide erinnern in Nichts 
an die speciellen Umgebungen, in denen sie entstanden sind; 
von Lorbeeren und Orangen umgeben, zog ihn seine Neigung 
zu den Wogen des Nordmeeres und in die Eichenwälder Deutsch- 
lands. Ueber die Walpurgisnacht spricht er verschiedentlich 



Walpurgisnacht. 311 

in seinen Keisebriefen, so schreibt er an Devrient: „Ich habe 
seitdem wieder eine grosse Musik komponirt, die vielleicht auch 
äusserlich wirken kann (die erste Walpurgisnacht von 
Göthe). Ich fing es an, bloss weil es mir gefiel und mich warm 
machte, und an die Aufführung habe ich nicht gedacht. Aber 
nun, da es fertig vor mir liegt, sehe ich, dass es zu einem 
grossen Concertstück sehr gut passt, und in meinem ersten 
Abonnementsconcert in Berlin musst Du den bärtigen Heiden- 
priester singen. Ich habe ihn Dir in die Kehle geschrieben 
mit Erlaubniss, also musst Du ihn wieder heraussingen, und 
wie ich bis jetzt die Erfahi^ang gemacht habe, dass die Stücke, 
die ich mit der wenigsten Eücksicht auf die Leute gemacht 
hatte, grade den Leuten immer am Besten gefielen, so glaube 
ich, wird es auch mit diesem Stück gehn." 

Damit hatte er sich nicht getäuscht. Die Walpurgisnacht 
war immer ein grosser Liebling des Publikums, aber fast in 
noch höherem Grade ein Liebling der Mitwirkenden. Sie wurde 
sehr häufig bei Fanny Hensel aufgeführt, und immer sangen 
AUe mit solcher Lust und solchem Feuer, wie bei keiner an- 
dern Musik, es war stets ein ganz besonderes Fest, wenn die 
Walpurgisnacht vorgenommen wurde. Ihre Töne waren auch 
die letzten, die Fanny vernahm — bei eüier Probe derselben 
ereüte sie der Tod. 

Dass die Walpurgisnacht von ihr oft aufgeführt wurde, 
war nur natürliches Gefühl, eiue Art Mutterliebe, denn die 
Sonntagsmusiken waren eigentlich Veranlassung zu ihrer Kom- 
position. Felix schreibt darüber an seine Schwester: „Ein 
Stück dankt diesen Sonntagsmusiken wahrscheinlich schon 
seine Entstehung. Als Du mir nämlich neulich davon schriebst, 
dachte ich, ob ich Dir nicht etwas dazu schicken könnte, und 
da tauchte denn ein alter LiebUngsplan wieder auf, dehnte 
sich aber so breit aus, dass ich E. nichts davon mitgeben kann 
und es also später nachliefere. Höre und staune! Die erste 
Walpurgisnacht von Göthe habe ich seit Wien halb komponirt 
\md keine Courage, sie aufzuschreiben. Nun hat sich das 
Ding gestaltet, ist aber eine grosse Cantate mit ganzem Or- 
chester geworden und kann sich ganz lustig machen, denn am 



312 1830—1834. 

Anfang giebt es Frülilingslieder und dergleichen vollauf, — 
dann, wenn die Wächter mit ihren Gabeln und Zacken und 
Eulen Lärm machen, kommt der Hexenspuk dazu, und Du 
weisst, dass ich für den ein besonderes Faible habe; dann 
kommen die opfernden Druiden in C-dur mit Posaunen heraus ; 
dann wieder die Wächter, die sich fürchten, wo ich dann einen 
trippelnden, unheimlichen Chor bringen will, und endlich zum 
Schluss der volle Opfergesang — meinst Du nicht, das 
könne eine neue Art von Cantate werden? Eine Instru- 
mentaleinleitung habe ich umsonst und lebendig ist das G-anze 
genug.* — 

Die Walpurgisnacht wurde übrigens von Felix im Jahre 
1842 noch einmal umgearbeitet und erschien dann erst in ihrer 
jetzigen Gestalt. Es müssen noch zwei Kuriositäten erwähnt 
werden, die in Bezug auf sie sich ereigneten : In einer der Auffüh- 
rungen bei Fanny Hensel freute sich ein der höheren Aristokratie 
angehöriger und sehr frommer Herr über den schönen ver- 
söhnenden und erhebenden christlichen Schlusschor — 
der Gute hatte den Gesang der Heiden nach Vertreibung der 
christlichen Wächter in diesem ihm mehr zusagenden Sinn auf- 
gefasst. — In Oesterreich dagegen strich die Censur die Stelle: 
„Mit dem Teufel, den sie fabeln, wollen wir sie selbst er- 
schrecken" — und es musste statt dessen gesungen werden: 
„Mit dem Teufel, mit dem Teufel wollen wir sie selbst er- 
schrecken." Der Teufel gehörte damals in Oesterreich nicht 
zu den Fabeln. Es sei hier erwähnt, dass mehrere Briefe, die 
Felix aus dem österreichischen Oberitalien mit Noten darin 
abschickte, nicht ankamen; sie wurden wahrscheinlich ge- 
öffnet und wegen der den Beamten unentzifferbaren Noten- 
schrift, in denen sie etwas Hochverrätherisches ahnen mochten, 
konfiscirt. 

Ausser diesen beiden Hauptwerken brachte Felix noch 
manches an Kirchenmusik, sowie einige Lieder mit Worten 
und ohne Worte von der Eeise zurück. 

Ferner war in dieser Zeit entstanden das g-moll-Concert 
für Pianoforte und Orchester in München und das Capriccio 
brillant h-moll in London. Und endlich angefangen die grosse 



Pie Singakademie wählt Felix nicht. 313 

a-dui'-Symphonie, die er in den Eeisebriefen immer die „ita- 
liänische* nannte und in Berlin später beendete. Er kam 
nicht mit leeren Händen nach Berlin zurück, nm der Vater- 
stadt die Frage zu thun, ob daselbst für ihn ein Platz sei zu 
tüchtiger Arbeit. 

Berlin hat diese Frage verneint, obgleich ein Platz wohl 
dagewesen wäre, und ein ausserordentlich geeigneter, zu dessen 
Ausfüllung Felix Mendelssohn alle wünschenswerthen Eigen- 
schaften in sich vereinigte: Zelter war während seiner Reise 
gestorben und die Singakademie sah sich nach einem andern 
Dirigenten um. Mendelssohn war Zelter's Liebüngsscliüler ge- 
wesen, er hatte ihn verscliiedentlich in der Direktion vertreten, 
er hatte durch die Aufführung der Passion schon drei Jahre 
früher bewiesen, dass er vollkommen dazu befähigt war; jetzt, 
nach einer Eeise durch fast ganz Europa, auf der er überall 
mit offenen Armen aufgenommen war und seinen Namen weit 
über die Grenzen des Vaterlands bekannt gemacht hatte, kam 
er zurück und die Singakademie konnte ihn haben, wenn sie 
wollte: er war sogar bereit, die Dii-ektion mit Eungenhagen 
gemeinsam zu führen, eine Stellung, w^elche ihn diesem gewisser- 
massen untergeordnet hätte. Die Akademie aber wählte mit 
überwältigender Majorität Eungenhagen, und wie Devrient in 
seinen „Erinnerungen an Felix Mendelssohn Bartholdy" sehr 
richtig bemerkt, sie war damit auf eine lange Eeihe von Jahren 
zur Mittelmässigkeit verdammt, nur gut, um einem neuer- 
stehenden Gesangverein als Folie zu dienen. 

Felix verlebte den ganzen Sommer 1832 und den darauf 
folgenden Winter in Berlin und gab mehrere Concerte; in dem 
einen wurden die Hebriden-Ouverture und die Walpurgisnacht 
aufgeführt. Das Leben in der Familie war reizend: alle Feste^ 
Weihnachten, die Geburtstage von Abraham, Lea und Felix 
wurden durch Aufführungen verherrlicht. Das war Alles selir 
hübsch, aber in der Hauptsache, dem Versuch, in Berlin festen 
Fuss zu fassen, war es doch ein verfehltes Jahr mit vielen 
Enttäuschungen. Da er und sein Vater in der üeberzeugung 
einig waren, dass er nicht als blosser Musiker, sondern mit 
einer festen Stelle, einem bestimmten Wirkungskreis leben 



314 1830—1834. 

müsse und ausser jener Direktorschaft nichts derartiges in 
Berlin frei war, es sich überhaupt mehr und mehr heraus- 
stellte, dass dort nicht das geeignete Feld für ihn sei, so war 
es leider! klar, dass er ein anderes suchen müsse; das war 
eine schmerzliche Wahrheit, die sich Allen aufdrängte. Nicht 
in Berlin bei den Schwestern komponiren und es den Leuten 
draussen aufführen und dann wieder „nach Hause" zurück- 
kehren und komponiren, wie er's in jenem Briefe an Eebecka 
sich vorgenommen hatte — nicht so sollte fortan das Leben 
werden, — sondern das „zu Hause" soUte er sich draussen 
bei den „Leuten" suchen und dort komponiren und höchstens 
hin und wieder zum Besuch nach dem alten Hause kommen 
und, wenn's Glück gut war, aufführen, was er anderswo ge- 
schrieben. Das wurde noch ein anderer Abschied, als er jetzt 
Berlin verliess, als damals vor den Reisen nach England und 
Italien, es war ein Abschied für's Leben. Und Vater und 
Mutter wurden älter — v/ie oft konnten sie noch hoffen, den 
Sohn zu umarmen! — Dass unter den unangenehmen Ereig- 
nissen dieser Zeit auch die Produktionskraft Htt, ist natürlich. 
Von bedeutenden Kompositionen aus diesem Berliner Aufenthalt 
ist nichts zu erwähnen. Und solcher Mangel an Produktivität, 
wie er aus der Stimmung entstanden, wirkte auch wieder auf 
die Stimmung zurück. 

Im April des Jahres 1833 reiste er von Berlin ab und 
ging zunächst nach Düsseldorf, wo sich nun die Fäden an- 
knüpften, die zu seinem dauernden Aufenthalt daselbst führen 
soUten. Wir wissen, wie ilm das ganze Wesen und Leben, 
das künstlerische Treiben in Düsseldorf bei seinem Aufenthalt 
daselbst auf der grossen E-eise angezogen hatte. Jetzt wurde 
nun zunächst verabredet, dass er das grosse Düsseldorfer 
Musikfest des Jahres 1833 dii'igiren soUe. Die Zwischenzeit 
benutzte er zu einem Ausflug nach England, wo seine italiä- 
nische A-dur- Symphonie mit grossem Erfolg im Philharmonie 
gegeben wui^de. Dann ging's zurück nach Düsseldorf zum 
Musikfest. Felix hatte das Glück gehabt, die Originalpartitur 
von Israel in Egypten aufzufinden und die Aufführung dieses 
Werkes soUte das Hauptstück des Festes sein. Abraham ging 



Düsseldorfer Musikfest. 315 

dazn nach Düsseldorf und wir haben in einer ganzen Reihe 
von Briefen von ihm an seine Frau einen ausführlichen Be- 
richt über das Fest und eüie sich daran schliessende Reise 
von ihm und Felix nach England. Einiges aus diesen Briefen 
möge hier eine Stelle finden. 



Düsseldorf, den 22. Mai 1833. 

„Da Du erst ganz vor Kurzem Voltaü^e's Romane gelesen 
hast, so wirst Du Dich erinnern, mit welchen Vorsätzen der 
weise Memnon des Morgens ausging und wie consequent er 
solche bis zum Abend ausgeführt hatte. Nun bin ich zwar 
nicht der weise Memnon, aber doch der Sohn des weisen Men- 
delssohn, und da ich Felix aufgetragen hatte, mir eine Woh- 
nung teile quelle zu besorgen, wenn ich sie nur bezahlte, dies 
sei eine conditio sine qua non — so folgt ganz natürlich daraus, 
dass ich jetzt bei Herrn von Woringen Vater in einem seiner 
schönsten Zimmer wohne, eben bei ihm zu Mittag gegessen 
habe und jetzt, da ich mich hinsetze zum Schreiben, mir der 
alte vierundsiebenzigjährige Präsident selbst eine Karaffe frischen 
Wassers aufs Zimmer bringt, seine Bedienten oder Mädchen 
habe ich noch nicht mit Augen gesehen. Die Sache ging so 
zu: Ich fuhr in fürchterlicher Hitze, müde und sehr herunter, 
auf Düsseldorf zu, bemerkte ein Gebäude, welches ich nach 
der Beschreibung für den Musiksaal hielt, als mich Jemand 
sehr freundlich grüsste und auf den Wagen zuging. Ich lasse 
halten, kenne den Mann nicht und sage daher ganz getrost: 
„Guten Tag, Herr von Woringen!" denn kein anderer mir 
unbekannter Mensch konnte mich in Düsseldorf kennen, als 
eben dieser. Er erzählte mii', Felix habe in keinem einzigen 
Wirths- oder Privathause mehr em Logis für mich finden 
können und ich müsste schon bei seinem Vater wohnen. Ich 
schlug dies beharrlich ab, er aber blieb noch beharrlicher dabei 
und sagte unter anderm, das Zimmer, welches Felix meinem 
bestimmten Wunsche nach doch einstweilen genommen, sei in 
einem schmutzigen Hause etc. Nun war ich selbst so 
schmutzig von dem fürchterlichen Staube der beiden letzten 



316 1830-1734. 

Tage, und mir selbst so zum Ekel, dass jenes Wort meine 
ganze Widerstandskraft brach; zugleich musste das Gespräch 
auf der Landstrasse doch ein Ende nehmen, Woringen hatte 
sich in den Wagen hineingedi'ängt, ich Hess mir eine dowe 
violence anthun — und wohne hier. Ich würde es vergeblich 
versuchen. Dir von der wirklich unglaublichen Freundlichkeit 
und wahi'haft antiken Gastfreundschaft einen Begriff zu machen, 
mit der ich von diesen Leuten povo' les heaux yeux de — mon 
fils behandelt werde ; und ich kann nicht leugnen, dass ich dem 
Zufall, welcher mich Woringen auf der Strasse treffen und ihn 
mich erkennen Hess, herzlich dankbar bin für die ungemein 
comfortable Existenz, die ich hier geniesse. Reiseerzählungen 
mancher Art und sonstiges Erlebte später, für jetzt nur von 
Felix und dem Fest. Felix war eben in der Probe, als ich 
ankam. Woringen war gleich hingelaufen, ihm dies anzukün- 
digen, und mit besonderem Triumph, dass ich bei ihm wohne, 
welches Felix gar nicht glauben wollte. Nach einiger Zeit 
kam er denn an, und ich kann es Dir allerdings weder ver- 
schweigen, noch leugnen, er hat mir vor Freude die Hand ge- 
küsst. Er sieht sehr wohl aus, hat sich aber, wenn mich mein 
Auge nicht ganz trügt, in der kurzen Zeit wieder sehr ver- 
ändert; sein Gesicht ist noch marquirter, alle Formen schärfer 
geschnitten und herausgetreten, dazu die Augen wie sonst, 
und das macht Alles zusammen einen ganz eigenen Effekt ; es ist 
mir ein solches Gesicht noch nicht vorgekommen. Es ist aber mir 
auch noch nicht vorgekommen, einen Menschen so auf Händen 
getragen zu sehen, wie Felix hier; er selbst kann den Eifer 
aller zum Fest Mitwirkenden, ihr Zutrauen zu ihm nicht genug 
rühmen, und, wie überall, setzt er Alles durch sein Spiel und 
sein Gedächtniss in Erstaunen und Bewegung. So hat er es z. B. 
nur dadurch bewirkt, dass eine früher angesetzte Beethoven'sche 
Symphonie, welche schon einigemal hier gespielt wurde, auf- 
gegeben und die Pastoral-Symphonie (mir wird brühwarm, wenn 
ich bedenke, dass ich solche übermorgen in der fürchterlichen 
Hitze werde hören müssen) an die Stelle gesetzt worden, dass 
er dieselbe, als die Rede davon war, nicht allein sofort aus- 
wendig spielte, sondern für den Tag darauf, als eine kleine 



Düsseldorfer Musikfest. 317 

Probe davon gemacht wurde und keine Partitur da war, 
sie auswendig dirigirte und die ausbleibenden Instrumente 
mitsang etc. 

Das Drängen und Treiben zu diesem Fest ist allerdings 
etwas Eigenes und Erfreuliches ; aus Holland kommen die Leute 
und eine Hauptsängerin z. B. aus Utrecht. Dass in der Stadt 
kein Platz mehr ist, ersehe ich zu meiner Freude, denn es 
gefällt mir sehr hier im Hause. Dasselbe ist ein Hauptpfeiler 
des ganzen musikalischen Wesens hier, und der Vater, wie 
gesagt, vierundsiebzig Jahre alt, singt tapfer im Tenor mit. 
Gestern (ich schrieb dies Alles nämlich heute, einen Tag später 
als gestern und glaube auch, meinen Brief falsch datirt zu 
haben, denn gestern war wohl der 20te), nachdem ich bei 
Woringen zu Mittag gegessen, kamen Kaffeevisiten, die Decker, 
die Schadow u. A. Nach dem Kaffee wurde eine Landpartie 
gemacht, von der ich mich aber ausschloss, weil ich zu müde 
war und zu schreiben anfangen wollte. Felix hatte bei dem 
Prinzen dinirt und kam mit Immermann zurück, mit dem ich 
ein langes Gespräch hatte. (Felix sagte, dieser Besuch sei 
eine hohe Ehre und Immermann für stolz bekannt.) Dann 
blieb ich einige Stunden mit Felix allein ; nachher wurden wir 
zum Thee gerufen, und ich glaubte mich wirklich zu Hause. 
"Wir waren mit der Familie, einem Thee und einem Butter- 
brod ganz allein und wir gingen erst um elf einhalb Uhr 
auseinander. 

Heute Vormittag ist hier Probe am Klavier von den 
Solosachen im Israel, Nachmittags um 3 Uhr Hauptprobe des 
ganzen Israel, welche, wie Felix meint, bis gegen acht Uhr 
dauern wird (ich werde schwitzen wie auf dem Rhigi, denn 
da sie hier die gescheite Einrichtung getroffen, dass Jeder, 
welcher sein BiUet zu der Aufführung genommen und be- 
zahlt hat, für zehn Sübergroschen ein Probebillet be- 
kommen kann, so wird dieselbe fast so voll, als die Auf- 
führung.) — Morgen ist Vor- und Nachmittag Probe, Sonntag 
und Montag die Concerte, Dienstag ein grosser BaU und 
dann noch ein drittes Concert, in welchem, hoffe ich, alle fünf 
oder sechs Beethoven'schen Symphonien hinter einander gegeben 



318 1830-1834. 

werden, die Decker singen, Felix spielen und dann noch einiges 
geschehen -svird. Ich werde vorschlagen, solches nm zehn Uhr 
Abends anfangen und die ganze Nacht hindurch dauern zu 
lassen. Es hat Manches für sich. Erstens ist es jetzt nur 
Nachts erträglich (daher ich mir vornehme, sie zur Besich- 
tigung der Ateliers zu benutzen, da wir wieder Mondschein 
haben), dann ist es nur natürlich und Niemandem übel zu neh- 
men, wenn man einschläft, wozu die Nacht denn doch gemacht 
ist; so würde sich Natur und Kunst in die Hände arbeiten, 
ich würde dann zur Einleitung oder als Ouvertüre zu den 
Symphonien den ersten Chor aus dem „Doctor und Apotheker" 
erwählen, und wenn dann die Decker die Arie aus dem Frei- 
schützen (mit der sie hier Furore macht), sänge, so würde 
ein Jeder sich bei: „Welch schöne Nacht" denken oder träumen 
lassen können, was ihm gefiele; ich würde ein solches Concert 
als Gegensatz zum Dejeuner dansant — Concert dormant nennen; 
die nähere Ausarbeitung dieser Ideen überlasse ich dem Comit6 
für schlechte Witze in der Leipzigerstrasse Nr. 3. 



Düsseldorf, Pfingstsonntag 1833. 
„Wenn mich etwas gereuet, so ist es nicht, hierherge- 
kommen zu sein, sondern keinen von Euch bei mir zu haben, 
denn ein Musikfest am Ehein ist ein schönes und eigenes 
Ding; es ist ein Ereigniss, nur von der Musik zu veranlassen 
und nur in diesem Lande möglich. Die ungeheuer kompakte 
Bevölkerung dieses Landstrichs, vielleicht die dichteste in 
Europa, der rasche, rege Gewerbfleiss, welcher sie zusammen- 
drängt, haben zu ihren Zwecken zahllose Transportmittel zu 
Wasser und zu Lande veranstaltet, und alle sind für diese 
zwei Tage in Anspruch genommen; seit vorgestern bringen 
Dampfboote, Eilwagen jeder Art, Extraposten, eigene Equipagen, 
ganze Familien aus allen Gegenden bis zu zwanzig Meilen in 
der Runde, einzelne auch weiter, z. B. einige aus Breslau her; 
alle diese Leute sind gewöhnt, das Vergnügen auch als ein 
Geschäft zu betrachten und lassen sich daher aufs Eifrigste 
angelegen sein, sich möglichst zu amüsii-en, alle ihre Kräfte 



Düsseldorfer Musikfest, 319 

aufzubieten, dass das Vergnügen reussire; dadurcli wii'd es 
denn auch nur allein möglich, dass eine solche, nach und nach 
angeschwemmte und angefahrene Masse sich zu einem Ganzen 
büdet und theilweise Ausserordentliches leistet. Denk Dil*, 
dass gestern und vorgestern von früh acht bis Abends neun 
mit geringen Unterbrechungen für Pausen und Mttagessen, 
gestern Abend sogar bis zehn Uhr probirt wurde, dass heut, 
am Tage der ersten Aufführung (Felix' Ouvertüre und Israel), 
von acht Uhr Morgens bis gegen zehn Uhr Instrumentalprobe 
ist, von elf Uhr bis, ich weiss nicht wie lange, Solosachen hier 
im Hause probirt werden, dass bei allen diesen Proben kein 
einziger Freiwilliger fehlt und aUenfallsige Störungen nur von 
den bezahlten Blaseinstrumenten (sie repräsentiren unsere 
Ivönigl. Kammermusiker) veranlasst werden, und dass aUe 
diese Leute in der fürchterlichen Hitze diese schwere Arbeit 
gewissenhaft und lustig verrichten, um sich zu amüsiren. 

Zu diesen aktiven Beförderungsmitteln kommen nun auch 
viele hier fehlende Hemmungen. Es giebt hier keinen Hof, 
keine Einmischung oder Einstörung (kommt her von Einfluss) 
von Oben, keiuen General-Musikdirektor, keine Königl. Dies 
oder Jenes. Es ist ein wahres Volksfest, daher ich auch bis 
jetzt keinen Polizeimann oder Gensd'arm bemerkt habe, und 
der Magistrat die Wege bis zum Concertsaal — er liegt 
ausserhalb der Stadt — mit Feuerspritzen reichlich besprengen 
lässt. Aber auch das Lokal selbst trägt viel zur eigenthüm- 
üchen Gestalt des Ganzen bei. 

An der Landstrasse von Berlin, etwa zweitausend Schritt 
vor der Stadt, in einem grossen, schattenreichen, zu einer Gast- 
wirthschaft gehörigen Garten, ist ein Saal von eiuhundertfünf- 
unddreissig Fuss Länge, etwa siebenzig Fuss Breite und leider 
nur siebenundzwanzig und eiuem halben Fuss Höhe (offenbar zehn 
bis fünfzehn Fuss zu wenig) hineiugebaut, ganz ohne alle und 
jede Verzierung und — ich erröthe — geweisstü — *) Es 
ist allerdings unbegreiflich, dass in einem geweissten Saal 



*) Eine Neckerei für Hensel, dem geweisste Wände ein 
Greuel waren. 



820 1830—1834. 

Mnsik klingen kann, aber es ist wirklich wahr. Der Saal 
fasst ungefähr eintausendzweihundert bis eintausenddreihundert 
Menschen; ein Drittheil davon ist für Orchester und Chor ab- 
getheüt, den übrigen Theil füllen Reihen Stühle, welche aber 
am Boden befestigt und numerirt sind; ich halte dies für 
besser, als mit Nummern bezeichnete Plätze auf Bänken. 

Während der Pausen, welche hier länger als bei uns 
dauern (z. B. wird die Pause zwischen dem ersten und zweiten 
Theil von Israel heut Abend wohl wenigstens eine halbe Stunde 
dauern), stürmt Alles in den Garten, Massen von Butterbroden, 
Maitrank, Selterwasser, saurer Milch u. s. w. werden, um denn 
auch dem Gastwirth ein Musikfest zu geben, an grossen und 
kleinen Tischen von Einzelnen und Gesellschaften verzehrt, 
und das Ganze sieht einer Kirmess gar sehr ähnlich. In- 
zwischen werden in dem Saal Thüren und Fenster geöf&iet, 
und wenn die Luft gehörig erneut und die Pause abgelaufen 
ist, ertönt vom Orchester in den Garten hinein ein starker 
Tusch, worauf denn Alles wieder rasch und lustig in den 
Saal hineinzieht; etwa Säumige oder noch Durstige ruft ein 
zweiter Tusch und Israel schreit wieder zum Herrn. So war 
es des Vormittags und des Abends in den Proben, von denen 
ich keine einzige versäumt habe. 

Ueber Nacht aber hat sich das Wetter plötzlich sehr ab- 
gekühlt, es hat ein wenig geregnet, der Himmel ist heute grau 
und drohend, so dass jene schöne unordentliche Ordnung heute 
Abend wohl gestört werden dürfte. Da nun aber zu einem 
Musikfest ein Direktor gehört, so muss ich wohl noch Einiges 
von dem diesjährigen, dem hiesigen Herrn Felix (er heisst auch 
hier kaum anders), erzählen. Liebes Kind! Wir erleben 
einige Freude an diesem jungen Mann, und ich denke manch- 
mal, Martens Mühle soU leben 1 *) — Er hat wirklich ein unge- 
heures Stück Arbeit, aber er vollbringt es mit Lust, Kraft, Ernst 
undGewandheit und thut wirklich Wunder ! — Mir wenigstens er- 
scheint es oft als etwas Wunderbares, dass vierhundert Menschen 
aUer Geschlechter, Stände und Alter, wie der Schnee zusammen- 



*) Siehe oben Seite 87. 



Düsseldorfer Musikfest. 321 

geweht, sich von einem der Jüngsten von ilmen, allen fast zum 
Fi^eund zu jung, ohne Titel und Würden, wie die Kinder 
führen und regieren lassen. So ist ihm unter Anderm durch 
eine einzige feste Anordnung (wenn er nur noch seine Aus- 
sprache verbesserte, so wüi'de es mit dem Reden sonst ganz 
gut gehn) gelungen, was meines Wissens bis jetzt noch keinem 
Dirigenten ii'gendwo, nämlich das abscheuliche, mii' von jeher 
in den Tod widerliche Stimmen abzuschaffen. Am ersten Probe- 
tag wüthete dieses Charivari ganz toll, denselben Nachmittag 
redete er sie an und untersagte es ihnen, als Einzelne darauf 
versuchten zu recidivii^en , verbot er es aufs Ernsteste, und 
jetzt habe ich nicht einen Ton stimmen gehört. Ferner war 
es hier, bei dem successiven Eintreffen Fremder von allen 
Punkten, die sich im Orchester meist zum ersten Mal treffen 
und dort mit den hiesigen Freunden zusammenkommen, früher 
zur Mode geworden, das Orchester zugleich als Parloir zu be- 
nutzen ; es wurde ungeheuer viel geschwatzt, die Proben gingen 
schlecht, der Dirigent musste sich die Lunge ausschreien und 
wurde nicht gehört; und da bis zur Stunde der Aufführung 
immer neue hinzukamen, so wurde die Störimg unleidlich. 
Nachdem Alles dies am ersten Probetage sich wieder zugetragen 
hatte, stellte ihnen Felix vor, dass er sich das nicht gefallen 
lassen könne, dass er weder schreien könne noch wolle, dass 
sie ihn hören müssten, und dass er auf die unbedingteste 
Stille und Euhe im Orchester, während er spräche, rechnen und 
halten müsste. Nachdem er auch dieses ein zweites Mal sehr 
emst und bestimmt wiederholt hatte, versichere ich Dich, dass 
ich eine pünktlichere Befolgung einer Anordnung nicht gesehn ; 
es leuchtet ihnen ein, dass es nothwendig und richtig sei, und 
sowie er nun aufklopft und etwas sagen will, hört man ein 
allgemeines „Pst" und es ist tiefe Stille. — 

Dadurch hat er nun auch bewii'kt, dass, zum ersten Mal, 
wie man mich allgemein versichert, Nuancen in Chor und Or- 
chester hineinkommen, was sie wieder Alle erfreut und ihi'en 
Leistungen in ihren eigenen Augen und Ohren einen höheren 
Werth beilegt. Gestern Vormittag war eine vorläufige Probe 
von „Winter's Macht der Töne", es waren nur wenige Zu- 

Die Familie Mendelssohn. I. 21 



322 1830—1834. 

hörer gegenwärtig ; die Decker aber sang eine tüchtige Bravour- 
Arie so ausserordentlich schön, dass Zuliörer und Orchest-er in 
lebhaftes Applaudissement ausbrachen. Gestern Abend war 
Generalprobe von Felix' Ouvertiu'e und Israel. Der Saal war 
gepfropft voll. Die Ouvertüre gefiel sehr; aber der letzte 
Chor des ersten Theils „Er gebeut der Meeresfluth — und sie 
trocknete aus" und dann der erste des zweiten Theils mit 
seinem furchtbaren Schluss: „Eoss und Reiter hat er in das 
Meer gestürzt", erregten unter den Hörern und Ausführern 
einen so Ungeheuern Jubel, eine Aufi'egung, wie sie mir selten 
vorgekommen, es dauerte eine Viertelstunde, ehe Alles wieder 
in's Geleis kam. Und dies in einer bezahlten Generalprobe ! — 
üebrigens gehen die Chöre ganz vortrefflich, doch scheinen mir 
die Männerstimmen zu überwiegend, die Maler singen alle mit 
und schreien nicht schlecht. 

Sie glauben hier, Felix habe die Ouvertüre für das Fest 
geschrieben und finden sie ausserordentlich charakteristisch dem 
Oratorium angepasst; merkwürdig genug ist, dass der Zufall 
es so fügt, dass ich mir wirklich keine bessere Ouvertüre zu 
Israel -wünsche." 



Düsseldorf, den 28. Mai. 

„ Gestern Abend war es schön: die Symphonie pa- 

storale ging ganz vortrefflich, darauf eine Cantate von Wolff 
tödtlich langweilig, dann Leonore allgemein hinveissend und 
einschlagend. Darauf Pause von dreiviertel Stunden, der ganze 
Garten kribbelnd und wibbelnd voll; meine Hausleute begeg- 
neten mii', und der alte Präsident, eine Flasche Maitrank in 
der Tasche und ein Glas in der Hand, schenkte mir ein und 
labte mich. Tusch im Saal. Der Strom wälzt sich zurück, 
"^ür den Augenblick, da Felix vor sein Pult trat, hatte das 
Orchester, selbst erstaunt und erfreut über seine eigenen Lei- 
stungen, einen neuen Tusch verabredet, in welchen diesmal der 
ganze Saal laut und lang mit einstimmte. Winter's Macht der 
Töne ! Eine der beiden Woringen, ein ganz charmantes Mäd- 
chen, hat in zwei Worten über WolfiTs Cantate und Winter's 



Düsseldorfer Musikfest. 323 

Macht alles erschöpft, was sich darüber sagen lässt: „Ueber 
die Macht der Töne kann man sich doch ärgern, aber bei der 
Cantate muss man einschlafen." Doch erregte die Decker mit 
ihrer Bravour-Arie grossen Jubel. Inzwischen aber hatten die 
Mädchen, ich glaube auch die Frauen des Chors, sich jede mit 
einem Vorrath Blumen bewafinet und die junge Woringen ein 
Sammetkissen mit einem Lorbeerkranz wähi-end der ganzen 
zweiten Abtheilung auf ihrem Schooss unter der Schürze ver- 
steckt. Im Moment also, da Felix hinabstieg, empfing er die 
Blumen-Salve und soll (wie mir erzählt wurde, denn ich sass 
nach hinten und habe daher gar nichts gesehen, von der Sache 
selbst aber keine Silbe voraus erfahren) ein halb verwundertes, 
halb böses Gesicht gemacht haben, als ihm die ersten Bouquets um 
den Kopf flogen: Nun ^vurde er wieder hinauf gedrängt und die 
älteste Woringen wollte ihm den Kranz aufsetzen. Darauf soll 
er sich im eigentlichsten Sinne bis auf die Erde gebückt haben, 
um dem zu entgehen. Aber ein grosser starker Mann (Keiner 
von den starken Männern aus Potsdam) aus dem Chor hob und 
hielt ihn auf, und er musste den Kranz, der ihm, nachdem er 
ihn vieimal abgenommen, zum fünften Male aufgesetzt worden, 
unter fortwährendem Tusch des Orchestei*s und Applaus des 
Chors und der Zuschauer eine Zeit lang tragen und er soll ihm 
gut gestanden haben. 

Wir sollten uns nach dem Concert alle wieder bei Scha- 
dow's versammeln, ich wollte aber zu Hause, um mich nicht 
zu übermüden ! Doch der weise Memnon blieb consequent, wie 
immer: Im Herausgehen, oder vielmehr Geschobenwerden kam 
ich mit Schadow zusammen und da war keine Rede mehr von 
nach Hause gehen. Schadow sagte mir, er habe mir etwas 
Dringendes mitzutheüen , ich gab im Gedränge der Madame 
Schadow den Arm, weil er den Wagen suchen wollte, dieser 
war nicht zu finden, so wenig wie Schadow selbst und so 
brachte ich Madame Schadow zu Fuss in ilir Haus. Dass die 
Aufregung der Scene im Concert mit dazu beitrug, meine 
Weisheit zu Schanden zu machen, ist gewiss. Es ging Andern 
nicht besser, denn kaum bei Schadow angekommen, folgten die 
Andern und mit ihnen die älteste, etwas kränkliche, Lorbeer 

21* 



324 1830—1834. 

ertheilende Woringen, mit der ich mich engagtrt hatte, uns zu 
Hause zu treffen, und da wir uns nun hei Schadow trafen, 
lachten wir uns aus und waren unseres Wortes quitt. Hier 
ging nun die tolle Wii'thschaft von Neuem los: Einer fing an 
auf dem Ciavier: „Seht, er kommt mit Preis gekrönt," zu 
spielen, und Felix musste seinen Kranz wieder aufsetzen und 
ein Paarmal in Procession durch die Zimmer ziehen. Kaum 
war darauf eine Tasse Thee herunter, als Tische und Stühle 
hei Seite geschohen wurden und das tollste Walzen und Galop- 
piren losging. Felix musste anfangs spielen, wurde aber dann 
abgelöst und tanzte lustig mit. Mme. Decker meinte, er könne 
wohl nicht tanzen und sei zu ernsthaft und mit zu vielen 
anderen Dingen beschäftigt; er überzeugte sie aber bald vom 
Gegentheil, und sie sagte mir, als sie sich zum ersten Mal 
ausruhte: „Felix (ich glaube schon geschrieben zu haben, dass 
der kleine Toffel*) auch hier seinen Namen beibehalten hat) 
tanzt ja ganz vortrefflich." Das tolle Wesen stieg nun immer 
mehr und mehr, als wir uns zusammensetzten, um aus der 
Hand Butterbrod zu essen, zu welchem Schadow Massen von 
Aleatico und Vino Santo hergab; ich hatte mir zum Glück 
nicht vorgenommen, nicht zu trinken und trank daher nicht; 
Felix auch nicht. Nun ging es an ein Rundsingen und aus 
vollem Halse schreien. Alles musste mit, und als wir zu Hause 
kamen, war es zwei Uhr nach Mitternacht. Was Schadow zu 
sagen hatte, bestand darin, dass ich ihm rathen solle, was das 
Comit6 für FeKx zum Andenken wählen könnte. Sie hatten 
für ihn die Loos'sche Medaille in Gold prägen lassen, die gefiel 
ihnen aber nicht und sie wollten sie behalten, Einige hatten 
nun einen Brillantring proponirt, Andere Händel'sche Partituren, 
ich war entschieden gegen den Ring, mehi- für die Musik, 
meinte aber, es sei das Beste, dass ich Felix selbst frage, was 
Schadow auch sehr gut fand. Ich frug Felix auf der Stelle, 
und er erbat sich ein Petschaft, so eingerichtet, dass er es 
zum täglichen Gebrauch nehmen könne. Schadow fand die 
Wahl sehr richtig und zv/eckmässig , und so wird ihm nach 



*) Anspielung auf Lichtwer's Gedicht: „Der kleine Toffel" 



Düsseldorfer Musikfest. 325 

einer Zeichnung von Schadow in Berlin, wo jetzt ein sehr 
geschickter Steinschneider leben soll, ein Petschaft geschnitten 
werden. 

Gestern früh in der Probe hatte Woringen dem Orchester 
und dem Publikum angekündigt, dass sie zum ersten Mal seit 
der Existenz der Musikfeste ein drittes Concert zu geben beab- 
sichtigten, und der Vorschlag, welcher im Comite grossen 
Widerspruch erfahren, weil er neu war, und man fürchtete, es 
werde misslingen, wurde allgemein mit dem grössten Applaus 
aufgenommen, weil die Decker singen, Felix spielen und der 
zweite Theil von Israel noch einmal gehört werden sollte. 
Proben waren nicht nöthig und so wurde denn gestern um elf 
Uhr (ich schreibe nämlich dies heute, den 29ten Mai) das Con- 
cert nach folgendem Programm gegeben: 

Erster Theil: Felix' Ouvertüre, Scene aus dem Freischütz 
(Mme. Decker), Concertstück von Weber (Felix), Arie aus dem 
Figaro (Mme. Kufferath). 

Zweiter Theil: Ouvertüre zu Leonore. Der zweite Theil 
von Israel. 

Die Ausfülu'ung war durchaus trefflich, Orchester und 
Chöre wetteiferten auf eine wirklich begeisterte Weise, und 
der letzte Chor von Israel wurde, ich kann es nicht anders 
nennen, rasend execntirt. FeUx erschien erst um elf einhalb 
Uhr, was mich zu beunruhigen anfing (Ihr wisst, dass wir nicht 
zusammen wohnen), als er aber kam, wui'de er sofort mit drei- 
fachem Tusch empfangen, und als er gespielt hatte, donnerte 
der Saal und vor Allem Chor und Orchester. Alle Gesangs- 
stücke wiTi'den blos durch ihn am Ciavier begleitet, imd obschon 
er auf diese Weise während des ganzen Concerts unablässig 
und auf die mannigfaltigste Weise in Arbeit, und wie ich nach- 
her erfuhr, die Nacht unwohl gewesen und daher so spät ge- 
kommen war, hinderte ihn dies nicht, an einem Diner, welches 
im Garten arrangii^t worden und bei welchem ihm die Kölner 
ein Gedicht überreichten, sodann an der allgemeüien Landpartie 
(zu welcher in ganz Düsseldorf kein Pferd und Wagen, selbst 
keine Postpferde mehr zu haben waren) und endlich Abends 
am Ball Theil zu nehmen. 



326 1830-1834. 

Ich aber fühlte mich gleich nach dem Concert so ermattet, 
so ausserordentlich angegriffen, dass ich, mühselig nach Hause 
gelangend, an garnichts mehr Theil nahm, seit vierundzwanzig 
Stunden mich ausruhe, um heute hei dem grossen Diner nicht 
zu fehlen. Zu diesem wurde ich gestern durch eine Deputation 
des Comit6 feierlichst eingeladen, sie hatten mich gestern im 
Hause aufgesucht, und da ich schon fort war, so folgten 
sie mir in's Concert, wo denn während der Pause die Ein- 
ladung erfolgte. Ich bin also von jetzt an der Stadtrath und 
Eingeladene. 

Der musikalische Theil des Festes hatte also gestern ge- 
endet und heute wird dasselbe schliesslich ausgegessen. Es 
waren ein Paar sehr schöne, mir unvergessliche Tage, welche 
der Zufall mir vergönnt und durch den Aufenthalt hier im 
Hause erst recht erhöht und geschmückt hat, die ich zunächst 
Felix, dann Euch, die Ihr mich dazu beredet habt, schuldig 
und dafür sehr dankbar bin. Ueber das hiesige Haus kann 
ich Euch nur erzählen, schreiben lässt sich nicht, was mir 
hier ward, und seit 1813 im Hause der Tante Arnstein in 
Wien habe ich nichts erfahren, was sich damit vergleichen 
lässt. Und doch hat ja auch die Bigot gelebt, deren Mutter 
Felix krank in ihr Haus genommen. Gastfreundschaft ist eine 
göttliche Sache und dass man solche in grossen Städten nicht 
ausübt, vielleicht nicht ausüben kann, brandmarkt diese. Ich 
kann es wahrhaftig Zeune nicht mehr verdenken, als er, von 
einer Reise in diese Gegenden zurückkehrend, ganz Deutsch- 
land aufforderte, eiuen Bund der Gastfreundschaft zu scMiessen 
und ärgere mich über mich selbst, dass ich in meiner gross- 
städtischen Verstocktheit dies bloss lächerlich fand. Freilich, 
wo sollte es herkommen? die einzige Veranlassung zu prak- 
tischer Ausübung jener göttlichen Gastfreiheit giebt uns der 
Hof, indem er uns das Gefolge seiner eigenen Gäste zur Auf- 
nahme in die Freihäuser schickt ; wir aber sagen mit Fug und 
Recht zu solchen Gästen: „Drei Schritt vom Leibe!" — und 
geben der Freihäuser-Kommission Vollmacht, in unserem Nameu 
gastfrei zu sein. — Es ist ein langes Kapitel. Von morgen 
an besehe ich hier Alles, was zu sehen ist, bespreche mich mit 



Düsseldorfer Mnsikfest. 327 

Felix über seine Zukunft, welche sich nach meinen Wünschen 
gestalten zu wollen scheint, und Sonntag oder Montag geht 
es fort von hier. Ich nehme eine Pflicht des Dankes und die 
unlösbarste Verbindlichkeit gegen meine Wrrthe mit, deren 
Ei'füllung mir leichter sein wird, als die Erwiderung auch nur 
eines Theiles des Guten, welches ich hier genossen. Möge uns 
das möglich werden gQgi^n einen der Söline des Hauses, welcher 
in Kurzem als Privatdocent m der juristischen Facultät zur 
Universität nach Berliri geht. 



Düsseldorf, 31. Mai 33. 

„Das musikalische Freudenfeuer ist ausgebrannt und es 
steigen aus der Asche mu' noch wenige Funken, desto mehr 
aber Rauch in höchsten, hohen und bürgerlichen Privatcirkeln 
auf, von denen wenig zu melden ist. Zu den ersten bin ich 
nicht gezogen worden, von den zweiten halte ich mich zurück, 
w^eü ich sie für langweilig halte, in den letzten geht es, wie 
schon beschrieben, sehr lustig und toll her ; doch sind wir Alle 
müde, nur der Katzenjammer nicht. 

Das vorgestrige Diner ist ganz gut abgelaufen. Vor 
einer aus musikalischen Instrumenten und Emblemen sehr zier- 
lich und geschmackvoll aufgebauten Trophäe sass vor der 
Mitte des Tisches Felix zwischen den Damen Decker und 
Kufferath. Nach der Gesundheit des Königs brachte Schadow 
die Felixens mit einigen sehr schön klingenden und sehr klin- 
gend gesprochenen, ehrenvollen und ernsten Worten aus. Dem 
folgten bald sehr viele Toaste, es wurde am untern Ende des 
Tisches überlaut und lärmend, so dass der Theil der Gesell- 
schaft, wo sich die Damen befanden, früh aufbrach, und dass 
ich dazu die Gelegenheit mit Freuden ergriff, kannst Du Dir 
denken. 

Aus allem diesem aber ist nun für Felix ein bedeutungs- 
reiches Verhältniss entstanden, über welches ich, da es nun 
festgestellt ist, in Kurzem berichten will, Näheres für münd- 
liche Mittheilungen vorbehaltend. Felix ist für drei Jahrs, 
welche mit dem 1. October anfangen, mit einem Gehalt von 



328 1830—1834. 

sechshundert Thalern (etwa acht- bis neunhundert Thalern in 
Berlin entsprechend) und einem jälu-lichen Urlaub von drei 
Monaten, welche er sich zwischen Mai und November nach 
seiner Wahl nehmen kann, zum Vorsteher und Leiter des 
ganzen musikalischen (städtischen und Privat-) Wesens hier 
ernannt worden. Seine städtischen Geschäfte bestehen in 
Leitung der Kiixhenmusik, seine Privat-Obliegenheiten in der 
Direktion des hier bestehenden Gesang- und Instmmental- 
vereins, zur Stunde noch getrennt, aber bestimmt vereinigt 
zu werden, und in Veranstaltung von vier bis acht Concerten 
mit diesen beiden A^er einen jährlich, die eigentlichen Musik- 
feste ausgenommen. Wie das entstanden, die wahrscheinlichen, 
weiteren und reicheren Folgen dieses Verhältnisses (welche 
mich bestunmt haben, Felix sofort zur Annahme zu rathen), 
die schon gleich daraus für ihn entstehende nützliche und 
wichtige Vorschule, die äusserst angenehmen Verhältnisse, in 
welchen er sie antritt, die kluge und noble Manier, in welcher 
er sich selbst dabei betragen, alles das erzähle ich Euch bald 
und zweifle nicht, dass Du, liebe Lea, einverstanden und froh 
sein wirst, Felix in einer bestimmten, ihn genug, aber auf 
keine Weise zuviel beschäftigenden Berufsthätigkeit, in Deutsch- 
land, uns nahe, auf dem unfehlbar geraden Weg zu seinem 
höheren Zwecke, in künstlerischer Umgebung und auf eine 
wirklich ausserordentliche Weise geliebt, verehi't, geachtet und 
mit luibeschi'änktem Vertrauen bekleidet, an der Spitze bereits 
bestehender, von ihm aber erst ihre Entwickelimg und Leitung 
ganz in seinem Sinn erwartender Institute zu sehen. Ich kann 
mir für ihn und seine eigene fernere Entwickelung kein besseres 
und günstigeres Verhältniss wünschen. 

Der w^eise Memnon hat geschrieben, ich gehe bestimmt 
nicht nach London, und ist nun auf einen gestern von daher 
erhaltenen Brief soweit, nicht zu wissen, ob er Felix nicht nach 
Calais begleitet. Ich will nun zwei Stunden vor der Abreise 
mich entschliessen und dann weiter berichten. Was mir an 
Felix' hiesiger Stellung mit gefällt, ist, dass während Andere 
so viele Titel ohne Amt haben, er ein ordentliches Amt ohne 
Titel haben wird. 



Felix und sein Vater in England. 329 

Düsseldorf, 2. Juni 33. 
„Ich habe mich nun entschlossen, Felix morgen früh za 
begleiten. Memnonü — Indessen vogue — wenn auch nicht 
la galere, doch le häteau h va/peur! 

Wir waren gestern bis ein Uhr in der Nacht bei Immer- 
mann, er hat uns seinen ganz umgearbeiteten Hofer vorge- 
lesen und mich versichert, dass ihm Bartholdy's Werk über 
Tyrol von grossem Nutzen dabei gewesen; er lässt sich Dir 
angelegentlichst empfehlen und wird uns im November besuchen 
auf seiner Rückreise aus Tyrol, wohin er im September zu 
reisen gedenkt! Er ist unläugbar ein sehr interessanter Mann. 
Näheres über ihn mündlich, oder schriftlich aus Buenos Ayres, 
oder den kanarischen Inseln, oder Griechenland, oder Kon- 
stantinopel, ear il n\j a pas de raison, pour qtie cela finisse. 
Fürs Erste speise ich, so Gott will, Donnerstag Mittag in 

London. Lebt Alle wohl! " 

Die Anregung zu dieser Reise mochte wohl von Felix 
ausgegangen sein, der England sehr liebte, worüber in den 
Briefen seines Vaters manche anmuthige Spöttereien vorkommen, 
so z. B.: „ Felix fand in seinem Enthusiasmus die abgemähten, 
gelbgebrannten Wiesen grün, den schwarzgrauen Horizont blau, 
ich beides nicht" — oder an einer andern Stelle: „Heute früh 
um neun Uhr vierzehn Minuten hatte die Sonne grade Kraft 
genug, um den Nebel gelb zu färben, und die Luft sah aus, 
wie der dicke Rauch während eines grossen Brandes; „« very 
fine morning'^, sagte mein Raseur (heisst hier hair dresser)', „/« 
it?'^ frug ich; ,.Yes, a very fine morning^'- — und ich lernte 
also, was hier ein schöner Sommermorgen bedeutet. Jetzt ist 
es Mittag, der Nebel hat gesiegt, die Beleuchtung während 
feuchter Schwüle die eines Novembertages bei uns um vier 
Uhr Nachmittags, und ich muss meinen Tisch dicht an das 
Fenster rücken, um zu sehen, nicht was, sondern dass ich 
schreibe. Felix spielt die Orgel in St. Paul und ich kann mich 
nicht entschliessen, das Zimmer zu verlassen; wenn er nach 
Hause kommt, findet er gewiss auch, dass man nirgends solche 
Sommertage erlebt, als in London." — 

Auch von dieser Reise ist eine ganze Reihenfolge von 



330 1830—1834. 

Briefen Abraham's vorhanden, aus denen einige Stellen folgen 

mögen. 

— „Gestern früh" (den Tag nach der Ankunft) „begab 
ich mich zuerst mit Felix zu Doxat. Der Weg führt unter 
anderm an St. Pauls vorbei und dieses mächtige Gebäude 
mitten in der City zu finden, überraschte mich; ich glaubte 
es in einem ganz andern Stadttheil ; ich erkläre mir nun aber 
auch, wai-um der in der Luft befindliche Theil ganz ausser 
Verhältniss gross zu der auf der Erde stehenden Unterlage 
ist. In der City ist Platz nur etwa in der Luft übrig! Von 
liier aus machten wir dann zu Fuss einen grossen Weg, um 
zu Moscheies zu gehen, welcher uns durch Neukomm, den wir 
auch in der Probe trafen, zu heute Mittag hatte einladen 
lassen. Ich kam durch Oxfordstreet, Eegentstreet, Portland- 
Place, Eegents-Park und muss allerdings sagen, dass ich an 
Pracht und Geschmack der Baulichkeiten, an Eleganz, Rein- 
lichkeit der Strassen, Bequemlichkeit des Trottoii's u. s. w., 
kurz in allem, was einen bloss sinnlichen Eindi'uck ohne tiefe 
Wirkung auf das Gemüth hervorbringt, nichts gesehen habe, 
was sich irgend mit den Wundem dieses, etwa eine Stunde 
langen Weges nui' vergleichen lässt; aber wenn ich an die 
)üächtige Grossartigkeit der Tuilerien, der Flace de Louis XV. y 
der Champs Mysüs^ der alles dies begrenzenden und umfassen- 
den Boulevards und Quais und an die unfehlbare Wirkung 
denke, welche dieser Punkt der Erde täglich, jahrelang auf 
mich ausgeübt hat, so sage ich nur, London ist die reichste 
und Paris die grösste Stadt, die ich gesehen. London ist 
allerdings auch die weiteste; das eigentliche London (Mauern 
hat es bekanntlich nicht) enthält jetzt eine Million vierhundert- 
tausend Menschen, ist aber ringsum in geringen Entfernungen 
von jetzt noch selbstständigen Städten, worunter mehrere von 
dreissig bis vierzig Tausend Einwohnern, umgeben, welche, 
wie Klingemann sehr- richtig sagt, ängstlich und neugierig in 
den grossen Rachen hineinblicken, welcher sie unfelübar näch- 
stens verschlingt. — — 

Heute nun ist Sonntag. Ich bin noch in Pantoffeha und 
es ist vier Uhi*. Die Strasse ist still und diese Ruhe ist mir 



Englischer Sonntag. 331 

nicht allein sehr angenehm, sondern der Sinn des Londoner 
Sonntags ist mir nun ganz erklärlich und deutlich in seiner 
iinhedingten Nothwendigkeit, während er mir bis jetzt nach 
den einseitigen, dummen Berichten von Reisenden und Schrift- 
stellern unglaublich und lächerlich erschien. Der Sonntag ist 
den Londonern so nöthig, als die Brache den Feldern, als der 
Winter der Vegetation, als die Nacht dem Tage. Der Sonn- 
tag wird nicht gehalten, weil das Gesetz es geboten, sondern 
das Gesetz ist hier nur deutlicher, als fast irgend sonst, der 
Ausdruck des allgemeinen Willens, des dringenden Bedürfnisses. 
Wenn die Londoner ein Jahr ohne Sonntag lebten, so wären 
sie alle zusammen toll oder stumpf, und je angestrengter, er- 
müdender, durch und durch aufgeregter das Leben aller Ein- 
zelnen und aller Klassen in London sechs Tage lang in der 
Woche ist, je unverbrüchlicher wird ohne besondern äussern 
Zwang die grosse Mehrheit den Sonntag feiern. 

Doch ich vergesse, dass ich von London aus schreibe, wo 
jede Zeile den Brief theurer macht, und muss suchen, mich 
kürzer zu fassen. Doch willst Du gern noch lesen, wie viel- 
fach geliebt und wahrhaft angesehen hier Felix ist. Ich fühle 
es am deutlichsten par ricochet und der alte Horsley dachte 
jnir heute ein grosses Kompliment zu macheu, als er mir sagte, 
er schätze mich glücklich, der Sohn und der Vater eines 
grossen Mannes zu sein. „Wo bleibt die Katz?" dachte ich 
und wäre wahrscheinlich sehr böse geworden, wenn ich nicht 
selbst schon sehr oft darüber und über mich selbst mich mo- 
quirt hätte, dass ich zwischen Vater und Solm gewissermassen 
wie ein Gedankenstrich dastehe. — 

Ich spreche übrigens mit Horsley italiänisch, denn er 
spricht weder deutsch noch französisch und italiänisch sprechen 
wir wenigstens Beide nicht. Gott weiss, was wir eigentlich 
gesagt und wie wir uns eigentlich verstanden haben. Was 
das Englische betrifft, so rufe ich zwar: ^,Hoiv do you do, Sir^'-, 
„ Waäer, a mutton chop^^ und andere tiefsinnige Phrasen derart, 
doch werde ich, wenn ich zu Hause komme, das Deutsche nicht 
vergessen haben und bin wahrhaftig noch zu eitel, um mit 
Damen englisch zu sprechen. In der nächsten Woche geht 



332 1830-1834. 

aber der Teufel los ! Ich habe schon zwei Dinners bei Attwood 
und Horslej'- angenommen, es sind aber keine Parties, sondern 
Familiendinners, und da werde ich Englisch sprechen, es komme 
aus Brust, Kopf oder Kehle. Aus dem Gehirn kann es freilich 
nicht kommen, denn da ist's nicht drin ! 

Ich empfange heut über Düsseldorf die ersten Zeilen seit 
langer Zeit von Euch. Du sagst, Du erwartest ungeduldig 
Nachrichten von uns ; es müssen also Briefe von mir ausgeblie- 
ben sein, denn Gott und die Post sind meine Zeugen, dass ich 
entsetzlich oft, viel, lang-und breit- weilig und spuiig geschrie- 
ben habe. Gott! wenn das Alles verloren wäre! — 

Wenn Du hier durch besondere Protektion eine Karte zu 
Lord Levison Gower's Gallerie erhältst und das Wetter schön 
ist, so siehst Du in einer "VMinderschönen Einrichtimg, von der 
ich erzählen werde, Bilder, für deren Hälfte wir unser Museum 
dreimal geben könnten, unter Andern drei so unläugbare Ra- 
phael's, dass X. sie für Murillo's und unser Museums-Catalog- 
Verfasser (wie heisst er doch?) sie füi' eine Jugendidee von 
Pimperlepaccio ausgeben würde. — 

12. Juni 33. 

„ Oh Sebastian, Du fehlst mir hier, mit noch 

vielen Andern, und ich danke Gott, dass Du nicht das Kind 
von vier und ein halb Jahren bist, welches vor fünf Tagen 
durch tausend Affichen als verloren angezeigt worden. Der 
Gedanke daran verlässt mich nicht und geht wie ein schwarzer 
Faden durch mein Londoner Leben. Das Kind ist gewiss nicht 
wiedergebracht, sondern verhungert, verschmachtet, verkommen, 
gestohlen, nackt auf die Strasse geworfen, und nur der aller- 
ausserordentlichste Glücksfall kann bewirken, dass es sich zum 
Mitglied einer Bettler- oder Diebsbande heranbilde. Alles, weil 
die Eltern es \ielleicht auf eine halbe Minute aus den Augen 
gelassen, haben. Und das ist London. — 

Ich glaube einen charakteristischen Grund - Unterschied 
zwischen Paris und London aufgefunden zu haben. In Paris 
können Deutsche, Engländer, Chinesen und Türken leben, alle 
Annehmlichkeiten der Stadt geniessen, ohne auch nur einen 



London und Paris. 333' 

Punkt ihrer Individualität oder Nationalität aufzugeben; sie 
können sich einbilden, Paris sei ihretwegen gemacht, es gehöre 
ihnen. Ob dies nun mit daher kommt, weil, oder ob es bewirkt, 
dass ein Achtel der Stadtbewohner aus Fremden besteht, kommt 
auf Eins heraus. In England, ich will sagen London, sind die 
Fremden ein ganz ignoiirter Punkt. Es soll eigentlich keine 
Fremden geben, es giebt überhaupt nur Engländer. Der 
Fremde muss sich ganz verläugnen, entnationalisiren, er muss 
in Engländer- und Londonerthum übergehen, um irgend zu 
einer Existenz, zu einer An- und Einsicht zu gelangen. Ich 
erkläre mir daher auch und entschuldige es weit leichter als 
früher, dass Fremde, welche eine Zeit lang in England gelebt 
haben, uns viel affenartiger erscheinen, als die aus Frankreich 
kommen. Man ist fast gezwungen, durch die Affenstation hier 
dui'chzugehen, bis Einem das Angenommene zur zweiten Natur 
wird. ^^Company excepted,''^ nämlich Eosen, Klingemann und 
Felix, obschon alle drei mit dem Kopf rechts ab nicken, um 
guten Tag zu sagen. Wenn ich es als ausgemacht annehmen 
muss, dass ein geborener Engländer oder ein im Londonerthum 
aufgegangener Fremder alle Bequemlichkeiten im höchsten, 
berechnetsten Grade geniesst, so ist andererseits nicht zu 
läugnen, dass, wer sich darauf nicht einlassen kann oder will, 
wer, wie Graf Pückler und ich, ein Langschwanz*) bleiben will, 
hier sehr viel entbehren und leiden muss; denn eine andere 
Bequemlichkeit als die englische, allgemein typische, giebt es 
nicht. Aus Allem dem ziehe ich nun endlich den Schluss, dass 
ich nicht gar zu lange hier bleiben werde und mir fest vor- 
nehme, entsetzlich zu lügen, wenn ich nach Hause kommen 
werde, um von Allem zu erzählen. 

Ich bin soeben um eine halbe Guinee leichter geworden 
(solche wiegt aber drei und einen halben Thaler), um Gramer 
in seinem Concert spielen zu hören, und bereue solche weniger, 
als einen Livre Sterling und 14 Schilling (etwa 12 Thaler), 
welche ich für eine sehr einfache schildpattene Brille an Dol- 



*) Im Gegensatz zu den damals üblichen englisirten, kurz- 
geschwänzten Pferden. 



334 1830—1834. 

lond bezahlt habe, und dadurch eben so viel sehe, als durch 
eine von Petitpierre in Silber für zwei Thaler, das heisst soviel 
als ohne beide, das heisst nifhts. Ich weiss daher auch von 
allen Schönheiten, in welche sich Felix im Morgenconcert sum- 
marisch verliebt hat, Nichts, als dass sie alle Hüte aufhatten 
und den ganzen inuern Raum des Saales einnahmen ; es waren 
drei bis vierhimdert Venüsse auf einen Klump. Gramer spielt 
rein, fein, weich und sehr gebildet; sein Concert war nicht 
sehr bedeutend, aber hörte sich angenehm. 

Geschwinder als die Dampfboote auf dem Fluss und die 
Pferde in den Strassen, rennen hier die Guineen aus der Ta- 
sche; es ist kein Halten darin, und ich erstaune selbst über 
die Ruhe, mit welcher ich sie aus der Börse in den grossen 
Schlund hiaabgleiten sehe, aus welchem sie nie wiederkehren; 
was ist so ein pauvrer Berliner für ein Narr! Für das, was 
ich hier verfahren habe, kaufe ich das ganze Berliner Kremser 
Fuhrwerk. Ich büi aber auch geizig auf Mord. Ich lasse mir 
hier keinen Faden machen, und lüge mich mit meiner grünen 
Perrücke (denn auch die Eurige, o Hensel und Fanny, sieht 
mehr der eines Flussgottes, als der eines honneten Sterblichen 
ähnlich) ruhig durch, obgleich der zweite Haird/resser bereits 
alle englische Schmäh werte auf dieselbe an mir verschwendet: 
ich thue aber , als verstände ich es nicht , und antworte 
^•fVery well.'"'' 

Erwartet am Sonntag keinen Brief von mir; ich schreibe 
wahrscheinlich erst heute über acht Tage, und will diese Woche 
nun benutzen, Mehreres zu besehn. Ich glaube zwar kaum, 
dass mich z. B. die Brauereien oder das Parlament sehr inter- 
essiren werden; ich denke mir ein Bierfass so gross wie der 
Montblanc und eine Schöpfkelle wie das Heidelberger Fass; 
mehr wird es doch nicht sein; und da ich die M. P's.*) 
weder sehen noch verstehen kann, so könnte ich mir auch 
leichter ihre Bilder kaufen und ilire Reden selbst machen, 
oder in der Staatszeitung lesen. Aber man muss doch etwas 
sehen." 



") Parlamentsmitglieder. 



Musikalisches und Malerisches. 335 

. Den 23. Juni. 
„ — Bekanntlich gehören Kaufleute, welche fünfzig Procent 
zahlen, zu den ehrlichsten Leuten, und so kann ich mit einiger 
Grewissensruhe darauf zurückblicken, dass ich Euch von Allem, 
was ich Euch erzählen wollte, jedesmal kaum die Hälfte zu 
Stande gebracht. Es schlägt jetzt eben sechs Uhr, ich bin 
heut um a^iht Uhr aufgestanden und habe wahrlich nicht früher 
dazu kommen können, diesen Brief anzufangen, den ich wieder 
abbrechen muss, sobald Felix rasirt sein \vird. Heut früh 
spielte Felix Orgel in St. Pauls, wozu, da die Balgentreter 
schon fort waren, Klingemann und noch zwei Gentlemen deren 
Stelle vertraten. Felix spielte eine Introduction und Fuge, 
improvisirte, und dann ein Coronation Anthem von Attwood 
mit diesem vierhändig, sodann drei Sebastiane. Es klang selir 
gut, die Kirche war leer, nur zwei Besucherinnen des Philhar- 
monie hatten sich versteckt, um zu hören. Von da gingen 
wir zu einem sonntägigen Quartett, welches bei einem Privat- 
mann im verborgensten Zimmer seines Hauses stattfindet. Wir 
fielen in ein Quartett von Onslow, es waren gewiss schon 
wenigstens zwei dieser Quartette vorausgegangen; sie wollten 
Felix' Octett machen, ich erbat mir das Quintett welches auch 
gespielt und dann sofort das Octett darauf gesetzt wurde. Um 
vier Uhr kam ich nach Haus und wollte schreiben, als ich 
aber London geschiieben hatte, kam Herr von Bülow und 
blieb ein und eine halbe Stunde — es ist sicherer, dass ich 
von der Zukunft spreche, denn die Vergangenheit geht gar 
zu schnell in Vergessenheit über — doch muss ich Ihnen, 
lieber Hensel, erzählen, dass ich vorgestern die Ausstellung 
von Werken lebender Künstler gesehen habe, die berühmtesten 
Namen und Titel standen im Katalog, den Werken aber war 
es nicht anzusehen, dass Meisterarbeiten sich darunter befän- 
den. Ich habe nie und nirgend einen solchen Haufen schlechter 
Sachen zusammen und unter allen auch nicht ein einziges 
Bild gesehen, das etwas anderes verrieth als Geschmacklosig- 
keit und Untalent; in keinem einzigen, ich wage es zu sagen, 
auch nur eine tüchtige Praktik. Felix ist hierin nicht meiner 
Ansicht, er findet ein Bild von Wilkie, einen beichtenden 



336 1830—1834. 

jungen Kapuziner, interessant und gut, ich kann, um den Frie- 
den zu erhalten, höchstens die Hälfte zugeben. Der alte 
Pater, der die Beichte empfängt, ist hart und grimmig genug ; 
von dem jungen aber habe ich, Michel Wolf eingedenk, be- 
hauptet, er habe zu beichten eingenommen; das Mittel fängt 
an zu wirken, und er ist eben im Begriff, die Beichte za. 
vomiren. Uebrigens eine Unzahl der schlechtesten Portraits, 
Familienbilder, Landschaften, kui'z — ein Gräuel; schade um 
einen grossen, von oben sehr günstig beleuchteten Saal, in 
welchem die Missgeburten hingen. 

Dass in unsern Zeitungen nichts über das Düsseldorfer 
Fest steht, beunruhigt Dich sehr, liebe Lea, und Du willst 
von uns den Grund wissen? Ich für meine Person kann mir 
nur einen dafür denken. Es würde nämlich, wenn es gut ge- 
macht wäre, einen interessanten und amüsanten Artikel geben, 
mit welchem unsere Zeitungen ihre Leser nicht zu verwöhnen 
bedacht sind." 

6, Juli 33. 

„ — Ich fange ä tout hasard schon heute wieder einen 
neuen Brief an, obschon erst gestern eiaer abgegangen und 
von Euch bis diesen Augenblick kein neuer angekommen ist. 
Der Westwind macht sich aus meiner Ungeduld nichts und 
wird nicht eher Ostwind werden, bis ich überschiffen wiU und 
er mir entgegenblasen kann. Ich muss es wohl nur der un- 
vermuthet langen Abwesenheit von Euch, der hauptsächlich 
durch die Sprache so ganz veränderten und wie ein neues 
lOeid unpassenden Umgebung, der dadurch plötzlich abge- 
rissenen Gegenwart beunessen, dass ich hier mehr und öfter 
an frühere, vergangene Zeiten denke, als sonst irgendwo, und 
London sich mehr an Hamburg knüpft als an Berlin. So lebe 
ich die Sommer von 1808 und 1809 hier wieder fast in jedem 
Tage durch, in dankbarer Erinnerung des Guten, was mir mit 
Dil- und diu'ch Dicli geworden ist. An unsern wunderbar 
schönen Pavillon in Flors Hof, auf der Elbe, auf der wir unten 
schöne Schiffe fahi-en sahen, denke ich nicht allein jeden Tag 
in dem nebligen, räucherigen, schwerluftigen, nervenbedi'ücken- 



Greenwich Hospital und Les Invalides. 337 

den London, sondern bin ganz besonders zweimal aufs Leb- 
hafteste an ihn erinneit worden, in Greenwich und Portsmouth. 
In ersterem Orte nahmen wii* unser Mittagbrod in einem über 
der Themse belegenen Wirthshaus m einem Zimmer ein, dessen 
Vorderwand lauter Fenster waren, und übersahen die Themse 
nach allen Richtungen. Diesmal war unter den Mitspeisenden 
mein majorenner Sohn, welchen ich in Flors Hof im kleinen 
Rollwagen umlierfuhr. Du fehltest, Gottlob nur eben im Augen- 
blick, viele andere leider! für immer. Die Zeit war eine andere, 
aber die Themse erfrischte, wie dort die Elbe, durch ihi'e reine, 
scharfe Luft, und unzählige grosse und kleine Schiffe, vom Dampf, 
vom Winde, oder vom Ruder getrieben, gaben Leben und Bewe- 
gung in fast lautloser Stille, was eben der Schifffahi't einen so eige- 
nen, beruhigenden Reiz verleiht. Alte Matrosen aus dem Hospital, 
junge Schiffer, Volk aller Art war unter unserm Fenster am 
Quai versammelt, liin und wieder lustig die Abfahrenden und 
Ankommenden begrüssend, meist aber still in's Wasser schauend. 
Tausend Sujets zu Marinebildern folgten einander, und wenn 
ich mir manche Ursachen denken kann, warum die Engländer 
überall keine Künstler haben, so bleibt es mii' unbegreif- 
lich, warum sie auch keinen Marinemaler haben, oder gehabt 
haben. — — — 

D. 7ten. Ich wiU versuchen mich wieder in Greenwich 
hineinzusclireiben , um dann morgen von unsrer letzten Reise 
erzählen zu können. Les Invalides und Greenwich Hospital re- 
präsentiren Frankreich und England, xArmee und Marine. Die 
Einen in w^ildem, unstätem Leben, häufig unter den empörend- 
sten Schandthaten , unter Unsittlichkeiten jeder Art, unter 
Grausamkeiten und Bedrückungen weit r.ber die Selbstver- 
theidigungsnoth hinaus verlängert, alt, aber nicht ruhig gewor- 
den, von der ganzen Umgebung, Trophäen, Fahnen, Kanonen, 
die sie in der Regel nicht einmal selbst erbeutet, aufgeregt, 
lebendig, wissbegierig und daher fleissigere Besucher der Bi- 
hliotheque des Invalides als der Kapelle derselben — die Andern, 
ganz Resultat des Elementes, auf welchem sie ihr Leben ver- 
bracht, des engen Raums, der ihre Welt, der harten Arbeit, 
die ihr Loos, der fürchterlich despotischen Disciplin, die ihre 

Die Familie Menäelssohn. I, *^ 



338 1830-1834. 

Erziehung war, der niliigen Hartnäckigkeit, mit welcher allein 
sie die tausend Gefahren belcämpfen und besiegen konnten, die 
sie umgaben, die fast nie, oder doch nur in den äusserst sel- 
tenen Fällen des Enterns in wildes Getümmel, in persönliche, 
individuelle Handlungen übergehende Tapferkeit, welche dann 
auch nach errungenem Siege oder erlittener Niederlage sofort 
ihre Wü'ksamkeit und Bedeutung aufgiebt, daher müde, still, 
in sich gekehrt, fijister, vielleicht roh, aber ruhig in allen Be- 
wegungen, gemessen, in ihrer äussern Erscheinung respektabel. 
Es leben ihrer an Viertausend in dem aus zwei durch einen 
grossen Platz getrennten und durch zwei eiserne Gitter ver- 
bundenen, einander ganz gleichen Gebäuden bestehenden Hospi- 
tal. Die langen Eäume, aus denen beide bestehen, sind auf 
der den Fenstern gegenüberliegenden Seite in lauter gleiche 
Kabinette, oder Kajüten ähnliche Zellen von etwa fünf Fuss 
breit und sechs Fuss lang abgetheilt, in deren jeder Einer 
wohnt und deren letzte, an die Wand gelehnte Seite von dem 
Bett eingenommen wird. Dieses bekommen sie, die ganze 
übrige Ausstattung und Möbelirung derselben aber muss ein 
Jeder zubringen. In einer Höhe von sieben Fuss etwa ist 
jedes Kabinet durch eine bewegliche Decke geschlossen, die 
wir alle offen gefunden, welche die Bewohner aber Nachts, 
oder wenn ihnen kalt ist, schliessen können, in jedem Saale 
ist ein grosser Kamin, sonst habe ich keinen Erwärmungs- 
apparat gesehen. Von einer Bibliothek keine Spur; aber bei 
Manchen fand ich Bücher aufgestellt und Karrikaturen bei sehr 
vielen. In allen Kabinetten ohne eine Ausnahme die höchste 
musterhafteste Reinlichkeit und, schon von dem engen Raum 
gebotene, Ordnung. An den Tagen, an denen das Publikum 
zugelassen wird, und ich glaube gehört zu haben, dass dies 
an allen Wochentagen geschieht, sind alle Thüren aller Kabi- 
nette offen und es kann sich also ein Jeder selbst von dem 
Zustande überzeugen. Eine bessere Kontrole füi' die Bewohner 
sowohl, wie für die Behörden ist nicht denkbar und das Re- 
sultat derselben fäUt in die Augen. Jeder Saal fülu-t den 
Namen eines Schiffes und, soviel es sich tliun lässt, werden, 
die auf einem Schiff zusammengedient haben, auch in denselben 



Mme- Malibran. 339 

Saal verlegt. Sie essen, soviel ich weiss, g-emeinscliaftlicli und 
bekommen soviel Fleisch und Bier zu Mittag, und Abends soviel 
Thee und Brod, als sie verzehren wollen. In geringer Ent- 
fernung von diesen Gebäuden, auf einem Hügel, welcher den 
Hintergrund zwischen beiden ausfüllt, liegt die Sternwarte, 
auf welcher Herschel gearbeitet hat. Unter diesen Umständen 
und Umgebungen, im Angesicht der Themse, welche hier schon 
viel breiter ist, als der Rhein bei Koblenz und Mainz, und der 
unzähligen Schiffe, welche sie durchschneiden, die sie aber 
gewiss mit einer Art stolzer Verachtung ansehen, da es nur 
Kauffahrer, keine Kriegsschiffe sind, erwarten die alten Jungen, 
welche die Eulie nicht im Wasser gefunden haben, dieselbe in 
der Erde; sie haben mir gar wohl gefallen. Vielleicht wäre 
■das Hospital noch besser in Portsmouth gelegen, in so fern 
die Bewohner, zähe aber sicher wie die Taue, an welchen sie 
so oft über der Meerestiefe schwebten, hier Wiege und Grab 
zusammen gefunden haben würden, denn Portsmouth ist ein 
Kriegshafen, die Schiffe daselbst sind Kriegsschiffe ! Vornehme 
Ijcute, welche sich, da allerhand anderes Gesindel sich auch 
Schiffe schelten lässt, „Kriegsmänner" (Menofwar) nennen. — 

^ Ich hatte gestern Abend die W^ahl, Mrs. 

Austin zu besuchen, oder die Malibran singen zu hören, die, 
wie Ihr Euch entsinnen werdet, mii^ das erste Mal im Theater 
fast gar keinen Eindinick gemacht hatte; ich habe der Mali- 
bran-Gesellschaft den Vorzug gegeben, et fai m le ne% fin. Ich 
hatte mit Klingemann gegessen, Felix war auf dem Lande, 
wohin es mir zu weit war, und wir kamen um zehn ein halb 
Uhr zur Gesellschaft. De Bdriot spielte eben ein Quartett 
von Haydn mit Liebe und Achtung, sehr präcis und feurig, 
kurz, sehr schön, Avenn auch vielleicht hier und da mit einigen 
modernen französischen Druckern; sodann sang Mme. Malibran 
eine etwas langweilige, geistliche Musik des Hausherrn sehr 
«infach, ruhig und rein, mit vortrefflicher Haltung. Nachdem 
nun noch vierstimmig ein englisches Madrigal und ein Glee 
gesungen worden (sonderbare nationale Gesänge, eigenthümlich, 
ganz angenehm, deren nähere Beschreibung ich Felix, wenn 
«r Lust hat, überlasse), wälu-end welcher Felix sich auch eia- 

22* 



340 1830 1834. 

fand, setzte sich Mme. Malibran, sang ein spanisches Lied, 
dann auf Felix' Bitten noch zwei andere, dann ein englisches 
Ruderlied und ein französisches Tamboui'lied. Wenn sich hier- 
nach an den Fingern abzählen lässt, dass diese Frau (J. P. 
Schmidt würde sie unbedenklich unsere geniale M. M. nennen) 
in vier Sprachen (italiänisch versteht sich von selbst) singen 
kann, so geht daraus ebensowenig, wie aus dem, was ich dar- 
über schi-eiben kann, auf irgend eine Weise hervor, welch ein 
Strömen, Sprudeln, Brausen von Kraft und Geist, von Laune 
und Uebermuth, von Leidenschaft und Esprit, welche Keckheit 
\md Sicherheit der Mittel diese nun auch mir aufgegangene 
Frau in den kleinen Gesängen entfaltete. Dieselbe Kehle sang 
spanische Glut, französische wieder an Natur gränzende Co- 
quetterie, englische ungehobelte Derbheit und wiederum fran- 
zösischen, etwas gottlosen, aber frischen, lauten Muth so ent- 
schieden charakterisirt, national und doch wieder aus ihr selbst 
hervorgehend; sie liebte, schmachtete, ruderte imd trommelte 
mit so wunderbarer Sicherheit, mit so übermüthiger Beherr- 
schung und Verschwendung aller ihrer unerschöpflichen Mittel, 
dass man wii'klich von ihi* sagen kann: sie sang Lieder ohne 
Worte, sie sang Gefühle, Stimmungen, Situationen. Es war 
wieder einmal ganz etwas Neues und ich gönute es Euch wohl 
einmal, sie zu hören. Felix, der sich mit Recht, oder doch 
wenigstens mit Anstand weigerte, nacliher zu spielen, holte sie 
aus dem Nebenzimmer imd zwang üin an's Klavier, und so 
improvisirte er denn über die eben von ihi' gesungenen Lieder 
zu aUgemeinem Ergötzen und, wie es mir schien, sehi' gut. 
Sie sang darauf noch zwei spanische Lieder und endlich, mit 
zwei Töchtern des Hauses und Accompagnement von Felix, das 
Tiio aus dem Matrimonio ganz imvergleichlich. 

Den 9ten Juli.*) „Gottlob und Dank und Dil', liebe Re- 
becka. Glück, Segen und Gedeihen. Du hast Deine Sache vor- 
trefflich gemacht und ich freue mich sehi\ Diiichlet gratulii-e 



*) Es war die Nachricht gekommen, dass Rebeeka am 6ten 
ihr erstes Kind bekommen hatte. Ueber ihre Verheirathung mit 
dem Mathematiker Professor Dirichlet siehe unten Seite 348 ff. 



Krankenlager Abrahams. 341 

ich, wenigstens scliriftlicli, niclit, da er's über's Herz hat bringen 
können, mir auch bei diesem Anlass nicht ein Wort zu schrei- 
ben; er hätte doch wenigstens schreiben können: 2 -f- 1 = 3." 
(Dirichlet war einer der schi'eibefaiüsten Menschen.) 

Abraham M. B. war nun nahe am Termin seiner Abreise, 
er verkündete dieselbe schon ganz fest und bestimmt, da w^irde 
ihm durch eine Schienbeinverletzung, gerade wie Felix bei sei- 
nem ersten englischen Aufenthalt, ein unangenehmer Strich 
durch die Rechnung gemacht. Der eigentlichen Veranlassung 
zu dieser, anfangs jedenfalls sehr unbedeutenden Wunde \\Tisste 
er sich selbst nicht mehr zu entsinnen ; durch Vernachlässigung 
wurde sie bedeutend; am 2 Osten Juli musste er dies nach Hause 
schreiben und so lag er fest und konnte erst am 25sten August 
London verlassen. Wieviel Aufmerksamkeit und Freundlichkeit 
ihm während dieses Krankenlagers ^^iirde, mag er selbst er- 
zählen. 

Den 1. August. 

„ — ■ Arrow Root, acht ostindisch, einer meiner Commis 

hat es kürzlich aus Ostindien mitgebracht; Portwein, vierzig 
Jahre alt; Jüngern desgleichen, ganz ohne Sprit, mein Bruder 
hat ihn zum eigenen Gebrauch aus Portugal verschrieben. 
Scottish Marmelade, aus Pomeranzen, mein Onkel Mc. Lero, 
ein schottischer Clanhäuptling, die halbe Insel My gehört ihm, 
hat sie in seinem Hause verfertigen lassen; Blumen, die schönsten, 
wohlriechendsten, feinsten, wie sie England nui' darbietet, sie 
kommen aus unserm Garten, -sdr haben sie selbst gezogen; 
Kupferwerke, alte und neue, mir unbekannt und zum Theil sehr 
interessant. Wem verdanke ich seit vierzelm Tagen alles dies 
und persönlichen Besuch und tägliches Nachfragen? Doxat's? 
Ich habe noch Keinen von ihnen mit Augen gesehen oder von 
ihnen gehört. Goldschmidt's ? nein, denen verdanke ich mehr. 
Moscheies und seiner Frau? Nein, wahrhaftig nicht, denn was 
die für mich thmi, lässt sich nicht so artikelweise zählen und 
bezeichnen, dafür muss ich mir erst einen Ausdruck erfühlen, 
ich kann sie mit trocknen Augen nicht von mii' weggehen sehen. 
Aber Hanover Terrace, Regents-Park wohnan drei Schwestern, 



342 1830—1834. 

nuverlieirathet, walirsclieinlich sehr reich, gewiss sehr ver- 
mögend, highhj fashionalle, verwandt mit den ersten Familien 
Schottland's und von Seiten ihrer Brüder verschwägert mit bedeu- 
tenden Familien Londons, mit irgend einem der gewesenen 
Könige wahi'scheinlich näher verwandt als ich mit Schaul "Wohl, 
einnächtigem König von Polen ; *) die älteste von ihnen zeichnet 
und beschäftigt sich viel mit Bildern, von denen sie selbst mehrere» 
besitzt; die zweite poUtisirt toryistisch, die dritte, jüngste, noch 
recht sehr angenehm hübsch, ist eine Enthusiastin, musikalisch 
und treibt Deutsch. Felix hatte sie früher gekannt, mir aber 
nie ein Wort von ihnen gesagt, und ich habe sie hinter sei- 
nem Eücken bei Moscheies kennen gelernt. Das Glück ver- 
gönnte mir, sie mii' sehr zu verbmden. Nicht etwa dadurch, 
dass ich mit Miss Margaret über Gemälde sprach (es leben die 
Gemälde, sie haben mir stets Genuss und Glück gebracht), son- 
dern wahrscheinlich mehr dadurch, dass ich ihnen erlaubte, 
mir den Emgang zu mehreren vächtigen und nicht Jedem zu- 
gänglichen Gallerien zu verschaffen, mich dazu selbst in ihrem 
Wagen abzuholen, dass ich mii' gefallen Hess, besondere Billete 
zu Ober- und Unterhaus von ihnen anzunehmen, und ausser 
mehreren solchen Herablassungen meinerseits auch die besonders, 
dass ich mir eine Party gefallen liess, zu welcher sie mich 
einluden. Diese fiel zufällig auf den Abend des Montags, an 
welchem zuerst mein Scliienbein mitspielte; ich konnte die 
Schmerzen nicht ganz verbergen, und da ich nun krank wurde, 
schrieben die guten Damen die Yerschlimmerung ihrer Soiree zu, 
und wussten nun nicht mehr, was sie alles thun konnten. Sie 
besuchten mich persönlich in den ersten Tagen, was ich ihnen 

*) Im sechzehnten Jahrhundert soll, so wurde die Geschichte 
in der Mendelssohnschen Familie erzählt, einer ihrer Vorfahren, 
Rabbi Saul, bei einer der periodischen Vacanzen und Successions- 
streitigkeiten der königlichen Republik Polen auf eine Nacht die 
polnische Krone getragen haben. Abends wählten sie ihn gegen 
eine anständige Erkenntlichkeit in baarem Gelde, und am anderen 
Morgen beeilten sie sich, ihn todtzusc klagen. 

Etwas abweichend erzählt es W. Goldbaum in „Entlegene 
Kulturen". Berlin 1877. A. Hoffmaun. Seite 296 ff. 



Liebenswürdigkeit der Freunde. 343 

kaum so hoch ani^echne, als dass sie in ihi-er Freundlichkeit 
nicht nachliessen, obschonich sie seitdem nicht wieder v orliess ! ! 
— Wenn Du nun, liebe Lea, aus allen diesen folgende Schlüsse 
ziehst: erstens, ich werde ein Fat; zweitens, ich werde ein 
Scäufer; drittens, ich werde besser, so habe ich's ad eius und 
zwei selbst schon gefürchtet und ad drei sind meine Aerzte 
seit gestern entschieden derselben Meinung. Am ruliigsten bin 
ich über das erste ; der lüiüppel liegt beim Hunde. Aber Wein 
werde ich in Berlin auch sehr trinken, denn das bekommt mir 
herrlich, und auch viel Fleisch essen. Sie sollen leben, 
Hensel ! 

Den 2ten. Mme. Moscheies, meine eigentliche, wohlthätige 
Fee, die mir heute schon ihren Morgenbesuch gemacht, die 
^Times" vorgelesen und ihren Abendbesuch angekündigt, hat 
mir aufgetragen. Dich bestens zu grüssen und Dir zu sagen, 
Du möchtest Nichts von allem Guten glauben, das ich Dir 
über sie schreibe; ich aber sage: Glaube Alles und setze Dir 
das Beste hinzu! Die lebhafte, sehr bequeme, aufmerksame, nie 
peinliche, graciöse Gutmüthigkeit, mit der alles Gute gescliieht, 
wie nur Frauen sie haben können, und unter diesen vielleicht 
wieder mit besonderer Fertigkeit eine geborene Deutsche und 
gewordene Engländerin; das jüdische Blut n'y gäte rien. E con 
tutto cib fängt mir die Geduld an, zu reissen, und ich freue 
mich kaum mehr so sehr über alles Gute, das ich erfahre, als 
ich mich darüber gräme, es Andern als Euch verdanken zu 
müssen. 

Es wird Dich vielleicht amüsii^en zu hören, dass mir die 
eine der Misses Alexander, die Bilderliebende, nachdem ich ihr 
einmal viel von Dir erzählt hatte, sagte, sie sei überzeugt, Du 
müsstest einer Eaphael'schen Madonna ähnlich sehn. So ge- 
schmeichelt ich mich von diesem Resultate meiner Schilderung 
fühlte und so gewiss Du mir, unbeschadet meiner Liebschaft 
mit der Jardmiere zehntausend Mal mehr gesagt hast und lieber 
warst als alle Raphael'sche Madonnen zusammen, so woDte ich 
mich doch dieses jesuitischen Behelfs nicht bedienen und sagte 
ihr offen, ihre Phantasie sei wohl zu weit gegangen, und dass, 
was die linearische Schönheit des Gesichts betrifft, Dein wirk- 



344 1830—1834. 

lieh vorhandenes sich mit der wohlfeilen Schönheit eines Ge- 
malten nicht zusammen stellen Hesse. Das wollte aher jene 
weder verstehen noch zugeben und Hess erst nach langem Hin- 
und Herreden sich gefallen, zu behaupten, dass, wenn also 
keiner Raphael'schen , Du doch gewiss einer Guido'schen Ma- 
donna glichest, wobei es denn auch blieb. Ich freute mich, 
besser zu wissen, wie es eigentlich sich verhielte und wie wenig 
mir mit einer gemalten Madonna oder Venus (wenn zu Letz- 
terer selbst Mme. B. gesessen) wäre geholfen gewesen. Gestern, 
als die drei Damen, welche mit denen aus der Zauberflöte nicht 
allein das schwarze Kostüm, sondern auch das gemein haben, 
dass stets jede von ilmen eine eigene Gabe bringt, mich wieder 
besuchten, kam diese Sache abermals zur Sprache und Felix' 
Buch mit den Zeichnungen von Hensel zum Vorschein. Obschon 
nun Letzterer, als -wirklicher Schwies'ersohn und Ehemann 
Fannj^'s, in diesem Buch Dir und mir nicht im Mindesten ge- 
schmeichelt hat, so wollte oder konnte er doch die Lebhaftig- 
keit Deiner Augen nicht überbieten, wie er es sonst unfehlbar 
thut, und ihrer bemächtigte sich nun Miss Margaret, um mir 
zu beweisen, sie habe sich nicht geiiTt. Ich gab mich über- 
wunden und konnte ganz im Stillen Dich, als ich mein Bild 
wieder ansah, zugleich bedauern und dankbar anbeten, dass 
Du eine so unwüi'dige und unpassende Wahl gethan. Maria 
hat es besser verstanden, die hat sich zu den Engeln gehalten. 

Den 9. August. 
„ — — Ich schreibe wieder in meinem alten Zimmer, und 
bin die Treppe hinunter oline Schwierigkeit imd Anstrengimg 
gegangen und hoffe auf ein nahes Ende dieses Intermezzo semi 
serio. Bei sogleich vorgenommener Untersuchung eines Wand- 
spinds fanden sich darin: ein halber Pudding, ein Pye, eine 
sehi' grosse schöne Weintraube, Geschenk meiner Wirtliin, 
sechs Töpfe Scotch Marmelade imd ein Topf Eingemachtes 
(Misses Alexander), zwei Tüten, was wir Kaffeebrod nennen 
(j\Ime. Moscheles), einige Tops and Bottoms (Zwiebäcke), ein 
gebratenes Huhn von gestern (Mme. Goldschmidt), eine Flasche 
köstlichen Portwein witlwut hrandy (Misses Alexander) und eiiid 



Genesung. 345 

dito vortrefflichen Ciaret (Mme. Goldschmidt) , woraus hervor- 
geht, dass hier einige Menschen Hungers sterben, andere nicht ; 
ernsthaft aber genommen, dass, wenn die beiden grössten Uebel, 
welche die Menschen betreffen können, Armuth und Krankheit, 
wie es in der Regel geschieht, sich vereinigen, der Zustand 
schauderhaft und gränzenlos elend sein muss. Ich hoffe, dass 
diese Betrachtung, welche sich mii- in grösster Lebendigkeit 
während der ganzen letzten Zeit aufgedrängt hat, als ich er- 
fuhr, dass vor einigen Tagen die Frau und zwei Kinder eines 
irländischen Arbeiters hier Hungers gestorben, während mir, 
dem Fremden, von allen Seiten das Angenehmste und Erfreu- 
lichste widerfuhr, nicht unfruchtbar wieder vergessen werden 
wird.*) Nächst Gott und vor meinen Aerzten bin ich meine 
Genesung dem schuldig, dem ich am liebsten etwas schuldig 
bin, wenn ich mich getrennt von Euch befinde. Ich kann nicht 
sagen, was Felix an mir gethan, ich kann nicht sagen, welchen 
Schatz von Liebe, Geduld, Ausdauer, Ernst und Freundlichkeit 
und zärtlichster Sorgfalt er gezeigt, und so unendlich viel ich 
ihm auch mittelbar schuldig gev/orden durch die tausend Freund- 
lichkeiten und Annehmlichkeiten, die mir von Anderen seinet- 
wegen geworden, so kam das Beste doch von ihm selbst und 
mein bester Dank gilt ihm." 

Der Zufall wollte es, dass zur selben Zeit ein junger, 
der Familie bekannter Engländer an einer Knieverletzung in 
Berlin krank darniederlag. Da ist denn Abraham natürlich 
dringend in seinen Wünschen, demselben möchte von Lea alles 
geschehen, was seine Lage angenehm machen könnte, sowohl 
durch materielle Genüsse, als auch, und darauf dringt er haupt- 
sächlich, duiTh ihren Besuch. Der Brief schliesst: „Doch was 
rede ich viel? Du bist ja am Ende Du und die Tochter Deiner 
Mutter. Wohlthätigkeit und Vorsorglichkeit ist ja Eure ange- 
stammte Tugend und was ich wünsche, ist gewiss Alles schon 
geschehen, vielleicht bis auf den Besuch, weil das in Berlin 



*) Nach der Rückkehri machte Abraham M. B. in einem Ber- 
liner Krankenhause eine Stiftung zur unentgeltlichen Verpflegung 
eines Kranken. 



3-46 1830-1834. 

nicht üblich ist, setze Dich aber darüber hinweg und sei ge- 
^\1ss, Du thust ein edles Werk." 

Und so war denn endlich die Erlösungsstunde da. Abra- 
ham machte sich zur Abreise fertig, Felix wollte ihn noch auf 
einige Tage nach Berlin begleiten, ehe er seine Stelle in 
Düsseldorf antrat; sie beschlossen aber, daraus eine Ueber- 
raschung für die Familie zu machen und so schrieb denn 
Abraham in seinem letzten Brief von London: „Ich habe die 
Bekanntschaft eines jungen Mannes gemacht, der in Kui'zem 
nach dem Norden von Deutschland reisen und sich einige Tage 
in Berlin aufhalten will; er gefällt mii' ungemein wohl und 
wenn er sich in der nächsten Zeit bewährt, so werde ich ihm 
vorschlagen, die Eeise gemeinschaftlich zu machen ; er hat ein 
hübsches musikalisches Talent und wird Euch auch gewiss be- 
hagen, und w^enn ich bedenke, welch' lebhaftes Interesse Du, 
Frau, an Mr. Lechat genommen (es war fast mehr ein schwe- 
s-terliches als ein mütterliches) und wie Du noch ganz kürzlich 
Klingemann als den Schönsten angesclirieben hast und wie sehr 
eine neue musikalische Bekanntschaft Dich, Fanny, in Anspruch 
nehmen wii'd, so finde ich es fast zu uninteresstrt imd kühn 
von mir und muss Sie, lieber Hensel, um Entschuldigung 
bitten, dass ich ihn in's Haus bringe; ich habe mir schon aus- 
gedacht, ihn am Thor in eine Droschke hinein zu komplimen- 
tiren, um nicht gleich im ersten Moment ein getheiltes Inter- 
esse zu finden. Zum Glück wird die ganze Geschichte nicht 
lange dauern und er wohl bald weiter reisen, imd lasst Ihr 
mich wegen eines jungen Künstlers im Stich, so lasse ich Euch 
Alle wegen des noch Jüngern Sebastian laufen, von dem alles, 
was Ihr meldet, mich rührt und freut und mir eine wahre 
Sehnsucht giebt, ihn wiederzusehn. — Ich bemerke eben, dass 
ich vergessen habe, meine neue Bekanntschaft bei Namen zu 
nennen: der junge Mann heisst Alphonse Lovie, ist eigentlich 
Maler seines Zeichens und macht besonders Portraits mit der 
Feder, in einer eigenthümlichen Manier Unglaubliches leistend. 
Ich habe ihn heute wieder gesehen und denke, wir werden 
Reisegefährten." 

Und so, wähi^end die Berliner sich den Kopf zerbrachen, 



Rückkehr nach Berlin. 347 

wer wohl dieser Alphonse Lovie sein möchte, zu dem der 
Vater eine so plötzliche, bei ihm nicht gewöhnliche Zuneigung 
gefasst hatte, imd Fanny unmuthig in ihrem Tagebuche ihre 
getäuschte Hoffnung, Felix wiederzusehen, niederschrieb und 
nicht begriff, was ihn in England noch länger zurückhalten 
könne, eilten Abraham und Mr. Lovie, alias Felix Mendelssohn, 
über den Canal und nach kui'zem Aufenthalt in Horchheim 
nach BerKn. Die Ueberraschung war vollkommen gelungen, 
Felix verlebte wieder einige äusserst vergnügte Tage mit der 
Familie und ging dann nach Düsseldorf, wo wir ihn vorläufig 
verlassen, um die Verhältnisse der Familie in Berlin weiter zu 
verfolgen. 

Auch der jüngste Sohn, Paul, schied aus dem elterlichen 
Hause, ging am 4. Mai 1831 als Kaufmann nach London und 
wurde hier mit offenen Armen von Klingemann aufgenommen. 
Dieser schrieb an Paul über den Zeitpunkt seiner Ankunft in 
London: „Uebrigens kommst Du zui- guten Stunde nach Eng- 
land, noch mitten in die Eeform-Bill herein — glücklicher 
darin, wie Felix mit der Katholiken-Emancipation, die war seit 
vierzehn Tagen vorbei und vergessen, er aber, der Unschuldige, 
sah sich noch in allen Ecken nach ihi' um und war ganz ver- 
wundert über ihi-e Unsichtbarkeit. Wärst Du z. B. etwa vor- 
gestern gekommen, wo die hiesige Volksstimme zu Nutz und 
Frommen der Oel- und Talg-Branchen als Illumination laut 
wui'de, so hätte man Dir Deine unwissend-dunklen Fenster sehr 
eingeschmissen, und Du hättest den folgenden Tag wenigstens 
an etwas Freies, nämlich an freie Luft glauben müssen — 
nebenbei hättest Du das sonderbare Brausen einer imposanten 
Volksmasse vernommen, die durch die Strassen fuhr, wie eine 
Windsbraut, und die Respekt einflösste, eben weil sie nicht 
respektabel war. Ich habe grosse Lust, hier Einiges politisch 
aufzuschneiden, damit sie Dich zu Haus, im Glauben, Du 
steigest in einen wahren mörderischen Revolutions- Krater 
hinab, zu guter Letzt noch recht hätscheln und verziehn — 
doch ich glaube, es thut nicht Noth, es sind gute und liebende 
Leute, die Deinigen." — 

Für das letzte der Kinder, Eebecka, war ebenfalls die 



348 1830-1834. 

Zeit gekommen, wo sie sich einen eignen Lebensweg suchen 
sollte. Sie war weniger musikalisch als die älteren Geschwister, 
aber die Schärfe ilires Verstandes, ilu' Geist und ihr sprudeln- 
der Witz zeichneten sie vor Allen aus. 

Sobald die Verlobung von Fanny ein offenes Geheimniss 
war, wendeten sich aUe Huldigungen der jüngeren Schwester 
zu und es fehlte ihr nicht an Bewerbern. Es waren unter 
diesen Männer, hervorragend an Geist und Talent. Zu keinem 
konnte Rebecka eme entschiedene Neigung fassen, bis der 
schon in einem Brief Fanny 's an Klingemann*) erwähnte Pro- 
fessor Dirichlet den Kampfplatz betrat und den Sieg über 
seine Mitbewerber davontrug. 



*) Siehe Seite 187. 



Gustav Peter Lejeiine Dirichlet. 



Gustav Peter Lejeune Dirichlet wurde im Jahr 1805 den 
13. Februar in Düren, einem Städtchen zwischen Köln und 
Aachen, geboren, woselbst sein Vater Post-Dii-ektor war. 
Dieser, ein sanfter, gefälliger und liebenswürdiger Mann, und 
die Mutter, eine geistvolle, gebildete Frau, gaben dem von 
der Natur ungewöhnlich beanlagten Knaben eine sorgfältige 
Erziehung, obgleich ilmen dies wohl manchmal schwer genug 
werden musste, da sie, keineswegs wohlhabend, nur reich an 
Kindern waren, von denen sie eilf hatten. Schon in sehr 
frühem Alter zeigte sich bei ihm eine seltene Begabung und 
Vorliebe für die Mathematik. Noch nicht zwölf Jahr alt, ver- 
wendete er sein Taschengeld zum Ankauf mathematischer 
Bücher, mit deren Studium er seine ganze freie Zeit und 
namentlich die Abende zubrachte. Wenn man ihm das aus- 
zureden versuchte und ihm einwendete, er könne sie ja doch 
nicht verstehen, so gab er zur Antwort: „Ich lese sie so 
lange, bis ich sie verstehe." Seine Eltern wünschten einen 
Kaufmann aus ihm zu machen, indessen gaben sie den in- 
ständigen Bitten des Knaben, der dagegen einen entschiedenen 
Widerwillen und den ebenso entschiedenen Wunsch zum 
Studiren zeigte, nach und schickten ihn vorerst im Jahr 1817 
nach Bonn aufs Gymnasium. So kam er als zwölfjähriger 
Knabe aus dem elterlichen Hause, das er von da ab immer 
nur vorübergehend wieder betreten hat. 



350 Gustav Peter Lejeune Diriclilet. 

Li Bonn blieb er zwei Jahre rastlos fleissig, vornämlich 
in der Mathematik und Geschichte. Vor allen andern ge- 
schichtlichen Begebenheiten hat ihn schon damals und zeit- 
lebens die französische Geschichte am meisten iiiteressirt, und 
er war ein genauer Kenner der ganzen betreffenden Litteratur. 
Das hing theils mit den Erzählungen seiner Eltern, die das 
grosse Drama zum Theil sogar als französische Unter- 
thanen miterlebt hatten, theils mit seinen eigenen, sogleich zu 
erzählenden Erlebnissen zusammen, am meisten aber leitete 
ihn auf das Studium dieser Zeit seine entschieden freie, bis an 
sein Lebensende bethätigte Gesinnung, die ihn in der Revo- 
lution den Anfangspunkt aller freieren Regungen auf dem Kon- 
tinent erkennen und lieben liess. — Nach zwei Jahren kam 
er auf das Jesuiten-Gjannasium in Köln (er war Katholik) 
und hatte hier das Glück, zum Lelu^er der Mathematik den 
nachmals durch die Entdeckung des nach ihm benannten Ge- 
setzes des electrischen Leitungswiderstandes berühmt gewor- 
denen Georg Simon Ohm zu bekommen. Durch dessen Unter- 
richt und fleissiges Selbststudium mathematischer Bücher machte 
Dirichlet in seiner Lieblingswissenschaft bedeutende Fortschritte. 
Im Jahr 182 1, sechszehn Jahr alt, verliess er die Schule mit 
dem Abgangszeugniss für die Universität. Der Kaufmannsplan 
war von den Eltern aufgegeben, jetzt aber baten sie den Sohn 
dringend, wenigstens ein Studium zu wählen, das grössere 
Aussicht auf praktisches Fortkommen in der Welt böte, z. B. 
die Jurisprudenz. Indess auch diesmal gelang es Dirichlet, 
durch die bescheidene aber feste Erklärimg, er werde sich 
fügen, aber die Nächte wenigstens der Mathematik widmen, 
w^enn er auch bei Tage einem „Brodstudium" obliegen müsse, 
die eben so vernünftigen als zärtlichen Eltern umzustimmen 
und er erhielt die Eimvilligung, Mathematiker zu werden. 

Wo aber war dazu Gelegenheit? Das Studium der Mathe- 
matik in Deutschland lag damals arg darnieder. Die Vorle- 
sungen erhoben sich nur selten über den Gesichtskreis der 
Elementar-Mathematik, die Docenten boten eine Speise, die dem 
Geiste Dirichlet's nicht zusagen konnte; von wh'klich bedeu- 
tenden Namen gab es nur den einen Gauss. Dieser aber hatte 



Jugendgeschichte. 351 

durchaus nicht die Gabe des Mittheilens; es kam ihm nur dar- 
auf an, für sich klar zu werden über ein Problem; war dies 
geschehen, so war die Sache für ihn abgemacht. Es soll mehr 
als einmal vorgekommen sein, dass Mathematiker mit einer eben 
vollendeten Entdeckung zu ihm kamen, ihn um seine Memung 
zu fragen und dass er ihnen dann antwortete: „Ja, ja, das ist 
ganz richtig, das habe ich vor zehn Jahren schon ausgearbeitet; 
ziehen Sie mal das Schubfach da auf" — und dann zeigte sich 
den erstaunten Blicken des Besuchers auf vergübtem, altem 
Papier seine neue Entdeckung, gewöhnlich allerdmgs in weit 
prägnanterer, besserer Form fix und fertig. In dieser sich 
selbst genügenden Abgeschlossenheit war nun aber Gauss nichts 
weniger als ein guter Docent. Dagegen stand damals in Frank- 
reich d. h. in Paris (denn auch in diesem Zweige menschlicher 
Thätigkeit bestätigte sich was Felix schrieb, dass Paris Frank- 
reich ist) die Mathematik in vollster Blüthe; und Namen wie 
Laplace, Legendre, Fourier, Poisson und Cauchy glänzten als 
helle Sterne an ihrem Himmel. Paris also erkannte Diiichlet 
als den Ort, wo für seüie mathematischen Studien der grösste 
Gewinn zu hoffen war; und die Eltern, welche aus der „Fran- 
zosenzeit" her noch gute Freunde in Paris hatten, willigten 
in seinen Wunsch ein, dorthm zu gehn. Im Mai 1822 bezog 
er diese Hochschule der Mathematik. — 

Sein Leben war hier anfangs höchst einfach, sogar dürftig, 
denn die ihm zu Gebote stehenden Mittel waren nur sehr gering, 
sein Umgang ein besclu'änkler. Aber er erinnerte sich dieser Zeit 
mit dem grössten Vergnügen, wo er zum ersten Mal mit vollen 
Zügen aus dem Quell des Wissens trinken durfte und die 
Entbehrungen, denen er sich in Nahrung, Kleidung und Woh- 
nung unterwerfen musste, erhöhten — wenigstens in der Eiin- 
nerunc- — den Eeiz. Ein Versuch, den er machte, neben den 
Vorlesungen am College de France und an der FacuUe des Sciences 
auch denen an der Ecole poJytechnique beizuwohnen, scheiterte 
daran, dass der preussische Geschäftsträger in Paris ohne be- 
sondere Autorisation des l^Iinisters von Altenstein es nicht 
übernehmen wollte, die Erlaubniss beim französischen Mmisterium 
auszuwirken!!! Welche Verbindungen aber hätte der siebzehn- 



352 Gustav Peter Lejeune Dirichlet. 

jährige Student aus der kleinen rheinischen Provinzialstadt 
gehabt, diese Autorisation zu erwii'ken? 

Bald aber sollte in seinem stillen Lehen ein grosser Um- 
schwung eintreten: der General Foy, ein geistreicher, hoch- 
gebildeter Mann, ein Haupt der Opposition in der Deputirten- 
kammer und einer ihrer berühmtesten Redner, mit einer glän- 
zenden militärischen Vergangenheit, suchte einen Lehrer für 
seine Kinder, der dieselben hauptsächlich in deutscher Sprache 
und Litteratur unterrichten sollte, und durch die Vermittelung 
eines alten Kriegsgefährten von Foy und Hausfreundes von 
Dirichlet's Eltern, Larchet de Chamont, bekam Diiichlet, der 
gleich bei der ersten Zusammenkunft einen höchst günstigen 
Eindruck auf Foy machte, diese Stelle, mit einem anständigen 
Gehalt und so geringen Verpflichtungen, dass ihm ausreichende 
Zeit zur Fortsetzung seiner Privatstudien blieb. Merkwüi'diger- 
weise ist Foy der di'itte französische General (von Sebastiani 
und Davoust ist in Henriette's Geschichte dasselbe berichtet 
worden), dem deutsche Bildung so begehrungswerth vor- 
gekommen war, dass er sie seinen Kindern auf jeden Fall 
sichern wollte ; hier aber war die Verpflichtung eine gegenseitige ; 
denn Diiichlet wurde bleibend und bestimmend beeinflusst durch 
das Beispiel eines thatkräftigen, edlen und feingebildeten Mannes, 
das er in Foy vor sich hatte, und durch den herzlichen und 
zwanglosen Umgang mit der Generalin, die ihre lange ver- 
nachlässigten deutschen Studien bei ihm wieder aufnahm und 
ilim dafüi' seine Germanismen im Französischen austrieb. Von 
grosser Bedeutung für sein ganzes Leben war es auch, dass 
das Haus des Generals, welches ein Veremigungspunkt der 
ersten Notabilitäten in Kunst und Wissenschaft der Hauptstadt 
Frankreichs war und in welchem von den angesehensten 
Kammermitgliedern die grossen politischen Fragen verhandelt 
wurden, die zunächst zu der Julii'evolution 1830 führten, ihm 
zuerst Gelegenheit gab, das Leben in grossartigem Massstabe 
zu sehen und sich daran zu betheiligen. Eine nette Stelle 
findet sich in einem Klingemann'schen Brief, aus der man ein 
sehr lebendiges Bild von Dirichlet im Foy'schen Hause bekommt, 
er schreibt Isten März 1833 anRebecka: „Es ist ein Unglück, 



Dirichlet und Alexander v. Humboldt. 353 

dass ich Ihren Gemahl und Ehe- Voigt nicht kenne — was 
hilft's, wenn wu* uns Jahrelang durch die besten Autoritäten 
die schönsten Sachen sagen lassen (ich lasse ihn z. B. jetzt 
aufs herzlichste und verbindlichste durch seine eigene Frau 
grüssen) — man bleibt sich immer ungreifbar und ein dürrer 
Begriff bis man sich sieht und spricht. Nicht einmal durch 
unsere Werke lernen ^vir uns kennen, er nicht, weil ich keine 
schreibe, ich nicht, weil ich die seinigen nicht verstehe. Gott! 
Wenn Sie wüssten, was für einen gränzenlosen Respekt ich 
vor Mathematik im Allgemeinen und vor Algebra im Speziellen 
habe, schon aus dem Grunde, dass ich so garnichts davon ver- 
stehe, so fühlten Sie , wie ich schon vor Ihnen zittere, geschweige 
denn vor dem Professor selber! — Das Greifbarste von Letz- 
terem hörte ich, wie ich das letzte Mal in Paris war, von der 
Generalin Foy, die von ihm sprach, d. h. ihn lobte und er- 
zählte, wie er Tagelang, auf einem kleinen Ofen sitzend, bald 
die Kinder unterrichtet, bald weiterstudirt habe.'' — Diese 
Vorstellung des ausserordentlich grossen, dünnen jungen Men- 
schen auf dem eisernen Oefchen sitzend und Mathematik stu- 
dirend, während der Unterricht der Kinder ihm Zeit lässt, 
hat etwas komisch Rührendes und so ungemein Deutsches. 

Und ein Deutscher blieb Dirichlet doch, trotz aller Vor- 
liebe für Frankreich, trotz aUes Glanzes und aller Annehmlich- 
keiten, welche er vom Pariser Leben in so hohem Grade 
kennen lernte. Nachdem er durch seine erste der OeffentUch- 
keit übergebene Schrift, welche in der Pariser Akademie vor- 
gelesen und in die Sammlung der Denkschriften auswärtiger 
Gelehrter aufgenommen wurde, einen glänzenden Erfolg errungen 
und sich den Ruf eines ausgezeichneten Mathematikers mit einem 
Schlage erworben hatte, wui'de er mit Alexander von Humboldt, 
der damals in Paris lebte, bekannt, der ihn schon früher von 
General Foy als ausgezeichneten Gelehrten hatte rühmen hören, 
aber auf dieses Lob, als aus dem Munde eines Laien kommend, 
nicht viel gegeben hatte. Indess die Erstlingsarbeit Dirichlet's 
überzeugte ihn; Humboldt empfing den jungen Mann mit aus- 
nehmender Freundlichkeit und es wurde zwischen Beiden eine 
stets wachsende und bis zum Tode unveränderte Freundschaft 

Die Familie Mendelssohn. L 23 



364 Gustav Peter Lejeune Diriohlet. 

geschlossen. Grleich bei der ersten Zusammenkunft tlieilte ihm 
Dirichlet seine Absicht mit, später nach Deutschland zurück- 
zukehren; Humboldt bestärkte ihn darin, indem er ihm ver^ 
sichei'te, bei der geringen Anzahl guter Mathematiker könne 
es ihm nicht fehlen, sobald er es wünsche, eine angemessene 
Stellung zu finden. Durch den im November 1825 erfolgten 
Tod Foy's und den Einfluss Humboldt's, der bald nachher Paris 
verliess, wurde Dirichlet's Entschluss, die Rückkehr in's 
Vaterland, zur Reife gebracht. Mit der „angemessenen Stellung", 
die Humboldt als so leicht erreichbar dargestellt hatte, sah es 
indessen traurig aus. Kurz vorher hatten die jahrelang fort- 
gesetzten Unterhandlungen mit Gauss über seine Anstellung 
in Berlin abgebrochen werden müssen, weil es an einigen 
hundert Thalern fehlte, es war also nicht anzunehmen, da man 
sich die erste deutsche mathematische Berühmtheit einer solchen 
Lappalie wegen hatte entgehen lassen , dass man dem noch 
nicht einundzwanzigjährigen Dirichlet besonders glänzende 
Anerbietungen machen würde. Und wirklich gehegte die ganze 
unermüdliche Thätigkeit und der grosse Einfluss Humboldt's, 
der die angesehensten Mitglieder der Berliner Akademie bewog, 
die Sache auch zu der ihiigen zu machen, es gehörte eine 
dringende Befüi'wortung durch Grauss dazu, um für Dirichlet 
als fixes Grehalt — vierhundert Thaler zu erlangen, damit er 
sich in Breslau als Privatdocent habilitiren möge. Indessen 
Dirichlet, der von jeher und bis an sein Lebensende fast ganz 
bedürfnisslos war, ging darauf ein, in der Hoffnung, seiner 
eigenen Tüchtigkeit und Humboldt's Freundschaft werde es 
mit der Zeit gelingen, ihm eine angemessene Lage zu ver- 
schaffen. Li Breslau fühlte sich Dirichlet nicht behaglich; die 
üniversitätsverhältnisse müssen damals ziemlich zopfig gewesen 
sein — z. B. erregte es bei einigen Kollegen grosse Miss- 
stimmung, dass er von der öffentlichen lateinischen Disputation 
befreit wurde — die Studirenden konnten sich an seine Lehi'- 
w^eise nicht gewöhnen ; er seinerseits mochte sich um das stark 
grassirende Coteriewesen nicht künmiern und so kam er wäh- 
rend der drei Semester, die er dort blieb, nie zu jener lokalen 
oder provinziellen Berühmtheit, die in beschränkteren Kreisen 



Privatdoccnt in Breslau und Berlin. 855 

wirksamer ist, als die allgemeine Anerkennung von Seiten der 
ersten Männer der Wissenschaft. Diese aber wurde ihm in 
vollem Masse: Ueher eine in dieser Zeit erschienene Abhand- 
lung Dirichlet's schrieb Bessel an Humboldt: „Wer hätte ge- 
dacht, dass es dem Genie gelingen werde, etwas so schwer 
Scheinendes auf so einfache Betrachtungen zurückzuführen; es 
könnte der Name Lagrange über der Abhandlung stehen und 
Niemand würde die Unrichtigkeit bemerken." — Fourier aber 
beschwor Dii'ichlet selbst, und suchte auch durch Larchet de 
Chamont auf ihn zu wii-ken, dass er wieder nach Paris zurück- 
kehren möchte, weil er dazu berufen sei, an der dortigen Aka- 
demie bald eine der ersten Stellen einzunehmen. 

Indess er zog eine noch so bescheidene Thätigkeit in der 
Heimath, wenn sie ihm nur eben zu leben gestattete, vor. Da 
um diese Zeit die mathematische Lehrstelle an der allgemeinen 
Kriegsschule in Berlin frei wurde, benutzte Humboldt die Ge- 
legenheit, Dirichlet dem General Radowitz zu empfehlen. Die- 
ser aber und der Kiiegsminister konnten sich nicht entschliessen, 
ihm die Stelle definitiv zu übertragen, „weil er zu jung sei, 
um den Officieren als Lehrer vorgestellt zu werden." Indessen 
um sie interimistisch zu verwalten schien er alt genug zu 
sein und so erhielt er denn von Altenstein vorläufig auf ein 
Jahr Urlaub und übernahm den Unterricht an der Kriegsschule 
im Herbst 1828, den er von da ab bis zu seiner Uebersiede- 
lung nach Göttingen im Jahre 1855 ununterbrochen gehalten 
hat. So angenehm ihm in den ersten Jahren der Umgang mit 
den ihm gleichaltrigen Officieren war, so drückend wurde ihm 
später, als er sich an der Universität einen grossen Kreis von 
Zuhörern gebildet hatte, die ihm mit lebendigem, wissen- 
schaftlichem Interesse in die höchsten Gebiete der Mathematik 
zu folgen willig und befähigt waren, dieses Verhältniss zu den 
„Kriegsschülern", die die Vorlesungen nur aus Zwang, als zu 
absolvirendes Pensum, besuchten und an denen er selten wirk- 
liches Verständniss und Lust und Liebe zur Sache entdeckte. 
So war es auch die Kriegsschule, welche zuerst ihn nach 
Berlin geführt hatte, die ihn nach siebenundzwanzig Jahren 

von da wieder vertrieb. 

98* 



356 Gustav Peter Lejenne Dirichlet. 

Bald nach seiner Ankunft in Berlin habilitii-te er sich auch 
wieder als Privatdocent an der dortigen Universität, da er, ob- 
gleich in Breslau schon Professor geworden, als Professor einer 
fremden Universität in Berün nicht Vorlesungen halten duifte 
und erst im Jahre 1831 wurde er definitiv als ausserordent- 
licher Professor an die Berliner Universität versetzt. Merk- 
würdigerweise war es derselbe Humboldt, der auf die Gestal- 
tung von Dirichlet's äusseren Lebensschicksalen so bedeutenden 
Einfluss gehabt hat, der ihn auch in das Mendelssohn'sche Haus 
einführte und dadurch mittelbar auch bestimmend auf eine an- 
dere Seite seines Lebens einwirkte. 

Dirichlet interessirte sich von Anfang an lebhaft für Ee- 
becka und seine Neigung blieb nicht unerwidert; indess fand 
er längere Zeit Widerstand bei den Eltern, die andere Be- 
werber lieber sehen mochten und von dem Ernst und der 
Nachhaltigkeit semer Liebe nicht vollkommen überzeugt 

waren. 

Schliesslich gelang es aber namentlich dm-ch die Bemühun- 
gen von Hensel und Fanny, sie umzustimmen, und die Verlo- 
bung fand am 5ten November 1831, die Verhcirathung im Mai 

1832 statt. Auch Dirichlet's bezogen eme Wohnung im Hause 
der Eltern, und so hatten diese das Glück, wenigstens die 
Töchter in unmittelbarster Nähe zu behalten. Am 2ten Juli 

1833 wurde Dirichlets das älteste Kind, Walter, geboren. 
Das Jahr 1834 brachte neue Veränderungen: Paul war 

Yon seinem auswärtigen Aufenthalt zurückgekehrt und Anfangs 
des Jahres bei dem alten Handlungshaus Mendelssohn & Co., 
dem damals Joseph und dessen Sohn Alexander vorstände©, 
eingetreten. Später wurde er Associe des Geschäfts und ver- 
heirathete sich mit Albertine Heine, die schon längere Zeit 
dem Freundeskreise angehört hatte. 

Den September 1884 brachte Felix in Berlin zu. Sein 
Verhältniss zum Vater wurde immer inniger imd steigerte sich 
Seitens Felix' zu wahrer Anbetung. Und Abraham verdiente 
diese in vollstem Masse. Durch die Jahre war seine früher 
etwas harte und strenge Natui- immer weicher, milder, harmo- 
nischer geworden. Leider machte sich auch Schwäche de» 



Verheirathung von Kebecka und Paul. 357 

Alters fühlbar. Schon auf der englischen Reise war seine 
Kurzsichtigkeit ihm recht störend; jetzt entwickelte sich mit 
grosser Schnelligkeit der Staar, und bald konnte er kaum noch 
einen Schimmer sehn. Er trug dies Unglück mit unglaubli- 
cher Ruhe und Resignation und fühlte die grösste Dankbarkeit 
gegen die Töchter, die abwechselnd ihm vorlasen und für ihn 
schrieben. Im Jahi' 1835 soUte es zur Operation kommen. 
Zu den eigenen Kindern wurde sein Verhältniss immer mehr 
das des erprobten Freundes, und namentlich für Felix wurde 
er der liebende, aber unbestechliche Berather jedes Schrittes. 



Das Jahr 1835. 



Im Frühling fand das Musikfest in Köln unter Felix' 
Direktion statt. Diesmal machten sich die Eltern, Dirichlet's 
und Hensel's dazu auf. Das Fest nahm seinen gewohnten 
frohen Verlauf, Felix hegleitete seine Eltern nach Berlin zu- 
rück, von wo Lea an Eehecka, die nach Ostende weiter gereist 
war, schreibt: 

y^JJne douce Sympathie regne entre nozia, chere enfant!'* Wir 
reisten den 1 sten ab und kamen beiderseits den 8ten an. Durch 
Felix wirst Du erfahren, dass Lea in Abrahams Schooss wohl- 
behalten sass, denn er schreibt Dir von allen Orten mit wahrer 
Pietät. Dass er aber eine leibhaftige, nur noch veredelte, ge- 
steigerte, liebenswürdigere Krankenpflegerin ist, wird Dir seine 
Bescheidenheit verhehlt haben. Ich durfte im eigentlichen 
Sinne nicht hart treten, was bei manchen Wirthshaustreppen 
und Schwellen schwer zu vermeiden ist. „Er hat zu Allem 
Geschick", sagte E. einst bei andrer Gelegenheit. Ja, fast zu 
sorgsam pflegte und hätschelte er mich auf der Reise und hielt 
mich ungefähr wie eine Passalaqua'sche Mumie.*) Nur lachen 
und spassen durfte ich, wozu sein angenehmes Gespräch mir 
genug Gelegenheit gab. Sonst ward jede Agitation so ge- 
wissenhaft vermieden, dass selbst der Herkules in Wilhelms- 



♦) Passalaqua war der damalige Direktor der ägyptischen 
Sammlung des Berliner Museums. 



Musikfest 1835. Cravall in Berlin. 369 

höhe als ein zu aufregender Mann verholen wurde, ohgleich 
es meinem Herzen gewiss mehr schadete, umsonst nach ihm 
zu schmachten, als mich ihm in die Arme zu werfen. Eine 
halhe Meile von Kassel sahen wir ihn emporragen, und Marie 
fragte mich Abends: „Ist denn Herkules ein bedeutender 
Mann?" Ich fand das so schön, dass ich vor Lachen nicht 
antworten konnte. — 

Ich rathe Dir, lass Deine Mine bei dieser für sie so 
günstigen Gelegenheit die edle Kochkunst lernen, am Rhein 
so wissenschaftlich, grossartig, mannigfach geübt! Auf der 
Reise in unsere poor country streift man mit jeder Station eine 
süsse Gewohnheit, eine edle Bequemlichkeit nach der andern 
ab. Albrecht der Bär, Du solltest, geUndest geredet, der 
Esel heissen! 

Ich hoffe, unsre abgeschmackte RebeUion vom 3 ten August 
und folgenden Tage soll Dich, mit belgischen Lügen gespickt, 
nicht mehr afficirt haben als uns. Das schönste Resultat ist 
folgende Poesie der Strassenjungen: 

Heil Dir im Siegerkranz, 
Heut' bleibt keene Scheibe janz. 

Es ist leider viel unschuldig Blut geflossen, denn obschon 
die Staatszeitungsdarstellung wahr gewesen, dass die mit 
Steinen geworfenen Soldaten nicht geschossen, so haben sie, 
was mit Stillschweigen übergangen, gehauen und Dieffenbach 
allein hat von drei gefö.hi*lich Zugerichteten gesprochen, die er 
unter Händen gehabt. Wieviel es im Ganzen waren und ob's 
auch Todte gegeben, weiss man durchaus nicht officiell, nach 
unserm schönen Princip, nichts der Art zu veröffentlichen, und 
so hat Fama gut Spiel und nimmt ihr loses Maul desto voller. 
Es soU Jemand dem Könige das Pariser Mittel, Aufläufe durch 
Spritzen zu zerstreuen, vorgeschlagen und er gesagt haben: 
»werden gewiss nicht in gutem Zustand sein.'' Ich finde das 
sehr komisch. 

Zwei Tagereisen von hier bat ich Felix, nur den zehnten 
Theil seiner Liebenswürdigkeit für Berlin einzupökeln. Ich 
merke auch, dass er sich alle Mühe giebt, aber so recht geht's 



360 Das Jahr 1835. 

ihm nicht von Herzen, ja es ist nicht übertrieben von mir, 
wenn ich behanpte, sogar seine Physiognomie hat sich ver- 
ändert, und er sieht gar nicht so hübsch und lebhaft aus, als 
am Rhein. Schadow imd Hildebrand, die ihn seines mobilen 
Ausdrucks wegen so unsäglich schwer zu malen finden, wer- 
den's begreifen. Er thut indess was er kann: ich rechne ihm 
jeden Tag längeren Hierbleibens auf einem Blättchen meines 
Herzens an. Zum Glück arbeitet er am Paulus und zwar 
sehi' fleissig und gern; den ersten Theil kopirt er und ändert 
bei dieser neuen Durchsicht, wie Du es an ihm kennst, wenn 
er über seine Sachen kalt geworden. Einmal hat er uns 
himmlisch vorgespielt, auf dem dürren, klapperigen, alten 
Broadwood, aus dem er Klang, Ton, Gesang, Zartheit und 
Kraft zu ziehen wusste. Ich glaube, es galt Louis Heidemann, 
der selbst jetzt so gut spielt. Du weisst, zwei hörende Ohren 
können ihn begeistern. Dass ich ihn etwas anerkenne — ist 
Dir nicht neu. Gott segne ihn! Den Tag seiner Abreise hat 
er noch nicht bestimmt, auch das dank' ich ihm; muss man 
die Stunden so zählen, schemt das Verfliegen derselben noch 
schneller und sündlicher; man wii'ft sich vor, jede Minute nicht 
noch sorgsamer benutzt zu haben." 

Nach dem Musikfest reisten Hensel's nach Paris. Das 
Urtheil über die französischen Malerverhältnisse spricht Fanny 
in einem Brief an ihren Vater so aus: 

„10. Juli 35. Lieber Vater, Du scheinst doch einige 

Furcht zu verrathen, dass Hensel nicht mit völliger Gerechtig- 
keit gegen Paris verfahren würde; ich dächte, die Absicht 
ginge schon hinlänglich aus dem Entschluss hervor, die Reise 
nur zu unternehmen, denn es wäre ja eine wahi-e Stupidität, 
so viel Geld, Zeit und Kräfte aufzuwenden, nur um nachher 
sagen zu können: ce n'est que cela? Er sieht und hört mit 
der grössten Unbefangenheit und, wie immer, mit dem Wunsch 
zu lernen. Dass er nicht AUes loben und billigen kann, ver- 
steht sich von selbst, und dass wir über einzelne Punkte 
Streit bekommen werden, glaube ich auch. Indessen wirst Du 
im Ganzen zufrieden sein mit der Art, wie er gesehen und 
seine Zeit angewandt hat. So angestrengt wie in der ersten 



Hensel's in Paris. Pariser Maler. ,361 

Zeit darf er nun nach seinem Krankheitsanfall nicht mehr 
umherlaufen und ich sehe schon heute ein, dass wir manche? 
Interessante werden ungesehen oder halbgesehen lassen müssen, 
da es uns. an Geld und Zeit fehlt, länger hier zu bleiben alg 
einen Monat. 

Hier zu leben kann ich kaum wünschenswerth finden, 
nach allem, was wir von den Künstlern selbst hören, denn 
wenn auch freilich die Aufträge mitunter kolossal sind, so ist 
auch die Masse der Intriguen, Hindernisse und Schlechtigkeiten, 
die. sie erdulden müssen, in gleichem Masse kolossal^ und die 
Art, wie die Reputationen, die das Publikum früher selbst ger 
schaffen hat, später unter die Füsse getreten werden, wirklicl^ 
unleidlich anzusehen. Wir haben seit den vierzehn Tagen 
unseres Aufenthalts zwei eklatante Beispiele davon gesehen; 
es ist nur eine Stimme darüber, dass eine solche Behandlung 
Gros in die Seine geführt hat und Delaroche ist in solcher 
Verzweiflung über die grenzenlose Perfidie, mit der man ilmi 
seinen Auftrag wieder genommen hat (die Ausschmückung 
einer Kirche mit Fresken), dass. ich mich kaum wunder^ 
würde, wenn er denselben Weg ginge. Aber sehr gern würde 
Hensel einmal ein Jahr hier sein, ein Bild hier malen und da« 
Museum studiren, alle Künstler, die seine Sachen gesehen 
haben, rathen ihm, ein Bild, womöglich das grosse, zur Au^r- 
Stellung herzuschicken, aber alle sind auch einig darüber, dass 
er selbst mitkommen müsste, weil er sonst vor Misshandluni: 
seines Werkes nicht sicher wäre, und dann wird Delaroehe's 
Beispiel angefülirt, dem man, während er in Italien die Studiea 
zu seiner Kirche machte, die Kirche selbst wegnahm, was 
Vemet (Delaroehe's Schwiegervater), der anwesend war, mit 
allem seinem Kredit nicht abwenden konnte. Freunde helfen 
nichts, sagen sie, man muss selbst da sein, und das erschwert 
die Sache natürlich fast bis zum Unmöglichen. Das Einzige, 
was ich den Künstlern hier wirklich beneide, ist das Glüclc, 
ihre Sachen so vortrefflich publicirt zu sehn. Da ist Calamatta, 
der arbeitet fast nur nach Ingres, und wie werden Delarochö!« 
Sachen gestochen! — — -". . ' ,' , .'.-. :'. 

. Hensels machten natürlich viele interessante Bekannt* 



362 Das Jahr 1835. 

Schäften, besonders die von Delaroche und Vernet. Fanny 
Bchildert des letzteren Kostüm, in dem er im Atelier arbeitet, 
als das eines Tanzmeisters, Schübe, weisse Hosen, Jacke, eine 
rothe Schärpe nm den Leib. Fünf Jahre später zog der 
geniale, aber excentrische Mann in Eom in orientalischer 
Tracht in den Strassen einher, mit Dolch und Pistole im 
Gürtel und ganz einem Türken gleichend, wie ihn auch Hensel 
in halbstündiger Sitzung gezeichnet hat. Gerard erregte 
Fannys lebhaftes Interesse; er hatte die ganze Revolutions- 
und Kaiserzeit mitgemacht und besass selbstgemalte Portraits 
der bedeutendsten Menschen jener Zeit; von denen sie Talma, 
Mlle. Mars, Napoleons Jugendbild, Humboldt und Canova nennt. 

Der Schluss ihres Aufenthalts wurde noch durch ein er- 
schütterndes Ereigniss bezeichnet, das dazu beitrug, der ganzen 
Erinnerung an Paris eine trübe Färbung zu geben, das 
Fieschi'sche Attentat. 

Unter dem Eindruck dieses Verbrechens verliessen Hensels 
Paris. Aber das Reiseungiück verfolgte sie noch weiter. Sie 
gingen nach Boulogne, weil Fanny noch das Seebad brauchen 
sollte. Boulogne war aber überfüllt, namentlich mit Englän- 
dern, und mehrere Tage verliefen zuerst mit Wohnungsuchen. 
Als endlich eine gefunden war, zeigte sich dieselbe in so bau- 
fälligem Zustande, dass, nachdem sie einige Tage bewohnt war, 
bei einem Platzregen die Decke einstürzte und ein grosser 
Strom durch's Dach eingeregnetes Wasser sich in's Zimmer 
ergoss. Dazu kamen sehr mangelhafte Postverbindungen, so 
dass Berliner Briefe bis vierzehn Tage unterwegs waren. Zu 
allem Uebrigen bekam Fanny eine ziemlich heftige Augenent- 
zündung, die sie an jeder Beschäftigung und an allem Genuss 
der frischen Luft hinderte. Natürlich war der fashionable und 
zwar für Engländer fashionable Badeort unerschwinglich theuer, 
alles zusammen bewirkte, dass Fanny stets mit ganz besonderem 
Widerwillen an Boulogne zurückdachte. Das einzige Gute war 
angenehme Gesellschaft: Heinrich Heine, der hier in Boulogne 
seine schöne Geschichte mit einigen Engländerinnen lieferte, 
die sich das Lesezimmer aussuchten, um ein sehr lautes 
Gespräch zu führen, und die er verscheuchte, indem er ihnen 



Bouiogue. 363 

sagte : ^Meine Damen, wenn Sie mein Lesen im Sprechen stört, 
kann ich ja auch wo anders hingehen.'* Femer die englische 
Schriftstelleiin Mrs. Austin, eine sehr liebenswürdige Frau. 
Endlich kam Klingemann auf drei Tage aus London herüber, 
die auf's angenehmste verplaudert wurden. Er lernte bei 
dieser Gelegenlieit Wilhelm Hensel kennen. 

Ueber die Rückreise schreibt Fanny an Klingemann: 

Berlin, 17. Oktober 1835. 

^ Wir haben Ihnen die drei einzigen angenehmen 

Tage zu danken, die wir in Boulogne zugebracht haben, denn 
ich weiss nicht, welcher freundliche Dämon unserm Plagegeist 
von Wirth eingab, uns gerade diese wenigen Tage ungehudelt 
zu lassen, so dass wir die Freude Ihres Besuchs ungetrübt 
geniessen konnten. Kaum waren Sie an jenem blauesten, herr- 
lichsten Tage zu Schiff — wir sahen dem Dampfboot lange 
nach, dessen Rauchsäule gerade in die Luft stieg und dessen frühe 
und glückliche Ankunft, sowie das Wohlbefinden sämmtlicher 
Passagiere mit Einscbluss des Pudels wir noch den Tag vor 
unserer Abreise von Boulogne erfuhren — als der Tanz wieder 
losging. So scliieden wir in schlechtestem Vernehmen imd in 
einem Wetter, von dem ich behauptete, dass es sich nur in Boulogne 
und in Boulogne nur für uns vorfinden könnte. Mit Sturm und 
Regengüssen entliess uns der unfreundliche Ort, aber schon in 
Calais hatte es sich so weit aufgehellt, dass wii- den Hafen 
besuchen und uns durch den Augenschein überzeugen konnten, 
dass nichts daran zu sehen ist, so etwas glaubt Keiner dem 
Andern. Die Nacht blieben wir in Dünkirchen und besahen am 
andern Morgen wiedeinim den Kafen. Es war mir kurios, so 
zufällig gerade nach Dünkii-chen gekommen zu sein, dieser Name 
klang mir immer, wxnn ich als Kind Geographie lernte oder 
eine Karte besah, so ganz besonders fern und fremd, wie ein 
europäisches Ostindien, oder wie ein Punkt, den keine Berli- 
nische Seele je erreichen könne, und nun war ich drin gewesen 
und hatte in einem ganz vortrefflichen Gasthause übernachtet. 
Von Dünkirchen aus nach der nächsten Station, die schon 
belgisch ist, fährt man mehrere Heues auf dem nassen Ebbe- 



364 Das Jahr 1835. 

sande und einer natürlichen Chaussee von Muscheln, einen ganz 
wunderlich reizenden Weg, auf dem man stundenlang nichts 
als links die Meerlinie und rechts das Dünenmeer sieht. Aus 
Versehen kamen wir nach Ostende, wo wir meine Schwester 
nicht mehr, dafür aber zum letzten Mal das Meer hei voller 
Fluth sahen, und gelangten Nachmittags nach Brügge, wo wir 
die paar letzten Stunden des Tages und die paar ersten des 
folgenden mit Besichtigung dieser alten, 'wiinderbaren Stadt 
zubrachten. Ich weiss nicht, ob Sie Belgien kennen und be- 
finde mich also in der höchsten G-efahr, Urnen lauter Dinge zu 
erzählen, die Sie zehnmal besser wissen als ich, aber never mind^ 
wess das Herz voll ist, dess fliesst die Feder über, und dass 
mein Herz noch immer Belgiens voll ist, das kann ich nicht 
läugnen. Wenn Sie in Brügge durch die wohlerhaltenen, rein- 
lichen Strassen des fünfzehnten Jahrhimderts nach dem Hospital 
gehen, wo Hemelink eben krank lag, und nach seiner Genesung 
zum Dank das schöne fromme Bild malte, wenn Sie die an- 
muthigen barmherzigen Schwestern innen gemalt in goldenen 
Rahmen knieend, und dann dieselben frischen Gesichter in 
ihrer Kirche betend, oder in Haus imd Hof menschenfreundlich 
geschäftig, wenn Sie dasselbe katholische Volk in derselben 
alten Tracht und den ernsthaften schwarzen Mänteln in die 
nämlichen altherrlichen Kirchen wandeln sehn, so bemächtigt 
sich eine unwillkürliche Täuschung der Seele und der Sinne. 
Sie möchten den ersten Vorübergehenden fragen, wo der edle 
Meister Hemelink oder die Brüder Eyk wolmen, und wenn er 
vorüberginge, ohne Ihnen zu antworten, so wüi^den Sie nur 
denken, er verstehe kein Deutsch und Sie kein Flämisch, 

Den andern Tag fuhren wir nach Gent, mit dessen Be- 
sichtigung wir wieder den Rest der hellen Stunden verbrachten, 
und zwar in so grässlichem Regen und Schmutz, dass jede 
Vorsicht unnütz erschien, und ich am Ende geradezu ging, 
ohne irgend mehr meinen Weg zu wählen. Zu Hause angelangt, 
mussten wir einen völligen Trockenplatz anlegen. Gent hat 
einen ganz andern Charakter als Brügge, und zwar vielmehr 
den des sechzehnten Jahrhunderts, so wie Antwerpen den des 
siebzehnten Jahrhmiderts. In Gent wird leider viel erneuert 



Belgien. 365 

tmd ein grosser The'il der herrlichen, eigenthümlichen alten 
Häuser durch nichtssagende neue ersetzt. Indess ist noch 
genug des Schönen übrig gebliehen, um zehn Städte wie Ber- 
lin (sagen Sie's nicht wieder) damit ausstatten zu können. Die 
vielen Quais, die zahllosen Brücken, das ganze kuriose Wasser- 
wesen, die schönen alten Kirchen (der grössere Theil des be- 
rühmten Altarbildes von Eyk ist dort, von dem wir den klei- 
neren Theil hier besitzen), Alles dies macht aus Gent eine 
in ihrer Art nicht weniger interessante Stadt, als es Brügge 
in anderer Weise ist. Von da gingen wir nach Antwerpen, 
was für mis der Kulminationspunkt wenigstens dieser Rück- 
reise war, eine königliche Stadt! — Nie habe ich Hensel so 
entzückt gesehn, als in der Kathedi-ale, welche das berühmte, 
grösste Bild von Rubens, die Kreuzabnahme, enthält. Ich ver- 
sichere Sie, wäre eine Möglichkeit der Ausführung vorhanden 
gewesen, wir hätten uns mit Leichtigkeit entschlossen, in 
Antwerpen zu bleiben. Rubens kann man niu' da kennen ler- 
nen, mehrere Kirchen und das Museum enthalten Meisterwerke 
von ihm, von denen man nirgend anderswo eine Idee bekommt. 
Dabei sind die Strassen und Bassins von der höchsten Gross- 
artigkeit. 

In Brüssel hatten wir mehr ein geselliges Leben zu führen, 
da wir mehrere sehr angenehme Bekannte dort fanden, die 
sich freuten, Schulden der Gastfreundschaft abtragen zu können, 
doch sahen wir auch, was in zwei Tagen liegend möglich war. 
Wir kamen noch durch Löwen, wo wir das berühmte Rathhaus 
und eine sehr merkwürdige Privatsammlung sahen, wo wir uns 
nur gerade lange genug aufhielten, dem Dom und mit ihm für 
diesmal allen Herrlichkeiten aller Kunst Lebewohl zu sagen; 
wir eilten nach Bonn, wo wir mit Dirichlet's zusammen trafen, 
und uns einiger Ruhetage erfreuen wollten, denn wir waren 
erschöpft von acht Tagen des herrlichsten Reisens und ich 
besonders von einem Zustande steter Bewunderung, der äusserst 
angenehm, aber auch höchst ermüdend ist." 

Der Morgen des 19ten wurde in Bonn froh mit den 
schöhsten Plänen zu einer gemeinsamen, gemächlichen Rück- 
reise verplaudert, die für alles erlittene Reiseungemach ent- 



366 Das Jahr 1835. 

schädigen sollte. Da kam ein dringender Brief aus Berlin: 
Hensels Mutter war bedenklich erkrankt und er wurde schleunigst 
zurückgerufen, wenn er sie noch einmal sehn wollte. Hensels 
reisten sofort ab, über Leipzig, wo sie Felix trafen, der in- 
dessen dorthin übergesiedelt war, und erreichten am 27sten 
September Berlin. Hensel fand seine Mutter noch am Leben, 
indess am 4ten Oktober starb sie. Ihr Tod war ein schon 
längst erwarteter und für die alte Frau beinahe als eine Wohl- 
that anzusehn. Doch war er der Vorläufer eines andern, der, 
plötzlich und ungeahnt eintretend, die ganze Familie schwer 
treffen sollte. — 

Felix hatten wir verlassen, als er seine Stelle in Düssel- 
dorf definitiv antrat, im Herbst 1833 und sahen eben, dass er 
im Herbst 1835 von dort nach Leipzig gegangen war. Diese 
zwei Jahre waren selir fleissige und zugleich sehr lustige in 
seinem Leben. Alles, was sich sein Vater von der Düssel- 
dorfer Stellung versprochen hatte, ging in vollem Mass in 
Ei-füllung, ja, es wurde noch übertroffen. Felix' Stellung w^ar 
eine dreifache. Erstens war er Dirigent des gesammten städti- 
schen Musikwesens, das theilweis erst im Entstehen, theilweis 
in einem chaotisch verwirrten, veralteten Zustand war. Damit 
innig zusammen hing die Leitung der Musik zu den kirchlichen 
Feierlichkeiten in der fast ganz katholischen Stadt. Gleich zu 
Anfang ereignete sich die aus den Felix'schen Briefen*) bekannte 
Geschichte mit dem früheren Leiter dieser Kirchenmusiken: 
„ Ein ganz alter, verdriesslicher Musikant mit einem schabigen 
Kock wurde vorgeladen, erschien und als sie ihm auf den Pelz 
fuhren, sagte er, er werde und woUe keine bessere Musik ma- 
chen, wollten wir es besser haben, so möchten wir es einem 
Andern geben. Er -svisse wohl, dass man jetzt \äel Ansprüche 
mache, es soUe jetzt Alles schön klingen, das sei zu seiner 
Zeit nicht gewesen und er mache es noch eben so gut wie 
damals. Da wiuxle es mir wahrhaftig schwer, ihm die Sache 
abzunehmen, \viewohl es die Andern gewiss besser machen 
werden, aber ich dachte mir so, wenn ich in fünfzig Jahren 



*) Brief an Rebeoka. 26. Oktober 1833. 



Felix ia Düsseldorf. 367 

einmal auf ein Rathliaus gernfen würde und möchte so spre- 
chen, und ein Gelbschnabel schnauzte mich an, und mein Rock 
wäre so schabig, und ich wüsste eben auch gamicht, warum 
Alles besser klingen sollte — und da wurde mir schlecht zu 

Muthe." — 

Nun musste aber erst gute Musik herbeigeschafft werden, da- 
mit die bessern Musiker auch etwas Ordentliches aufzufuhren 
hätten. So bereiste denn Felix, me er sich ausdi-ückte, ^ seine 
Domainen," d. h. er fuhr nach Elberfeld, Bonn und Köln, 
kramte alle Bibliotheken durch und kam mit einem grossen 
Schatz altitaliänischer Kirchensachen nach Düsseldorf zurück. 
Unterdess aber hatten die Düsseldorfer für den Augenblick 
allen Sinn für Msereres von Allegri und Bai und Motetten von 
Orlando Lasso und Pergolese verloren, und dachten an Nichts, 
als an den Kronprinzen von Preussen, nachherigen Friedrich 
Wilhelm IV., der durch Düsseldorf kam. Ehrenpforten, Grlocken- 
läuten, Kanonendonner und ein Diner wai'en die unvermeidli- 
chen Folgen. Aber Düsseldorf wollte auch ein Fest geben, 
und den Hauptgedanken dazu hatte Felix, in Erinnerung an 
das Musikfest vom Frühjahr vorher, angeregt: Israel in Aegypten 
mit lebenden Bildern, von Bendemann und Hübner gestellt. 
Die Chöre waren noch in frischem Andenken, die Vorbereitungen 
also verhältnissmässig einfach und wenig zeitraubend. Das 
Fest ist in dem auf der vorigen Seite erwähnten Brief ausführlich 
beschrieben. 

Demnächst ging es wieder an die ernstere Arbeit. Die 
Kirchenmusiken bekamen ein ganz anderes Ansehn. Felix 
scheint sogar sich in diese, doch wesentlich katholische Seite 
der Musik — denn er ist sich darüber ganz klar, dass eine 
wirkliche Kirchenmusik, das heisst, eine solche, die integriren- 
der Tbeil des Gottesdienstes wüi'de, im Protestantismus un- 
möglich sei — so hineingedacht zu haben, dass er einen Augen- 
blick nicht übel Lust hatte, eine Messe zu schreiben, von der 
er memt, „sie möchte werden, wie sie woUe, so würde es 
die einzige Messe sein, welche wenigstens mit fortdauernde*' 
Erinnerung an den kirchlichen Zweck geschrieben wäre." 

Neben dieser Thätigkeit nahm nun aber eine andre, 



868 Das Jahr 1835. 

wesentlich verschiedene, einen grossen Theil seine r Zeit in 
Anspruch: Das damals nach allen Seiten sprossende künst- 
lerische Interesse in Düsseldorf hatte, namentlich durch Immer- 
mann geleitet, sich auch lebhaft der Gründung eines Theaters 
zugewendet. Immermann gab sich derselben Hoffnung hin, 
die Lessing in Hamburg gehegt hatte, und deren Enttäuschung 
ihm sowohl wie jenem bittre Stunden bereiten sollte, der Hoff- 
nung, man könne ein wirklich edles, klassisches Theater aus 
sich selbst schaffen und erhalten. Der Anfang war hier wie 
dort ein vielversprechender. Aber nirgends war auch vielleicht 
ein so günstiger Boden dafür, als in dem Düsseldorf des Jahres 
1834. Die vielen künstlerischen Elemente, die jungen Maler, 
das frische Naturell des ganzen Volkes, die gute Kamerad- 
schaft, die unter Allen herrschte, die Maler für Immermann 
Decorationen anfertigend, dieser jenen ihre Feste durch Dich- 
tungen verherrlichend; und an der Spitze des Theaterunter- 
nehmens Immermann's zähe, entschlossene, despotische Natur, 
wie sie ein Dirigent eines solchen Instituts der Natur der 
Sache nach haben muss ; das Alles Hess sich gut an. In FeUx 
glaubte nun Immermann einen geeigneten Helfer bei seinem 
Werk gefunden zu haben, und Felix war auch gern 
bereit, sich mit Jenem zu verbinden, die Leitung der 
Oper zu übernehmen, wie Immermann die des Schauspiels. 
Namentlich hatten sich beide zu einer Anzahl sogenannter 
„Mustervorstellungen'' vereinigt; als erste von diesen sollte 
der Don Juan in Scene gelin. Die Düsseldorfer Opposition — 
und eine solche mangelt der menschlichen Natur gemäss auch 
dem besten Unternehmen nicht — nahm aber Anstoss an dem 
Namen „Mustervorstellungen", der als Arroganz ausgelegt 
ward, und — an dem erhöhten Eintrittspreise, und es entstand 
ein fui'chtbarer Lärm, den Felix in einem Brief an seinen 
Vater beschreibt:*) 

„Es ist doch ein lebendiges Volk in Düsseldorf! Die 
Don Juan-Geschichte hat mich bei alledem amüsirt, obwohl 
sie wild genug war imd Immermann ein heftiges Fieber vor 



*) Felix' Briefe. 28. December 1833. 



Don Juan Aufführung. 369 

Aerger bekommen hat. Da Du, liehe Mutter, Zeitungen lesen 
magst, so sollst Du im nächsten Briefe alle gedruckten Akten 
über diese Geschichte, die die ganze Stadt di-ei Tage lang 
beschäftigt hat, erhalten. — Nachdem der grand scandale an- 
gefangen hatte, der Vorhang dreimal gefallen und wieder auf- 
gezogen worden war, nachdem sie das erste Duett des zweiten 
Aktes durchgesungen hatten, ohne vor Pfeifen, Trommeln und 
Brüllen gehört worden zu sein, — nachdem sie dem Regisseur 
(Immermann) die Zeitung aufs Theater geworfen hatten, da- 
mit er sie vorlesen solle, und der darauf sehr piquirt wegge- 
gangen war, und der Vorhang zum vierten Mal liel, wollte 
ich meinen Stock hinlegen, oder ihn wahrhaftig lieber den 
Kerls an den Kopf werfen, als es wieder ruhig wurde — die 
Schreier waren heiser geworden, die ordentlichen Leute leb- 
hafter, kui'z, wir spielten den zweiten Akt unter tiefer Stille 
und vielem Applaus weiter und durch. Nachher wurden Alle 
herausgerufen — Keiner kam, und Immermann und ich kon- 
ferirten im Pulverdampf des Feuerregens zwischen den schwarzen 
Teufeln, was zu thun sei. Ich erklärte, bis das Personal und 
ich keine Satisfaction hätten, dirigirte ich die Oper nicht wie- 
der, zugleich kam eine Deputation von Mehreren aus dem 
Orchester, die wieder erklärten, wenn ich die Oper nicht diri- 
girte, würden sie nicht spielen, — nun jammerte der Schau- 
spieldirektor, der zur nächsten Vorstellung schon alle Billets 
verkauft hatte. Immermann fuhr alle um sich her an, — mit 
solcher Grazie verliessen wir Beide das Schlachtfeld. Den fol- 
genden Tag stand an den Ecken „wegen eingetretener Hin- 
demisse'' u. s. w. und wo man auf der Strasse ging, war von 
nichts die Rede als vom Skandal. Die halbe Zeitung voll An- 
zeigen darüber; der Urheber verantwortPte sich — behauptete, 
er habe trotz Alles dessen einen grossen Genuss gehabt, für 
den er mir und dem Personal dankbar sei, — nannte sich, und 
da er Regierungssekretär ist, so Hess ihn der Präsident kommen, 
rüffelte ihn schrecklich, schickte ihn dann zum Direktor, der 
ihn wieder schrecküch rüffelte — den Soldaten, die Theil ge- 
nommen hatten, ging's von ihren Chefs ebenso—, der ganze Ver- 
ein zur Beförderung der Tonkunst erliess ein Manifest, worin 

Die Familie Mendelssolin. I. ^*^ 



370 Das Jahr 1835. 

er um Wiederholung der Oper bat und auf die Störungen schalt 
— das Theatercomite zeigte an, wenn die geringste Unter- 
brechung in seinen Vorstellungen wieder stattfände, würde sich's 
sogleich auflösen, — ich liess mir die Ermächtigung vom 
Au-schuss geben, die Vorstellung zu beendigen, für den Fall, 
dass gelärmt würde; vorigen Montag hiess es allgemein, der 
Regisseui' solle ausgetrommelt werden, wegen seiner neulichen 
Piquirtheit, nun kriegte Immennann das Fieber und ich gestehe, 
dass ich mit sehr unangenehmen Gefühlen in's Orchester zum 
Anfang liinunterging, weil ich beim kleinsten Skandal die Vor- 
stellung endigen wollte. Aber gleich, wie ich an's Pult ging, 
empfingen sie mich mit vielem Applaus, riefen dann nach einem 
Tusch, der musste mir di'eimal gebracht werden unter einem 
Teufelsspektakel, dann wurde es mäuschenstill, alle einzelnen 
Nummern erhielten ihren Applaus, kurz, das Publikum war 
nun so artig, wie vorher ungeberdig. Ich wollte, Ihr hättet 
die Vorstellung gesehen; einzelne Sachen, bin ich überzeugt, 
können nicht schöner gehn, als an dem Abend; das Quartett 
z. B. und der Geist im letzten Finale, fast der ganze Leporello 
waren wirklich prächtig, und ich hatte grosse Freude daran. 
— Besonders ist mir's lieb, dass die Sänger, die, wie ich höre, 
Anfangs gegen diese Mustervorstellungen und mich persönlich 
gestimmt waren, sich jetzt für mich todtschlagen lassen und 
die Zeit gar nicht eiTs^arten wollen, bis ich wieder eine Oper 
gebe. Jetzt bin ich zum Weihnachten hier nach Bonn gefah- 
ren, mitten durch den eistreibenden Ehein und habe hier ein 
paar angenehme Tage verlebt." — 

So hatten die „Mustervorstellungen'' begonnen. Dem Don 
Juan folgte Egmont, mit der Beethoven' sehen Musik. Beson- 
ders gelungen aber war der Wasserträger. Diese Oper war 
seit langen Jahi-en vom Eepertoü'e aller Bühnen verschwunden, 
man hatte sie ganz vergessen und hielt es für eine Marotte 
des Comites, solch ein altes Ding wieder aufwärmen zu wollen. 
Da fürchteten Alle auf der Bühne, es möchte eine Wiederho- 
lung des Don Juan -Skandals geben — „das gab aber", schreibt 
Felix,*) „grade die rechte Stimmung für den ersten Akt; das 



*) Brief an seineu Vater. 28. März 1834. 



Egmont. Wasserträger. ■ 371 

Ganze ging so nervös, gespannt, zitternd diirclieinander, dass schon 
bei dem zweiten Musikstück die ganze Düsseldorfer Opposition 
in's Feuer gerieth, und klatschte und rief und weinte durcheinan- 
der. Einen bessern Wasserträger als meinen Günther habe ich nie 
gesehen — das war alles so liebenswürdig und natürlich, und ein 
bischen ordinär dabei, damit die Noblesse nicht gar zu fabel- 
haft wäre. — Er wurde ungeheuer fetirt und zwei Mal heraus- 
gerufen; das verdarb ihn für's zweitemal, wo er dann gleich 
zu viel auftrug und zu sicher schien ; aber das erste Mal hättet 
Ihr ihn sehn sollen. Das war mein vergnügtester Theater- 
abend seit langer Zeit, denn ich nahm an der Vorstellung 
Theil, wie ein Zuschauer, lachte und klatschte mit und schrie 
Bravos hinauf, dirigirte dabei munter fort, die Chöre im zwei- 
ten Akt klangen wie aus der Pistole geschossen. Im Zwischen- 
akt war die ganze Bühne voll Menschen, die sich freuten und 
den Sängern gratulirten, und sogar das Orchester klappte bis 
auf einige Placker, wo ich sie, trotz alles Ermahnens und 
Drohens wälu-end der Vorstellung nicht dazu bringen konnte, 
die Augen von der Bühne weg und auf die Noten zu 
richten.'' 

Diese Stellen wurden hauptsächlich deshalb aufgenommen, 
weil aus ihnen klar hervorgeht, woran die Harmonie zwischen 
Felix und Immermann scheitern musste. Beide sahen die Sache 
von einem gar zu verschiedenen Gesichtspunkte an; Felix 
amüsirte die Don Juan -Geschichte, über die Immermann vor 
Kränkung ein heftiges Fieber bekam. Ersterer hatte an den 
Aufführungen Freude, die Immermann als die ernsteste Sache 
von der Welt ansah. Felix schreibt an seinen Vater: „Eine 
gute Aufführung im Düsseldorfer Theater geht freilich nicht 
durch die Welt und wohl kaum über die Dussel, aber wenn 
ich selbst und alle Menschen im Hause sich recht durch und 
durch an der guten Musik erfreuen und erwärmen, so ist das 
auch was Hübsches." — Immermann war bereit, diesem Unter- 
nehmen, das Felix als etwas schliesslich doch Nebensächliches 
behandelt, seinen ganzen Lebensberuf zum Opfer zu bringen, 
und ihm all' seine Kräfte ausschliesslich zu widmen, mit einem 
Worte, Inunermann war das Düsseldorfer Theater Herzens- 

24* 



372 Das Jahr 1835. 

und Begeisterungssache, für Felix lag die Herzens- and Be- 
geisterungssache ganz wo anders, in seinen eigenen Compo- 
sitionen. 

So grosses Vergnügen er auch namentlich von der oben- 
erwähnten Wasserträgervorstellimg hatte, so war ihm doch 
schon damals vieles an dem Theaterwesen, die Schauspieler- 
geschichten, das Effektsuchen und Effektmachen, die Zeitungs- 
klatschereien, namentlich aber das Zeitraubende, das ihn ^von 
seinem eigentlichen Zweck, den eigenen Arbeiten", zu weit 
entfernte, unangenehm. Daher übernahm er auf der bald nach 
dem Wasserträger abgehaltenen Theaterkonferenz nur die obere 
Aufsicht über die musikalischen Geschäfte, Zusammensetzung 
des Orchesters, Engagement der Sänger und die monatliche 
Auffülirung einer Oper; er verzichtete auch auf das Gehalt, für 
welches nun ein zweiter Dii'igent angestellt wurde; er wollte 
beim Theater nur ganz unabhängig und nur als Freund der 
Sache stehn. Eine solche Stellung ist aber auf die Dauer nicht 
haltbar; um so weniger bei dem gewissenhaften Naturell 
Felix', der sich nicht entschliessen konnte, die Sache lässig 
zu behandeln, sie eben gehen zu lassen, sondern der, so lange 
er dabei war, mit ganzer Pflichttreue und grossem Eifer dabei 
war, bis es ihm gradezu unerträglich wurde. Dieser Zeitpunkt 
trat ein, als im Herbst des Jahres 1834 die neuen Contrakte 
imd Engagements anzufertigen und darüber zu unterhandeln 
war. Schon aus jener kleinen Geschichte mit dem Kirchen- 
musikanten haben wir gesehn, welch ein weiches, zartempfin- 
dendes Herz Felix hatte; das war nicht dazu angethan, mit 
dem vielen Gesindel, das an einem — namentlich kleinstädtischen 
— Theater hängt, sich herumzustreiten. Er hat uns die „Lei 
den eines Düsseldorfer Intendanten" in einem Brief an Eebeckt 
recht anschaulich selbst beschrieben. *) 

Das Traurigste an der Sache war, dass das Verhältniss zu 
Immermann, welches vorher ein so ausserordentlich gutes ge- 
wesen war, jetzt zuerst ein kühles, dann beinahe ein feindliches 
wurde. Freilich war der Antagonismus beider Naturen in die- 



♦) Brief vom 23. November 1834. 



Zerwürfniss mit Immermann. Paulus. 373 

sem Punkte zu gTOSs, und Immermann war durch Felix in 
seiner Lieblingssache gehemmt worden, er hielt ihn deshalb 
für einen Abtrünnigen an dem verdienstlichen Werk der Er- 
richtung der Nationalbühne. — Rechnet man aber zu den bis 
jetzt besprochenen amtlichen Obliegenheiten, zu den vielen Con- 
zerten und Aufführungen im Singverein, in der Kirche, im 
Theater, noch die ausserdem an andern Orten gegebenen Con- 
zerte (von einer solchen Rundreise in Elberfeld und Barmen 
handelt ein sehr frischer, hübscher Brief), das Musikfest 1834 
in Aachen, das er allerdings nur als Zuhörer besuchte, und dabei 
Hiller und Chopin aus Paris traf, — (man hatte ihm nahe gelegt, sich 
um die Direktion dieses Musikfestes zu bewerben, was er 
aber grundsätzlich nicht that,) und das Musikfest in Köln 1835, 
wovon schon gesprochen ist; rechnet man Alles dies, was 
sich schon in den Zeitraum von zwei Jahren zusammendrängte, 
so erscheint es wahrhaft erstaunlich, dass dies in Felixens Augen 
die Nebensachen waren, und dass ausserdem seine Thätigkeit 
als Komponist eine ausserordentliche blieb. Es fallen in diese 
Zeit das Es -dur- Rondo und das A-moll-Capriccio für's Piano- 
forte (1834), das E-dur-Capriccio nnd eine As-dur-Fuge (1835), 
viele Lieder ohne Worte und mit Worten, darunter „Auf 
Flügeln des Gesanges", ferner die Ouvertüre zur schönen 
Melusine. 

Und selbst alle diese verschiedenen und zum Theil sehr 
umfangreichen Arbeiten waren nur gewissermassen Vorstudie, 
Tun recht in Zug zu kommen, zu dem grössten Werk, das Felix 
bis dahin unternommen hatte, und dessen beinahe vollständige 
Beendigung noch in die Düsseldorfer Zeit fällt, zum Paulus. 
Zu diesem drängte und trieb ihn, den gewiss von Natur schon 
Thätigen, fortwährend sein Vater, gleich als hätte er eine 
Ahnung von der hohen Stelle sowohl, die Felix mit diesem 
W' erk unter den Komponisten einnehmen sollte, als auch davon, 
dass ihm selbst nicht mehr vergönnt sein würde, die Auffüh- 
rung zu erleben. Dies Oratorium war nun Felix' Herzens- und 
Gewissenssache, wogegen ihm alles Andre nebensächlich vor- 
kam. Wie ernst er es mit Allem, was sich darauf bezog, 
nahm, wie gründlich er mit den Predigern Bauer und Sehn- 



374 Das Jahr 1835. 

bring, seinen Jugendfreunden, den Text, die ganze Grundlage 
durchsprach, wie ihm auch hierin sein Vater in dem schönen 
Brief vom lOten März 1835 den besten Rath ertheilt, wie sich 
Felix, als nun der Paulus seiner Vollendung entgegengeht, nach 
dem Urtheil seiner Schwester Fanny sehnt, weil er von dieser 
ein wirklich kritisches, sachverständiges Urtheil erwartet, („von 
dem Kantor mit den dicken Augenbrauen'', wie er sie nennt, 
denn „dass die Düsseldorfer Freunde sehr ausser sich seien, 
wolle nicht viel beweisen") — das Alles liegt in den gedruckten 
Briefen vor. So reifte während aller jener Zerstreuungen das 
Werk stetig seiner Vollendung entgegen. Während des Be- 
suchs zum Kölner Musikfest lernten die Familienmitglieder die 
fertigen Theile kennen und waren nun allerdings ebenso auss^ 
sich vor Freude, als die Düsseldorfer Freunde. Abraham war 
ganz zufrieden, und nun erst hielt Felix dafür, dass es die 
Feuerprobe einer unpartheiischen und unbestochenen Kritik 
"bestanden habe, und sah dem allgemeinen Erfolg mit Zuver- 
sicht entgegen. Welche Freude wäre es für den Vater gewe- 
sen, wenn der Paulus schon auf dem 1835er Musikfest hätte 
aufgeführt werden können, und es ihm vergönnt gewesen wäre, 
den Triumph des Sohnes noch mit zu erleben. Die Worte, die 
Felix mit der Einladung zu dem Kölner Musikfest schrieb,*) 
auf dem garnichts von ihm aufgeführt wurde, hätten dann eine 
noch prägnantere Bedeutung gehabt: „Dass Eui-e Gegenwart 
mich nicht nur nicht hemmen, sondern im Gegentheil mir erst 
die rechte Lust und Freude am Gelingen geben wird, weisst 
du wohl. Lass mich Dir bei dieser Gelegenheit auch sagen, 
dass mir der Beifall und die Freude des Publikums, für die 
ich gewiss empfänglich bin, e^st aas rechte Vergnügen machen, 
wenn ich Euch davon schreiben kann, weü ich weiss, dass sie 
Euch freuen, und mir an einem Worte des Lobes von Euch 
wahrhaftig mehr liegt, oder dass es mich glücklicher macht, 
als alle Publikums der Welt, die zusammen klatschen, und 
dass es mir darum die liebste Belohnung für meine Arbeit ist, 
wenn ich Euch unter den Zuhörern sehen kann.'* 



*) Brief an seinen Vater. 3. April 1835. 



AnkuüpfuDgen mit Leipzig. 375 

Der Brief schliesst: „Mein Oratorium wird erst im No- 
vemlDer in Frankfurt aufgeführt werden, wie mir Schelble 
sehreibt, und so lieb es mir wäre, wenn Du es bald hörtest, 
so möchte ich doch noch lieber, Du hörtest es bei dem Musik- 
fest im nächsten Jahr zuerst. Um dies bestimmt anzunehmen, 
habe ich mir vorbehalten, die Aufführung in Frankfurt abzu- 
warten, damit ich selbst es erst höre und wisse, ob es für das Mu- 
sikfest passt; aber wenn das der Fall ist, wie ich hoffe und 
wünsche, so ^vird sich's da viel schöner ausnehmen, und dann 
ist es das Musikfest, das Du lieb hast, und Pfingsten statt 
November, und besonders werde ich dann schon wissen, ob es 
Dir gefallen wird oder nicht, worüber ich jetzt noch nicht 
sicher bin." 

Als jenes Musikfest mit dem Paulus gefeiert wurde, sah 
Felix den Vater nicht unter den Zuhörern, da hatte er den 
ersten grossen Schmerz seines Lebens schon erlitten. 

Durch alle die Theaterverhältnisse, namentlich durch den 
gespannten Fuss, auf den Felix mit Lnmermanu gekommen 
war, hatte sich allmählich das Düsseldorfer Leben weniger 
angenehm gestaltet, als zu Anfang. Ein hauptsächlicher Mangel 
war wohl das erst Werdende aller Institute ; auf das einmüthige 
Zusammenwirken freiwillig sich betheiligender Menschen, die 
im Uebrigen die verschiedensten Zwecke hatten, w^ar aller 
Erfolg basirt. Das giebt eine Zeit lang ausserordentliche Re- 
sultate, aber eben nur so lange die Einmüthigkeit und das 
Zusammenhalten dauert. Nun zeigten sich aber schon an 
manchen Stellen bedenkliche Risse; die Einigkeit, die mehr 
als in einem grossen Menschenwesen in einer kleinen Stadt 
schwierig zu erhalten ist, verschwand. Und gerade in dieser 
Zeit — es konnte kaum ein Moment gedacht werden, der Felix 
in einer günstigeren Stimmung füi' die Annahme gefunden hätte 
— kam eine Aufforderung zui' Uebernahme einer anderen 
Stellung, der Direction der Gewandhaus-Concerte in Leipzig. 
Und wie der Augenblick ein günstiger war, so war auch die 
Stelle eine solche, wie sie ihm nicht besser hätte passen können. 

Die Annehmlichkeiten waren dieselben, wie in Düsseldorf. 
Auch diese Stelle war keine staatliche, keine, die mit „Behör- 



376 Das Jahr 1836. 

den" zu thnn hatte, sondern eine freie Gesellschaft, die zusam- 
mengetreten war zu dem Zwecke, gute Musik zu machen, und 
einen Director anzustellen wünschte, der im Stande wäre, zu 
diesem Zwecke die geeignetsten Mittel zu ergreifen. Auch 
Leipzig w^ar eine mittelgrosse Stadt Deutschlands, in der das 
Lehen ein Felix sehr zusagendes war. Was in Düsseldorf die 
Malerschule that, ein geistiffes ^»-isches Element in das Treiben 
zubringen, das that in Leipzig der grosseVerkehr der Handelsstadt, 
namentlich der buchhändlerische und die Universität. Aber 
ausserdem hatte Leipzig grosse Vorzüge. Das Listitut der 
Gewandhaus-Concerte war ein altes, längst begründetes und 
seit 56 Jahren fest bestehendes. Das war wesentlich günstiger, 
als in Düsseldorf, wo Vieles noch in den Anfangstadien des 
Versuchs steckte; es hatten sich ordentliche geschäftsmässige 
Formen ausgebildet, die Wirkungskreise w^aren sicher abge- 
grenzte, von Kompetenzkonflikten, wie in Düsseldorf, konnte 
nicht gut die Rede sein ; und da Felix unter solchen unsicheren, 
tappenden Umständen gerade in Düsseldorf gelitten hatte, so 
war dies auch das Erste, was ihn in Leipzig sehr angenehm 
beruhigte. 

Auch die Erinnerung an Seb. Bach und sein Wii'ken als 
Kantor an der Thomaskirche zu Leipzig war für Felix, der 
sich so ganz in Bach versenkt, der seine Matthäuspassion 
wieder zu Ehren gebracht hatte, verlockend. 

Rechnet man zu alledem die bedeutend grössere Nähe von 
Berlin, die damals, wo noch keine Eisenbahn existirte, viel 
mehr in's Gewicht fiel, als dies jetzt der Fall sein wüi'de, so 
liegen die Vortheile der Uebersiedelung nach Leipzig auf der 
Hand. Felix kam dem die Unterhandlung Anknüpfenden auf 
die erste Anfrage bereitwillig entgegen, bat nur um Aufklärung 
einiger Punkte, unter denen der hauptsächlichste der war, ob 
er nicht einen Andern durch seine Annahme von diesem Posten 
verdrängen würde, in welchem Falle er unbedingt nicht darauf 
eingehen könnte. Alle seine Zweifel wurden jedoch zu seiner 
vollkommenen Zufriedenheit erledigt, und im Herbst 1835 trat 
er die Stelle als Kapellmeister der Gewandhaus-Concerte an. 

Bald darauf (13. November 1835) schrieb er an Fanny 



Erste Zeit in Leipzig. 377 

„ Dr. Reiter kam ganz entzückt von Eurer Auf- 
nahme hier an ; über Vater ist er in einem wahren Enthusias- 
mus. Dafür kann ich aber nicht verschweigen, dass Herr L. 
am meisten begeistert von Walter, dann von Sebastian, und 
dann erst von Deinem Klavierspiel sprach. Er sagte. Du 
solltest eine reisende Künstlerin sein. Du würdest die Andern 
todtspielen. Ich sagte: pourquoi? Denn mich fror sehr, es 
war auf der Concerttreppe gestern Abend, und er wurde 
garnicht fertig mit Erzählungen von Eurer Liebenswürdigkeit. 

A. ist hier mit M. Wenn ich sagen sollte, dass er mir 
einen guten Eindruck gemacht hätte, so müsste ich's lügen. 
Ein rechtes Bild eines spekulirenden, geizigen Musikus — also 
ein trauriges. Er ist auf kein ander Gespräch zu bringen 
als auf Geldsachen, auf Geldpläne und Geldverluste — und 
wär's noch sein eignes, aber so verdient er's mit der M., die 
er deshalb vor 5 Jahren schon adoptirt hat, und die nun von 
Kopf bis Fuss nichts als eine Musikspekulation ist. Die mag 
nun gelungen sein oder nicht, so ennuyirt's mich ; mein Inter- 
esse an ihr könnte erst anfangen, wenn sie sich mit A. um's 
Geld recht tüchtig zankte oder gar wegliefe, aber so ist's gar zu 
jämmerlich. Sie soll übrigens schön singen und achtet mich 
sehr — das hilft mir aber garnichts, wie gesagt. 

Denk' Dir, Fanny, bei Wieck's Concert neulich hörte ich 
meinem H-moll- Capriccio zum ersten Male zu (Clara spielte es, 
wie ein Teufelchen) und es hat mir sehr gut gefallen. Ich 
war eigentlich ganz verwundert darüber, denn ich hielt es für 
ein selir dummes Ding, seit Du und Marx sehr darauf ge- 
schimpft, aber es klingt wahrhaftig lustig mit dem Orchester, 
es scheint mir lange frisch für ein Concertding. Ich glaube, 
es ist hübscher, als das aus Es, Du glaubst aber das Gegen- 
theil, glaube ich." — 

Dirichlet's, die während Hensels verunglückter franzö- 
sischer Reise eine sehr vergnügte durch Belgien nach Ostende 
gemacht hatten, brachten bei ihrer am 14. October erfolgenden 
Rückkehr nach Berlin Felix und Moscheies, der zum Besuch 
in Leipzig war, auf einige Tage mit. Fanny zählte sie immer 
zu den heitersten, ungetrübt glücklichsten, die sie je erlebt. 



378 Das Jahr 1835. 

Nachts waren die Reisenden angekommen, nnd Hensels wur- 
den Morgens mit der frohen Nachricht geweckt. Nun wurde 
eine Ueberraschung für die Eltern bereitet; die ganze Gesell- 
schaft zog aus der Gartenwohnung über den Hof nach vom. 
Der Flügel wurde hinübergeschafft und es ging an's Musiciren. 
Die Nachricht verbreitete sich in der Stadt bei den Freunden, 
und die zwei Tage hindurch war das munterste, lebhafteste 
Treiben. Beide spielten wunderschön ; Abraham, der fast ganz 
blind war, verwechselte bei einem vierhändigen Stück die 
Beiden, und wunderte sich über Felixens etwas zierliches Spiel, 
sowie über Moscheies' lebhafte Natürlichkeit, und erst als sie 
aufstanden, bemerkte er seinen Irrthum. Am zweiten Abend, 
unmittelbar vor Moscheies' Abreise phantasirten sie vierhändig ; 
als die Zeit der Abfahrt da war, unterbrach Felix Moscheies 
durch das Schnellpostsignal; darauf nahm Moscheies in einem 
rührend feierlichen Andante Abschied, wurde abermals durch 
das Signal unterbrochen und nun schlössen beide zusammen. 
Abraham erzählte noch in den nächsten Wochen hiervon gern 
und gut. Am andern Morgen fuhr Felix nach Leipzig zurück 
unter dem Versprechen, Weihnachten wiederzukommen. Abra- 
ham sagte noch bei der Gelegenheit: „Das darf man ja 
menschlicher Weise hoffen zu erleben" — und Felix hatte den 
Vater zum letzten Male gesehen. 

Es folgte noch eine muntere Zeit. Der Sänger Hauser 
kam nach Berlin, den Abraham sehr gern hatte, und oft 
hörte. Fanny gab eine sehr brillante Sonntagsmusik, bei 
der ihr Vater meinte, die Sache sei so gross und hoch 
angefangen, sie könne sich nicht so halten. Am 14ten November 
war Fannys Geburtstag, der vergnügt gefeiert wurde. 

Es ist (S. 33) erwähnt worden, dass die letzten Tage Moses 
Mendelssohns durch eine litterarische Fehde, deren Gegenstand 
Lessing war, ausgefüllt wurden. Ein eigen thümlicher Zufall 
wollte es, dass auch Abraham etwas Aehnliches begegnete. 
Kurz vor seinem Tode am löten November hatte er eine 
Unterredung mit Herrn v. Varnhagen, in welcher dieser einige 
junge deutsche Schriftsteller auf Kosten von Lessing ausser- 
ordentlich hoch stellte und lobte. Es entstand daraus ein 



Letzter Brief von Abraham. 379 

heftiger Streit zwischen beiden, welcher damit endete, dass 
Varnhagen ziemlich eiTegt, und ohne versöhnenden Abschluss 
der Diskussion das Haus verliess. 

Nach Abrahams Tode fand man auf seinem Pult den nach- 
folgenden, unbeendigten Brief, dessen Original Varnhagen zu 
sich nahm, während sich in den Familienpapieren eine Abschrift 
von der Hand von Fanny Hensel befindet. 

16. November 1835. 
,,Wenn Sie, hochgeehrter Herr und Freund, erwägen, dass 
Lessing während eines grossen Theils seines Lebens der ver- 
trauteste Freund meines Vaters war, und von diesem innigst 
geliebt und wahrhaft verehrt worden, dass Lessing den Nathan, 
die Emilia Galotti, die Erziehung des Menschengeschlechts, 
den Laokoon, die Dramatiu'gie (welcher Deutschland mehr 
schuldig geworden als allen seitdem geschriebenen Theater- 
kritiken und Feuilletons zusammengenommen, nämlich die 
Kenntniss Shakespeares) geschiieben, dass er ohne Widerrede 
ein profunder Gelehrter war, dass fast aus jeder Zeile in 
seinem Werke der klarste Verstand, mit dem tiefsten Gemüth 
vereinigt, hervorgeht, so werden Sie es um so freundlicher 
entschuldigen, dass ich gestern seine Vertheidigung vielleicht 
etwas zu lebhaft gegen Sie geführt habe. Ich war überrascht, 
ich kann es nicht leugnen, Sie, den ich so oft mit der wärmsten- 
Verehi'ung von Lessing und seinen Werken, besonders vom 
Nathan, und ganz besonders von der daraus hervorleuchtenden 
Gesinnung sprechen gehört habe, nun eben diesen Mann, der 
die Wahrheit so hoch verehrte, dass er sie für Gott allein 
geeignet glaubte, und für sich nur das Streben danach, kurz, 
diese Sonne, in welcher man durch schwarzgefärbte Gläser 
wohl Flecken auffinden kann, mit Leuten zusammenstellen zu 
hören, welche bis jetzt nur Flecken gezeigt haben, hinter 
denen allerdings Niemandem versagt ist, eine Sonne zu ahnen. 
Ich hätte mir indess sagen sollen, dass nur eine augenblickliche 
Stimmung Sie zu dieser Verunglimpfung Lessings hinzureissen 
vermochte, und dass eine solche durch den Widerspruch eines 
Laien sich nur noch mehr aufgeregt fühlen musste. Mehrere 



380 Das Jahr 1835. 

jener jungen Leute stehen Ihnen persönlich näher, und es ist 
gi'ossmüthig, dass Sie das Aeusserste wagen, um sie zu retten 
nnd zu heben. Schon aus dem Gesichtspunkte der gesellschaft- 
lichen Convenienz wäre diese Betrachtung meine Pflicht ge- 
wesen." — 

Noch am 18ten war Abraham bis auf einen wenig bedeutenden 
Husten ganz wohl. Am andern Morgen wurde die Familie mit der 
Nachi'icht geweckt, er sei die Nacht unwohl geworden. Man 
glaubte an einen Schlagfluss, aber er war bei Besinnung und 
Bewusstsein. Die herbeigerufenen Aerzte fanden indessen den 
Zustand so wenig bedenklich, dass sie Felix nicht benach- 
richtigen lassen wollten, um ilm nicht unnütz zu erschrecken 
und nach Berlin zu sprengen. Das war um 10 Uhr. Der 
Kranke drehte sich um, sagte, er wolle ein wenig schlafen, doch 
eine halbe Stunde darauf war er todt. So rasch, so uner- 
wartet, so sanft und ruhig ging er hinüber, dass keins der 
um das Lager versammelten Kinder anzugeben wusste, wann 
der Tod eingetreten sei. Es war stets sein Wunsch gewesen, 
In dieser Weise zu sterben, und er war ihm gewährt. 
Und Fanny schliesst ihre Erzählung des Todes mit den 
Worten: „So schön, so unverändert ruhig war sein Gesicht, 
dass wii' nicht nur ohne Scheu, sondern mit einem wahren 
Gefühl der Erhebung bei der geliebten Leiche verweilen konnten. 
Der ganze Ausdruck so ruhig, die Stirn so rein und schön, 
die Hände so mild ; es war das Ende des Gerechten, ein schönes 
beneidenswerthes Ende und ich bitte Gott um ein gleiches und 
will mich mein ganzes Leben lang bemühen, es zu verdienen, 
wie er es verdiente. Es war das versöhnendste, schönste 
Bild des Todes." 

Die nächste Sorge der Familie war fiir die Mutter und 
für Felix. Erstere, von Natur reizbar, neigend zu einem Herz- 
leiden, und denselben Sommer ernstlich krank gewesen, war 
in einem besorgnisserregenden Zustand. Und nun Felix! — 
Wie sollte er, der ganz Unvorbereitete, der am schwärme- 
rischsten, beinahe fanatisch an dem Vater hing, die fui'chtbare 
Nachi'icht erfahren, wie sollte ihm der zerschmetternde Schlag 
gemildert werden? — Hensel war sogleich bereit, hinzufahren; 



Felix über den Tod seines Vaters. 381 

er besorgte sich schnell Pass und Wagen, und um V2 ^ Uhr 
war er unterwegs. Am Sonnabend Morgen kamen beide in 
Berlin an ; Felix in einem beängstigenden Zustand, aufs Höchste 
gespannt, wenig weinend, mit wahrer Hoffnungslosigkeit in 
die Zukunft sehend. Er war zu keiner Mittheilung, zu keinem 
herzerleichternden Thränenstrom fähig, man musste für ihn 
das Schlimmste befürchten. Und allerdings verlor er am 
meisten, wenn bei solchem Verlust, wie der des Vaters, Steige- 
rungen möglich sind ; oder vielmehr er hatte diesem unendlichen 
Verlust gegenüber kein milderndes Gegengewicht. Die andern 
Kinder besassen alle schon ihre eigene Häuslichkeit und hatten 
im Umgang mit ihren Gatten, zum Theil in der Sorge für 
ihre Kinder versöhnende, ablenkende Thätigkeiten, andere, die 
die schwere Last mit tragen halfen. Felix, der Unverhei- 
rathete, verlor im Vater das Liebste, und nichts lenkte seinen 
Blick vom Betrachten des unersetzlichen Verlustes ab. Seiner 
wartete in Leipzig seine leer^ Junggesellenstube; und alle 
seine Thätigkeit, die die Freude seines Lebens gewesen war, 
kam ihm jetzt schaal vor, denn die Hauptfreude war ja eben 
der Bezug seiner Thätigkeit auf den Vater gewesen. Er ging 
nach einigen Wochen nach Leipzig zurück. Wie es in ihm 
aussah, zeigen zwei Briefe an die Prediger Schubring und 
Bauer, bald nach der Eückkehr nach Leipzig geschrieben.*) 

„Du wirst es schon wissen, lieber Schubring, welcher 
schwere Schlag mein und aller Meinigen glückliches Leben 
getroffen hat ! Es ist das grösste Unglück, was mir widerfahren 
konnte, und eine Prüfung, die ich nun entweder bestehen oder 
daran erliegen muss. Ich sage mir dies jetzt nach drei Wochen 
ohne jenen scharfen Schmerz der ersten Tage, aber ich fühle 
es um so sicherer: es muss für mich ein neues Leben anfan- 
gen, oder alles aufhören — das alte ist nun abgeschnitten. 
Zu unserem Trost und Vorbild erträgt Mutter den Verlust so 
ruhig und standhaft, dass es zu bewundern ist; sie freut sich 
an den Kindern und Enkeln, und sucht sich so die unersetz- 
liche Lücke zu verbergen, meine Geschwister thun, was sie 



♦) Felix'scbe Briefe vom 6. udc 9. Decetnber 1835. 



382 Das Jahr 1835. 

können, um ihre Schuldigkeit desto vollkommener zu erfüllen, 
je schwerer sie ihnen wird; ich war auf 10 Tage in Berlin, 
um durch meine Gegenwart die Mutter wenigstens mit dem 
Rest der Familie vollzählig zu umgeben, aber w^elche Tage 
das waren, das brauche ich Dir nicht zu sagen ; Du weisst es 
wohl und hast gewiss meiner gedacht, in dieser dunklen Zeit ! 

Ich weiss nicht, ob Du wusstest, wie besonders 

seit einigen Jahren mein Vater gegen mich so gütig, so wie 
ein Freund war, dass meine ganze Seele an ihm hing, imd ich 
während meiner langen Abwesenheit fast keine Stunde lebte, 
ohne seiner zu gedenken, aber da Du ihn in seinem Hause 
mit uns Allen und in seiner ganzen Liebenswüi^digkeit gekannt 
hast, so wirst Du Dir denken können, wie mir jetzt zu Muthe 
ist. — Das Einzige bleibt da, die Pflicht zu thun, und dahin 
suche ich mich zu bringen, mit allen meinen Kräften; denn er 
würde es so verlangen, wenn er gegenwärtig wäre, und ich 
will nicht aufhören, so wie sonst nach seiner Zufriedenheit zu 
streben, wenn ich sie auch nicht mehr geniessen kann. — 
Das hätte ich nicht gedacht, als ich die Beantwortung Deines 
Briefes verschob, dass ich ihn so würde beantworten müssen; 
— habe auch jetzt noch Dank dafür und für alle Deine Freund- 
lichkeit. — Die eine Stelle zum Paulus war vortrefflich: „Der 
Du der rechte Vater bist." Ich habe gleich einen Chor dazu 
im Kopfe gehabt, den ich nächstens schreiben will, üeber- 
haupt mache ich mich nun mit doppeltem Eifer an die Vollen- 
dung des Paulus, da der letzte Brief des Vaters mich dazu 
trieb, und er sehr ungeduldig die Beendigung dieser Arbeit 
erwartete; mir ist's, als müsste ich nun alles anwenden, um 
den Paulus so gut als möglich zu vollenden, und mir dann 
denken, er nähme Theil daran. — Wenn es fertig ist, wie 
dann weiter, das wird Gott geben." — 

An Prediger Bauer: „Deinen guten Brief erhielt ich 
hier an dem Tage, wo bei Dir die Taufe sein sollte, als ich 
eben von Berlin zurückgekommen war, wo ich meiner Mutter 
die ersten Tage nach dem Verluste meines Vaters zu erleich- 
tem gesucht hatte. So bekam ich die Nachricht Deines Glückes, 
als ich hier wieder in meine leere Stube trat, und zum ersten 



Felix über den Tod seines Vaters. 383 

Male recht im Innersten fühlte, was es heisst, das bitterste 
schmerzlichste Unglück zu erleben. Denn der Wunsch, den 
ich mir vor Allem jeden Abend wieder gewünscht hatte, war 
der, diesen Verlust nicht zu erleben, weü ich an meinem Vater 
so ganz und gar gehangen hatte, oder vielmehr hänge, dass 
ich nicht weiss, wie ich mein Leben nun fortsetzen werde, und 
weü ich nicht bloss den Vater entbehren muss (ein Gefühl, das 
ich mir schon seit meiner Kindheit als das Herbste dachte), 
sondern auch meinen einzigen ganzen Freund während der 
letzten Jahre und meinen Lehrer in der Kunst und im Leben. 
Da war's mir eigen, als ich Deinen Brief las, der ganz 
Freude und Behaglichkeit athmet, und der mich auffordert, 
mich am neu Werdenden zu erfreuen, im Augenblick, wo ich 
meine ganze Vergangenheit als wirklich vergangen und vorbei 
fühlt«. Doch danke ich Dir dafür, dass Du mich als entfernten 
Grast bei der Taufe haben wolltest, und wenn Dir auch mein 
Name dabei einen ernsteren Eindruck machen wird, als Du 
vielleicht dachtest, so möge der Eindruck eben nur ein ernst- 
hafter, nicht ein schmerzlicher für Dich und Deine Frau sein, 
und wenn Du in späteren Jahren Deinem Kinde von denen 
erzählst, die Du zu seiner Taufe gebeten hattest, so lass mich 
nicht weg, sondern sage ihm, wie Einer davon an diesem Tage 
sein Leben auch von Neuem, aber in einer andern Bedeutung 
angefangen habe, — mit neuen Vorsätzen und Wünschen, und 
mit neuen Bitten zu Gott!" — — 



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17. 



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P» Stankiewicz' Buchdruckerei, Berlin SW., 11, Bernburgerstr. 14, 




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ML 385 .H54 1906 Bd 1 
Hensel, Sebastian, 1830- 
1898. 

Die Familie Mendelssohn 
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DATE DUE 


















































































































































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